Unsere aktuelle Ausgabe 2/2012 zum Thema »Der Zeuge – Geisel der Wahrheit«
mit folgenden Beiträgen:
Editorial
Jan-Heiner Tück
DER ZEUGE – GEISEL DER WAHRHEIT
Annäherungen
«Niemand / zeugt / für den Zeugen» – heißt es am Ende von Paul Celans Gedicht Aschenglorie (GW II, 72). Der Zeuge bringt eine Wahrheit ein, die unangenehm oder gefährlich ist und deswegen in Frage oder Abrede gestellt und von keinem anderen bezeugt wird, vielleicht auch von keinem anderen bezeugt werden kann. Es gibt andere, die sein Zeugnis auslöschen oder im Gerede untergehen lassen wollen, weil sie die Wahrheit nicht ertragen oder nicht ertragen wollen. So wird die Wahrheit für den Zeugen selbst gefährlich. Abstand nehmen vom Zeugnis gibt es für Celan freilich nicht.
Durch die Ereignisse des 11. September 2001 und deren Nachwirkungen ist das Thema Religion und Gewalt, das bis dato gemeinhin eher als ein Relikt der Geschichte verstanden wurde, zu neuer trauriger Aktualität gelangt. Für den Oxforder Gelehrten Richard Dawkins ist das eigentliche Problem, das er wirkursächlich betrachtet, schnell benannt: Die Religionen lehrten die Menschen, das eigene Leben zu verachten, und könnten sie auf diese Weise dazu bringen, sich selbst zu opfern. Hat er Recht? Trifft er ins Schwarze? Der neutestamentlich reflektierte Glaube verachtet das irdische Leben nicht. Aber er verklärt es auch nicht. Er weiß um alle Widrigkeiten, die sich demjenigen in den Weg stellen können, der glaubt. Wer ihnen standhält, sie annimmt und im Glauben bewältigt, zeugt im Licht der Heiligen Schrift von einer Hoffnung, die nicht zugrunde gehen lässt (Röm 5,5).
Christian de Chergé und Pierre Claverie als Zeugen für Christus im muslimischen Algerien
1. Hinführung
«Die Fußwaschung, der geteilte Kelch und das geteilte Brot, das Kreuz … ein einziges Gebot der Liebe, ein einziges ZEUGNIS. Hier haben wir das Zeugnis Jesu, sein ‹testamentum›, auf Griechisch ‹martyrion›, das ‹Martyrium› Jesu.» Mit diesen Worten beginnt die Homilie zum Gründonnerstag, die Christian de Chergé, Prior des Trappistenklosters «Notre Dame de l’Atlas» in Tibhirine (Algerien), am 31. März 1994 hielt. Dass die liturgische Feier des österlichen Triduums den eigenen Weg vorzeichnen sollte, mussten P. Christian und die übrigen Mönche des Atlasklosters längst annehmen, spätestens seit dem bewaffneten Überfall fundamentalistischer Islamisten am Heiligen Abend 1993. Bis heute ist ungeklärt, unter welchen Umständen die Mönche von Tibhirine nach ihrer Entführung am 27. März 1996 ums Leben kamen.
Es mag müßig erscheinen, den bereits dargelegten Würdigungen von Georg Häfner und den bekannten Daten noch etwas hinzuzufügen. Die jetzige Überlegung betrifft auch nicht die Biographie, die als solche vorausgesetzt ist, auch nicht die Auslegung der 16 Briefe aus Dachau, die ebenfalls schon geschehen ist. Vielmehr geht es darum, den Begriff des Martyriums zu beleuchten und ihn an Georg Häfner, an der Gestalt des Zeugen, martyr, zu verlebendigen. Benedikt XVI. regte kürzlich an, die Theologie wieder mehr durch Philosophie zu stützen und damit in heutige Auseinandersetzungen argumentativ zurückzubringen.