zur StartseiteZugang für Abonnenten
Startseite » Aktuelle Ausgabe » Leseprobe 1
Titelcover der aktuelle Ausgabe 1/2018 - klicken Sie für eine größere Ansicht
Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
Lesermeinung von
Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

Lesen Sie hier
 
Ausgaben-Index 1972 bis heute
Chronologisch- thematische Liste aller Hefte von 1972-heute
Autoren-Index 1972 bis heute
Alphabetische Liste aller Autoren und Ihrer Artikel
Leseprobe 1 DOI: 10.14623/com.2018.1.4–18
Georg Braulik
«DU BIST DOCH UNSER VATER! ‹UNSER ERLÖSER VON JEHER› IST DEIN NAME»
Wie Israel als Volk um die Vergebung seiner Schuld bittet
1. Kollektives Schuldbekenntnis und Volksklage

Vergebung erbittet man gewöhnlich für sich selbst oder gewährt sie einem schuldig Gewordenen. Kollektive Schuld aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Gruppe, zu einem Volk ist in modernen Demokratien juristisch irrelevant. Dennoch existieren wir als Person nur in Kommunikation mit anderen Menschen und in Schicksalsgemeinschaften. Wir sind in gesellschaftliche Unheilszusammenhänge verstrickt, in denen unsere freien Entscheidungen von der Schuld anderer mitbestimmt werden und uns zu Mittätern machen. Wir werden zum Beispiel in die Zerstörung natürlicher Lebensräume hineingeboren, die wir nicht verursacht haben, tragen aber die Umweltverschmutzung und den schleichenden Klimawandel mit, ja verstärken sie noch. Ebenso ist die Welt, in der wir uns vorfinden, von Geschichtsmächten geprägt, deren Schuldpotentiale oft unbemerkt in Fühlen und Denken verinnerlicht und weitergegeben werden und dann wie selbstverständlich den Zeitgeist, das kollektive Urteil und Verhalten bestimmen. Man braucht nur an den jahrhundertelangen Antijudaismus zu denken, der sich schließlich in einem versuchten Genozid entlud. Wir alle sind schon immer in ein soziokulturelles Netz, in die Sinnwelten unserer Epoche verwickelt, ob wir sie ablehnen oder übernehmen.

Die Bibel beurteilt Schuldzusammenhänge realistischer als unser neuzeitlicher Individualismus. Und vor allem: Sie rechnet in dem, was geschieht, auch mit dem Wirken Gottes. Das Alte Testament enthält Psalmen, mit denen Israel seine Schuld als Volk und das Verhängnis, zu dem sie schließlich führte, in Klageliturgien vor Gott getragen hat (vgl. z.B. Sach 7, 1–14; 8, 18f ). Die Klagepsalmen, die dabei gesungen wurden, waren zwar oft Reaktionen auf eine nationale Katastrophe, «Trümmergebete» angesichts des verwüsteten Tempels und der Zerstörung Jerusalems. Doch ringen sie über den äußeren Ruin hinaus um das Verhältnis des Volkes zu Gott, das es durch seine Verfehlungen zerbrochen hat, und um die Vergebung der kollektiven Schuld. Wenn wir im Vaterunser bitten: «erlass uns unsere Schulden, unsere Sünden», meinen wir damit gewiss die je eigenen Sünden. Aber dürfen wir dabei unsere Schuldverflochtenheit etwa als Kirche übergehen oder sogar bewusst ausklammern? Die Schuldenerlassbitte Jesu hat als biblischen Hintergrund die Erzählung vom Bundesbruch am Sinai Ex 32–34. Ihre Formulierung zitiert den aramäischen Text von Ex 34, 9 «und erlass unsere Schulden und unsere Sünden», wie er auch in der Synagoge vorgetragen wurde. Konkret soll Gott, den Mose in Ex 34, 7 einen «der Schulden erlässt» nennt, dem Volk seine Schuld des Abfalls zum goldenen Kalb vergeben. Dieser Traditionshintergrund der fünften Vaterunserbitte – die Vergebung einer kollektiven Schuld – will ernstgenommen werden. Müssen wir also nicht wie Israel in diese Bitte auch unser gemeinsames Versagen vor Gott und den Menschen einschließen? Dazu könnten uns nicht zuletzt die Schuldbekenntnisse und Vergebungsbitten ermutigen, die Papst Johannes Paul II. zu Beginn der Österlichen Bußzeit des Jubiläumsjahres 2000 im Namen der Kirche gesprochen hat. In ihnen geht es nicht nur um Sünden einzelner Glieder der Kirche, sondern ausdrücklich auch um «die Sünden der Kirche». Die folgende exegetische Betrachtung eines alttestamentlichen Volksklagelieds möchte für diesen Zusammenhang von «Heiligem Gottesvolk und Schuld» in der Gebetstradition Israels sensibilisieren und trotz aller geschichtlichen und gesellschaftlichen Unterschiede den Umgang der Kirche mit ihren Verfehlungen theologisch und spirituell vertiefen.

Ich wähle dazu Jes 63, 7 – 64, 11, den vielleicht «gewaltigste[n] Volksklagepsalm in der Bibel». Er bildet mit seinem dreimaligen Pochen auf «du [Gott] bist unser Vater» (63, 16a.b; 64, 7) «eine Brücke zur Gebetsbelehrung Jesu im Vater unser». Dieses emotionsgeladene, bilderreiche und theologisch ebenso kreative wie radikale Klagegebet beginnt mit der sehnsuchtsvollen Erinnerung an die Heilstaten Gottes am Anfang Israels und endet mit der bangen Frage nach seinem künftigen Verhalten. Denn bis in die Verfassergegenwart liegen die Städte in Schutt und Asche, ist Jerusalem eine Wüste und der Tempel niedergebrannt (vgl. 63, 18; 64, 9f ). Das Klagelied dürfte deshalb während oder erst nach der Zeit des babylonischen Exils verfasst worden sein. Was Israel in seiner gegenwärtigen Schuldverstrickung beten lässt, ist allein seine Beziehung zu JHWH. Wie sie hier zu Wort kommt, ist im Alten Testament einzigartig. Im Folgenden lege ich (2) den Geschichtsteil und (3) den eigentlichen Klageteil des Textes aus und fasse abschließend (4) die Leitideen des Volksklagelieds für das Beten um Vergebung der gemeinsamen Schuld zusammen. Den Schrifttext zitiere ich nach der Einheitsübersetzung 2017.

2. «In all ihrer Bedrängnis war auch er bedrängt» ( Jesaja 63, 9) – die Heilsgeschichte

Der Klagepsalm beginnt mit einem Rückblick auf die überlieferten Rettungstaten Gottes. Sie werden im ersten Teil 63, 7–14 bedacht. Während die einzeln erwähnten Ereignisse der Heilsgeschichte mit der Klage verschmelzen (63, 11– 14), steht die allgemeine Reflexion über das Gnadengeschehen der Frühzeit unter dem Vorzeichen des Gotteslobes (63, 8–10). Ihm geht noch ein hymnischer Aufgesang voraus, den ein einzelner Sänger, vielleicht auch das «Ich» der betenden Gemeinde (vgl. 63, 15), anstimmt:

Die Taten der Huld des Herrn will ich preisen, die Ruhmestaten des Herrn,
gemäß allem, was der Herr uns erwiesen hat,
seine große Güte, die er dem Haus Israel nach seiner Barmherzigkeit
und seiner großen Huld erwiesen hat. (63, 7)

Dieses Lob des erbarmungsvollen Handeln Gottes bildet das Programm des ersten Liedteils. Doch wird sich auch die Klage zu Beginn des zweiten Teiles auf diese heilsvolle Zuwendung Gottes berufen (63, 15). «Ich will preisen» meint wörtlich «ich will gedenken» – das Verb durchzieht als Leitmotiv den gesamten Text und steht gliedernd zu Beginn oder am Abschluss einzelner Abschnitte (63, 7.11 bzw. 64, 4.8). Das allgemein gehaltene preisende «Gedenken» (63, 7) mündet in eine ebenfalls verallgemeinerte Beschreibung des Verhältnisses Gottes zu Israel (63, 8–10). Sie betont vor allem das Beglückende der Beziehung in den «Tagen der Vorzeit». Denn die grundlegende Zuneigung Gottes (63, 8) und sein Einsatz für Israel (63, 9) sind in diesen Versen wesentlich breiter dargestellt als die Empörung des Volkes und die darauf reagierende Feindschaft Gottes (63, 10). Auch die auff allende Dichte von Wörtern für die göttliche Gunst – Huld, Güte, Barmherzigkeit, Liebe, Mitleid – unterstreicht diese Gewichtung. Eine ähnliche Häufung findet sich später nochmals zu Beginn des Klageteiles, weil dann diese göttliche Zuwendung den Betenden fehlt (63, 15).

Nach dem hymnischen Auftakt und nur an dieser Stelle des Lieds wird Gott zitiert. Er bekennt sich zu seiner Selbstbindung an Israel. Wenn er selbst sie ausspricht, besitzt sie höchste Glaubwürdigkeit:

Er sagte: Gewiss, sie sind mein Volk, Kinder, die nicht treulos handeln.
So wurde er ihnen zum Retter. (63, 8)

Gott ist der Urheber Israels. Im Hintergrund stehen unausgesprochen seine Erwählung und Adoption. Wenn die Israeliten «Kinder» Gottes sind, dann ist er ihr Vater. Das wird hier noch nicht ausdrücklich gesagt. Dennoch bildet die Rolle, die Gott sich als Vater selbst zugewiesen hat, fortan die Voraussetzung seines Wirkens für sein Volk. Und seine familiäre Bindung bleibt auch der Angelpunkt aller Hoffnung für die bedrängte Gegenwart. Israel wird deshalb im Klagegebet Gott ausdrücklich als seinen Vater anrufen (63, 16a.b; 64, 7). Hat ihn doch seine Verpflichtung gegenüber seinem Volk und das Vertrauen auf die Treue seiner Kinder schon in der Vergangenheit zum Retter werden lassen. [...]


Lesen Sie den kompletten Artikel in der Printausgabe.

Zurück zur Startseite
Jahresverzeichnis 2017

Hier erhalten Sie das Jahresverzeichnis 2017

Sie haben die Wahl ...
weitere Infos zu unseren Abonnements

Komfortabler Online-Bereich mit Archiv-, Download- und Suchfunktion sowie komplettem Autorenregister.

Online-Ausgabe einsehen

Online-Ausgabe bestellen
Unsere Autoren
Hier erhalten Sie einen Überblick unserer Autoren.
Newsletter
Unser Newsletter informiert Sie über die Inhalte der neuesten Ausgabe.
Die internationalen Ausgaben von Communio
Internationale Ausgaben von Communio
Internationale Ausgaben von Communio finden Sie hier.
Verein der Freunde und Förderer Communio e.V.
Allgemeines zu unserem Verein
Sie wollen unserem Verein beitreten?
Vereinssatzung

Unsere neue Dienstleistung für Verlage, die Ihr Abogeschäft in gute Hände geben wollen.


aboservice

mehr
Informationen


Communio
Telefon: +49 (0) 711 44 06-140 · Fax: +49 (0) 711 44 06-138
Senefelderstraße 12 · D-73760 Ostfildern
Kontakt | Sitemap | AGB | Widerruf | Datenschutz | Impressum