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Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
Lesermeinung von
Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

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Leseprobe 3
Helmuth Kiesel
GLAUBE UND LITERATUR
Beobachtungen zu ihrem gegenwärtigen Verhältnis
Zu den Aufgaben, die der ‹Communio› von ihren Gründern gestellt wurden, gehört auch die Beobachtung der sogenannten Schönen Literatur im Lichte religiöser Fragestellungen. Man erwartet freilich nicht religiöse oder glaubenskonforme Antworten, sondern betrachtet Literatur unter den Bedingungen einer säkularisierten Welt und nach Maßgabe der Autonomie der kulturellen Disziplinen als ein Medium der menschlichen Selbstreflexion, das sich von der Bindung an religiöse Vorgaben entfernt hat, um den Menschen in seiner prätendierten Autonomie und Gottesferne zu zeigen, die von der Literatur keineswegs nur als traurige Gottverlassenheit dargestellt wird, sondern auch als Erfahrung und Ermöglichung von Freiheit und Glück – ganz im Sinne der von dem emanzipierten Pfarrersohn Gottfried Benn zu Beginn der 1930er Jahre unter Berufung auf den emanzipierten Pfarrersohn Nietzsche ausgegebenen Devise: «Nihilismus ist ein Glücksgefühl.» Aber wie dem auch sei – : Die Schöne Literatur hat sich jedenfalls wie die Philosophie im Laufe der Neuzeit oder Moderne davon entfernt, eine «ancilla theologiae», eine Magd oder Vasallin der Theologie oder der Religion, zu sein. Spätestens seit der emanzipierte Pfarrersohn Friedrich Schlegel 1798 mit dem 116. ‹Athenäum-Fragment› feststellte, «dass die Willkür [oder Freiheit] des Dichters kein Gesetz über sich leide», betrachtet sich die Schöne Literatur als autonom und isonom: Sie besteht darauf, dass sie das Recht hat, die Welt mit eigenen Augen zu sehen und im eigenen Namen zu beschreiben; und sie erhebt den Anspruch, dass ihre Welterfassung und Existenzdeutung nicht weniger wert ist als die der anderen Disziplinen. Das schließt nicht aus, dass die Schöne Literatur immer wieder auf dieselben Fragen und Probleme kommt, die auch Gegenstand des religiösen Denkens sind. Ja, sie tut dies in dem Maße, dass der Literaturtheoretiker Horst-Jürgen Gerigk feststellte, dass auch alle moderne Literatur von Rang nach Anspruch und Anlage im mehrfachen Schriftsinn der Bibelexegese zu lesen sei, weil sie bei allem, was sie vordergründig behandle, auch immer die Frage nach der Eingliederung des Menschen in die Welt und in den Kosmos, in Zeit und Ewigkeit stelle. Und ähnlich hat der schweizerische Theologe Rolf Bossart in Form seiner Dissertation ein Plädoyer für die «theologische Lesbarkeit von Literatur im 20. Jahrhundert» vorgelegt, anders gesagt: für eine hermeneutisch vertretbare Lektüre profaner Texte, die nach der «Bündnisfähigkeit» der Literatur mit dem Heilsverlangen der Menschen fragt. Ein Teil der Schönen Literatur sucht, so kann man durchaus sagen, ja schreit nach einer Antwort auf die Frage nach den letzten Dingen. Zugleich aber weigert sie sich, misstrauisch gegenüber ihren eigenen Einsichten und Imaginationen, eine Antwort zu formulieren. Und mit religiös vorformulierten Antworten mag sie nicht arbeiten; dies gilt als unaufgeklärt, unmodern und – jenseits epochaler Indizierungen – als Verstoß gegen die menschlich begrenzte Ehrlichkeit, die die modernen Autoren zum Prinzip ihres Schaffens erhoben haben und die wir von der Kunst erwarten. In diesem Sinne befand Benn 1927 in seinem Essay ‹Epilog und lyrisches Ich› und bekräftigte es 1950 in den poetologischen Passagen seiner Autobiographie ‹Doppelleben›, dass Gott ein «ungünstiges» beziehungsweise «schlechtes Stilprinzip» sei, was soviel heißen mag wie: dass die Berufung auf die Religion eine schlechte Methode der Weltwahrnehmung, Weltbeschreibung und Weltdeutung sei, weil die Bezugnahme auf Gott oder welche Glaubenswahrheiten auch immer die reine menschliche Wahrheit, die die Kunst zu zeigen habe, negiere oder verfälsche: «wenn man religiös wird, erweicht der Ausdruck», schrieb Benn 1934.

Daraus erklärt sich, warum Gott oder die Rede von Gott, warum erkennbare religiöse Figurationen, liturgische Formen und Gebete in der Literatur der letzten Jahrzehnte eine solch geringe Rolle spielt und kaum mehr in einem als gläubig indizierten Sinn verwendet wird. Die letzten deutschsprachigen Autoren von internationalem Rang, bei denen sich religiöse Rede in gläubig bekennender Weise findet, sind, wenn ich recht sehe, der aus dem jüdischen zum katholischen Glauben konvertierte Alfred Döblin und Elisabeth Langgässer, die Tochter eines jüdischen Konvertiten. [...]


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