Unsere aktuelle Ausgabe 6/2009 zum Thema »Liturgie« mit folgenden Beiträgen:
Editorial
Michael Gassmann
Gehobene Umgangsformen sind wieder in Mode. Der ungeheure Erfolg der «Manieren» des äthiopischen Prinzen Asfa-Wossen Asserate – dieser wunderbaren deutschen und europäischen Sittengeschichte – kam scheinbar überraschend zu Beginn des neuen Jahrtausends und konnte als Signal verstanden werden, dass man sich in unserem tiefsinnigen Land wieder für Äußerlichkeiten wie etwa gutes Benehmen interessiert. Mittlerweile haben Benimm-Ratgeber Konjunktur. Das «Manager-Magazin» offeriert «Knigge- Tests», und auch sonst kann man sich allerorten kundig darüber machen, wen man zuerst in fremder Runde grüßen sollte, wie man sich mit Anstand in die Sitzreihe eines Opernhauses zwängt und wo Weingläser anzufassen sind, wenn man nicht als stillos wahrgenommen werden will.
Jahrhundertelang waren die Künste in den Kirchen heimisch, entfalteten sich dort, entwickelten zahlreiche Formen der Kooperation und wurden im Lauf der Zeit ein integrierendes Element des gottesdienstlichen Geschehens. Mit der wachsenden Verbreitung des Glaubens und des Gottesdienstes entstand eine enge und intensive Kooperation von Künstlern, Liturgen, Betenden und Feiernden. Ein Zusammenspiel vieler Kunstfertigkeiten entwickelte sich, in denen das heilige Geschehen sinnlich greifbar wurde: man denke an die Handauflegung, die Waschung, den Kuss, den Duft von Öl und Weihrauch, den Geschmack von Brot, Wein und Salz, an die feierliche Bewegung, das liturgische Schreiten und Umschreiten, das Knien, Stehen, Sich-Beugen und Verbeugen, die Umgänge und Prozessionen, den feierlichen Vortrag von Texten, der bald zur Inkantillation, zum Sprechgesang und wenig später zum Kunstgesang wurde, die Predigt, die liturgische Kleidung, das Weihwasser, die Kerzen und vieles andere mehr.
Nicht weniger als 13 Mal erwähnt die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils «Sacrosanctum Concilium» die participatio actuosa, die tätige Teilnahme aller Gläubigen an der Liturgie. Dies ist bereits ein Indiz für die zentrale Bedeutung dieses Wortes für das Programm der allgemeinen liturgischen Erneuerung, die das Konzil anstoßen wollte. Wenn auch mehr als eine Generation später die Ziele und Wege, die Früchte und die Versäumnisse der Liturgiereform teilweise kontrovers diskutiert werden, so steht hinter den Auseinandersetzungen mehr oder weniger bewusst immer auch die Frage nach dem Verständnis dieses konziliaren Programmwortes.
Die unterschätzte pastorale Relevanz des Kirchengebäudes
1. Identität
Kirchengebäude sind Orte, an denen Menschen, die sonst nichts oder wenig mit der Kirche zu tun haben, dieser begegnen. Die damit verbundene Chance einer elementaren, unaufdringlichen Verkündigung wird viel zu wenig wahrgenommen. Dabei geht es um das Selbstverständnis der Kirche. In vielen Sprachen meint das Wort «Kirche» sowohl die Gemeinschaft als auch das Gotteshaus. Das Ineinsfallen der Begriffe beruht auf einem wesentlichen inneren Zusammenhang, der darin besteht, dass das Gebäude über seine Funktion für die Gemeinschaft zugleich auch Darstellung und Repräsentation der Gemeinschaft ist. Dies beginnt bereits mit der optischen Präsenz: Viele Menschen nehmen eine christliche Gemeinde zuerst über ihr Kirchengebäude wahr.