Unsere aktuelle Ausgabe 3/2010 zum Thema »Theologie des Kanons« mit folgenden Beiträgen:
Leseprobe 1
Thomas Söding
Der Schatz in irdenen Gefässen
Der Kanon als Urkunde des Glaubens
Zum Gedenken an Erich Zenger
Nach dem Matthäusevangelium beendet Jesus seine Gleichnisrede mit einem Bildwort: «So ist jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Himmelreiches geworden ist, wie ein Hausvater, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt» (Mt 13,52). Wer keine Angst vor Allegorien hat, darf den Schriftgelehrten mit Blick auf den Evangelisten deuten, der seinen Schatz mit seinen Lesern teilt. Dann wäre der Schatz das Wort Gottes selbst; das Neue ließe sich mit den «Geheimnissen der Gottesherrschaft» verbinden, die Jesus offenbart (Mt 13,11 par. Mk 4,11), und das Alte mit den ewig aktuellen Worten der Tora und der Prophetie, die Jesus nicht aufzulösen, sondern zu erfüllen gekommen ist (Mt 5,17-20). So betrachtet, findet sich bei Matthäus, der seit der Antike die Reihe der Evangelien und des Neuen Testaments eröffnet, ein versteckter Hinweis auf den Kanon der christlichen Bibel: seine Form und Funktion als Urkunde des Glaubens.
Der Koran, das heilige Buch des Islams, ist die Sammlung der nach islamischem Glauben dem Propheten Muhammad von Gott offenbarten Mitteilungen. An mehreren Stellen sagt er deutlich, dass er eine Verbindung zur Bibel hat: Er nennt die Juden und die Christen die «Leute des Buches», d.h. die Menschen, denen die Tora und das Evangelium von Gott her zugekommen sind. Er betont an mehren Stellen, dass er offenbart worden ist zur Bestätigung dessen, was vor ihm vorhanden ist, nämlich die Tora und das Evangelium (vgl. 2,41.9.89.97.101; 4,47; 5,48; 6,92; 10,37; 12,111; 35,31). Mit den Juden, die in seiner unmittelbaren Umgebung (einige in Mekka, viele in Medina und den benachbarten Städten) wohnten, führt Muhammad im Koran sehr viele Streitgespräche. Auch mit den Christen hatte er viele Kontakte auf seinen Karawanenreisen nach Syrien und Palästina gehabt. Er kennt die christlichen Gemeinden im Norden, die christlichen arabischen Stämme an der Nordgrenze zu Syrien und zum Irak, er nennt die Christen des Jemen im Süden «die Gläubigen», die «an Gott glauben», er schickt muslimische Familien, um sie der Unterdrückung durch seine Gegner in Mekka zu entziehen, nach Abessinien und gibt ihnen als Botschaft für den Kaiser Abessiniens den ersten Teil der Sure 19 über Maria und Jesus.
Gedanken zu den Unsagbarkeiten in Judith Hermanns «Alice»
Es gibt laute und leise Bücher. Der neue Prosaband Alice der bekannten Berliner Autorin Judith Hermann ist zweifelsohne ein sehr leises Buch. Darin begegnen dem Leser fünf lose verknüpfte Erzählskizzen, die in bemerkenswert ruhigem Ton davon berichten, wie die Protagonistin Alice in ihrem Leben immer wieder einzelne Menschen, genauer: Männer verliert, die ihr auf verschiedene Weise nahe stehen. Es sind Geschichten über den Tod und Geschichten darüber, wie nach dem Tod des anderen das Leben weiter geht, die Welt sich weiter dreht. Die bedachte Stimmführung der Texte kommt dabei nicht von ungefähr: Schon seit der Debüt- Erscheinung Sommerhaus, später kann der viel beschworene Hermann-sound – eine Tonlage irgendwo zwischen unaufdringlich-verhalten und abgeklärt-gefasst – geradezu als Markenzeichen der Autorin gelten. Das neue Buch allerdings stellt ein bislang wenig angerührtes, großes Thema in den Erzählmittelpunkt, die menschliche Vergänglichkeit. Angesichts dieses Sujets scheint es geboten, das stille Wie des Textes aufs Neue ganz bewusst mit zu lesen und mit zu bedenken.