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Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Lehrstuhlvertretung Dogmatik/Dogmen-geschichte an der WWU Münster
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
Lesermeinung von
Anton SvobodaAnton Svoboda, Theologiestudent

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Leseprobe 1
Dorothea Sattler
GEBOREN, UM ZU STERBEN?
Der Lebensweg Jesu Christi und der Glaubensweg der Menschen
1. Einleitung

«Vor jeder Begegnung: Denk, was der andere für einen Weg hatte». Wer diesen weisen Rat befolgt, stimmt der heute zumeist zustimmend bedachten Einsicht zu, dass die Betrachtung der Lebensgeschichte eines Menschen einen wichtigen Zugang zum Verstehen seiner Handlungsweisen eröffnet. Die Wirklichkeit biographisch erschließen zu wollen, ist seit längerer Zeit eine geachtete Methode in den Sozial- und Kulturwissenschaften. Insbesondere im lebensgeschichtlichen Erzählen, das sich von der Aufzeichnung der Daten eines Lebenslaufs deutlich unterscheidet, geschieht eine Identitätsbestimmung im personal gelebten Kontext. Können solche Überlegungen bei der Erschließung des zweiten Teils der Glaubensbekenntnisse, im Hinblick also auf die Erschließung ihrer christologischen Aussagen, von Bedeutung sein?

Es ist oft bedacht worden, dass die meisten der Begebenheiten im Leben Jesu, von denen die biblischen Evangelien erzählen, keine Erwähnung in den beiden Glaubensbekenntnissen finden, die in der christlichen Tradition in den sakramentalen Liturgien gesprochen werden: Weder das die gesamte Christenheit verbindende Nizäno-Konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis noch das einzig im westlich-lateinischen Liturgiekreis vertraute Apostolische Glaubensbekenntnis erwähnen die Taufe Jesu durch Johannes im Jordan oder Jesu Verkündigung des bereits angebrochenen Reiches Gottes in seiner Heimat in Galiläa; sie verzichten auf den Hinweis auf seine Begegnungen und Mahlgemeinschaften mit Zöllnern und Sünderinnen; keine der Heilungserzählungen hat Aufnahme in die Glaubensbekenntnisse gefunden; auch von einer Berufung der Jünger Jesu ist im Credo nicht die Rede. Das Leben Jesu erscheint vielmehr reduziert auf seine Geburt, seinen Tod und seine Auferstehung. Allein Anfang und Ende des Geschicks Jesu finden in den Glaubensbekenntnissen Beachtung. So stellt sich die Frage: Ist für Glaubende letztlich nur bedeutsam zu bekennen, dass Jesus geboren wurde, um zu sterben?

Seit der Neuzeit ist die Erinnerung an die Lebensgeschichte Jesu mit kritischen Rückfragen an das etablierte kirchliche Christentum verbunden. Die Systematische Theologie musste lernen, die Erkenntnisse der Leben-Jesu-Forschung mit dem eigenen Denken zu verbinden. Die Frage, welche Bedeutung die exegetischen Erkenntnisse über den irdischen Jesus für die Dogmatik haben, wurde nach dem 2. Vatikanischen Konzil angesichts der methodischen Anweisungen für die Dogmatik in Lehre und Forschung aufgenommen. Nach meiner Wahrnehmung ist eine solche Übung eine bleibende Herausforderung, für deren Achtung in den modularisierten Studiengängen heute eigentlich günstigere Voraussetzungen bestehen, als in jenen Zeiten, in denen interdisziplinäre Lehrveranstaltungen noch eine Seltenheit waren.

Zu den Theologen, die bald nach dem 2. Vatikanischen Konzil für eine Neubesinnung auf den irdischen Jesus in der Dogmatik eingetreten sind, gehört – neben vielen anderen wie beispielsweise Edward Schillebeeckx – in den 70er Jahren auch Hans Küng. Jahrzehnte später war eine Auslegung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses von Küng der Anlass für die Zeitschrift «Publik Forum», ein «Credo-Projekt» zu initiieren und Menschen zu ermutigen, das ihrem persönlichen Glauben entsprechende Bekenntnis mit ihren eigenen Worten zu formulieren. Zu den zahlreichen Erkenntnissen, die sich aus einer Reflexion auf die Eigenarten der von Glaubenden heute formulierten Bekenntnisse gewinnen lassen, zählt die Wahrnehmung, dass Glaubende heute das gesamte Leben Jesu intensiv erinnern. In vielfacher Variation kommt das Vertrauen auf den Wanderprediger Jesus zum Ausdruck. Die Herkunft Jesu – seine Empfängnis und Geburt – findet weniger Aufmerksamkeit als sein Leben mit den Menschen in der Zeit seiner öffentlichen Verkündigung. Wie Jesus in seiner Lebenszeit die Beziehung zu Menschen gestaltete, mit wem er sprach und wen er heilte, das ist von vorrangiger Bedeutung in zahlreichen neuen Glaubensbekenntnissen. Ein Beispiel mag als Beleg genügen. Uwe Dittmer aus Potsdam formuliert den zweiten Teil des Credo so:

Wir vertrauen Jesus, Gottes Erwähltem,
der zum Beispiel und Vorbild geworden ist,
der Arme und Kranke, Kinder und Frauen,
Menschen ohne Zukunft und Hoffnung
in seine Gemeinschaft holte
im Namen Gottes,
der Feindschaft und Gleichgültigkeit überwand
und den Weg des Lebens suchte
nach den Weisungen Gottes.
Als er den Mächtigen unerträglich wurde,
musste er sterben den Tod am Kreuz.
Gott aber bekannte sich zu ihm
und schenkte ihm Schwestern und Brüder.

Mein Vorhaben in diesem Beitrag ist es, der Frage nachzugehen, welche Bedeutung die Tatsache hat, dass in den altkirchlichen Glaubensbekenntnissen eine Konzentration auf den Beginn und das Ende des Lebens Jesu erfolgt. Dazu ist es erforderlich, zunächst die Texte des 2. Artikels der Glaubensbekenntnisse im Vergleich miteinander zu sichten (2). Eine Beschreibung der in der theologischen Literatur heute bedachten Ansätze in der Erlösungslehre lässt auf die Eigenarten der jeweiligen Argumentationen aufmerksam werden (3). Schließlich gilt es, die Ergebnisse zu sichern (4).

2. Ein Vergleich der christologischen Aussagen in den Glaubensbekenntnissen

Das Apostolische Glaubensbekenntnis, das in seiner heutigen Textgestalt seit dem 8. Jahrhundert in den Quellen begegnet, geht in seinem Grundbestand auf ein Glaubensbekenntnis der Gemeinde der Stadt Rom zurück, das seit dem 3. Jahrhundert als Taufbekenntnis in der Liturgie seinen Ort hatte. Im westlich-lateinischen Liturgiekreis hat das Apostolicum von früher Zeit an weite Rezeption erfahren. Insbesondere im reformatorischen Christentum ist es hoch geachtet, da viele Formulierungen der biblischen Rede nahe sind. Anders als im Nizäno-Konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis fi nden sich im Apostolicum keine Aussagen über das Wesen Jesu Christi. Dagegen nehmen die Konzilsväter von Nizäa (325 n.Chr.) und Konstantinopel (381 n.Chr.) angesichts der zeitgenössischen Kontroverssituation in Fragen der Christologie im 4. Jahrhundert Formulierungen in das Glaubensbekenntnis auf, die als theologische Gegenrede insbesondere gegen die Infragestellung der Göttlichkeit Jesu Christi im Streit mit Arius zu verstehen sind. Während das Nizäno-Konstantinopolitanum mit seinem Bekenntnis, Gottes Sohn sei «aus dem Vater geboren vor aller Zeit», «eines Wesens mit dem Vater» und «gezeugt, nicht geschaffen», eine historisch provozierte Widerrede gegen Arius in das Bekenntnis einträgt, erinnert das Apostolicum in einem schlichten Bekenntnis an Jesu Empfängnis durch den Heiligen Geist, an seine Geburt von der Jungfrau Maria, an sein Leiden unter Pontius Pilatus, an Jesu Tod und Begräbnis, an seinen Hinabstieg in das Reich der Toten, an seine Auferstehung und seine Himmelfahrt sowie sein Sitzen zur Rechten Gottes in Erwartung des eschatologischen Gerichts. Das Nizäno-Konstantinopolitanum folgt nach der Klärung des Wesens des göttlichen Vaters und Sohnes ebenfalls der lebensgeschichtlichen Spur Jesu. Unmittelbar nacheinander stehen die Bekenntnisaussagen: Jesus Christus «ist Mensch geworden» und: «Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus».

Das Nizäno-Konstantinopolitanum spricht ausdrücklich an, welche Zielsetzung mit dem Bekenntnis zu Jesus Christus verbunden ist: die Einsicht, dass Gott «für uns Menschen und zu unserem Heil» handelt. In diesem Zusammenhang betont dieses Glaubensbekenntnis sowohl das wahre Gottsein des Sohnes Jesus Christus als auch sein wahres Menschsein: Der vor aller Zeit aus dem Vater geborene Gottessohn hat «Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden». Die erlösungstheologische Dramatik der Bereitschaft Gottes, in einem Menschen von seinem eigenen göttlichen Wesen verlässliche Kunde zu geben, kommt im Nizäno-Konstantinopolitanum eindrücklich zur Sprache: Während Arius den geschaffenen Logos im Sinne der neuplatonischen Lehre strikt aus der allein dem einen Gott zugänglichen Sphäre heraushält, betonen die Konzilsväter von Nizäa und Konstantinopel, dass Jesus Christus «Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott» ist. Als solcher kann er verlässliche, eschatologisch-endgültige, unaufhebbar gültige Kunde von Gott in Menschengestalt bringen. Auf seine Weise nimmt das Nizäno-Konstantinopolitanum biblische Bekenntnistraditionen auf: Paulus erinnert an einen sehr frühen Hymnus in seinem Brief an die Philipper: Jesus Christus «war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: ‹Jesus Christus ist der Herr› – zur Ehre Gottes des Vaters» (Phil 2, 6–11). Das Johannes-Evangelium beginnt mit einem Prolog, in dem es heißt: «Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. […] Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. […] Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. […] Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht» ( Joh 1, 1.9–10.14.18). In der Spur dieser frühen und späten biblischen Überlieferungen hält das Nizäno-Konstantinopolitanum an der Heilsbedeutsamkeit der Menschwerdung des Sohnes Gottes fest: Nur dann, wenn Jesus Christus wahrer Gott und wahrer Mensch ist, kann Jesus wirklich verlässliche, auf der Grundlage von Vertrautheit mit Gott beruhende, heilsame Kunde bringen.

Offen bleibt in beiden Glaubensbekenntnissen, welche Bedeutung die Lebensweise und die Sterbensweise Jesu für die Erkenntnis Gottes hat. Ist Jesus Christus, der im biblischen Zeugnis als das «Ebenbild des unsichtbaren Gottes» (Kol 1, 15) bezeichnet wird, nicht auch aufgrund seiner Lebensgeschichte als wahrer Erlöser zu erkennen?

3. Unterschiedliche theologische Ansätze und verbindende Anliegen in der Erlösungslehre


Wer betont, die Erlösung in Jesus Christus bestehe in einer neuen, für alle Zeiten gültigen Gotteskunde, wer somit der Tendenz nach gnoseologisch (Erlösung durch die von Jesus Christus ermöglichte Erkenntnis) und nicht kompensatorisch (Erlösung durch die durch den Gottmenschen erbrachte Ersatzleistung im unschuldig erlittenen Tod) argumentiert, kann nach meiner Wahrnehmung die Aufgabe leichter erfüllen, alle im Neuen Testament bezeugten Ansätze zu einer erlösungstheologischen Deutung des Christus-Geschehens miteinander zu verbinden – auch jene, die die Lebensgeschichte Jesu, von denen die Glaubensbekenntnisse nicht erzählen, in den Mittelpunkt der Betrachtung rücken.

Eines erscheint mir dabei gewiss: Entscheidend für die Antwort auf die Frage nach der soteriologischen Relevanz des Christusgeschehens ist eine theologische Auskunft über die personale Identität des Jesus von Nazareth, die in christologischen Refl exionen gegeben wird. Daher haben die altkirchlichen Bekenntnisaussagen über das Wesen Jesu Christi bleibende Bedeutung. Auf dieser Basis lässt sich dann an die Aufgabenstellung, die erlösungstheologische Relevanz des Christus-Geschehens zu bestimmen, mit unterschiedlicher Perspektive herantreten: mit Blick auf das Leben Jesu (vitaler Ansatz), in Konzentration auf Sterben, Tod und Auferstehung Jesu (staurologischer Ansatz), durch ein Nachdenken über die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus (inkarnatorischer Ansatz) oder hinsichtlich des Erweises der Wahrheit des christlichen Bekenntnisses aufgrund seiner Wirkungsgeschichte (pneumatologischer Ansatz).

Neuere soteriologische Beiträge bemühen sich darum, das Leben, das Sterben und die Auferweckung Jesu sowie die Sendung des Geistes Gottes als ein Gesamtgeschehen der heilsgeschichtlichen Offenbarung Gottes zu begreifen. Es gilt, die Weise des Sterbens Jesu im größeren Zusammenhang der Botschaft Gottes zu verstehen, die Jesus in seinem Leben als wahr bezeugt hat. Jesus ist so gestorben, wie er gelebt hat: unverbrüchlich beziehungswillig. Die entscheidende Frage beim Nachdenken über die Bedeutung des Todes Jesu ist: Wer ist es, der da stirbt? Wer ist dieser Jesus von Nazareth? Antwort auf diese Frage gibt eine Betrachtung der Wirksamkeit der Person Jesu. Menschen haben in der Begegnung mit Jesus eine Wandlung erfahren, die sich als Heilung auswirkt. Jesus lebte mit den Menschen eine Gestalt von Beziehung, in der die einzelnen zur Selbstannahme befähigt wurden. Jesus fragt die Menschen, die sich an ihn wenden, was sie von ihm möchten. Er ermutigt dazu, die eigenen Lebenswünsche anzuerkennen, die tiefe Sehnsucht in uns zu spüren und sie zu äußern – auch die Sehnsucht nach einer sensiblen Wahrnehmung der Wunden, die das Leben uns geschlagen hat. Jesus suchte nach Gemeinschaft mit denen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden. Seine besonders in den Mahlgemeinschaften erfahrene Beziehungswilligkeit vergegenwärtigt die Antwort des bleibend bundeswilligen Gottes auf die Sünde des Gemeinschaftsbruchs.

Die Weise des Lebens und die Weise des Sterbens Jesu sind tief miteinander verwandt. In der Weise, wie Jesus gelebt hat und gestorben ist, haben wir eine vorbildliche Vorstellung davon, wie Gott selbst ist: gemeinschaftstreu und bundeswillig trotz aller Anfeindung. In geschichtlich erfahrbarer Menschengestalt begegnet Gott: In Jesu Weise, in Verbundenheit zu bleiben auch mit denen, die ihn auslöschen wollen, nimmt Gottes Ja der Liebe zu denen, die das Nein der Feindschaft leben, leibhaftige Gestalt an. Gott sagt zu, dass die Geschöpfe bestehen dürfen, auch wenn sie ihm zu widerstehen trachten. Gott ist das Ja zu allem Lebendigen, und Christus Jesus hat dieses Ja gelebt bis hinein in die Negativität des Todes, der als solcher – wie jedes von Menschen einander zugefügte Leiden – nicht Hoffnung begründet, sondern Entsetzen auslöst.

Nicht Gott wünschte den Tod seines gehorsamen Gesandten, um in seinem verständlichen Zorn auf das Menschengeschlecht milde gestimmt zu werden. Menschen haben Jesus aus eigennützigen Gründen getötet. Gott begreift dieses Geschehen als Möglichkeit, in letzter Deutlichkeit, in höchster Entschiedenheit sein Wohlwollen den Geschöpfen gegenüber offenbar zu machen. Das Christusgeschehen ist Offenbarungsgeschehen: Gottes Offenbarung.

Hoffen lässt die von den Jüngerinnen und Jüngern bezeugte Erfahrung der auch am Karfreitag nicht aufgekündigten Bereitschaft Gottes, in Verbundenheit mit seiner Schöpfung zu sein. In der christlichen Erlösungslehre gilt es dem Missverständnis entgegenzuwirken, als seien wir durch die Brutalität des Todes Jesu gerettet worden. So ist es nicht. Auf der Ebene des geschichtlichen Phänomens der Todesqualen ist dieser Tod ebenso abscheulich, wie es der tausendfache Tod der Unschuldigen in diesen Tagen ist. Einen Zugang zur Rede von der erlösenden Bedeutung dieses Todes Jesu gewinnen wir nur dann, wenn in der Weise des Sterbens eine Gottesbotschaft erklingt: In diesem Sterben, das Jesus nicht gesucht, nicht gewollt, nicht angestrebt hat, sondern ertragen und anfangs auch mit Widerstand erduldet hat, leuchtet die Größe der Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes auf. Auch wir sollen nicht das Leiden und nicht den Tod suchen, sondern das Leben. Wenn es uns aber widerfährt, dass andere Menschen uns anfeinden, dann sollen wir wie Jesus geduldig sein: Als Getaufte sollen wir im Geist Jesu Christi personale Zeichen für Gottes große Versöhnungsbereitschaft sein. Es bleibt aus meiner Sicht diese schwere Wahrheit. Zuinnerst verbunden mit dem Bekenntnis zu dem sich in Christus Jesus in seiner Güte und Menschenfreundlichkeit offenbarenden Gott ist die Erfahrung, dass wahre Liebe den Einsatz des gesamten Lebens erfordert: die Bereitschaft zur Selbstpreisgabe aus Liebe aufgrund der unbedingten Zustimmung zu den Daseinsrechten der anderen Geschöpfe.

Christinnen und Christen suchen das Leiden nicht. Wir bekennen uns zu einem Gott, der uns Freude bereiteten will und uns lachen sehen möchte aus ganzem Herzen. Dieser Gott sucht auch den Einsatz unseres Lebens. Er fordert unsere Leidensbereitschaft ein, wenn allein auf diese Weise noch möglich ist, Zeugnis abzulegen von seiner Willigkeit, auch denen noch zugewandt zu bleiben, die sich ihm widersetzen. Wir teilen als Getaufte das Los Jesu Christi. Wir haben in seinem heiligen Geist Teil an seinem Lebensgeschick, wenn auch wir die Größe unserer Liebe darin erweisen, dass wir bereit sind, unser Leben verzehren zu lassen durch die Mitlebenden.

4. Ergebnisse

Die christlichen Glaubensbekenntnisse haben mit ihrer – zeitgeschichtlich bedingten – Konzentration auf die Menschwerdung, das Todesgeschick und die Auferstehung Jesu Christi einen Beitrag zu der Tatsache geleistet, dass die erlösungstheologische Bedeutung des Lebens Jesu in den Hintergrund der Betrachtung trat. Auf diese Weise ist der Soteriologie manche Anschaulichkeit und mancher alltägliche Erfahrungsbezug in der Rede von Jesu Weise, eine befreiende Beziehungsgestaltung zu leben, verloren gegangen. Zugleich leisten die geformten Bekenntnisse zeitlos Gültiges: Sie bewahren das Gut des Glaubens an die göttliche Wesenheit Jesu Christi, die angesichts seiner jungfräulichen Empfängnis als durch Gottes Geist gewirkt in Zeit und Geschichte offenbar wird. Sie bewahren auch die Erinnerung an den geschichtlichen Ort, an dem die Größe der Liebe Gottes in einem Menschengeschick in Erscheinung tritt: in der Lebenspreisgabe Jesu Christi für uns am Kreuz. So ist die Aussage einerseits stimmig: Jesus wird geboren, um zu sterben. Auf der anderen Seite ist es auch wahr, dass eine Betrachtung des Lebens Jesu Menschen heute zum Glauben an ihn hinführen kann. Jesus ist für die Glaubenden ein Beispiel, dem sie nachfolgen möchten.

Zwei Wege müssen nicht immer zu demselben Ziel führen, es kann aber so sein. Vieles spricht dafür, dass seit der neutestamentlichen Zeit mit den in den biblischen Schriften überlieferten Ansätzen bei der Antwort auf die Frage, wer Jesus Christus für uns war und ist, zwei gläubige Refl exionen gewagt wurden, die beide eine gute Begründung haben: (1) Die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus hat auf gnoseologischer Ebene soteriologische Relevanz: Erlösung geschieht durch die durch Jesus in seiner Verkündigung, seinem Leben und seinem Sterben begründete und nun für immer verlässliche Gotteserkenntnis. (2) Die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus bezeugt die Bereitschaft zur Kenosis, zur Selbsterniedrigung Gottes, der an allem partizipieren möchte, was Geschöpfe durchleiden, selbst die todbringenden Wirkungen der Sünde. Erlösend ist dann die gläubige Erwartung, genau wie der Mensch gewordene Gott Jesus Christus auch selbst aus den Fängen des Todes in der Auferweckung befreit zu werden.

Zu (1): In der frühen nachbiblischen Epoche der christologisch-soteriologischen Traditionsbildung hat die in den neutestamentlichen Schriften vorgeformte Deutung der erlösenden Wirkung des Christusgeschehens im Sinne einer neuen Gotteserkenntnis größere Zustimmung erfahren. Im Streit der Meinungen um die wahre Gotteserkenntnis erschien eine solche Position leichter zu vertreten zu sein als die Annahme, Gott habe sich als ein mitleidendes Wesen in einem Menschen geoffenbart. Die frühen Konzilsbekenntnisse sind daher stärker von dem Deszendenz-Gedanken bestimmt als vom Aszendenz-Gedanken. Es galt die theologische Einsicht abzusichern, dass Gott in Jesus Christus wahre Selbstkunde geschenkt hat.

So wie Menschen füreinander (auch und gerade als Liebende) ein Geheimnis bleiben, weil ihr Versprechen und ihre Zusage zueinander niemals der Freiheit entzogen sind, sondern immer wieder bejaht und darin erneuert werden müssen, so ist auch Gott niemals für Menschen zu haben, nicht zu besitzen. Gotteserkenntnis kann immer wieder nur neu erlebt werden. Erkenntnis und Liebe sind zwei Bewegungen, die einander bedingen: Nur zur Anerkenntnis des möglicherweise Fremden bereite Menschen erkennen wahrhaft; wahre Liebe ist nicht blind, sondern sie geschieht in Rücksicht auf den wahrgenommenen Bezugspunkt der Liebe. Die Liebe zum göttlichen Geheimnis setzt eine Einsicht in die Eigenheit des Geliebten voraus. Nach christlicher Überzeugung hat Gott in Christus Jesus sein Geheimnis kundgemacht. Gottes Bild kann sich nicht mehr in ein gegenteiliges Zerrbild verkehren. Gott ist Liebe auch zu seinen Widersachern. Sein Geheimnis ist das unverdiente Geschenk dieser Liebe – die immer wieder überraschende Neuzusage in der Bejahung auch der Sünder und Sünderinnen.

Zu (2): Was nicht angenommen ist, ist auch nicht erlöst. Dieser in altkirchlicher Zeit in Variationen wiederholte Lehrsatz, blieb in der östlichen christologisch-soteriologischen Reflexion nachhaltiger präsent. Der Gedanke kann als ein Leitmotiv des zweiten Weges der Erlösung durch die Menschwerdung Jesu Christi betrachtet werden: Durch die Teilhabe Gottes selbst am gesamten Menschengeschick verwandelt sich die sündige und vom Tod bedrohte erschaffene Existenz. Im Durchleben und Durchleiden der zeitlichen Existenz des Menschen zeichnet Gott selbst einen Weg der Erlösung vor, der durch das Leiden in das unverlierbare Leben führt. Dieses partizipatorisch denkende Konzept in der Deutung der soteriologischen Relevanz der Menschwerdung Gottes kann sich auf viele biblische Zeugnisse berufen – insbesondere auf Texte, die die Kenosis Gottes in Jesus Christus verkündigen und das Leiden und die Auferstehung Jesu als einen stellvertretenden Weg im Vorausblick auf das Geschick der gesamten Schöpfung begreifen. Durch die größere Nähe dieser Konzeption zum Gedanken des in Christus Jesus mitleidenden Gottes ist dieser Ansatz heute vielen Menschen sehr nahe.

Ich kenne keinen Text, der die erlösende Wirkung der Partizipation des ewigen Gottes am zeitlichen Geschick der Menschheit so eindrücklich macht, wie jener, den Karl Rahner in den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts als Meditation zu Weihnachten formulierte: «Wenn wir […] im Glauben, im entschlossenen nüchternen und über alles andere hinaus tapferen Glauben sagen: es ist Weihnacht, dann sagen wir: es ist in die Welt und in mein Leben ein Ereignis eingebrochen, das dies alles, was wir Welt und unser Leben nennen, verwandelt hat […] Denn der Herr ist da. Der Herr der Schöpfung und meines Lebens. Er sieht nicht mehr aus dem ewigen ‹alles in einem und auf einmal› seiner Ewigkeit bloß dem ewigen Wechsel meines verrinnenden Lebens tief unter sich zu. Der Ewige ist Zeit, der Sohn ist Mensch, die ewige Weltvernunft, die allumfassende Sinnhaftigkeit aller Wirklichkeit ist Fleisch geworden. Und dadurch ist die Zeit und das Menschliche verwandelt worden. Dadurch, dass Gott selber Mensch geworden ist. Nicht insofern, dass er aufgehört hätte, Er selbst, das ewige Wort Gottes selbst mit all seiner Herrlichkeit und unausdenkbaren Seligkeit zu sein. Aber er ist wahrhaft Mensch geworden. Und jetzt geht ihn diese Welt und ihr Schicksal selber an. Jetzt ist sie nicht nur sein Werk, sondern ein Stück von ihm selbst. Jetzt sieht er ihrem Lauf nicht mehr nur zu, jetzt ist er selber drinnen, jetzt ist ihm selbst zumute, wie es uns zumute ist, jetzt fällt auf ihn unser Los, unsere irdische Freude und unser eigener Jammer. Jetzt brauchen wir ihn nicht mehr zu suchen, in den Unendlichkeiten des Himmels, in denen sich unser Geist und unser Herz weglos verlieren, jetzt ist er selbst auch auf unserer Erde, auf der es ihm nicht besser geht als uns, auf der ihm keine Sonderregelung zu Teil wurde, sondern unser aller Los: Hunger, Feindschaft, Todesangst und ein elendes Sterben. Dass die Unendlichkeit Gottes die menschliche Enge, die Seligkeit die tödliche Trauer der Erde, das Leben den Tod annahm, das ist die unwahrscheinlichste Wahrheit. Aber sie nur – dieses finstere Licht des Glaubens – macht unsere Nächte hell, sie allein macht heilige Nächte.»

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