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THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
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JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
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JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/com.2017.4.403–415
Sebastian Kleinschmidt
SCHMERZ ALS ERLEBNIS UND ERFAHRUNG
Deutungen bei Ernst Jünger und Viktor von Weizsäcker
Was Schmerz ist, was Schmerzen sind, wussten Menschen schon immer, ausgenommen das Ursprungspaar im Garten Eden. Denn dort, an dieser denkwürdigen Stätte des Glücks und der Seligkeit, gab es keinen Leidzustand, kein Übel, nicht Mühsal und nicht Furcht. «Im Fleische höchste Gesundheit, im Geiste volle Ruhe», wie das unübertreffliche Wort von Augustinus lautet.

Das Paradies ist für allezeit verloren und mit ihm auch das Reich der Schmerzfreiheit. Von Geburt an sind wir Vertriebene der Idylle, sind Wesen, denen Bitternis und Kummer ein Leben lang treue Begleiter sind. Doch nicht jeder, der erfahren hat, was Leid, was Wehleid ist, weiß das Wehleid auch zu sagen. Denn Schmerzendes bedarf nicht der Sprache, um sich kundzutun. Es hat andere Mittel des Ausdrucks und der Zeichengebung: Mimik, Blick und Geste, Wimmern, Weinen und Verstummen. Wehtun kann der Körper an fast jeder Stelle, wehtun kann die Seele auf fast jede Art. Schmerzen sind Zufügungen, egal ob von außen oder innen, gewaltsame Eindringlinge, bedrohliche Eroberer, die uns zu Fremdlingen machen im eigenen Haus. Sie bedrängen uns mit Stechen, Schneiden, Bohren, Brennen, Reißen, Ziehen, Kneifen, Hämmern, Drücken, Pressen oder Schnüren – je nach Art, Ort und Dauer der feindlichen Attacke.

Jeder Versuch, extreme Schmerzen zu benennen, greift nach Vokabeln, die aus dem Wörterbuch der Folter stammen könnten. Doch nicht der Schmerz selbst ist es, der sich auf diese Weise ausdrückt. Es ist nur die Beschreibung der Empfindung, die er hervorruft. Den nackten Selbstausdruck des Schmerzes zu berichten, ist etwas anderes. In Ernst Jüngers Essay Lob der Vokale von 1934 gibt es eine Stelle, in der es darum geht:

Jeder bedeutende Schmerz, auf welchem Gebiete er auch empfunden werden mag, drückt sich nicht mehr durch Worte, sondern durch Laute aus. Die Stätten der Geburt und des Todes sind von solchen Lauten erfüllt. Vielleicht haben wir sie in ihrer vollen Stärke zum ersten Male wieder im Kriege vernommen, – auf den nächtlichen, von den Rufen der Verwundeten erfüllten Schlachtfeldern, auf den großen Verbandplätzen und in der Erstarrung des jähen Todesschreies, dessen Bedeutung niemand verkennt. Das Herz empfindet diese Laute anders als Worte; es wird gleichsam durch Wärme und Kälte unmittelbar berührt. Die Menschen werden sich hier sehr ähnlich; durch den großen Schmerz wird die Eigenart dessen, der ihn empfindet, zerstört. Ebenso werden die Besonderheiten der Stimme zerstört. Die Konsonanten werden verbrannt; die Laute des höchsten Schmerzes besitzen eine rein vokalische Natur.

Den hohen, unvergleichlichen Schmerz, den, der an das grenzt, was wir Martyrium nennen, kennen nur wenige aus eigenem Erleben. Er ist das schlechthin Äußerste, was einem Menschenwesen angetan werden kann. Das Gedächtnis der Kultur bietet uns eine Fülle von erschütternden Bildern: den geschundenen Marsyas, den verwundeten Philoktet, den gefesselten Prometheus, den von Schlangen gewürgten Laokoon, den gepeinigten Hiob, den gekreuzigten Christus, den gesteinigten Stephanus, den von Pfeilen durchbohrten heiligen Sebastian. Die Landschaft der Martern kennt kein Maß und keine Grenzen. Denken wir an Dante, an Bosch, an Grünewald, an Francis Bacon, denken wir an Kafkas In der Strafkolonie. Oder denken wir an Rilkes letztes Gedicht, geschrieben wenige Tage vor seinem Tod. Es lautet:

Komm du, du letzter, den ich anerkenne,
heilloser Schmerz im leiblichen Geweb:
wie ich im Geiste brannte, sieh ich brenne
in dir; das Holz hat lange widerstrebt,
der Flamme, die du loderst, zuzustimmen,
nun aber nähr’ ich dich und brenn in dir.
Mein hiesig Mildsein wird in deinem Grimmen
ein Grimm der Hölle nicht von hier.
Ganz rein, ganz planlos frei von Zukunft stieg
ich auf des Leides wirren Scheiterhaufen,
so sicher nirgend Künftiges zu kaufen
um dieses Herz, darin der Vorrat schwieg.
Bin ich es noch, der da unkenntlich brennt?
Erinnerungen reiß ich nicht herein
O Leben, Leben: Draußensein.
Und ich in Lohe. Niemand der mich kennt.

Wenn wir lesen, was Ernst Jünger 1934 in seinem Essay Über den Schmerz geschrieben hat, dass er nämlich «zu jenen Schlüsseln gehört, mit denen man nicht nur das Innerste, sondern zugleich die Welt erschließt», dass er «die stärkste Prüfung innerhalb einer Kette von Prüfungen ist, die man als das Leben zu bezeichnen pflegt», dass man, «wenn man sich den Punkten nähert, an denen der Mensch sich dem Schmerz gewachsen oder überlegen zeigt, Zutritt zu den Quellen seiner Macht gewinnt und zu dem Geheimnis, das sich hinter seiner Herrschaft verbirgt», und wenn es am Ende heißt: «Nenne mir Dein Verhältnis zum Schmerz, und ich will Dir sagen, wer Du bist!» - wenn wir das alles mit nur einer Spur von gutem Willen zum Verstehen und nicht sogleich als Zumutung, als Glorifizierung, als martialischen Aufruf zum Durchhalten, als heroische Attitüde, als mitleidlose Härte gegen sich und andere von uns weisen, dann können wir sagen, dass hier einer den Versuch gewagt hat, den Schmerz, den dunklen Bruder des Lebens, mythisch zu sehen.

Das bedeutet nicht, dass uns hier eine ausführliche Phänomenologie der Schmerzen vorgelegt würde. Schon Heidegger merkte an, dass in Jüngers Essay vom Schmerz selber gar nicht die Rede ist, sondern nur von der Begegnung mit und der Haltung zu ihm. Freilich wusste Jünger, was Schmerz ist, er und seine Generation hatten ihn zur Genüge erfahren. Ernst Jünger war Soldat. Seine Schriftstellerlaufbahn begann 1920 mit einem Tagebuch aus dem ersten Weltkrieg. Der Titel lautete: In Stahlgewittern. In diesem Krieg haben zehn Millionen Menschen, Soldaten und Zivilisten, ihr Leben verloren, auf deutscher Seite fielen fast zwei Millionen bewaffnete Kämpfer, und über vier Millionen wurden verwundet. Jünger selbst erlitt sieben mehr oder minder schwere Verletzungen, an Unterschenkel, Oberschenkel, Hand, Kopf, Brust und Lunge, durch Granatsplitter, Schrapnellkugeln, Gewehrgeschosse. Detaillierte Beschreibungen von Schmerzen, eigenen und fremden, hat er auch in den Stahlgewittern nicht gegeben. Es finden sich jedoch Schilderungen, die an sie denken lassen. [...]


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