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THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
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Dipl.-Theologe, Musiker

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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/com.2017.3.327–335
Rüdiger Görner
«DA DIE CHRISTBÄUME IN FLAMMEN AUFGINGEN»
Religiöse Spuren im Spätwerk Friederike Mayröckers
Von einer namenlosen japanischen Dichterin ist überliefert, dass sie sich, um die nötige Weihe für ein weiteres Werk zu empfangen, in einen Tempel einschließen ließ. Durch einen Fensterschlitz hatte man ihr jedoch den Schlüssel zugesteckt, als Versuchung. Sie aber blieb standhaft und begann denn auch nachts in dem einsamen Tempelraum, auf dem Deckel eines Gebetbuches, die Niederschrift ihrer dichterischen Eingebungen. Der inzwischen sträflich unterschätzte Dichter Max Dauthendey überliefert diese Episode zu Beginn seiner Aufzeichnungen Gedankengut aus meinen Wanderjahren (1913), wobei er einräumt, dass sich heute zwar kein Dichter etwa in eine Sakristei zurückziehe, um sich auf sein neues Werk einzustimmen; doch gehe es auch weiterhin nicht ohne solche Einstimmung, woher sie auch komme.

Auch Friederike Mayröcker wäre nur besuchshalber in einem japanischen Shinto-Tempel oder einer Sakristei vorstellbar. Ihre Einstimmung bezieht sie offenbar ausschließlich und unablässig in ihrer Arbeitsklause, jenem scheinbaren Chaos aus Papieren und Büchern, Ausschnitten und Briefen: Sie ist die Hieronyma im Gehäus unserer Zeit.

«Weltbeobachtung nur noch vom Schreibtisch aus, ich meine überflüssig und müßig», schreibt Mayröcker bereits in ihrer Prosa Das Herzzerreißende der Dinge (1985), fügte aber hinzu: «M.S. stammelte einmal was von Mission, er müsse noch irgendeine Mission… Gemeinschaft der Heiligen vermutlich.» Sie, die «Gemeinschaft der Heiligen» gibt diesem Abschnitt denn auch seine Überschrift, verbunden mit folgender Frage: «Die Heiligen sollen immer standhaft bleiben, sie sollen ja Heilige auf Erden sein, was ist es aber, das diese Gemeinschaft immer und immer in Bewegung setzt?» (24) Eine schlichte, unmittelbar aus Mayröckers Werk abgeleitete Antwort könnte lauten: Liebe. Sie setzt in Bewegung; denn sie verfügt bei Mayröcker über eine lebensdurchdringende und quasi sakrale Kraft und Qualität. Zurecht behaupten Kritikerinnen wie Daniela Strigl, Mayröcker habe seit dem Tod des geliebten Ernst Jandl (2000) unaufhörliche Requien für ihn geschrieben. Darin den eigentlichen sakralen Gehalt ihres Spätwerks zu sehen oder besser: zu hören, wäre wohl schwerlich verfehlt.

Und doch verweisen die tiefen religiösen Spuren im Spätwerk Mayröckers auch auf andere Wege; sie verharren nicht in Trauer, umkreisen nicht das Andenken an Jandl als Reliquie. So löst beispielsweise die Erinnerung an einen bestimmten Lilienduft «damals im Bahnhof von Bregenz» einen kuriosen Ausruf aus: «Madonna! Die Seele zischte mir aus dem Leib […]». Das ist eine für Mayröcker durchaus bezeichnende rhetorische Figur: Sakrales und Profanes verbinden sich. Sie nennt das die «Seligmachung der Sprache», wenn dem alltäglichen Sprechen etwas Religiöses abgewonnen werden kann, sich ihm Religiöses entwindet oder in ihm ein Solches sich freisetzt. Das Religiöse ist im «Konfusen» des «Larifari» – so bekanntlich ein früher Buchtitel Mayröckers (1956) – das Unverhoffte, Überraschende, in profaner Zeit Unvermutete.

Schreibt man für ‹profan› das Wort ‹dürftig›, dann befindet man sich bei Hölderlin – für Mayröcker im Spätwerk ein Fixstern, dessen Dichtung ihn – in Mayröckers Augen – längst seliggesprochen hat. Dabei hat sie sich sogar sein Wahn- und Alterspseudonym ‹Scardanelli› zueigen gemacht, und es fällt auf, dass poetische Wendungen ins Religiöse bei Mayröcker in ihren jüngsten Arbeiten nicht selten mit der Anrufung Hölderlins oder der Verarbeitung bestimmter Zeilen aus seinem Werk verbunden sind. Damit ist das Offensichtliche auch ausgesprochen: Diese religiösen Spuren bei Mayröcker geben sich als poetische Kunstreligion zu verstehen, die nicht mit authentischen Glaubensinhalten zu verwechseln sind. Wäre dies als eine Art Kunstfrömmigkeit ohne Glauben zu verstehen, als poetische Hilfe im Unglauben, als ein Wechselbad zwischen verlorenem Liebesparadies und infernalischen Qualvorstellungen? Wer auch nur wenige Texte von Mayröcker kennt – und wer kennt schon alle, weiß, die Dinge, gerade auch die religiösen, verhalten sich anders in diesem Werk. Denn Mayröckers Poetik lebt vom Prinzip der Überlagerungen. Allein die späten ‹Studien› études (2013), cahier (2014) und fleurs (2016), aber auch die Scardanelli-Aufzeichnungen (2009) oder ein Text wie vom Umhalsen der Sperlingswand, oder 1 Schumannwahnsinn (2011) veranschaulichen dieses Prinzip sinnfällig. Wie aus dem Nichts hebt zum Beispiel in letzterer Prosadichtung eine Partizipialkonstruktion an, die Schumanns sogenannten Geistervariationen in Es-Dur gelten (1854), seiner letzten Komposition: «Fertigschreibend Variationen über ein Thema das ihm ‹Engel als Grusz von Mendelssohn und Schubert› hören lieszen, vielleicht 1 Nervenstechen, nicht wahr, als wir saszen und hockten im Götterbaum im Erlenbaum, so der Komponist, im Totenköpfchen im Schnee – ». Zeigt sich darin ein religiöser Verweis? Oder in der andächtigen Haltung des Künstlers vor seinem Instrument? « […] also war es spätnachts da die Pianistin auf ihrem niedrigen Klavierstuhl vornübergeneigt, beinahe den Boden berührend mit ihren Knien in der hingerissenen Haltung eines Glenn Gould, seinem summenden Kniefall vor dem Instrument usw., vom Küssen seines Nackens, so die Pianistin, vom Küssen des Geliebten an einer bewunderten Stelle seines Nackens […]». (31f )

Durch diese Überlagerungen von Textsegmenten sieht sich der Leser aufgefordert, sie schichtenweise abzutragen und das darunter sich Verbergende zu entdecken. «Scardanelli viel war mir teuer, der frommen Gärten, die Felder von/Beeren heftigen Beeten Bosketten, in diesen Städten mit gelben Narzissen Tupfen und Tulpen also beseelt und bemalt usw. […]». An dieser Stelle etwa überlagern sich Mayröckers ‹Scardanelli›-Anspielungen unter dem Signum «Bedenken der Liebe» wie so oft mit einem konkreten Textverweis («der frommen Gärten»), nämlich auf den Gesang des Deutschen, wo die Stelle jedoch im Zusammenhang so lautet: «Wenn Platons frommer Garten auch schon nicht mehr / Am alten Strome grünt […]». Der Unterschied ist markant: Hölderlins Gedicht zielt auf die Geistesfrömmigkeit im platonisch-sokratischen Hain, die in Mayröckers Text aufgelöst wirkt; die poetische Anspielung stellt sich als Textinsel dar, kursiv hervorgehoben, wobei sie von weiteren Hölderlin-Motiven gewissermaßen umspült wird: der Äther, das Liebliche, aber auch von Hölderlin-fremden Themen: das Erflehen um Aufschub des Todes («wie du darauf mich umarmtest»), Bad Ischl, Zichorie und Waldgehölz, Wasserschlieren und Clivia. (27)

Mayröcker ruft sie immer wieder auf – gerade in Scardanelli: die der Kunst innewohnenden Transzendenzverweise: «Natürlich die Kamelien und die Küsse des Freundes, die Himmelfahrt ihrer Stimme (Maria Callas) […].» Entsprechungen hierzu finden sich dann in Naturbildern, die zumeist von Erinnerungen geprägt werden:

dieser Leiterwagen dieses Schluchzen diese 70 Jahre danach
dieses mit Mutter hinauf die Dorfstrasze hinauf (damals in
D.) das Kreuz der Deichsel in den Händen ach weiszt du
noch der ockerfarbene Staub der Strasze an meinen Füszen
(nackt), das Kreuz auf der Anhöhe wo die Felder Wiesen
sich breiteten wie mit offenen Armen und wir zum nahen
Steinbruch die kl. und gröszeren Steine einsammelten diese
Grotten Gottesblumen in D. […] [...]


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