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Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/com.2017.3.276–284
Alfred Bodenheimer
JOSEFS MUMIE, JOSIAS’ BUCH
Gewähr und Gefahr jüdischer Traditionsideologie
Begeben wir uns ins Innere des biblischen Diskurses, so fällt uns an einigen Stellen auf, dass sich Ankündigungen der Verwirklichung göttlicher Ansagen über mehrere Generationen vom Augenblick der Ankündigung her erstrecken – die Welt, in der sich die Voraussage erfüllen wird, ist eine ganz andere als diejenige, in der sie ausgesprochen wurde. Der Empfänger der Ankündigung wird somit nicht mehr derjenige sein, an dem oder auch nur zu dessen Lebzeiten sie sich vollzieht, und die Generation des Vollzugs wird ihre Situation kaum mehr mit jener der Ankündigung in eine konsekutive Verbindung zu bringen imstande sein. Zugleich gibt es jeweils ein Element, das diese alte Welt der Ankündigung direkt oder indirekt mit der Welt der Vollstreckung verbindet. Die Welt der Ankündigung kann nie ganz verschwunden sein, wo die Welt der Vollstreckung wirkt.

Es seien zwei prominente Beispiele genannt: Zunächst Gottes und Abrahams «Bund zwischen den Stücken» in Gen, Kapitel 15. Dort heißt es in den Versen 12–16 (alle Bibelzitate aus der Einheitsübersetzung):

Bei Sonnenuntergang fiel auf Abram ein tiefer Schlaf; große, unheimliche Angst überfiel ihn. Gott sprach zu Abram: Du sollst wissen: Deine Nachkommen werden als Fremde in einem Land wohnen, das ihnen nicht gehört. Sie werden dort als Sklaven dienen und man wird sie vierhundert Jahre lang hart behandeln. Aber auch über das Volk, dem sie als Sklaven dienen, werde ich Gericht halten und nachher werden sie mit reicher Habe ausziehen. Du aber wirst in Frieden zu deinen Vätern heimgehen; in hohem Alter wirst du begraben werden. Erst die vierte Generation wird hierher zurückkehren; denn noch hat die Schuld der Amoriter nicht ihr volles Maß erreicht.

Die Verschiebung des Vollzugs der Ankündigung ist also geradezu Gewähr für deren Empfänger. Mit seinen Nachkommen in vierhundert Jahren würde ihn kaum mehr etwas verbinden, wäre nicht diese göttliche Zusage. Doch mag Abraham, wie abstrakt auch immer, sein Leben mit dem Schicksal der Nachkommen viele Hundert Jahre nach ihm verbunden wissen (und später über den Schock der Beinahe-Opferung Isaaks hinüberretten), so stellt sich die Frage: Inwieweit werden sie sich noch mit ihm verbunden fühlen können? Und es stellt sich auch die Frage, ob Nachkommen, deren Vorfahr eine Ankündigung erhalten hat, die für viele Generationen niederschmetternd und erst am Ende erlösend sein wird, nicht alles dazu tun werden, dies zu verdrängen, zu hoffen, dass Gott sich selbst korrigieren, eine sanftere Lösung finden wird. Der bekannte Midraschforscher Jona Frenkel (1928–2012) hat in einem Vortrag einmal darauf aufmerksam gemacht, dass der Urvater Jakob, Abrahams Enkel, und auch sein Sohn Josef, der Vizekönig in Ägypten wird, keine Vorahnung zu haben scheinen bezüglich der Ankündigung an Abraham, dass sie mit der Verpflanzung der ganzen israelitischen Großfamilie der Verwirklichung jener vierhundert Jahre des Frondienstes in einem fremden Land Vorschub leisten, die dem Abraham vorhergesagt worden ist, obwohl man denken könnte, diese Grundangst beherrsche in der Familie fortan jede grundlegende Entscheidung.

Josefs Gebeine sind denn auch jene Elemente, die die Alte Welt, also das Land Kanaan, in dem Josef aufgewachsen ist, mit Ägypten, wo er gestorben ist, verbinden, als es schließlich zum Exodus aus Ägypten kommt. Josef ist der Gewährsmann sowohl der Überlieferung wie auch der Mahnung, dass Ägypten (und dies noch zu der Zeit vor Beginn der Unterdrückung der Israeliten) Symbol des Unerledigten ist. Das Buch Genesis endet mit folgenden Versen (Gen 50,24–26):

Dann sprach Josef zu seinen Brüdern: Ich muss sterben. Gott wird sich euer annehmen, er wird euch aus diesem Land heraus und in jenes Land hinaufführen, das er Abraham, Isaak und Jakob mit einem Eid zugesichert hat. Josef ließ die Söhne Israels schwören: Wenn Gott sich euer annimmt, dann nehmt meine Gebeine von hier mit hinauf! Josef starb im Alter von hundertzehn Jahren. Man balsamierte ihn ein und legte ihn in Ägypten in einen Sarg.

Erst mit der Befreiung aus der Sklaverei wird es möglich, seine sterblichen Überreste auf die lange Reise durch die Wüste mitzunehmen, um seinen letzten Wunsch dann zu erfüllen. Mag am Ende auch Moses im Namen des Gottes der drei Urväter, der sich ihm am brennenden Dornbusch offenbart hat, auftreten (und sein Stand ist schwer genug): Es braucht diesen dünnen Faden einer direkten Verbindung zu der früheren Heimat, zu der längst keiner der lebenden Israeliten mehr eine biografische Beziehung hat. Josefs mumifizierte Gebeine, verbunden mit dem offenbar nie ganz vergessenen Auftrag, sie aus Ägypten in sein Geburtsland zu bringen, verbunden mit dem erneuten Versprechen, Gott werde Israel hinaufführen, stellen diese Beziehung her. Josefs Testament bedeutet, dass sich im Exodus nicht einfach eine Revolution gegen die ägyptische Unterdrückung Bahn bricht, sondern dass sich hier ein Kreis schließt, mithin für die Nachgeborenen der Bezug zur abrahamitischen Tradition wachgerufen wird. Und nicht zuletzt bleiben sie auch in den vierzig Jahren der Wüstenwanderung ein stummer Wegweiser – in der Wüste werden sie nicht begraben werden können. Josefs Mumie gibt dem Land Kanaan, um den programmatischen Buchtitel Theodor Herzls aufzugreifen, den Charakter von Altneuland, der die Umwandlung von Kanaan ins Land Israel erst möglich macht.

Das zweite hier anzubringende Beispiel einer Ankündigung mit verzögertem Vollzug findet sich im zweiten Königsbuch. Hier geht die Ankündigung in die gegenläufige Richtung – nicht Erlösung, sondern die Zerstörung des Reiches wird angekündigt – und zwar gleich zweimal bei zwei verschiedenen Königen, zwischen denen wiederum eine beträchtliche Zeitspanne liegt. Der Beginn dieses Prozesses ist höchst irritierend: Der König Hiskia, ein vom biblischen Narrativ ausgesprochen wohlgelittener, ja für seine Gottesfurcht gepriesener Herrscher, begeht nach der Genesung von einer schweren Krankheit den Fehler, einem babylonischen Prinzen, der ihm zur Feier der Gesundung gute Worte und ein Geschenk schickt, seine ganzen Schatzkammern zu zeigen. Dies wird ihm als ein Akt der Hoffart übelgenommen, und der Prophet Jesaja kündigt ihm an, dass alle diese Schätze einst vom König von Babel genommen und Hiskias Söhne diesem zu Diensten sein werden. Obwohl Hiskia es nicht unmittelbar zugesagt bekommt, hofft er, dass dies nicht mehr zu seinen Lebzeiten geschehen wird, und das nächste, was wir von ihm hören, ist, dass er ein grosses Wasserleitungsprojekt in Jerusalem durchführt – ein Projekt, das nicht gerade von der Erwartung einer bald bevorstehenden Katastrophe zeugt (2 Kön 20). Und tatsächlich dauert es noch fast hundert Jahre, bis Jesajas Voraussage sich verwirklicht. Dazwischen liegen die 55 Jahre dauernde Herrschaft von Hiskias Sohn Manasse, der als ganz dem Götzendienst verfallen dargestellt wird, die zwei Jahre von Manasses Sohn Amon, der ermordet wird, was bürgerkriegsähnliche Zustände hervorruft (2 Kön 21), und schließlich dann die 31jährige Herrschaft des schon mit acht Jahren gekrönten Urenkels Hiskias, Josias. Letzterer nun wird erneut als gottestreuer König bezeichnet, der zu einem bestimmten Zeitpunkt seiner Herrschaft beschließt, den Tempel zu renovieren. Auch dies ist eher ein Projekt, das auf Zukunftsgerichtetheit schließen lässt, inwieweit er die seinem Urgroßvater gemachte Untergangsverkündigung noch vor Augen hat, ist unklar. Bei diesen Renovationsarbeiten jedenfalls wird ein Gesetzesbuch entdeckt (ob es sich dabei um die gesamte Torah, das Buch Deuteronomium oder eine andere Schrift handelt, ist umstritten), das Josias unbekannt war. Es ist jedenfalls ein Buch, das auch Unheilsverkündungen enthält für den Fall, dass das Gesetz nicht eingehalten wird, denn aufgrund derer gerät Josias in Verzweiflung und tut Buße. Doch die Prophetin Hulda kündigt an, die Vergehen der beiden vorhergehenden Könige und ihr Götzendienst seien so verheerend gewesen, dass die Zerstörung unvermeidbar sei (von Hiskias Hoffart als Ursache einer Zerstörung ist hier nicht mehr die Rede). Josias selbst werde dies (wie sein Urgroßvater Hiskia) allerdings nicht mehr erleben müssen (2 Kön 22). Nach Josias’ Tod allerdings dauert es wirklich nicht mehr lange, und das Reich gerät zunächst in Vasallendienst der Babylonier und wird später, als es sich auflehnt, vollends erobert, der Tempel zerstört. [...]


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