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Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
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JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/com.2017.1.33–40
Jean-Luc Marion
REALISIEREN WIR DIE REALPRÄSENZ?
Vom Sinn der eucharistischen Anbetung
Was meint die wirkliche Gegenwart (Realpräsenz) Christi in der Eucharistie, und was hat die eucharistische Anbetung damit zu tun? In den Auseinandersetzungen über die eucharistische Gegenwart und über den Ort der Eucharistie in der Liturgie und im Leben der Christen – Auseinandersetzungen, die heute weitgehend der Vergangenheit angehören – wurde öfters darauf hingewiesen, wie gefährlich es wäre, die Eucharistie unabhängig von der liturgischen Feier und von der feiernden Gemeinde zu betrachten. Das könnte dazu führen, die eucharistischen Gestalten zu einem heiligen «Ding», oder gar zu einer Art Idol zu machen. In der eucharistischen Anbetung liegt diese Gefahr besonders nahe; denn dort wird die konsekrierte Hostie unabhängig von der Messfeier für eine sozusagen zeitlose Verehrung «ausgesetzt».

Die hier angedeutete Gefahr wurde schon vor bald zweihundert Jahren vom Lutheraner Hegel in seinen Berliner Vorlesungen den Katholiken zum Vorwurf gemacht. Für ihn besteht der Nachteil des Katholizismus gegenüber den Protestanten darin, dass die Katholiken die Gegenwart Christi in einem toten «Ding» und nicht in der lebendigen Gemeinde suchen. Dieses «äußerliche Ding», das angebetet wird, bedinge – wie Hegel folgerichtig sagt – auch alle anderen «Äußerlichkeiten», die er für den Katholizismus kennzeichnend hält. Den Katholiken gehe damit das Wesentliche verloren, die wahre Einwohnung des Geistes Christi in der Gemeinde, die letzte und höchste Form der Menschwerdung Gottes. Anders gewendet: Die katholische Realpräsenz bedeutet für Hegel zwar wirkliche Gegenwart, aber in einem materiellen «Ding», weshalb sie kein menschliches Gegenwärtigsein sei. Wie ist dieser Einwurf zu verstehen und was kann man auf ihn erwidern?

Wir müssen uns stets vor Augen halten, dass das eucharistische Opfer und die damit gegebene Gegenwart Christi mit Leib und Blut, keineswegs selbstverständlich ist. Es wäre Leichtsinn, Unvernunft, ja eine gewisse Selbstgefälligkeit, wenn eine christliche Gemeinde meinte, ebenerdig zum Mysterium Zugang zu haben, weil es ja von ihr abhänge, ob sie Eucharistie feiern oder eucharistische Anbetung halten wolle. Man meint, darüber verfügen zu können, wenn man nur den Willen dazu hat. Wo die Schrift das Geheimnis der Eucharistie offenbart, sagt sie etwas ganz anderes.

Wir brauchen nur auf das zu achten, was mit den Berichten über die Einsetzung der Eucharistie immer verbunden ist. Im Matthäusevangelium, Kapitel 26, folgt auf die Ankündigung des Verrats durch Judas unmittelbar der Einsetzungsbericht, wie wenn zwischen den beiden ein Zusammenhang bestände. Wenn das nur bei Matthäus so wäre, müssten wir es als eine Eigenheit seines Evangeliums betrachten. Doch das Gegenteil ist der Fall. Was die Synoptiker betrifft, berichtet Markus (14, 17) die Ankündigung des Verrats durch Judas und kurz darauf (14, 22) die Einsetzung der Eucharistie. Noch sinnträchtiger ist die Anordnung bei Lukas; dort verknüpft das Kapitel 22 die beiden Ereignisse in umgekehrter Reihenfolge miteinander: zuerst die Einsetzung der Eucharistie, dann der Verrat durch Judas. Das ist nicht zufällig so, weil unmittelbar auf den Judasverrat das Streitgespräch unter den Jüngern folgt, wer von ihnen der Größte sei. Darauf folgt die Ankündigung Jesu von seinem Sterben und das Petrusbekenntnis, er sei bereit, mit ihm ins Gefängnis und in den Tod zu gehen, worauf Christus ihm seinen dreifachen Verrat voraussagt.

Noch erstaunlicher und deutlicher zeigt sich das Gleiche im Johannesevangelium, und dies in doppelter Hinsicht: Johannes kündigt die Einsetzung der Eucharistie lange vor der Leidensgeschichte in der Rede vom Brot des Lebens (Kap. 6) an; doch am Ende dieser Rede erklären die Jünger spontan: «Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören?» Das Ineins zwischen Ankündigung der Eucharistie und ihrer Zurückweisung könnte kaum ausdrücklicher sein. In den Abschiedsreden ist zudem zu beachten, wie Johannes auf den Verrat des Judas hinweist. Er zitiert zuerst Psalm 41, 10: «Einer, der mit mir das Brot isst, lehnt sich gegen mich auf», und er wiederholt das Gleiche vor den Jüngern als Zeugen: «Der ist es, dem ich den Bissen Brot, den ich eintauche, geben werde.» Was will dieses zweimalige Zitat sagen? Doch nichts anderes als: Dieses Brot, die erste Hostie, wird ihm zwar gegeben; doch es entlarvt auch den Verräter.

Diese Verknüpfung ergibt sich in einem gewissen Sinn daraus, dass das Geschenk der Realpräsenz, diese Frucht des Leidens Christi, dieses liturgische, theologische, österliche Meisterwerk, zwar in sich selbst vollendet und erfüllt ist, aber nicht für uns. Das heißt: Wir begreifen es nicht, wir vermögen es nicht zu ermessen, ja wir verraten es, wie die von Johannes bekräftigten Synoptiker nahe legen. Das Osteropfer Christi, das bis zur eucharistischen Gegenwart geht, wird für uns vor allem darin offenbar, dass wir es nicht verstehen – so wie Jesus selbst sagt: «Ich hätte euch noch viel mitzuteilen; doch ihr könnt es nicht ertragen» (Joh 16, 12). Das erste, das wir im vollsten Sinne nicht tragen und ertragen können, ist die Realpräsenz.

Es ist nicht leicht, den Abstand zwischen dem eucharistischen «Ding» und der lebendigen Gemeinde zu überwinden. In einem gewissen Sinn ist das überhaupt nicht möglich. Wenn eines Tages eine christliche Gemeinde das Geschenk, das ihr zuteil wird, vollkommen zu «realisieren» vermöchte, wäre die Weltgeschichte zu Ende. Diese geht fort, solange der Abstand besteht zwischen dem in der Eucharistie Geschenkten und unserem Empfang dieses Geschenks. Wir empfangen es immer wieder neu, weil wir es nie vollkommen entgegenzunehmen vermögen. Überlegen wir doch: Christus ist ein für allemal gestorben und auferstanden und damit ist alles vollendet. Warum vollziehen wir dennoch immer wieder dieses Opfer? Dem Opfer fehlt nichts; wenn etwas fehlt, dann bei denen, für die es geschieht. Wenn es da einen fast unüberwindlichen Abstand gibt, dann liegt das nicht an einer falschen katholischen Theologie (wie Hegel meinte); er ergibt sich vielmehr aus dem mangelnden Aufnahmevermögen der Beschenkten. [...]


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