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Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
Lesermeinung von
Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/com.2017.6.631–637
Patrick Roth
SIMSONS QUELL
Vom Übersetzen heiliger Bilder
Lassen Sie mich einmal bewußt mit einigen Thesen über die neuesten großartigen Übersetzungen hinaussehen, die Übersetzungen der letzten Jahrzehnte miteingeschlossen.

Ich frage mich: Wo bleibt bei all der akribischen Arbeit eigentlich der Geist der heiligen Texte, der Geist der Evangelien, der Geist der Bibel? Die Texte sind übersetzt – auch der Geist ihrer Inhalte? Dieser Geist entflieht uns doch immer mehr! Dabei sind wir wahrscheinlich der heimlichen Ansicht: Wenn wir’s nur «richtiger» übersetzen, gerechter – ob näher am O riginal oder näher unserer Alltagssprache –, dann wird er sich schon einstellen, der Geist. Wir versuchen, ihn mehr oder weniger bewußt mit einer neuen Sprache zu fassen, aber wir kommen nicht dran!

Es ist heute nicht so sehr die Frage der Übersetzung der Sprache der heiligen Texte, die primär notwendig sich stellt, sondern die Frage nach der Übersetzbarkeit ihres Geistes; die Frage also: Wie können wir die Inhalte der heiligen Bilder für uns neu übersetzen – in «lebendiges Wort», in sinnzeugende Bilder?

Dahin sind die neuen Übersetzungen ein Schritt, ein Riesenschritt, aber nur auf die Insel in der Mitte des Flusses. Noch ist nicht ganz übersetzt, noch hat man nicht übergesetzt ans neue Ufer, zum gefährlich vergessenen Ziel.

Vielleicht ist die Ära der Notwendigkeit der philologischen Übersetzung vorüber. Dringlicher wäre es künftig, auf der Basis solch großer Übersetzungsleistungen eine Übersetzung der Inhalte mit anderen Mitteln – durch andere Mittler – zu suchen.

Ziel wäre es, die heiligen Bilder und Inhalte im Individuum wieder anzufachen, sie lebendig zu erfahren. Das kann keine Übersetzung im herkömmlichen Sinne. Ziel ist das Herz des Lesers, der den heiligen Text erhören, das Licht seines Sinns – nicht allein rational, auch sinnlich, über den Körper, durchaus empirisch – aufnehmen könnte und so in der Dunkelkammer der Seele, geduldig ihn sichtend, entwickeln könnte, was aus bloßer Stabenschicht gedruckter Seiten zu ihm heraufwachsen will, ihm offenbart zu werden.

«Lebendig machen», was hieße das? Lassen Sie mich ein Beispiel geben, das in Bubers «Erzählungen der Chassidim» auf uns wartet. Erzählt wird, wenn ich mich recht erinnere, von einem scharfsinnigen Rabbi Bär, der einst den Baalschem aufsuchte, einen Mann, berühmt seiner Weisheit wegen. Die selbst in Augenschein zu nehmen, ihr nachzudenken, sie fleißigst selbst zu prüfen, reiste er hin. Die dürftigen Geschichten aber, kunstlos erzählt, die Rabbi Bär am Tisch des Weisen zu hören bekam, erschienen ihm so befremdlich simpel, daß er am dritten Tage den Diener einpacken hieß. Gegen Mitternacht aber, als sie unterm Licht eines wolkenbefreiten Monds die Straße betraten, ereilt ihn die Nachricht, der Baalschem bitte ihn zu sich. Kaum betritt Rabbi Bär die Kammer, fragt ihn der Weise, ob er den «Baum des Lebens» kenne und reicht ihm das kabbalistische Buch. «Ich kenne es», spricht Rabbi Bär. «Schlag auf und lies», sagt der Baalschem und deutete auf eine Stelle. «Besinne dich». Und der Rabbi besann sich. Und jetzt bedenkt er die Stelle, die sprach vom Wesen der Engel. «Nun deute!» Und jetzt deutet er sie – bis in den Kern ihrer Naben und das Gefüge der verzweigten Speichen und die Felgen der Räder ihrer Bedeutungen hinein. «Du hast kein Wissen», sagt der Baalschem zum Rabbi. «Steh auf!» Als beide sich gegenüber standen, nimmt der Baalschem ihm das Buch aus den Händen und selbst liest er sie nun, nochmals, liest die sinngedeutete, besonnen bedachte, mit den Lippen gelesen-verlautete Stelle. Da, kaum hebt der Baalschem zu lesen an, sieht Rabbi Bär – und ihm schien, als langsamte augenblicklang das Fließen der Zeit –, sieht Rabbi Bär den Funken der ersten Silbe, Zündsilbe, vom Munde des Weisen sich lösen, sieht sie im Funkensprung übersetzen, erdwärts im Fall – und die Stube vor seinen Augen im Feuer vergehn. Noch erkennt er die Engel im Brausen der Flammen, erkennt ihr Meer als das Meer der Ungeborenen Gottes, die harren, Mensch zu werden, harren, gelesen zu werden, da… – ohnmächtig bricht er zu Boden. Als der Rabbi zu sich kam, sah er die Stube unberührt, wie zuvor. Der Baalschem sprach: «Du hattest die Stelle richtig gedeutet. Aber du hast kein Wissen. Denn dein Wissen hat keine Seele.» Da half der Baalschem dem Rabbi vom Boden – und nie mehr verließ der zum Schüler Gewordene seinen Meister. Manche aber behaupten, es sei nicht der Baalschem, sondern dessen Frau gewesen, die Rabbi Bär damals vom Boden zog. Auf das Wort «Seele» sei sie in die Kammer getreten und habe dem Gefallenen aufgeholfen. Dessen Hand aber, am Tischrand sich aufstützend, als er schon stand, sei schreckhaft zurückgefahren, als sie am Holz eine Stelle berührte, die glühte.

Wir wollen das Wissen, wie Rabbi Bär – aber wir kommen zunächst immer zu rational daher, ohne Seele. Unser Wille, das ichmächtige Wollen, das im Wissen etwas besitzen und damit den Herrn spielen will, kommt so daher. Der sich da Herr wähnt, sieht das Gefühl nicht, hört nicht die Seele, die sich, ungeachtet und unerhört, ihrerseits vor ihm verschließt.

Der Wille versteht nicht, daß ihm das Ziel nicht gehört. Wer wirklich etwas vom Geheimnis dessen ahnt, was heute leichthin «Kreativität» genannt wird – als gehörte sie uns, sei unser eigen –, der weiß, wie Betsalel (Ex 31, 2), daß er nur «Schattenübersetzer» ist und Abbilder fertigen soll, die anderswo ihren Ursprung haben. Wenn er recht dient, genau hinhört auf das, was ihm zukommt, auf ihn zukommt nicht nur bei Tag, auch im Traum, entstehen Gefäße – vielleicht (ein Vielleicht, auf das hin er sein Leben wagt) –, Gefäße für das, was «unter uns zelten» will.

Dafür nochmals ein Beispiel – denn der Wille kommt so unschuldig daher, daß er meist unbewußt bleibt, alles mit seiner Unschuld verschluckt.

Zwölf Jahre ist es her, da fragte ich eine Freundin, ob sie mir einen Seminarvortrag, den sie vor einem kleinen Kreis in der Schweiz halten sollte, auf Tonband aufzeichnen und nach Los Angeles schicken könne. Ich würde ja gerne dabei sein, sagte ich, aber mir fehlten – «ganz ehrlich» – Zeit und Mittel für den Flug. In ihrem Vortrag, wußte ich, würde es um «das höchste Gut» gehen: die zentralen religiösen Bilder einer längst vergangenen Kultur. Meine Bitte wurde abgelehnt. Nein, die Vorträge dort würden nicht aufgezeichnet, und das sei recht so. Ich verstand sie überhaupt nicht. «Was soll das? So ein Unfug, Geheimniskrämerei!» Aber sie wollte nicht einlenken; sie fürchtete, eine Aufzeichnung könnte den Geist des Vortrags und der Zusammenkunft ihrer Zuhörer stören. Ich versuchte es sogar mit indirekter Schmeichelei: «Überlege doch mal, was für ein Verlust es gewesen wäre, wenn jene Seminarteilnehmer, die C. G. Jungs Vortragsreihen mitstenographierten, so gedacht hätten. Wir hätten heute und zukünftig kein Zeugnis davon.»

Was wollte ich also – und wohin?

Ich wollte ans Feuer jenes Wissens, jener Bilder. Das aber möglichst bequem; wollte das Erlebnis, aber on my terms, zu meinen Bedingungen, wollte nicht nur einmalige, sondern wiederholbare Erfahrung. Ich wollte das «audio tape» des Vortrags über ein Heiliges, das heißt aber: eine «Übersetzung» nahe am «Original». Die dabei gezeigten Bilder würde ich mir aus anderen Quellen besorgen und wäre damit so nah als möglich am «lebendigen Wort», ohne anwesend zu sein. [...]


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