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Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
Lesermeinung von
Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/com.2017.5.444–465
Thomas Söding
DIE STIMME DES HERZENS
Das Gewissen im Neuen Testament
Die Erzählung von der Ehebrecherin, die auf verschlungenen Wegen in das Johannesevangelium gefunden hat ( Joh 8, 1–11), beschreibt eine glückliche Wendung, weil Jesus dafür eintritt, dass die Frau nicht wegen ihrer Sünde sterben muss. An der kritischen Stelle, da es zum Schwur kommt, fordert er die Ankläger auf: «Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein» ( Joh 8, 7). Daraufhin, heißt es, räumen sie, einer nach dem anderen, das Feld; in einer Textvariante steht zu lesen: «von ihrem Gewissen überführt» ( Joh 8, 9). Die Bezeugung durch antike Handschriften ist so schwach, dass die Wendung nicht als Teil der ursprünglichen Version belegt ist; sie ist eine nachträgliche Ergänzung. Sie ist aber so charakteristisch, dass sie die Augen für das zu öffnen vermag, was im Neuen Testament «Gewissen» (syneidesis) heißt.

Die Hinzufügung nennt ein Motiv dafür, dass diejenigen, die von der Todesstrafe sprechen ( Joh 8, 5), anderen Sinnes werden: Den «Schriftgelehrten und Pharisäern», die Jesus mit der Frau konfrontiert haben ( Joh 8, 3), schlägt ihr Gewissen. Es spricht ohnedies für sie, dass sie auf Jesu Aufforderung hin nicht etwa Steine aufheben, sondern von der Bildfläche verschwinden; wenn sie darin der Stimme ihres Gewissens gefolgt sind, ist ihnen durch Jesus das Unhaltbare ihrer eigenen Situation aufgegangen. In ihrem Gewissen erkennen sie, dass sie ihrerseits Sünder sind; deshalb steht es ihnen nicht zu, eine Sünderin mit Berufung auf Gott hinzurichten: Sie würden sich selbst richten.

Allein mit der in flagranti ertappten Ehebrecherin, stellt Jesus diese Zurückhaltung fest: «Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verurteilt?» ( Joh 8, 10), worauf sie selbst antworten kann: «Keiner, Herr» ( Joh 8, 11). Jesus vergibt seinerseits der Ehebrecherin und mahnt sie, künftig nicht mehr zu sündigen ( Joh 8, 11). Er gewinnt diesen Freiraum für sich und die Frau, weil die Pharisäer und Schriftgelehrten ein Herz hatten. Ihr Gewissen, so die sekundäre Lesart, sagt ihnen, dass sie nicht frei sind von Schuld und dass sie weder den Tod der Frau fordern noch Jesus auf die Probe stellen dürften. Eigentlich müssten sie auch ihre Sünden vor Jesus bekennen. Sie dürften dann nicht nur ihrem Gewissen folgen, sondern müssten tatsächlich glauben. Aber so weit sind sie nicht.

Die Stimme des Herzens

1. Das neutestamentliche Sprachbild


Das Neue Testament bringt das Gewissen in die biblische Anthropologie ein. Die meisten Belege finden sich bei Paulus und im Strahlungsfeld seiner Theologie. Das Gewissen spielt in der griechischen und lateinischen Philosophie eine Rolle, aber auch in der hellenistisch-jüdischen Historiographie und Theologie. Der Begriff bildet eine Schnittstelle zwischen biblischer und paganer Ethik. Er gewinnt im Horizont des Christusglaubens eine spezifische Färbung.

Bei Paulus zeigt sich, wie der Gewissensbegriff aufgenommen und reflexiv gefüllt wird – nicht durch eine theologische Definition, aber durch einen theologischen Gebrauch, der starke Emotionen, Motivationen und Reflexionen erfasst. Ohne diese paulinische Prägung lassen sich die späteren neutestamentlichen Verwendungen ebensowenig erklären wie die Gewissensvorstellungen in der Ethik und in den Rechtswissenschaften. Aber Paulus hat kein Monopol. Er bewegt sich in einem sprachlichen Feld, das auch andere bearbeiten. Im Neuen Testament gibt es keinen einheitlichen Begriff des Gewissens, sondern einen semantischen Korridor, der in der antiken Landschaft philosophisch-theologischer Anthropologie verläuft; der Apostel hat ihn angebahnt, andere haben auf ihm ihre eigene Linie gewählt.

Das Gewissen ist die Stimme des Herzens. Im Hebräerbrief wird dieser Zusammenhang deutlich: «Lasst uns hinzutreten», fordert der Verfasser die Leserinnen und Leser auf, denen er Christus als Hohepriester vor Augen führt, «mit wahrhaftigem Herzen, in der Fülle des Glaubens, die Herzen vom bösen Gewissen gereinigt und den Leib gewaschen mit reinem Wasser» (Hebr 10, 22). Das böse ist nicht das schlechte Gewissen; es ist jenes, das von der Sünde belastet wird, ohne sie loswerden zu können; dieses böse Gewissen verunreinigt das Herz, mit dem, biblischer Anthropologie zufolge, nicht nur geliebt, sondern auch gedacht wird. Das Gewissen kann aber ebenso «gereinigt» werden, wie der «Leib» vom Schmutz der Sünde abgewaschen werden kann, so dass auch das Herz des Menschen erneuert wird: durch den Glauben. Dieser Glaube ist nach dem Hebräerbrief ein Standpunkt, der von der Hoffnung markiert wird, und ein Beweis dessen, was man nicht sehen kann: des vollendeten Heiles (Hebr 11, 1). Zur Fülle des Glaubens gehört das gute Gewissen; es ist in einem Herzen zuhause, das sich durch den Glauben der Wahrheit Gottes geöffnet hat.

2. Erfahrungen des Gewissens

«Gewissen» ist im Neuen Testament ein Reflexionsbegriff, der auf religiösen, moralischen und sozialen Erfahrungen beruht. Er gehört zur Anthropologie, die vom Glauben an Gott, von der Hoffnung auf Erlösung und vom Ethos der Liebe geprägt ist. Die Geschichte der Subjektivität ist untrennbar mit dem Gewissen verbunden. Das griechische Wort (syneidesis) enthält freilich die Vorsilbe «Mit» (syn-); es steht also nicht für einen Solipsismus, sondern für eine konstellative Existenz, die sich kommunikativ vollzieht. Dem Neuen Testament zufolge sind für das Ich die Gemeinschaft mit Gott und die Gemeinschaft mit anderen Menschen entscheidend, der Bezug zur Mitwelt und die Affirmation ihrer Einsichten, Werte und Tugenden wie die Ablehnung ihrer Irrtümer, Fehler und Laster. Während die Vernunft (nous) das Organ ist, mit dem sich ein Mensch die Welt erschließt, aber auch das Geheimnis Gottes vergegenwärtigt (1 Kor 2, 16), bezieht das Gewissen das, was geschieht, auf die Person, die es erfährt oder gestaltet, um es sich anzuverwandeln oder von sich fernzuhalten.

Das Gewissen ist nicht unfehlbar, aber es verpflichtet. Es bindet, weil es freisetzt. Es verdoppelt nicht das, was ohnedies getan, gedacht, gefühlt wird; aber es prägt das Handeln, Denken und Fühlen. Es kann immer nur das persönliche Gewissen sein; aber es führt nicht in die Einsamkeit. Es kann und muss gebildet werden, aber es ist immer «mein» und «dein» Gewissen. Es verschafft die Möglichkeit kritischer Distanz – nicht nur zu Ansprüchen von außen, sondern auch zu eigenen Denk- und Verhaltensweisen; aber es stärkt zugleich die Persönlichkeit – sowohl gegenüber einem Schwanken von Meinungen als auch gegenüber Versuchen der Manipulation von außen.

Die Erfahrungen mit dem Gewissen sind ambivalent; sie werden in der Dynamik ihrer Entstehung von Paulus beschrieben; in den Spätschriften werden sie in ihrer Vielfalt qualifiziert. Zwei Dimensionen lassen sich idealtypisch unterscheiden: erstens das gute und reine, zweitens das schwache und befleckte Gewissen. Beide haben aber ihre eigene Dialektik. [...]


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