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Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
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Dipl.-Theologe, Musiker

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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/com.2017.2.201–207
Helmuth Kiesel
IM OBERSCHWÄBISCHEN «VORZIMMER DES HIMMELS»
Martin Walser zum Neunzigsten
Am liebsten würde ich Martin Walser, der am 24. März seinen neunzigsten Geburtstag hat, hier einmal als Kirchendichter rühmen. Nicht wirklich im Ernst natürlich. Denn Martin Walser ist bekanntlich kein Kirchendichter, sondern, wenn man sein Schaffen mit einer prägnanten Formel benennen will, ein Dichter – und das heißt in diesem Fall: ein Verdichter – der menschlichen Daseinsweise unter den Bedingungen der ganz und gar säkularisierten und mit allen Wassern der Erkenntniskritik und Dialektik, der Transzendenzbezweiflung und Diesseitsfixierung, der Konsumorientierung und des Hedonismus gewaschenen, ja abgebrühten Moderne inklusive ihrer postmodernen Steigerungsform. Schon in seinem ersten Roman, Ehen in Philippsburg (1957), hat Walser ein feinfühliges und zugleich schonungsloses, zwischen Staunen und Kritik oszillierendes Bild dieses immer moderner, schicker und freizügiger, nur nicht unbedingt glücklicher werdenden Daseins geboten, und seine letzten großen Romane, Angstblüte (2006) und Muttersohn (2011), sind zeitgemäße Novellierungen und zugleich Steigerungen dieser modernen Daseinserkundung und -beschreibung, die den Finger immerzu eng am Puls der Zeit hat und die Kennworte der Epoche, ihre Reizvokabeln und Redensarten, zum Funkeln bringt. Ein Daseins- und Gegenwartsverdichter also, aber kein Kirchendichter.

Und doch, und doch: In diesen beiden letzten großen Romanen (denen einige schmälere folgten) spielt Kirchliches eine zunehmend bedeutungsvolle Rolle.

Angstblüte hat als Helden einen knapp über siebzigjährigen Finanzberater namens Karl von Kahn. Er ist erfolgreich tätig, wurde es eigentlich erst nach seiner Pensionierung, und macht im Laufe dieses einen Sommers, der in Angstblüte geschildert wird, dass in ihm keine «Sterbebereitschaft» aufkommt, sondern das Interesse am Leben zu einem Lebenswillen wird, der an die Angstblüte absterbender Obstbäume erinnert, zur vitalistischen Begier, zu leben und das Leben auszukosten. Karl von Kahn darf es. Eine junge Frau läuft ihm über den Weg, ist von seiner Art fasziniert und bietet sich ihm mit einem obszön formulierten Angebot als Sexualpartnerin an. Es folgen Wochen exzessiven Treibens, orchestriert durch den Austausch schamlosester Vokabeln und Mitteilungen, über die man erschrecken müsste, wenn man noch erschrecken könnte; aber sie verlieren in diesem Buch merkwürdigerweise den Charakter des Obszönen und werden gleichsam zum Hymnus auf die reine und nur noch lustvolle Sexualität, die freilich auch zur Sucht wird und zu Hörigkeitsgefühlen führt. Aber es gibt auch Momente des Innehaltens. Zu den Unternehmungen der beiden gehört ein Ausflug zum Kloster Andechs, nicht zufällig, sondern weil Wanderungen dorthin schon seit längerem zu Kahns Gepflogenheiten gehörten:

«Droben in Andechs ging er jedesmal in die Kirche, setzte sich jedesmal dem Zuviel dieser Ausstattungspracht aus, ließ sich beregnen von den Goldund Gnadengaben der Wallfahrtsmaria. Er hatte nie einen Grund gesehen, sich diesem frommen Aufwand zu verschließen. Im Gegenteil, er hatte das religiöse Angebot als brauchbaren Segen akzeptiert.»

Auch mit seiner Gespielin geht Kahn nicht an der Kirche vorüber. Er drängt sie hinein und überlässt sie «dem frommen Sturm dieser Kirche», dem sie dann auch für einen Moment erliegt:

«Irgendwann sagte sie ihm ins Ohr: Hier darf man nicht rauchen, das ist gut. Und wieder nach einer Weile: Wenn du mir das Rauchen abgewöhnst, heiraten wir hier.»

Das wirkt hochgradig unangemessen – und könnte doch etwas ganz anderes als eine Ungehörigkeit sein, nämlich die Wahrnehmung einer Süchtigkeit und der Wunsch, von ihr – und vielleicht nicht nur von dieser einen – befreit zu sein. Ebendies ist es ja auch, was den lebensdurstigen Karl von Kahn immer wieder vor die Wallfahrtsmadonna zieht und für einen Moment einhalten lässt. – Nachher beim Bier und der Riesenbreze, die sie vor einer Schweinshaxe gemeinsam verzehren, kritisiert die junge Frau ein Detail der Wallfahrtsmadonna, aber Kahn verwehrt es ihr mit einer «großen Handbewegung»: «Lass doch. Hier ist alles gut.»

In dem Roman Angstblüte bliebt es bei dieser einen Einkehr in die klösterlich-religiöse Sphäre. Im nächsten großen Roman aber wird sie fast zum Dauerzustand und jedenfalls zum Prinzip der dort aufgerollten Familiengeschichte. Muttersohn ist ein Roman mit einer großartigen Fülle ergreifender Lebensgeschichten, die in moderner Sequenzierung erzählt und ineinander geschoben werden. Das Geschehen spielt zum guten Teil in dem ehemaligen Kloster Scherblingen, das man sich im Raum zwischen Zwiefalten und Birnau denken mag. Der Name ist hochironisch und symptomatisch. Die Welt, in der diese Klöster erbaut, von Mönchen in großer Zahl bewohnt und von mächtigen Äbten geleitet wurden, ist längst in Scherben gegangen, und das ehemalige Kloster ist nun eine psychiatrische Anstalt, in der behandelt und verwahrt wird, was an Menschen sozusagen in Scherben ging. «Landesirrenanstalt» hieß Scherblingen deswegen, bevor es in «Psychiatrisches Landeskrankenhaus» umbenannt wurde. Immerhin lebt in Scherblingen dank des ärztlichen Leiters, der aus derselben Familie wie einer der einstigen Äbte stammt, etwas vom Geist des ehemaligen Prämonstratenser-Klosters weiter. Professor Augustin Feinlein ist ein Kenner und Bewunderer der Kirchenmusik. Er schreibt («betet», sagt er) an einem Traktat zur Rehabilitierung des Reliquienkults (der unter dem Titel Mein Jenseits als Novelle erschien und zugleich Bestandteil von Muttersohn ist). Er arbeitet lieber mit spirituellen Heilmethoden als mit Psychopharmaka, so dass die ihm unterstellten Ärzte spotten, der Chef wolle Scherblingen «zum Prämonstratenser-Kloster zurückschrauben, statt Lithium dona nobis pacem». In der Tat wird Scherblingen unter Augustin Feinleins Ägide zu einem Ort, der jenseits der rationalistischen Moderne zu liegen scheint und an dem sich manches entfalten darf, was in ihr keinen rechten Platz zu haben scheint. Nicht nur Feinleins Eintreten für den Reliquienkult gehört dazu, sondern auch die bodenständige, auf Generationen frommer Vorfahren aufruhende und aller Vernunft spottende Frömmigkeit des eigentlichen Helden des Romans.

Dieser trägt den etwas extravaganten Namen Percy Anton Schlugen, ist von mittlerem Alter und lebt im festen Glauben, dass er, wie seine Mutter ihm versicherte, ein reiner Muttersohn sei, «weil zu seiner Zeugung kein Mann nötig gewesen sei». Nach einem Unfall kam er zur Behandlung nach Scherblingen, erhielt von Augustin Feinlein Unterricht in Orgelspiel, Latein und Liturgie. Er ist nicht Insasse der Anstalt, sondern wandert, in Pfarrhäusern einkehrend, durch Oberschwaben, hospitiert aber immer wieder auch in Scherblingen. Und mit ihm kommen auch wir gleich zu Beginn des Romans nach Scherblingen und dürfen, geführt von dem Erzähler des Romans, der sich als enthusiasmierten Klosterbeschreiber erweist, in dieses Refugium der Frömmigkeit und der kirchlichen Schönheit eintreten. [...]


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