zur StartseiteZugang für Abonnenten
Startseite » Archiv » Ausgabe 3/2014 » Leseprobe 1
Titelcover der archivierte Ausgabe 3/2014 - klicken Sie für eine größere Ansicht
Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Lehrstuhlvertretung Dogmatik/Dogmen-geschichte an der WWU Münster
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
Lesermeinung von
Anton SvobodaAnton Svoboda, Theologiestudent

Lesen Sie hier
 
Ausgaben-Index 1972 bis heute
Chronologisch- thematische Liste aller Hefte von 1972-heute
Autoren-Index 1972 bis heute
Alphabetische Liste aller Autoren und Ihrer Artikel
<<< zur vorherigen Ausgabe zur nächsten Ausgabe >>>
Leseprobe 1
Günther Wassilowsky
«FRANCESCO – VESCOVO DI ROMA»
Über die gegenwärtige Neubelebung der ältesten Titulatur des Papstes
Manchmal bringt die im Katholizismus herrschende Regel, jede einzelne Neuerung stets innerhalb langfristiger Kontinuitätslinien einzuschreiben, ganz besonders kreative Lösungen hervor. Ein exzellentes Beispiel für einen Einfallsreichtum mit solch spezifisch katholischer Struktur kann entdecken, wer das jüngste «Annuario Pontificio» von 2013 aufschlägt. Es ist das erste «Päpstliche Jahrbuch», das im erst wenige Wochen alten Pontifikat von Papst Franziskus publiziert worden ist. Diese Art Staatshandbuch des Vatikans, das sämtliche Glieder der katholischen Hierarchie – angefangen vom Papst und den Beamten der römischen Kurie bis zu den Bischöfen und den kirchlichen Instituten in der Zentrale wie den Ortskirchen – verzeichnet, erscheint alljährlich in dieser gedruckten Form seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Inzwischen umfasst es gewöhnlich über 2000 eng bedruckte Seiten. Seit rund 150 Jahren wird es eröffnet mit einer offiziellen Papstliste. Bevor dann in hierarchischer Rangfolge Personaldaten zu sämtlichen Kardinälen, Bischöfen etc. folgen, wird der regierende Papst vorgestellt. Eineinhalb Jahrhunderte lang fanden sich die biographischen Angaben zum aktuellen Papst zusammen mit den traditionellen Papsttitulaturen auf einer einzigen Seite des «Annuario» zusammengestellt. Noch 2012 standen zwischen dem Namen «Benedetto XVI» und den persönlichen Daten des «Joseph Ratzinger» folgende Papsttitel: Bischof von Rom, Stellvertreter Jesu Christi, Nachfolger des Apostelfürsten, Höchster Pontifex der universalen Kirche, Primas von Italien, Erzbischof und Metropolit der römischen Kirchenprovinz, Souverän des Kirchenstaates und Diener der Diener Gottes. Ganz anders im ersten «Annuario» von Papst Franziskus. Hier finden sich auf der entsprechenden Seite nichts als die folgenden vier Worte: «Francesco – Vescovo di Roma». Welch erholende Augenweide in der Bleiwüste dieses «Who is Who» der Ecclesia militans mit all ihren Titeln und Ehrenzeichen! Erst wenn man schließlich weiterblättert, sieht man auf der darauf folgenden Seite die genannten herkömmlichen Papsttitulaturen. Aber zunächst einmal steht auf einem nahezu leeren Blatt Papier eben nur das schlichte: «Franziskus – Bischof von Rom». Offensichtlich soll hier die Rolle des Papstes als Bischof von Rom betont werden. Alle anderen traditionellen Titel des Papstes sind zwar nicht verschwunden, aber sie stehen auf einem anderen, einem nachgeordneten Blatt. Wer auch immer auf die originelle Idee einer derartigen Vermittlung von Diskontinuität und Kontinuität bei der Gestaltung der ersten Seiten dieses exquisiten Selbstdarstellungsmediums der katholischen Hierarchie gekommen sein mag, er dürfte auf jeden Fall große Einfühlung in ein zentrales Anliegen des Jorge Mario Bergoglio unter Beweis gestellt haben. Warum?

Seitdem der argentinische Jesuit am 13. März 2013 zum ersten Mal auf der Benediktionsloggia von Sankt Peter erschien, hat er von sich selbst stets als dem Bischof von Rom gesprochen. Gleich der erste Satz des neu gewählten Papstes nach dem legendären «Buona sera!» lautete: «Ihr wisst, es war die Aufgabe des Konklaves, Rom einen Bischof zu geben.» Und dann: «Die Diözese Rom hat nun ihren Bischof. [...] Und jetzt beginnen wir diesen Weg – Bischof und Volk –, den Weg der Kirche von Rom, die den Vorsitz in der Liebe führt gegenüber allen Kirchen; einen Weg der Brüderlichkeit, der Liebe, des gegenseitigen Vertrauens.» In dieser nicht einmal drei Minuten dauernden Ansprache fiel sechs Mal der Begriff «Vescovo», selbst Benedikt XVI. nannte Franziskus «il nostro Vescovo emerito».

Dass diese Hervorhebung des genuin bischöfl ichen Charakters des Papstamtes nicht dem Zufall oder der Spontaneität der ersten Momente geschuldet war, zeigen zahlreiche nachfolgende Äußerungen von Franziskus. Eine Predigt am 23. Mai 2013 vor der versammelten italienischen Bischofskonferenz eröffnete er zum Beispiel mit folgenden Worten: «Liebe Mitbrüder im bischöflichen Dienst! Die biblischen Lesungen, die wir gehört haben, regen uns zum Nachdenken an. Sie haben mich sehr viel nachdenken lassen. Ich habe eine Art Meditation für uns Bischöfe gehalten, zuallererst für mich selbst, der ich Bischof bin wie Ihr, und ich möchte sie mit euch teilen.»

Bei all den Rekursen auf den Bischofstitel, von denen hier noch zahlreiche weitere Beispiele aufgeführt werden könnten, scheint es Franziskus insbesondere um eines zu gehen: Er will die gemeinsame Würde und die gemeinsame Aufgabe aller Glieder des einen Bischofskollegiums hervorheben, zu dem auch der Papst aufgrund seines römischen Bischofsamtes gehört. Eine amtstheologische Vertiefung dieses Selbstverständnisses leistete Franziskus zum ersten Mal bei seiner Ansprache am Hochfest Peter und Paul, am 29. Juni 2013, bei der er auch die Pallien an die neuen Metropolitan-Erzbischöfe übergab. Seine Gedanken wurden geleitet vom Begriff des «confermare», denn die primäre Aufgabe des Bischofs von Rom wie die aller Bischöfe sei es, sich untereinander und das Volk Gottes zu «stärken» – im Glauben, in der Liebe, in der Einheit: «Nicht nur der Bischof von Rom, ihr alle, ihr neuen Erzbischöfe und Bischöfe, habt die gleiche Aufgabe, sich verzehren zu lassen für das Evangelium und allen alles zu werden; die Aufgabe, sich nicht zu schonen und aus sich herauszugehen, um dem heiligen Volk Gottes zu dienen.»

Modus und Rahmen, in dem sich für Franziskus diese gemeinsame Aufgabe aller Bischöfe zusammen mit dem Bischof von Rom vollzieht, ist idealiter die Synode. «Wir müssen auf dem Weg der Synodalität gehen», rief Franziskus am Apostelfest in der Petersbasilika seinen Mitbrüdern emphatisch zu. Damit impliziert die Hervorhebung des Bischofstitels durch den gegenwärtigen Papst letztlich eine Strukturreform des kirchlichen Leitungsamtes insgesamt. Kirchenleitung kann sich für Franziskus nur kollegial vollziehen, im Idealfall synodal, wenn sich mehrere Bischöfe zusammen mit dem Bischof von Rom zur kollektiven Meinungs- und Entscheidungsbildung versammeln. Im Interview mit Antonio Spadaro SJ wird Franziskus einräumen, dass sich dafür die viel zu statische «Methode der Synode», die in den letzten Jahrzehnten seit dem Konzil niemals eine echte Auseinandersetzung unter den Bischöfen ermöglichte, in Zukunft völlig ändern müsse. In Evangelii gaudium spricht Franziskus dann unverhohlen von der Notwendigkeit, «in einer heilsamen Dezentralisierung voranzuschreiten» (Nr. 16) und eine «Neuausrichtung des Papsttums» (Nr. 32) in Angriff zu nehmen.

Wenn Franziskus also von sich als Bischof von Rom redet, so ist dies unbezweifelbar von innerkatholischer, kirchenstruktureller Relevanz. Genauso bedeutsam dürfte die Hervorhebung dieser Papsttitulatur jedoch auch in ökumenischer Hinsicht sein. Als Benedikt XVI. im März 2006 den auf das 5. Jahrhundert zurückgehenden Papsttitel «Patriarch des Abendlandes» ablegte, der dann im «Annuario» des entsprechenden Jahres folgerichtig auch nicht mehr aufgeführt wurde, hatte dies insbesondere in der Orthodoxie zu größten Irritationen geführt. Offensichtlich hatte Rom ein Problem damit, dass der Papst einen Titel führt, der auch anderen kirchlichen Hierarchen zukommt. Mit dem Verzicht auf den Patriarchentitel 2006 ereignete sich etwas, was in der Geschichte der Papsttitulaturen seit dem Hochmittelalter (insbesondere seit dem Dekret Gregors VII. Dictatus papae von 1075) immer wieder passiert ist: Entweder wurden Titel, die einst für alle Bischöfe und zum Teil auch für Äbte, einfache Priester und Laien verwendet wurden, einfachhin abgelegt oder aber sukzessive und strikt für den Papst reserviert (so war beispielsweise der Titel «Papst», von griechisch «pápas», ursprünglich eine liebevolle Anrede für alle Äbte und Bischöfe; mit «Servus Servorum Dei» und «Pontifex Maximus» wurden bereits in vorchristlicher Zeit die Vorsteher des römischen Priesterkollegiums angesprochen; und auch alle Stellvertretertitulaturen wie «Vicarius Petri», «Vicarius Christi» oder sogar «Vicarius Dei» besaßen ursprünglich im Rahmen der allgemeinen Amtstheologie Bedeutung). Die Geschichte der Papsttitulaturen ist demnach über weite Strecken eine Geschichte der von eifersüchtigen Päpsten betriebenen Exklusivierung von Bezeichnungen, die ursprünglich vielen oder sogar allen kirchlichen Amtsträgern zugekommen sind. Mit seiner Hervorhebung des römischen Bischofstitels erscheint Franziskus im Sog der mittelalterlichen und neuzeitlichen Geschichte der Papsttitulaturen geradezu wie ein widerständiger Fels. Anstatt auf Exklusivität zu bestehen, hebt er das hervor, was er mit den Brüdern im Bischofsamt gemeinsam hat.

Die neueste Geschichte der ekklesiologischen Reflexion und die ganz frühe Geschichte (oder besser Vorgeschichte) des Papstamtes jedenfalls hat Franziskus auf seiner Seite. In der Kirchenkonstitution des II. Vatikanums wird kein anderer Papsttitel häufiger genannt als der Titel Bischof von Rom. Insgesamt 15 Mal erwähnt ihn allein das dritte Kapitel von Lumen gentium. Das hat damit zu tun, dass die Kollegialitätsidee den Dreh- und Angelpunkt der konziliaren Amtstheologie bildet. Das höchste Subjekt der Katholischen Kirche ist eben nicht der päpstliche Monarch, sondern das eine, gemeinschaftlich verfasste, universale Bischofskollegium. Zu ihm gehört auch der Papst; und zwar gerade aufgrund seiner Eigenschaft als Bischof von Rom. Freilich ist er zugleich das Haupt dieses Kollegiums. Nur mit und unter ihm vollzieht sich bischöfliche Kollegialität. Aber gerade im Titel des Bischofs von Rom kommt zum Ausdruck, dass auch der Papst Teil eines größeren Organismus ist, innerhalb dessen ihm freilich eine spezifische Funktion zukommt, aber in den er eingebunden bleibt, auch wenn er «alleine» handelt. Damit passt die Rede vom «Vescovo di Roma» zu dem Bemühen von Franziskus, das Papstamt insgesamt zu entlasten und die Erwartungen an es zurückzuschrauben. Franziskus glaubt nicht, wie er in Evangelii gaudium schreibt, «dass man vom päpstlichen Lehramt eine endgültige oder vollständige Aussage zu allen Fragen erwarten muss, welche die Kirche und die Welt betreffen. Es ist nicht angebracht, dass der Papst die örtlichen Bischöfe in der Bewertung aller Problemkreise ersetzt, die in ihren Gebieten auftauchen» (Nr. 16).

Wie gesagt, kann sich Franziskus aber auch auf die früheste Tradition seines Amtes berufen. Es ist zweifelsohne der älteste Titel des Papstes, den Franziskus gegenwärtig neu belebt. Allerdings leitete sich historisch die Dignität der Kirche Roms nicht von der Dignität ihres Bischofs ab, vielmehr war es gerade anders herum: Der sich ab dem späten 2. Jahrhundert sehr langsam und mit Umwegen herausbildende universalkirchliche Primatsanspruch des Bischofs von Rom beruhte auf einer ursprünglicheren Vorrangstellung der römischen Gemeinde insgesamt als der Gemeinde des Caput Imperii. Wenn Franziskus in seinen Begrüßungsworten als Papst den berühmten Ausdruck «Vorsitz der Liebe» aus dem Römerbrief des Ignatius von Antiochien (um 110) verwendete, dann zielte diese Bezeichnung ursprünglich bestimmt nicht auf die Bedeutung des römischen Episkopus ab, den es vor der Etablierung des Monepiskopats ohnehin nur in der Mehrzahl gab (in Rom vollzog sich der Übergang von der kollegialen zur monepiskopalen Gemeindeleitung vermutlich zwischen 170 und 190 n. Chr.). Genauso wenig war damit im 2. Jahrhundert eine juridisch-verfassungsrechtliche Stellung Roms oder seiner Amtsträger gemeint. Vielmehr dürfte Ignatius von Antiochien mit dem «Vorrang der Liebe» die caritative Tätigkeit der Hauptstadtgemeinde Roms gepriesen haben, deren wohlhabende Mitglieder im Stande waren, ärmere Ortskirchen finanziell zu unterstützen. Und zudem wird in der neueren Forschung stark angezweifelt, dass die Hochschätzung der römischen Gemeinde ursprünglich überhaupt etwas mit der Petrus- und Paulustradition oder gar dem Besitz des Grabes dieser beiden Apostel zu tun gehabt hat. Die apostolische Begründung der Vorrangstellung der römischen Gemeinde wird heute von immer mehr Forschern als eine «Erfindung» der zweiten Hälfte des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts angesehen. Bis Leo I. dann im 5. Jahrhundert in seiner «Erbschaftstheorie» einen Leitungsanspruch des Bischofs von Rom für die ganze Kirche erhob und dies damit begründete, dass der römische Bischof als Nachfolger und Stellvertreter Petri auch die Vollmachten des Apostelfürsten «erbt», war es noch ein langer und keineswegs linear verlaufender Weg. Aus historisch-genetischer Sicht jedenfalls sind alle weiteren Papsttitulaturen aus der Tatsache hervorgegangen, dass es sich bei der titulierten Person um den «Sanctissimus Episcopus Urbis Romae» handelt. Insofern wird der Historiker dem gegenwärtigen Papst bei seiner Hervorhebung des römischen Bischofstitels nicht nur kluges Gegensteuern gegen den problematischen neuzeitlichen Prozess der päpstlichen Zentralisierung, sondern auch ein gutes Gespür für die frühe kirchliche Tradition attestieren.

Zurück zur Startseite

Sie haben die Wahl ...
weitere Infos zu unseren Abonnements

NEU!

Komfortabler Online-Bereich mit Archiv-, Download- und Suchfunktion sowie komplettem Autorenregister.

Online-Ausgabe einsehen

Online-Ausgabe bestellen
Unsere Autoren
Hier erhalten Sie einen Überblick unserer Autoren.
Newsletter
Unser Newsletter informiert Sie über die Inhalte der neuesten Ausgabe.
Die internationalen Ausgaben von Communio
Internationale Ausgaben von Communio
Internationale Ausgaben von Communio finden Sie hier.
Verein der Freunde und Förderer Communio e.V.
Allgemeines zu unserem Verein
Sie wollen unserem Verein beitreten?
Vereinssatzung
Communio
Telefon: +49 (0) 711 44 06-140 · Fax: +49 (0) 711 44 06-138
Senefelderstraße 12 · D-73760 Ostfildern
Kontakt | Sitemap | AGB | Widerruf | Datenschutz | Impressum