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Jan Heiner Tück Professor für dog-
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Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/com.2017.5.466–480
Hermann Geißler
DAS GEWISSEN IST DER URSPRÜNGLICHE STATTHALTER CHRISTI»
Ein Blick auf Newmans Lehre über das Gewissen
Zu den wichtigsten und schönsten Texten, die uns John Henry Newman hinterlassen hat, gehören seine Schriften über das Gewissen. Nicht zufällig wird er gelegentlich Doctor conscientiae – Lehrer des Gewissens genannt. Es ist offenkundig, dass dem Gewissen im Selbstverständnis des modernen Menschen, auch innerhalb der Kirche, eine entscheidende Bedeutung zukommt. In den vergangenen Jahrzehnten haben Lehramt und Moraltheologie die Würde und die Freiheit des Gewissens wiederholt bekräftigt. Zugleich warnen sie vor der Gefahr subjektivistischer Entstellungen, in denen das Gewissen – gleichsam als Gegenschlag zu einem einseitig deduktiven Verständnis neuscholastischer Prägung – mit der persönlichen Meinung oder dem subjektiven Gefühl verwechselt wird.

In Newman findet das Gewissen «eine Aufmerksamkeit, wie es sie in katholischer Theologie vielleicht seit Augustin nicht mehr erfahren hat». Für den 2010 selig gesprochenen englischen Theologen gibt es aber keinen Gegensatz zwischen dem Primat des Gewissens und dem Primat des Wahrheit. Gewissen bedeutet für ihn nicht Selbstbestimmung des Subjekts gegenüber den Ansprüchen der Wahrheit, sondern die vernehmliche und gebieterische Anwesenheit der Stimme der Wahrheit im Subjekt selbst. Sein eigener Lebensweg ist dafür ein sprechendes Zeugnis.

1. Newmans persönlicher Gewissensweg

Voll Bewunderung sagte Paul VI. über Newman: «Geführt allein von der Liebe zur Wahrheit und von der Treue zu Christus hat er einen Weg gebahnt, der zu den herausforderndsten, großartigsten, bedeutsamsten und entschiedensten gehört, den das menschlichen Denken während des vergangenen Jahrhunderts, ja man könnte sagen während der modernen Zeit eingeschlagen hat, um zur Fülle der Weisheit und des Friedens zu gelangen». Dieser Weg war vor allem ein Weg des Gewissens, wie zwei einschneidende Erfahrungen im Leben Newmans deutlich zeigen: seine erste Bekehrung und seine Konversion zur katholischen Kirche.

Die erste Bekehrung

John Henry Newman wuchs in einem durchschnittlichen anglikanischen Milieu in London auf. Obwohl er in jungen Jahren die Bibel las und eine gewisse Art von Religiosität pflegte, hatte er nicht zu einem persönlichen Glauben an Gott gefunden. In seinem Tagebuch schrieb er: «Ich erinnere mich (1815 war es, glaube ich) des Gedankens, ich möchte wohl tugendhaft sein, aber nicht fromm. Es lag etwas in der Vorstellung des letzteren, das ich nicht mochte. Auch hatte ich nicht erkannt, was es für einen Sinn hätte, Gott zu lieben». Die Versuchung des jungen Newman bestand also darin, hohe ethische Ideale anzustreben, aber den Glauben an Gott zu verlieren. Inmitten dieser inneren Anfechtungen kam es 1816 zur ersten Wende seines Lebens, die mit einer großen Änderung in seinem Denken verbunden war.

Die Familie Newman befand sich damals in einer finanziellen Notlage, deshalb musste der erkrankte John Henry während der Sommerferien im Internat seiner Schule in Ealing bleiben. In dieser Zeit las er auf Anregung eines Lehrers namens Walter Mayers das Buch Die Macht der Wahrheit des Kalvinisten Thomas Scott und wurde dabei im Tiefsten seines Herzens ergriffen: Er fand zu einem persönlichen Glauben an Gott und erkannte zugleich, wie vergänglich die irdischen Dinge sind. In der Apologia pro vita sua (1864) schrieb er darüber: Dieser Glaube «gab mir die Möglichkeit, mich von den Dingen, die mich umgaben, zu trennen und bestätigte mein Misstrauen gegenüber der Realität materieller Erscheinungen. Er ließ mich bei dem Gedanken Ruhe finden, dass es zwei und nur zwei Wesen gebe, die absolut und von einleuchtender Selbstverständlichkeit sind: ich selbst und mein Schöpfer».

Was war im Innern des jungen John Henry passiert? Bis dahin dachte Newman wie viele andere Menschen, die Gottes Existenz nicht einfach ausschließen, aber sie doch als etwas Unsicheres ansehen, das im eigenen Leben keine entscheidende Bedeutung hat. «Als das eigentlich Reale erschien ihm wie den Menschen seiner und unserer Zeit das Empirische, das materiell Fassbare. Dies ist die ‹Realität›, an der man sich orientiert. Das ‹Reale› ist das Greifbare, sind die Dinge, die man berechnen und in die Hand nehmen kann. In seiner Bekehrung erkennt Newman, dass es genau umgekehrt ist: dass Gott und die Seele, das geistige Selbstsein des Menschen, das eigentlich Wirkliche sind, worauf es ankommt. Dass sie viel wirklicher sind als die fassbaren Gegenstände. Diese Bekehrung bedeutet eine kopernikanische Wende. Was bisher unwirklich und unwesentlich erschien, erweist sich als das eigentlich Entscheidende. Wo eine solche Bekehrung geschieht, ändert sich nicht eine Theorie, sondern die Grundgestalt des Lebens wird anders».

Newman hatte die Wirklichkeit Gottes in seinem Innern, in seinem Gewissen entdeckt. In der Folge bemühte er sich, auf dem Weg der Vollkommenheit voranzukommen. Als Motto für sein Leben wählte er damals zwei Sätze aus dem Buch von Thomas Scott: «Heiligkeit kommt vor dem Frieden» und «Wachstum ist der einzige Beweis des Lebens». Dieses Streben nach Vollkommenheit war jedoch kein Zurückfallen auf das eigene Selbst, sondern – im Gegenteil – ein Offensein für den persönlichen Gott, der ihn in seinem Gewissen angerührt hatte und dessen Wirklichkeit ihm als selbstverständlich aufgeleuchtet war. Die erste Bekehrung Newmans besteht eben in der Intuition «einer seinsmäßigen Abhängigkeit von dem, der das Prinzip und der Vater alles Seienden ist und im Besonderen dessen, was dem Menschen ganz unveräußerlich und unumstritten eigen ist, nämlich seiner persönlichen Individualität. ‹Ich selbst und mein Schöpfer› […] Wenn Gott der Absolute ist, findet alles Seiende nur in einer Beziehung der Abhängigkeit seine Rechtfertigung. Und die Abhängigkeit im Sein erfordert den Gehorsam im Handeln». Newman strebte folglich danach, sich von jener inneren Stimme leiten zu lassen, in der er das Echo der Stimme des Unsichtbaren erfahren hatte: «Ich bedarf gar sehr eines Monitors, der mich führt, und ich hoffe zuversichtlich, dass mir mein Gewissen, erleuchtet von der Bibel und geführt vom Heiligen Geist, ein treuer und sorgsamer Hüter der wahren religiösen Grundsätze sei». Er folgte diesem «milden Licht» mit großer Aufrichtigkeit, auch in den schwierigen Etappen seines Lebens, und er konnte erfahren, dass «die Treue zum Gewissen zu einer stets tieferen Bekehrung führt».

Die Konversion zur katholischen Kirche

Der Übertritt Newmans zum Katholizismus folgte nach einer langen und mühevollen Suche nach der Wahrheit und dem mutigen Unternehmen, zusammen mit anderen Vertretern der Oxford-Bewegung die Kirche von England im Geist der Alten Kirche zu erneuern. 1841 hatte Newman Tract 90 veröffentlicht, in dem er versuchte, die so genannten 39 Artikel, die Grundlage des anglikanischen Glaubens, im Geist der Kirchenväter katholisch zu interpretieren. Die Reaktion auf diesen Versuch war für ihn schockierend: Die Universität von Oxford verurteilte den Traktat, die Bischöfe der Kirche von England wiesen Newmans Interpretation entschieden zurück. Newman entschloss sich deshalb, sich mit einigen Freunden nach Littlemore zurückzuziehen. Dieses kleine Dorf unweit von Oxford hatte er bereits seit vielen Jahren pastoral betreut. [...]


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