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Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
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Anton SvobodaAnton Svoboda,
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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/com.2017.2.123–139
Martin Rhonheimer
CHRISTENTUM, ISLAM UND EUROPA
Welche Leitkultur braucht der säkulare Rechtsstaat?
1. Der Islam in Europa – eine Herausforderung für den säkularen Rechtsstaat

Der Islam ist eine Religion, die sich nicht nur als Offenbarungsglaube, kultische Praxis und ethisches Normgefüge, sondern ganz wesentlich auch als politische, rechtliche und soziale Ordnung versteht. Insofern erscheint der Islam – gerade als Religion – mit der politischen Kultur des freiheitlichen, säkularen Rechtsstaates nicht nur unvereinbar, sondern auch nicht in ihn integrierbar. Mögliche Gefahr ist ein Dauerkonflikt, der unser Rechtssystem und den gesellschaftlichen Zusammenhalt einer ständigen Zerreißprobe aussetzt.

Ein solches Szenario wünscht sich niemand, schon gar nicht Muslime, die hierhergekommen sind, weil sie ein besseres Leben suchten und die Vorzüge unserer westlichen Zivilisation, in der es Freiheit und Wohlstand gibt, anerkennen und schätzen, die nötigen Schritte zur Integration tun oder schon längst getan haben und produktive und loyale Bürger geworden sind. Wie die Dinge sich jedoch für die große – und durch zu erwartenden Familiennachzug und Nachkommenschaft sich in Zukunft vervielfachende – Masse muslimischer Immigranten und Flüchtlinge entwickeln werden und welche Rückwirkungen das auf bereits seit mehr als einer Generation hier lebende Einwanderergruppen haben wird, ist nicht vorhersehbar. Integration ist nicht nur ein Angebot des Einwanderungslandes, sondern beruht vor allem auf eigenem Integrationswillen sowie der Anstrengung und Leistung des Immigranten, insbesondere seinem Wunsch nach Integration. Dies verlangt die Assimilation an die gemeinsamen politischen Werte des demokratischen Rechtsstaates – in dieser Hinsicht ist Multikulturalismus impraktikabel – nicht aber vollständige Verleugnung der Herkunftskultur. Dass dies, auch im Hinblick auf Muslime, erfolgreich geschehen kann, zeigt das Beispiel der USA, wobei allerdings zu fragen ist, ob es auch dort nicht nur auf säkularisierte, also nicht mehr bewusst religiös lebende Muslime zutrifft.

Denn hier liegt das Problem: Das politisch-religiöse Selbstverständnis des Islam, und zwar nicht nur jenes seiner extremen Spielarten, sondern auch das Selbstverständnis seiner «Normalform», wie sie unter dem Schutzmantel westlicher Religionsfreiheit in Koranschulen und generell im Rahmen muslimischer religiöser Sozialisation gepflegt und an kommende Generationen tradiert wird, besitzt eine strukturelle Inkompatibilität mit dem Wesen des säkularen Rechtsstaates und einer freiheitlich-demokratischen Ordnung. Das ist eine nicht zu unterschätzende Herausforderung. Diese nicht beim Namen zu nennen und, aus Angst anzuecken, unter dem Mantel des Schweigens zu verbergen, kann nur jenen Auftrieb geben, die aus den Gefahren und dem daraus resultierenden Unbehagen breiter Bevölkerungsschichten politisch zweifelhaften Profit schlagen oder gar bereits das Gespenst eines bevorstehenden Bürgerkriegs an die Wand malen und damit auf Stimmenfang gehen.

Auch wo nicht gar so schrille Töne erklingen, hört man angesichts der zunehmenden Zahl von muslimischen Immigranten und Flüchtlingen, die eigene kulturelle und nationale Identität sei in Gefahr. Deshalb bedürfe es der Durchsetzung einer nationalen «Leitkultur», die sich an den traditionellen Beständen der Kultur, Sprache, Religion, der Nation und am eigenen «Volkstum» orientiert. Im Vergleich zur Position eines naiven Multikulturalismus, der sich auf das Toleranzgebot der Aufklärung beruft, sich aber über die Existenzbedingungen einer freien Gesellschaft keine Gedanken macht, und deren Anhänger im verbreiteten Unbehagen gegenüber der zunehmenden Präsenz muslimischer Bevölkerungsgruppen zu Unrecht nichts anderes als pure Fremdenfeindlichkeit zu erblicken vermögen, besitzt die national-identiäre Position den Vorteil, dass sie die wesentlich politisch-soziale Dimension des Islam in ihrer Problematik erkennt. Das macht diese Position auch für diejenigen attraktiv, denen es weniger um Nation, Volk oder Kultur, als um die Verteidigung des liberalen und säkularen Rechtsstaates und einer offenen Gesellschaft geht. Sie vertreten oft eine abgemilderte Variante der national-identitären Position: die Forderung nach einer «christlichen Leitkultur». Die Wurzeln des freiheitlichen, säkularen Rechtsstaats, so heißt es, seien in Wirklichkeit christliche. Nicht die Aufklärung wäre also der Orientierungspunkt, sondern das christliche Erbe Europas und die daraus hervorgegangenen Institutionen.

Die Forderung nach einer christlichen Leitkultur, auch wenn sie sich vorwiegend nicht auf nationale, sondern gemeineuropäische und freiheitsorientierte Werte beruft, vermischt sich jedoch leicht mit derjenigen nach einer nationalen Leitkultur und ist praktisch-politisch oft kaum von der national-identitären zu unterscheiden. Dennoch ist die Behauptung, der säkulare, liberale Rechtsstaat habe letztlich christliche Wurzeln, keineswegs falsch, ja sie ist enthält sogar eine zentrale Wahrheit, die man sich vergegenwärtigen muss, um die eigentliche Herausforderung des Islam für den säkularen und liberalen Rechtsstaat und die westliche Demokratie zu verstehen.

Meine im Folgenden näher zu erläuternde These lautet: Der freiheitliche säkulare Rechtsstaat ist zweifellos ein Produkt der «Aufklärung» – im weitesten Wortsinne verstanden –, hat aber seine Wurzeln gerade deshalb im Christentum, weil die Aufklärung selbst eine reife Frucht einer durch das Christentum geprägten Zivilisation ist. Der Islam hingegen hat sich historisch zu einer Antithese zu den in die politische und wissenschaftliche Moderne führenden zivilisationsprägenden Merkmalen des Christentums entwickelt. Daraus lässt sich allerdings nicht auf die Notwendigkeit einer «christlichen Leitkultur» schließen. Entsprechende Forderungen sind ebenso verfehlt wie diejenigen nach einer nationalen – deutschen, französischen usw. – Leitkultur. Was der freiheitliche säkulare Rechtsstaat von seinen Bürgern fordert, ist nicht die Zustimmung zu einer bestimmten Kultur und ihren nationalen oder religiösen Traditionen, auch keine bestimmte Gesinnung, sondern die Einhaltung von Gesetzen und Regeln des Zusammenlebens. Deshalb erwartet er auch kein Bekenntnis zu den nationalen oder religiösen Grundlagen und Werten, die diese Regeln hervorbrachten – schon gar nicht eine entsprechende öffentliche und rechtlich verbindliche «christliche» Staatsdoktrin. Insofern schließt die Anerkennung des säkularen und liberalen Rechtsstaates auch die Offenheit für die evolutorische Weiterentwicklung von Kultur und Gesellschaft durch Kräfte ein, die dieser Staat selber nicht kontrollieren kann, weil diese Kräfte gerade durch jene Freiheit wirksam werden, die zu schützen seine Aufgabe ist. Aus einer solchen liberalen Offenheit – im Sinne von Friedrich August von Hayek1 – ergeben sich schließlich die Konturen der Forderung nach einer weder nationalen noch christlichen, sondern vielmehr säkularen, freiheitlichen «Leitkultur», die gegenüber allen Bürgern jeder Religion und kulturellen Prägung durch die Rechtsordnung durchzusetzen ist.

2. Das Christentum als Nährboden der Aufklärung: Christlicher Dualismus und Naturrecht


Jede historische Epoche ist einer ihr vorangegangenen entwachsen, zehrt aus ihren Ressourcen und Traditionsbeständen, transformiert diese aber auch und schafft auf diese Weise Neues. Ob man den liberalen, säkularen Rechtsstaat als Produkt des Christentums oder aber der Aufklärung sieht, ist deshalb eine Frage der Perspektive. [...]


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