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Editorial
Michael Gassmann
Gehobene Umgangsformen sind wieder in Mode. Der ungeheure Erfolg der «Manieren» des äthiopischen Prinzen Asfa-Wossen Asserate – dieser wunderbaren deutschen und europäischen Sittengeschichte – kam scheinbar überraschend zu Beginn des neuen Jahrtausends und konnte als Signal verstanden werden, dass man sich in unserem tiefsinnigen Land wieder für Äußerlichkeiten wie etwa gutes Benehmen interessiert. Mittlerweile haben Benimm-Ratgeber Konjunktur. Das «Manager-Magazin» offeriert «Knigge- Tests», und auch sonst kann man sich allerorten kundig darüber machen, wen man zuerst in fremder Runde grüßen sollte, wie man sich mit Anstand in die Sitzreihe eines Opernhauses zwängt und wo Weingläser anzufassen sind, wenn man nicht als stillos wahrgenommen werden will. Die Etikette hat ihren Hautgout verloren, etwas lediglich Oberflächliches zu sein. Zwar wird ihre Notwendigkeit gerade in Wirtschaftskreisen vor allem mit dem geschäftsschädigenden Charakter schlechter Manieren begründet, aber in dem neuen Interesse an alten Umgangsformen scheint noch etwas anderes mitzuschwingen: das Gefühl, das Form und Inhalt – allen entgegenstehenden Polemiken zum Trotz – letztlich nicht zu trennen sind und dass Umgangsformen auch eine moralische Qualität haben, indem man durch sie seinem Gegenüber Respekt bezeugt.

Könnte es sein, dass die gegenwärtig so lebendige, weit in die Feuilletons hineinreichende Diskussion um die rechte Form der Liturgie auch etwas mit der Wiederentdeckung der guten Manieren zu tun hat? Nicht von ungefähr hat man ausgerechnet Martin Mosebach, den unermüdlichen Kämpfer gegen die Häresie der liturgischen Formlosigkeit, bezichtigt, eine gewisse Ghostwriter-Funktion beim Erfolgsbuch des Prinzen Asserate ausgeübt zu haben. Es scheint so zu sein: Mag die Liturgie der Kirche in uralter Zeit geformt worden sein, sie wird auch vom Zeitgeist angeweht. [...]
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