Unsere aktuelle Ausgabe 2/2009 zum Thema »Paulus« mit folgenden Beiträgen:
Editorial
Thomas Söding
«Wachet auf, ruft uns die Stimme» – mit der Melodie dieses Kirchenliedes komponiert Felix Mendelssohn Bartholdy die Ouvertüre zu seinem Oratorium Paulus, uraufgeführt zu Pfingsten 1836 beim 18. Niederrheinischen Musikfest in Düsseldorf. Die Melodie geht auf Johann Sebastian Bachs Kantate für den 27. Sonntag nach Trinitatis zurück. Der Text, der vom Chor erst später, nach der Damaskusvision, gesungen wird (Nr. 16 und 17), aber von vornherein mitschwingt, bildet den heimlichen Schlüssel zu Mendelssohns Paulus. Das Lied bezieht sich auf das Gleichnis Jesu von den klugen und törichten Jungfrauen (Mt 25,1-13). Das Thema ist die eschatologische Erwartung, also der Umgang mit begrenzter Zeit, die Hoffnung auf ein Jenseits, die Wachsamkeit im Diesseits.
Hätte man den Apostel Paulus nach seiner Religion gefragt, dann hätte er sicher nicht geantwortet: «Christ», wohl auch nicht: «Jude», sondern vermutlich so, wie er es im Römerbrief tut: «Ich bin Israelit, aus der Nachkommenschaft Abrahams, vom Stamm Benjamin.» (Röm 11,1) Und hätte man wegen seiner Predigt für Jesus aus Nazaret Zweifel an dieser seiner religiösen Identität geäußert, dann hätte er wohl zornig und stolz, wie er es im Philipperbrief tut, entgegnet: Wenn sich jemand etwas auf sein Judesein einbilden wollte, dann doch wohl am ehesten ich: «beschnitten am achten Tag nach der Geburt, aus dem Volk Israel, vom Stamm Benjamin, Hebräer von Hebräern, in Bezug auf die Tora ein Pharisäer, wie man an meinem Einsatz gegen die Gemeinde (der Jesusanhänger) sehen kann, was die Gerechtigkeit nach dem Maßstab der Tora angeht makellos.
Die Frage nach dem Verhältnis Luthers zu Paulus ist so umfassend, dass jede Antwort hierauf nur verkürzend ausfallen kann – oder, positiv gewendet: Man kann einige wenige Facetten dieses Verhältnis herausgreifen und dies mit der Hoffnung verbinden, dass sie zu einem Gesamtbild vom Verständnis des Apostels in der christlichen Tradition beitragen – auch und gerade deswegen, weil Luthers Protest gegen die Kirche des Mittelalters zu guten Teilen im Namen des Paulus geschah. Es ist dabei offenkundig, dass das tradierte evangelische Selbstverständnis, durch Luther und die Reformation das genuine Verständnis des Paulus wiedergewonnen zu haben, heute neu hinterfragt werden muss: Schon der Nachweis von Werner Georg Kümmel, dass Röm 7 exegetisch anders zu verstehen sei, als Luther dies getan hat, hat innerhalb der evangelischen Theologie zu einer gewissen Verunsicherung geführt.
Auch sehr kritische Kommentare zur Aufhebung der Exkommunikation der von Lefebvre ohne päpstliche Erlaubnis geweihten Bischöfe unterstellen Benedikt XVI. nicht, er habe den Antisemitismus von Richard Williamson tolerieren oder den ebenso offensichtlichen Antijudaismus der Pius-Bruderschaft theologisch rechtfertigen wollen. Eine solche Unterstellung wäre vor dem Hintergrund aller bisherigen Äußerungen des Papstes zur Shoah und zur Geschichte des Verhältnisses von Judentum und Christentum nicht nur bösartig, sondern auch absurd. Schon lange vor seiner Erhebung zum Papst hat Joseph Ratzinger eine mittlerweile in drei Kontinenten verbreitete Gemeinschaft gefördert, die unter dem Namen «Katholische Integrierte Gemeinde» die Verwurzelung des Christentums im Judentum nicht nur erklären, sondern auch leben will.