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Leseprobe 2
Hans Maier
Die Katholiken und die Demokratie
Wahrnehmungen demokratischer Entwicklungen im modernen Katholizismus
«Ich blicke um mich und sehe überall nur die Demokratie. Ich sehe die Sintflut steigen, immer weiter steigen, Ich würde wohl erschrecken als Mensch; ich erschrecke nicht als Christ, denn zur gleichen Zeit wie die Sintflut sehe ich auch die Arche.»

Diese Sätze stammen aus Reden, die der französische Katholikenführer Charles de Montalembert (1810-1870) im Jahr 1863 im belgischen Mecheln hielt. In ihnen spiegeln sich Furcht und Hoffnung angesichts einer Epochenwende, die viele schon damals als endgültig und unwiderruflich erkannten, in der sie aber auch Gefahren und Risiken für die Zukunft sahen. Die «neue Zeit», in der die Demokratie in allen Ländern die Macht ergreifen würde, galt als unberechenbar, als ein Schritt ins Unbekannte. Was würde sie für Staat und Kirche bringen? Verfall, Anarchie, den Niedergang der Religion, das Ende des Christentums? Oder umgekehrt die Wiedergeburt der Kirche aus jenem Geist der Freiheit, der Achtung vor der Menschenwürde, den Menschenrechten, der – wenn auch manchmal in verzerrter Form – in den modernen Revolutionen zutage getreten war?

I. Demokratie gegen Kirche

Am Anfang der Geschichte von Demokratie und Kirche in Europa steht ein historisches Paradox. Man könnte es so formulieren: Dort, wo sich die moderne Demokratie in ihrer frühesten und geschichtsmächtigsten Form entfaltet hat, nämlich in den angelsächsischen Ländern vom 18. Jahrhundert an, dort vollzieht sich dieser Vorgang ohne Berührung mit dem Katholizismus; denn dieser ist in jenen Ländern auf eine Randposition beschränkt. Umgekehrt ist dort, wo Kirche und Demokratie in der Geschichte sich berühren und zusammenstoßen, in den europäischen Zentralländern, vorab in Frankreich im 18. und 19. Jahrhundert, der Begriff der Demokratie, nicht zuletzt unter der Nachwirkung der monarchisch-absolutistischen Vergangenheit, radikalisiert und zugleich – gemessen an der angelsächsischen Tradition – pervertiert worden. Der Unterschied zeigt sich, neben anderem, vor allem in einem für das Verhältnis beider Mächte entscheidenden Punkt: Die angelsächsische Demokratie ist nicht kirchen- und glaubensfeindlich, die kontinentale, wenigstens in ihrer frühen Gestalt in der Französischen Revolution, ist es; die erste duldet neben sich andere Kräfte, Kirchen, regionale Traditionen, eine freie Gesellschaft; die zweite duldet nichts neben sich, weder Korporationen noch einen Landschafts- oder Kirchenbürger noch eine Kirche, die einen nicht vom Staat abgeleiteten Charakter als societas perfecta für sich in Anspruch nimmt. [...]
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