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Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Lehrstuhlvertretung Dogmatik/Dogmen-geschichte an der WWU Münster
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
Lesermeinung von
Anton SvobodaAnton Svoboda, Theologiestudent

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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/com.2016.4.288–298
Hans Joachim Höhn
AUF DER SUCHE NACH DEM «WAHREN» ICH
Erkundungen in säkularen und religiösen Szenen
Wer eine Umfrage startet und erkunden will, was junge Menschen antreibt und worauf sie erpicht sind, kann seit 20 Jahren immer wieder hören: Eigenes Geld, eigene Wohnung, eigenes Auto – vor allem aber: ein eigenes Leben. Dass nur ein eigenes Leben ein gelungenes Leben kann, wissen aber auch die Älteren. Bis in die letzte Phase ihres Daseins wollen sie selbstbestimmt leben. Und selbst über ihren Tod wollen sie verfügen. Selbstbehauptung und Selbstverantwortung nehmen auf ihrer Werteskala die vordersten Ränge ein. Vor dem eigenen Tod ist das eigene Leben gefragt – und ebenso fraglich. Denn es ist keineswegs ausgemacht, worauf es im Leben vor dem Tod ankommt. Erst recht stellt sich eine erhebliche Verlegenheit ein, wenn es gilt, in einem eigenen Leben das Eigene zu leben. Steht dahinter die Aufforderung zur Durchsetzung eigener Interessen und Bedürfnisse inklusive der Beanspruchung einer erheblichen Bein- und Ellbogenfreiheit?

Mit der Erfassung und Sicherung der Besonderheit eines eigenen Lebens sind zahlreiche Versprechen, Versuche und Irrtümer verbunden, die im Folgenden schlaglichtartig beleuchtet werden sollen. Es geht um Einblicke in säkulare und religiöse Szenen, in denen Menschen unterwegs sind, die nach ihrem wahren Ich suchen. Aber mehr noch geht es um die Frage, welche Einsichten aus Fehlanzeigen entstehen. Denn bisweilen entdeckt der Mensch, was er nicht sucht, oder er nimmt eine Fundsache an sich, die einem anderen gehört. Und ebenso kann es sein, dass er ausgerechnet bei der Suche nach seinem wahren Ich leer ausgeht.

Eigenes Leben: Vom Haben zum Zeigen

«Hoppla, jetzt komme ich!» – Offensichtlich muss man mit einem Rempler auf sich aufmerksam machen, sich in den Vordergrund schieben und gegenüber Konkurrenten durchsetzen, will man etwas vom (eigenen) Leben haben. Die Sorge um das eigene Leben führt unverkennbar zu einem Verdrängungswettbewerb. Vom Leibe halten muss man sich die Anderen und das Fremde, wenn es um das Eigene geht. Das Eigene ist in diesen Fall der Ausdruck einer Differenz. Sich zu Eigen zu sein und etwas sein Eigen nennen, bedeutet: etwas sein und/oder haben (wollen), was die anderen nicht sind und haben.

Sein und Haben genügen jedoch nicht. Man muss es auch zeigen können. Viele Zeitgenossen laden auf der eigenen Homepage oder auf den Plattformen sozialer Netzwerke wie Facebook, Xing oder Instagram permanent Existenzbeweise hoch. Hier werden Bildergalerien und Videoarchive angelegt, welche belegen, dass die Abgebildeten etwas erlebt und vorzuweisen haben, was sich sehen lassen kann. Das Material soll zugleich Rückschlüsse auf den jeweiligen Bildgeber und (Selbst-)Darsteller möglich machen: «Seht her – das bin ich!» Hier wird Vorzeigbares aus dem eigenen Leben präsentiert und gezeigt, wie man gesehen werden möchte – meist ohne zu bedenken, wie sehr dabei gesellschaftliche Darstellungserwartungen bedient werden (wollen). Jemand sein heißt heute: sich sehen lassen können. Zumindest muss man über Ansehnliches verfügen, das die Mitmenschen in Augenschein nehmen und «liken» oder «disliken» können.

Wer die damit verbundenen Castingeffekte vermeiden will und den Inszenierungscharakter der medialen Selbstdarstellung durchschaut hat, kann die Möglichkeiten des Internets für reichlich gegensätzliche Absichten und Anliegen nutzen. Es bietet zum einen die Gelegenheit zu einer Authentizitätsshow. Wer unzählige «Selfies» von sich selbst veröffentlicht und mit ihnen Whatsapp- oder Twitternachrichten anreichert, macht sichtbar: «Das da bin wirklich ich und ich bin auch wirklich da! Was ich zeige, bin ich und ich bin, was ich zeige! Ich lasse meine ‹friends› und ‹follower› ungefiltert teilhaben an meinem Alltag. »Hier scheint sich dank medialer Unterstützung ein expressiver Narzissmus zu verbreiten: «Ich werde gesehen, also bin ich. Um zu sehen, dass ich bin, muss ich zeigen, wo ich bin.» Zum anderen eröffnet das Internet auch die Chance, sich diverse Alias-Identitäten zuzulegen und anonym oder unter Pseudonym unterwegs zu sein. Nach der Devise «Eigentlich bin ich ganz anders!» kann man online jene Seiten der eigenen Persönlichkeit zeigen oder ausleben, die man offline eher verbergen möchte. Sich mehrere Identitäten aufzubauen, ist eine erprobte Strategie, um sich das Copyright auf das eigene Leben zu sichern. Auf diesem Weg nimmt auch der Authentizitätsdruck ab, der von der Erwartung ausgeht, dass nur echt ist, was jemand von eigener Hand zustande bringt und wofür jemand mit der eigenen Person einsteht.

Der Zwang zur permanenten Übereinstimmung von Wort und Tat, Selbst und Sache lädt eben auch dazu ein, sich zu verstellen und vorzutäuschen, es verhalte sich in Wahrheit so, wie es in der medialen Wirklichkeit aussieht. Die scheinbar freiwillige Selbstverpflichtung zur Echtheitszertifizierung des Tuns und Zeigens will längst nicht jeder Zeitgenosse unterschreiben, denn dahinter wird eine neue Form der Fremdbestimmung vermutet. Das Leben, das unter diesem Zwang geführt wird, ist zwar noch ein eigenes Leben, aber es ist nicht mehr selbstbestimmt.

Selbstbestimmtes Leben – eigentliches Leben

Nur ein eigenes Leben kann in der Moderne ein gutes Leben sein. Um dieser Eigenheit willen wird es auch weithin als unangemessen empfunden, ein verallgemeinerbares Leitbild des Menschseins zu entwerfen oder Vorbilder, Ideale und Tugenden aufzulisten, denen man nacheifern soll. Um ein eigener Mensch sein zu können, will der moderne Mensch zunächst im Blick auf sich selbst (und allein) wissen: Wie bringe ich es im Leben zu etwas? Wie komme ich in diesem Leben auf meine Kosten?

Allerdings erweisen sich viele Vorschläge, wozu man es im Leben bringen könnte, noch nicht zureichend zur Bestimmung des eigenen Lebens. Auto, Geld, Wohnung wollen alle anderen ja auch. Daher erweitert die Moderne das Versprechen eigenen Lebens: «Niemand hat Dir vorzuschreiben, wie Du leben sollst. Finde selbst heraus, was zu Dir passt! Führe kein Leben aus zweiter Hand. Schreibe Dir das Drehbuch Deiner Biographie selbst. Sei in einer Person Hauptdarsteller und Regisseur Deines Lebens! Such Dir selbst aus, was für Dich wichtig und richtig ist!»

Eine solche Aufforderung wird gern gehört. Zu einem guten Leben gehören zweifellos Freiheit und Selbstbestimmung. Zum eigenen Leben gehört auch, einen eigenen Willen zu haben und nach diesem Willen das Leben zu führen. Gleichwohl führt dieser Zusammenhang von Autonomie und eigenem Leben sogleich in neue Verlegenheiten: Wie findet man heraus, was man eigentlich und selbst will? Wonach soll man sich richten, um Maßstäbe der Selbstbestimmung zu gewinnen? Nur am Wollen, d. h. man sollte nichts tun, wenn man es nicht will? Folgt daraus, dass man nur tut, was man will und weil man es will? Ist der freie Wille die alleinige Quelle von Handlungsmotiven? Woran soll ein derart eigenwilliges, selbstbewusstes und freies Subjekt sonst noch Maß nehmen bei der Umsetzung eines selbstbestimmten Lebens? Sollte sich der Wille mit der Vernunft paaren, so dass ein vernünftiges Wollen entsteht? Aber kommt man beim Aufbau und bei der Umsetzung eines eigenen Willens allein mit der Vernunft aus? Kommt der Vernunft vielleicht nur ein Mitbestimmungsrecht (oder ein Vetorecht?) im Ensemble weiterer Faktoren und Antriebskräfte menschlichen Wollens und Tuns zu? Vielleicht ist man ja nur ein halber Mensch, wenn man sich allein auf die Vernunft verlässt.

Ein Mensch hat wenig von der Selbstbestimmung seines Daseins, wenn dabei Wichtiges ausgelassen wird oder unberücksichtigt bleibt. Ganzheitlich Mensch zu sein verlangt darum, auch das im Menschen wahrzunehmen, was diesseits und jenseits von Wille und Vernunft seinen Platz hat: Ängste, Sehnsüchte, Bedürfnisse, Triebe, Stimmungen. Man wird aber gewiss kein eigener Mensch, wenn man die Bestimmung des eigenen Tuns und Lassens jeweils von Lust und Laune abhängig macht. Und ebenso wenig kann dies gelingen, wenn alles Selbstsein aufgesogen wird von Rollen und Funktionen, die dem Menschen von der Gesellschaft zugeteilt werden. Darum weist die Frage nach einem eigenen Leben, von dem bisher nur klar ist, dass es ein freies und ganzheitliches Leben sein soll, in zwei Richtungen:

Wie kann man verhindern, dass man entweder Spielball gesellschaftlicher Zwänge und Moden wird, oder an den Fäden der eigenen wechselnden Bedürfnisse und Lüste, Laster und Süchte hängt?
Wie findet man heraus, wie man eigentlich «ganzheitlich» leben kann, so dass man im eigenen Leben auch das Eigene ganz und gar zu leben vermag?

Dass das Leben in der Moderne so fremdbestimmt nicht sein kann, um darin dennoch selbstbestimmt leben zu können, ist die Überzeugung einer Vielzahl von Ratgebern zur Lebensführung, welche die Gestaltung einer Biographie wie die Steuerung eines Unternehmens verstehen. Sie bieten zahlreiche Tools zur Selbsterforschung und Selbstoptimierung an, damit eine Ich-AG die größte Rendite einfahren kann. Ebenso beliebt sind Trainingscamps mit ehemaligen Spitzen- und Extremsportlern, bei denen Techniken der Selbstüberwindung erlernt werden können. Weniger körperbetont geht es in Seminaren zur «ars vivendi» zu. Ihre Veranstalter bedienen sich aus dem Copyshop der Geistesgeschichte und lassen in ihren Workshops das «best of» antiker Weisheitslehren, neuzeitlicher Moralistik und postmoderner Lebenskunst aufl eben. Von den Ratsuchenden werden diese Fundstücke dann in therapeutisch-ästhetische Anleitungen zur Daseinserleichterung weiterverarbeitet.

Der Abstand zwischen Ich und Selbst

Viele Individuen treibt die Sorge um, wie sie entdecken können, was ihre Individualität und Originalität ausmacht und wie sich ihr faktisches Ich mit ihrem eigentlichen Ich zur Deckung bringen lässt. Hier ist guter Rat teuer. Die Lebensberatungsbranche, die professionell und profitabel arbeitet, hält jedoch auch erschwingliche Angebote parat. Manchmal wehrt sie sich mit Dumpingpreisen gegen drohende Konkurrenz. Denn mit einer eigenen Expertise und dem Versprechen der Uneigennützigkeit treten auf diesem Feld die Vertreter religiöser Selbstfindungsangebote auf. Sie haben jedoch nur dann Erfolg, wenn sie das psychologisch-pädagogische Credo des «self-empowerment» ihrer Klienten respektieren und zum Bestandteil ihrer Sinnofferten erheben. Deren Leitfragen lauten: Was steckt noch in mir? Was kann ich noch aus mir machen? Was ist mein wahres und eigentliches «Ich»? Wie kann ich den Abstand zwischen meinem faktischen Ich und meinem wahren Selbst verkürzen?

Was Kirchenvertreter oft nur moralisch verstehen, nehmen säkulare Selbsterkunder auf gänzlich andere Weise beim Wort: Umkehr. Sie drehen die Richtung religiöser Selbstvergewisserung um und begeben sich auf eine Transzendenz nach innen. Offenbarungen erwarten säkulare Transzendenzinteressenten nicht aus einer metaphysischen Außenwelt oder von einer höheren Instanz, sondern aus ihrer psychischen Innenwelt. Manche Reisende in das eigene Innere entdecken wie einst Augustinus ein unruhiges Herz, aber ziehen daraus einen anderen Schluss: «Vielleicht ist mein Herz deshalb so unruhig – weil es nicht ruht in mir!?» Ihnen geht es nicht darum, sich ins jenseitig Göttliche aufzuschwingen. Sie suchen die Selbstübereinstimmung. Mystische Exzentriker wollen sie nicht werden. Sie haben es abgesehen auf die Konzentrik von Seele, Selbst und Göttlichem. Hoch im Kurs stehen Anleitungen, in denen man lernt, sich in die Mitte dazu passender konzentrischer Kreise zu bewegen. Dabei sind als Wegbegleiter die Repräsentanten einer östlichen und westlichen Spiritualität gleichermaßen willkommen, wenn sie es nur schaffen, einen «inwendigen» Zugang zur Spiritualität des Selbstseins zu legen. Ihr Publikum hat es auf Wirkungen sakraler Objekte und Praktiken abgesehen, die sie bei entsprechender Anwendung im religiösen Subjekt hervorrufen. Sie sollen vor allem Gefühle und Stimmungen auslösen, die als heilsam, tröstend, befreiend, bewusstseinserweiternd, erhebend etc. erlebt werden können.

Eigenes Leben – eigener Glaube

Diese Inversion religiöser «Äußerlichkeiten» hat einen deutlich institutionen- und traditionskritischen Akzent. Viele spirituell Aufgeschlossene suchen nach religiösen Live-Kontakten. Sie wollen sich nicht mehr damit begnügen, auf eine Offenbarung angewiesen zu sein, von der nur Abschriften erhalten sind, über deren Deutung allein eine religiöse Behörde und deren hauptamtliches Personal autoritativ befi nden dürfen. Was diese Textdeuter selbst nur vom Hören-Sagen kennen, wollen sie aus eigenem Erleben bestätigt fi nden. Und über die existentielle Relevanz des Erlebten wollen sie selbst befinden. Daher geben sie wenig auf die Autorität religiöser Organisationen und auf die Expertise ihrer Beamten, sondern halten sich selbst für erfahrungs- und deutungskompetent. Sie setzen bei der Suche nach religiösen Gewissheiten im Dienste der Selbstvergewisserung dort an, wo sie unstrittig und unabweisbar für sich selbst Zuständigkeit reklamieren können: bei ihren Befi ndlichkeiten und Gefühlen, d. h. bei ihrer «Innerlichkeit».

Eine solche subjektzentrierte Form religiöser Unruhe mündet nicht mehr in eine milieuhafte oder vereinsförmige Zugehörigkeit. Denn hier tritt die sozialintegrative Funktion der Religion hinter ihre biographieintegrative Funktion zurück. Religion ist nicht mehr dazu da, um ein Individuum in eine Gemeinschaft einzugliedern, um sowohl dieser Gemeinschaft als auch dem Individuum ein geschichtlich-soziales Kontinuum zu gewährleisten. Vielmehr ist Religion dort gefragt, wo sie zur Sicherung biographischer Kontinuität trotz zahlreicher Brüche und Fragmente auf Seiten des Individuums beiträgt. Die Nachfrage nach religiösen Riten und Symbolen richtet sich daher auf Formen, die im Institutionellen das Individuelle akzentuieren. Dahinter steht ein Bedürfnis der Selbstaffirmation: Religion hat mit dem Wunsch zu tun, allen fragmentarischen, negativen, ambivalenten Erfahrungen zum Trotz eine konsistente Lebensdisposition nicht aufzugeben. Benötigt wird ein roter Faden, mit dem man sich in der eigenen Lebensgeschichte zurechtfinden kann.

Spirituelle Selbstmedikation

Das Interesse an religiösen Inhalten bemisst sich vor diesem Hintergrund weitgehend danach, ob und inwieweit sie Prozesse der Selbstfindung, -vergewisserung und -bestätigung in Gang setzen können. Die Leitfrage vieler Zeitgenossen ist nicht, wie sie einem Gott gerecht werden, auf dass er ihnen gnädig wird. Ihr Interesse besteht vielmehr darin, herauszufinden, was in und von einer Religion ihnen gerecht wird. Was passt zu ihnen, um jene existenziellen Leerstellen füllen zu können, die ihnen das Leben sinnlos vorkommen lassen? Wenn es stimmt, dass Religion von dem erzählt, was ihnen existenziell fehlt und was diese Leerstelle passgenau füllen kann, und wenn es ebenso zutrifft, dass religiöse Menschen auf der Suche nach dem «fehlenden Passenden» sind, dann weiß jedes Subjekt aus der Erfahrung des eigenen Lebens am besten, was ihm fehlt – und kann allein ermessen, was zu ihm passt!

Zunehmend lassen sich daher Phänomene der «spirituellen Selbstmedikation » beobachten. Man stellt sich selbst die Diagnose einer spirituellen Befindlichkeitsstörung und hält nach passenden Therapieangeboten Ausschau. Viele Zeitgenossen wenden hierbei das Versprechen der Moderne, mit ihr sei die Zeit gekommen, in der jeder Mann und jede Frau endlich ein «eigener Mensch» sein könne, auch auf ihre religiösen Angelegenheiten an. Das «forum internum» ihres eigenen Erlebens wird ihnen zum Bürgen von Authentizität und Autonomie. Es macht sie unabhängig von der spirituellen Rezeptpfl icht, auf der religiöse Institutionen beharren. Religiöse Selbstversorger finden allein heraus, was ihnen spirituell fehlt, und verordnen sich selbst das passende Remedium.

Beziehungssingles

Wie erzwungene Gemeinsamkeiten zu einer Betonung des Individuellen führen, so weckt die Individualisierung des Lebens eine neue Bereitschaft zur Interaktion. Nicht selten zeigen sich religiöse Individualisten als «gesellige Einzelgänger»: Sie möchten ein eigener Mensch sein, aber sie wollen es nicht allein sein müssen. Ihre Individualität soll bestätigt und zugleich in lockeren Formen des Dabei- und Miteinanderseins überschritten werden. Attraktiv und hilfreich sind dabei Veranstaltungen und Erlebnisse, die ein «unbestimmtes Besonderes» zum Thema haben. Dazu gehören etwa sommerliche Kulturfestivals, deren Motto etwas Besonderes, aber nichts Bestimmtes verspricht – wie z. B. das alljährliche Feuerwerksspektakel «Kölner Lichter» oder die Bonner Variante «Rhein in Flammen». Den Teilnehmern wird die Gnade zuteil, etwas Besonderes gemeinsam zu erleben, ohne Abstriche an ihrer Individualität machen zu müssen. Katalysator hierfür sind Erfahrungen des Einmaligen, Unwiederholbaren, Außergewöhnlichen, Singulären, d. h. des «Anderen» gegenüber dem Gewohnten, Üblichen, Normalen.

Am besten eignen sich hierfür Veranstaltungen mit Event-Charakter. Sie sind zum einen meist besonders «niederschwellig», was die Teilnahmebedingungen betrifft. Zum anderen stiften sie zeitlich befristete Zugehörigkeiten, aus denen keine weiteren Verpfl ichtungen erwachsen. Die Teilnahme vermittelt ein Gemeinschaftserlebnis, aber diese «Mitgliedschaft» verpfl ichtet zu nichts – weder zu einem Bekenntnis noch zu einer dauerhaften Bindung. Dieser Umstand ist attraktiv für Menschen, die auch in religiösen Angelegenheiten an etwas Außergewöhnlichem interessiert sind, das sie aber von dogmatischen und moralischen Verbindlichkeiten frei halten wollen. Wer von ihnen religiöse (Groß)Veranstaltungen besucht, will nicht primär dogmatisch belehrt oder moralisch unter Druck gesetzt werden. Es geht vielmehr um intensive ästhetische und emotionale Eindrücke, die ein außergewöhnliches Ereignis hinterlässt. Verehrt werden charismatische Persönlichkeiten, die – wie etwa der Dalai Lama – gerade wegen ihrer Reserven gegenüber jedweder Nötigung in Glaubensfragen beeindrucken. Wo spirituell eindrucksvolle Gestalten auf dogmatische Festlegungen nicht verzichten, wird von kritischen Zuhörern bereits Fremdbestimmung gewittert. Sie wollen von einem Erlebnis gefesselt werden, aber nicht von dessen Deutung, die bereits andere vorgenommen haben. Die Bestimmung von Geltungsansprüchen oder praktischen Folgen (oder deren Relativierung), die sich aus einem intensiven Erlebnis ergeben mögen, wird weder einer Institution noch einem ihrer Kritiker überlassen. Dieses Recht reklamieren die vor Ort anwesenden Individuen für sich selbst – oder sie verzichten darauf. Wer nach refl exiven Vereindeutigungen des von ihnen Erlebten fragt, erhält oft die Auskunft: «Das kann man gar nicht beschreiben. Man muss einfach dabei gewesen sein!»

Sämtliche bisher angesprochene Trends und Tendenzen, welche die Suche nach dem wahren Ich prägen, bündeln sich in einem Format religiöser Suche, das seit etlichen Jahren hoch im Kurs steht: das Pilgern. Pilger zeigen sich zwar als religiöse Individualisten, aber nicht als selbstbezogene und abweisende Eigenbrötler. Die idealen Pilger sind «Beziehungssingles»: Sie folgen ihrem eigenen Schritt und Rhythmus, aber auf einem gemeinsamen Weg. Sie wollen eine Zeit lang für sich sein, ohne aber auf Dauer allein bleiben zu müssen. Pilger kommen unterwegs einander ganz nah, geben Intimes von sich preis und wissen zugleich, dass daraus keine gegenseitigen Verbindlichkeiten erwachsen. Es gibt ein gemeinsames Ziel und eine Richtung, der alle folgen. Und dennoch ist ein jeder nur dem je eigenen Tempo und Schrittmaß unterworfen. Auf einer Route, die schon unzählige Andere vor ihm gegangen sind, ist jeder Pilger nicht der erste und nicht der letzte, auch wenn er im Augenblick auf sich gestellt ist. Er findet auf Zeit Gemeinschaft in den Herbergen und Zufallsbekanntschaften unterwegs.

Auf eigenen Füßen

Pilgern liegt einerseits im Trend der Individualisierung und setzt andererseits seine eigenen «kommunitären» Momente dagegen. Es handelt sich um eine «do-it-yourself»-Religiosität, die zwar alle Formen eines institutionellen Zugriffs auf das individuelle Tun meidet, aber dennoch gelegentlich nach institutionellen Haltegriffen Ausschau hält – zumindest dann, wenn es um die Ausstellung von Pilgerpass und die Aushändigung der Pilgerurkunde geht. Pilger möchten in ihrer Individualität bestärkt werden, durchbrechen aber immer wieder die Phasen der Vereinzelung und geben religiöse Kontaktanzeigen auf.

Wo derart Individuum und Institution zusammenkommen, darf dennoch eine dritte Größe nie fehlen: die Freiheit des Denkens und Glaubens. Viele «Umkehrwillige» aus einer biographisch bedingten Religionsferne wollen in religiösen Kontexten weder Bekenntniszwängen unterworfen noch lehramtlich überwacht oder moralisch bevormundet werden, sondern auch in religiösen Angelegenheit möglichst rasch auf eigenen Füßen stehen. Sie möchten sich in ihrer Religion frei bewegen können. Wenn sie mit anderen zusammenkommen – dann ohne Gängelei und unter einem freien Himmel! Eine solche Konstellation bietet ebenfalls das Pilgern. Pilgern kann man nur im Freien, unter freiem Himmel. Pilgern stellt zwar auch besondere Ansprüche – nicht zuletzt in mentaler und physischer Hinsicht. Wer sich auf den Weg macht, muss dafür sorgen, dass er entsprechend in Form ist und bleibt. Wer pilgert, muss sich von allem trennen, was schwer oder belastend ist und Schwerfälligkeit hervorruft. Den richtigen Kurs kann man nur im Gehen halten. Dem Erhalt der Mobilität ist daher ebenso viel Beachtung zu schenken wie der Suche nach dem richtigen Weg. Aber diese Ansprüche der Beweglichkeit und Ausdauer, der Beharrlichkeit und Zielstrebigkeit sind abseits von Dogma und Moral angesiedelt und setzen andere Maßstäbe.

Beim Pilgern wird nicht (nur) über religiöse Ansichten gesprochen oder eine religiöse Einsicht besprochen, sondern die dazu gehörenden Erfahrungen werden buchstäblich in Gang gesetzt. Und es bleibt dem Pilger genügend Zeit, sich darüber eigene Gedanken zu machen. Diese Gedanken mögen am Ende den intellektuellen Extrakt einer Einsicht und Erfahrung bilden, die den Menschen auf die Spur Gottes gebracht hat. Beim Pilgern aber wird diese Spur selbst gezogen. In dieser Spur wird der Mensch bewegt von dem, was nur erspürt werden kann und nur im Spüren wirklich und wahr wird. Das Pilgern öffnet einen Zugang zur Anwesenheit dessen, das eine Spur durch die Sinne und Gefühle des Menschen zieht.

Stand im Beständigen finden

Für viele Zeitgenossen ist Religion «konstitutionell konservativ», d. h. sie ist nicht durch die Wegmetapher zu charakterisieren, sondern steht für das Bleibende, worin man eine «Bleibe» findet in einer Gesellschaft, die ansonsten einem Beschleunigungs- und Innovationsdiktat untersteht. Nicht Beweglichkeit, sondern Beständigkeit markiert den Grundzug dieser Spiritualität. In einer Zeit, die von permanenten Veränderungen geprägt ist, sind Orte und Zugehörigkeiten gefragt, die sich durch Stabilität, Vertrautheit und Verlässlichkeit auszeichnen. Man orientiert sich an besseren alten Zeiten. Denn man weiß, dass eine Liaison mit dem Zeitgeist keine große Zukunft hat. Jede Anpassung an einen Trend ist so kurzlebig wie der Trend selbst.

Hoch im Kurs stehen Traditionen, die vormodernen (besser noch: archaischen) Ursprungs sind; in ihnen steckt das Versprechen der Authentizität, des Unverfälschten, Wahren, Reinen. Gepfl egt wird daher die Treue zum Ursprung und zu jenen Personen, die sich selbst diese Treue bewahrt haben. Wer über sich hinauswachsen möchte, dem wird geraten, zuerst möglichst tiefe Wurzeln zu bilden. Wahrheit im existenziellen und religiösen Sinn verbürgt das geschichtlich Bewährte. Von ihnen bezieht man das Regelwerk der Lebensführung. Gehandelt wird nach der Devise: «Halte bestimmte Regeln und Du wirst sehen, wie sie Dir Halt geben!»

Allerdings kommt diese Treue zum Ursprung und zu haltgebenden Regeln nicht unmittelbar religiösen Institutionen zu gute. Selbst dort, wo eine dogmatische oder rituelle Re-Codierung religiöser Lebensführung gesucht wird, dient sie meist einer subjektzentrierten Identitätsstabilisierung. Wen es in traditionalistische religiöse Zirkel verschlägt, erwartet für sich selbst eine Identitäts- und Sinnvergewisserung – und nur um dieses Effektes willen ist er an der Stabilität traditionalistischer Kreise interessiert.

Risiken der Ego-Mystik

Die Suche nach dem wahren Selbst, das sich vom faktischen Ich unterscheidet, verläuft nicht ohne Risiko. Man kann sich auf den Wegen in die Tiefe der eigenen Persönlichkeit auch verlaufen und verirren. Wer als «Psychonaut » sein inneres Ausland entdecken will, wird nicht nur ungehobene Schätze entdecken, sondern auch auf das Endlager seines psychischen Unrats stoßen. Wie der Selbstüberstieg ins Erhabene nur zu oft im metaphysischen Niemandsland endet, so kann man beim Eintauchen in die eigene Innenwelt auch leer ausgehen. Beim Auftauchen muss sich mancher eingestehen: «Da war gar nichts. Vielleicht finde ich mich eher dort, wo ich von der Vorstellung loskomme, ich müsste nur zu mir kommen, um ganz bei mir zu sein.» Das Daseinsparadox, das eigentlich zu bewältigen ist, besteht darin, dass jeder Mensch für sich zwar ein eigener Mensch ist, aber um «ganz Mensch zu sein, mit mehr etwas anfangen muss als nur mit sich selbst. Eine Ego-Mystik erspart zwar die mühsame Auseinandersetzung mit den und dem Anderen. Aber sie führt auch dazu, dass einem Menschen die bereichernde Begegnung mit dem Anderen in sich selbst und mit sich selbst im Anderen vorenthalten bleibt.

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