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Jan Heiner Tück Professor für dog-
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Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/com.2018.1.29–37
Bertram Stubenrauch
SÜNDE — SCHULD — VERGEBUNG
Konturen einer Erlösungslehre
Es bedarf keiner ausgeprägten Mühe um zu sehen, dass es im menschlichen Leben Versagen, Versäumnis und Schuld gibt. Aber nicht jede Fehlleistung belastet gleichermaßen, was sich schon am Sprachgebrauch zeigt: Wer um ein persönliches Versagen weiß, darf sich berechtigterweise fragen, ob der Grund dafür schlichtes Unvermögen war oder ein innerer oder äußerer Zwang. Versäumnisse können aus Nachlässigkeit entstehen, sei es aufgrund mangelnden Wissens oder mangelnder Aufmerksamkeit, oder einfach deshalb, weil man bequem und feige gewesen ist. Schuldig geworden zu sein hingegen heißt, jedenfalls in der Tiefe des Begriffs: Jemand hat bewusst, freiwillig und gezielt das Recht und die Würde anderer verletzt.

Schuld findet sich immer und sie findet sich überall; das Archiv menschengemachten Schreckens spricht Bände. Dass dieses Thema auch im wichtigsten Gebet der Christenheit zur Sprache kommt, wird deshalb kaum überraschen. Allerdings hat Jesus von Nazareth nicht mit großer Geste auf das Faktum menschlicher Schuld gezeigt. Denn er strebte im Klein-Klein der täglichen Not nach ihrer stillen Überwindung aus unbedingter Liebe. Aber dass vieles, was Menschen einander antun können, Jesu Lebensweg gezeichnet und wohl auch angefochten hat, hängt mit der Entschiedenheit zusammen, mit der er seiner Sendung nachkam.

In den folgenden Zeilen sei überlegt, was Schuld ausmacht, welches Bild von Gott und welches Bild vom Menschen sie zeigt. Im selben Licht lässt sich dann ermessen, was es heißt, auf die Vergebung der Schuld zu hoffen und gläubig um sie zu bitten.

1. Schuld unter Menschen

Das Wort Sünde spielt im Vergleich zum Schuld-Begriff, theologisch bedacht, die wohl größere Rolle, und das aus gutem Grund. Denn von Sünde lässt sich nur dann sinnvoll sprechen, wenn im Hintergrund der Transzendenzgedanke steht. Sünde gibt es nur «vor Gott». Erst die normgebende Instanz, insbesondere eine anspruchsvolle Liebe, die nicht mit innerweltlichen Plausibilitäten verrechenbar ist, aber jeden Menschen «unbedingt angeht» (Paul Tillich), macht Sünde greifbar. Diese kommt aus dem Nein zur heteronomen Verankerung des menschlichen Daseins und lehnt es ab, dass Freiheit als geschenkte Freiheit, das heißt als ein Mandat begriffen wird, das Freiheit als Liebe geltend macht.

Der kulturell sehr wirkmächtige, biblische Erzählstrang vom Sündenfall der sogenannten Stammeltern, deren Name für die Menschheit als Ganzes steht, bringt den beginnenden Lauf des Unheils mit archaischer Wucht zur Sprache: Adam und Eva vergreifen sich an der Mitte. Sie finden es unerträglich, nicht nach eigenem Ermessen festlegen oder verwerfen zu können, woraus sie geistig leben möchten. Das Maß aller Dinge sind sie selbst. Autonomie statt Heteronomie, Freiheit um der Willkür willen, nicht Freiheit, die einen Auftrag hat – im Spannungsfeld dieser Maximen sieht das erste Buch der Bibel den Grund einer höchst tragischen Zerrüttung im Verhältnis von Mensch und Gott verortet.1

Gäbe es den Schöpfer nicht, der sich dem geschaffenen Geist herausfordernd zumutet, oder dächte man den Grund des Seins unpersönlich, wäre die Sünde kein Thema. Es bliebe nur die Verfehlung, es bliebe der Widerspruch: das Verbrechen gegen die Konvention, gegen die Überlieferung, gegen das Gesetz, gegen die Menschlichkeit, die guten Sitten, den bürgerlichen Anstand, den guten Geschmack.

Schuld gibt es – im Gegensatz zur Sünde – auch losgelöst vom Gottesgedanken, ohne transzendente Überwelt. Schuld lässt sich als eine Systemverletzung begreifen und von daher klar diagnostizieren. Sie wird, sofern es das Interesse und die Möglichkeit zur Wiedergutmachung gibt, ausgeglichen. Denn die Ordnung, innerhalb der es zu einer Schuld gekommen ist, bleibt überschaubar, selbst wenn schwere Schuld vorliegt. Es handelt sich um eine punktuelle Störung in einem geschlossenen Ganzen. Zum Beispiel die Schuld im Straßenverkehr: Das Fehlverhalten wird erkannt und taxiert, weil ein ausgeklügelter Verhaltenskodex die verhängnisvolle Unverträglichkeit sofort brandmarkt. Und wer für den Verstoß verantwortlich zeichnet, begreift in der Regel recht gut die Problemlage und übernimmt Verantwortung. Die bestehende Ordnung behauptet aus pragmatischen Gründen ihre Unantastbarkeit. Gewiss durchschaut man oft nur schwer, welche Folgen eine Schuld unter Umständen heraufbeschwört, wer unter ihr zu leiden hat und wie lange. Und natürlich kann sich auch eine relativ harmlose Systemverletzung fatal auswirken, wenn sie Leib und Leben Betroffener unwiderruflich schädigt. Die Erblast eines Fehlverhaltens vernichtet sogar sehr oft alle Möglichkeiten zur Wiedergutmachung – doch der Tatbestand selbst bleibt überschaubar. Er erschließt sich im Kontext eines Regelwerkes, das der sozialen Verträglichkeit dient.

Punktuell benennbar und strafrechtlich taxierbar bleibt auch die schwere moralische Schuld etwa auf dem Gebiet des Völkerrechts. Unter Krieg und Vertreibung leiden ungezählte Menschen immer wieder und in schrecklicher Weise; doch auch hier wird die Tat vom System entlarvt. Sein inneres Gefüge bringt ans Licht, was missachtet und manipuliert worden ist, worüber man geschwiegen oder hartnäckig gelogen hat. Die Anklage, die im Idealfall ergeht, lebt von der Recherche und vom Beweis. Sie beschreibt präzise den Vorfall, entsprechend bemisst sich die Strafe. Das sogenannte «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» senkt mit rücksichtsloser Brutalität den Grundwasserspiegel des gesellschaftlichen Moralbewusstseins. Es ist ein Verbrechen angesichts eines inzwischen vielfach formulierten und international promulgierten Standards. Aber es geht – bei aller Ungeheuerlichkeit – keineswegs um alles oder nichts. Die Schuld bleibt abschätzbar. Sie ist ein Angriff auf das positive und natürliche Recht.

2. Schuld vor Gott


Anders verhält es sich mit der Schuld vor Gott. Wer sollte in der Lage sein, in diesem Fall eine Störung zu orten? Das wäre nur möglich, wenn ein Begriff vom Ganzen zur Verfügung stünde. Man müsste also Gott zum System erklären, um zeigen zu können, wo die Verletzung liegt. Mehr noch: Man müsste einen Standpunkt beziehen, der das System «Gott» gewissermaßen noch einmal überwölbt, wie analog das positive Gesetz vom Gesetzgeber überwölbt wird, der es erlässt. Und wenn dann ersichtlich würde, gegen welches Moment im System der göttlichen Wirklichkeit sich ein Verstoß gerichtet hat, könnte auch die Schuld vor Gott benannt, taxiert und ausgeglichen werden.

Die Absurdität eines solchen Unterfangens liegt auf der Hand. Schuld vor Gott ist kein Fauxpas, den eine punktgenaue Reparatur aus der Welt schaffen könnte. Selbst jene furchtbare Schuld, die jeder Beschreibung spottet, weil sie Massentötung und Völkermord bedeutet und auf das Konto von Kriegstreibern und Kriegsgewinnlern geht, fordert als Referenzpunkt nicht das Göttliche selbst ein, damit es von ihm her zum Ausgleich kommt. Wie sollte ein Verbrechen wie beispielsweise die Shoa jemals zum Ausgleich finden? Indem ein neues Morden anhebt im Namen Gottes und sich die Brutalität fortsetzt? Undenkbar. Auch Unrecht, das zum Himmel schreit, wird nicht mit himmlischen Mitteln geahndet, sondern auf der Basis positiven Rechts. Die Täter müssen benannt, verfolgt und verurteilt werden, und zwar nach menschlichem Gesetz. Gott ist nicht der Staatsanwalt irdischer Gerichtsbarkeit und schon gar nicht ihr Henker. Für die Belange auch unsäglicher Schuld trägt der Mensch selbst die Verantwortung. Über ein Gottesrecht verfügt er nicht. Der vermeintliche Gottesstaat hat immer nur Unrecht gebracht durch übelsten Terror. Er hat das Göttliche in das Prokrustesbett eines ideologischen Systems gepresst und damit nur denen gedient, die Meister in der Manipulation gewesen sind.

Schuld vor Gott ist unermessliche Schuld. Sie bleibt jenseits aller Sündenkataloge unerhört. Der mittelalterliche Theologe Anselm von Canterbury bewies durchaus Tiefblick mit seiner These, dass die Beleidigung Gottes ihrem Wesen nach irreparabel sei. Sie ist in der Tat ein Vergehen, bei dem es um alles oder Nichts geht.2 Aus der Sünde, Gott zu ignorieren, wächst als Konsequenz der absolute Heilsverlust. Schuld vor Gott zerstört die Voraussetzung, überhaupt sein zu können. Sie versündigt sich am Selbstverständlichsten des Selbstverständlichen, am Notwendigsten des Notwendigen. Homo homini lupus (T. M. Plautus) – der Mensch wird immer den Menschen verschlingen, und das bedeutet Untat und Schuld im Kleinen wie im Großen. Aber wenn ein Geschöpf den Boden wegstößt, in dem es wurzelt, dann versagt jede Klassifizierung. Die Konsequenz kann nur Zersetzung bedeuten, wodurch sich der Untergang programmiert – nicht als eine Vergeltungsstrafe, die gleichsam per Dekret verhängt würde, sondern als innere, unausweichliche Evolution ins Nichts.

Auch für diesen Zusammenhang hat der Stammeltern-Mythos der Bibel eine klare Sprache gefunden: «Die von Gott dem Chaos abgerungene und vom Einbrechen des Chaos stets gefährdete Ordnung der Schöpfung käme ins Wanken, wenn die Differenz zwischen Schöpfung und Schöpfer verwischt oder aufgehoben würde. Gerade das aber wäre der Fall, wenn der Mensch vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen äße: er würde dann werden ‹wie Gott› (Gen 3, 22). Nachdem er das durch den Bruch der Verbots geworden ist, muss die Differenz zwischen Gott und dem Geschöpf auf andere Weise markiert werden. Das geschieht, wie Gen 2, 17 (vgl. 3, 19) androht, durch den Tod, also dadurch, dass der Mensch durch Vertreibung aus dem Garten und damit aus der unmittelbaren Lebensgemeinschaft mit Gott daran gehindert wird, auch noch vom Baum des Lebens zu essen und dann ewig zu leben (Gen 3, 22)».3

Der perennisierte Angriff auf das Selbstverständliche könnte niemals zu einem Leben in Glück und Geborgenheit führen, da es den Todeskeim in sich trägt. Der Mensch ist nicht Gott und kann sich nicht selbst geben, was ihn groß macht. Versucht er es doch, wird er zum Opfer schlimmster Zerrbilder: Selbstbehauptung im Rausch vermeintlicher Allmacht, Egomanie und Misanthropie, geistige Umnachtung im metaphysischen Sinn des Wortes. Aber die «wirkliche Wirklichkeit Gottes» (Kurt Krenn) ist so selbstlos in lauterer Liebe, dass sie das Sein als pure Proexistenz zur Geltung bringt und dem Geschöpf, das ihm ins Angesicht spottet, Rettung noch im Fall zusichert. Von daher übermittelt der biblische Sündenfallmythos die deutlich entmythologisierte Botschaft: «Nicht die Bestrafung des Menschen steht im Vordergrund, sondern die Bewahrung der durch ihn gefährdeten Wohlordnung der Schöpfung».4

Schuld vor Gott ist Waghalsigkeit, die auf das Ganze geht und das Ganze verliert. Der Sturz der Schuldigen ist radikal, weil er aus der Radikalität der Schuld vor Gott resultiert. Bei aller Gewagtheit, die vielen Spekulationen des Kirchenschriftstellers Origenes von Alexandrien anhaftet – sein Gedanke, dass es einen der «Erkaltung» verdankten Abstieg des ursprünglich vollendeten, präexistenten Geistes (ausgenommen die Seele Jesu) gegeben habe,5 erinnert daran, wie grundstürzend die Entfremdung vom Schöpfer sein müsste, wenn es nicht zur göttlichen Gegenmaßnahme gekommen wäre – in mindestens gleicher Radikalität, in mindestens gleicher Nachhaltigkeit.

3. Die Schuld-Hypostase


Wer die menschliche Schuld vor dem Hintergrund der Sünde thematisiert und nicht nur eine Störung von Regeln in ihr sieht, so brutal und inhuman diese auch sein mag, blickt in den Abgrund einer tragischen Selbstzersetzung. Wie sollte sich die Kreatur ohne jenes gewährende Wort, aus dem sie kommt, behaupten können? Woher nähme sie, worüber sie offensichtlich nicht verfügt – das Licht, den Atem, Geist und Liebe? Mit der Sünde ist der Mensch schuldig geworden an seiner eigenen Existenzgrundlage. Er wirft Steine im Glashaus und merkt erst später, mit welchem Schaden. Denn die Schuld, die aus der Sünde kommt, hat sich im Lauf der Geschichte aufgebläht, und: Sie hat sich verselbstständigt. Sie ist zur unpersönlichen, gefräßigen Hypostase geworden, zum dramatischen Vortrab des galoppierenden Trends nach unten. Der Mechanismus des Skandals hat als Selbstläufer ganze Arbeit getan; er kennt keinen Stillstand.

Schuld, die aus der Sünde kommt, ist also Schuld vor Gott. Da sie das Selbstverständliche des Selbstverständlichen angreift, lösen sich die Koordinaten auf, die sie sichtbar machen. Sie wirbeln durcheinander und werden unleserlich. Die vermeintliche Souveränität über Gut und Böse, die sich der Mensch anmaßt, ohne Gott ins Spiel bringen zu müssen, ist kein wirklicher Gewinn. Denn wer um Gut und Böse tatsächlich weiß, muss auch über die Mittel verfügen, das Gute vor dem Bösen zu schützen. Der Mensch ist dazu nicht in der Lage. Er weiß um Gut und Böse nur in der Verbindung mit Glaube, Hoffnung und Liebe. Ohne Gottesbezug fehlt ihm die Gabe der Unterscheidung; seine Wertschöpfung wird willkürlich.

Solange Böses erkannt bleibt, weil der Glaube, wirksam in Hoffnung und Liebe, dagegen Protest erhebt, bezeugt menschliche Freiheit das göttliche Licht. Aber sobald die Sünde frech wird und mit der Schuld, die sie gebiert, auch noch prahlt, gibt es kein Halten mehr; der horror vacui tritt seine Schreckensherrschaft an. Man kennt es hinlänglich genug: die Leugnung von Tatsachen; Freude an Hass und Brutalität; parteiische Schönfärberei; Verherrlichung ideologischer Parolen; freie Bahn für das Recht des Stärkeren… Schuld mutiert zur Tugend, sie duldet keinen Ankläger mehr und keinen Richter. Die Wahrnehmung des Seins verliert ihre Verweiskraft und damit ihren dialogischen Charakter. Eine tödliche Sprachverwirrung stellt sich ein.

Doch der Schöpfer wird sein Werk, das «sehr gut» ist (Gen 1, 31), schützen; das vermeintliche Wissen hat keine Zukunft. Etwa deshalb, weil ein «Mächtiger, Übermächtiger und doch Rachelustiger» zu kurz kommen würde, wie Friedrich Nietzsche gemutmaßt hat?6

Das Gegenteil ist der Fall. Um der Schuldigen willen wird Gott seine Schöpfung bewahren. Denn die Untaxierbarkeit der Schuld hätte nicht nur zum leiblichen Tod des Menschen geführt, sondern zu seiner schieren Selbstaufhebung. Auch hier hat Anselm von Canterbury durchaus scharfsinnig argumentiert. Aut satisfactio aut poena7 – es gibt kraft der ewigen Ordnung um ihrer selbst wegen im Fall der irreversiblen Verletzung nur eine Konsequenz: Gott hätte den Irrsinn der Schuld mit Distanzierung quittieren müssen. Doch diese Reaktion bleibt aus. Der Schöpfer verharrt nicht in stiller Unerbittlichkeit auf dem, was rechtens und angebracht wäre, sondern er schlägt sich auf die Seite derer, die dem Selbstverständlichen das Recht nahmen.

4. Schuld und Gottesbild

Mit dem Gesagten tritt zutage, wie Gott ist, und es zeigt sich, wie der Mensch ist. Bei Gott liegt jede Initiative, der Anfang (durch die Schöpfung) und der Neuanfang (durch die Erlösung). Aus seiner überfließenden Großzügigkeit kommt das Leben – das er freilich so mit Informationen getränkt hat, dass ein Geschöpf entstand mit der Befähigung, mehr von ihm zu empfangen als nur Licht und Atem und Nahrung: Zum Dialog mit Gott ist es berufen, und zwar in Freiheit und Liebe. Dieser Dialog stockt mit der Sünde. Und doch greift im Moment der Verweigerung – er begann «damals» und hält bis «heute» an, ist also geschichtlich, nicht bloß ideell zu verstehen – die göttliche Gegenmaßnahme. Dem Verfall wird Einhalt geboten. Der Tod begrenzt die irdische Lebenszeit, aber seine totale Zerstörungsgewalt ist gebrochen. Dem naturalistischen Einwand, dass der Tod zum Prinzip der Evolution gehöre und deshalb immer schon «in der Ordnung» der anorganischen und organischen Natur lag, darf beruhigt erwidert werden, dass mit der Entstehung von Geist und Freiheit vor Gott ein Mutationssprung erfolgte, der in eine völlig neue Dimension weist. Aber es ist dem Menschen nicht gelungen, ihr gerecht zu werden. Sein Tod resultiert in der Tat, wie es Paulus angedeutet hat, «aus der Sünde» (Röm 6, 23).

Mit dem Menschen stirbt indes auch der «Sohn». Jesus, der seinen Jüngern das Vaterunser gelehrt hat und offensichtlich um die Tragweite der Schuld vor Gott wusste, erleidet den Tod schnörkellos in aller Härte, wie sie sich nur einem Wesen mit «Geist» präsentiert, weil es fähig ist, sich gegen ihn aufzulehnen. Aber Jesus weiß als Sterbender zugleich, was stärker ist als der Tod: die Vergebung und mir ihr der Neuanfang. Die Vergebung zieht einen Schlussstrich hinter das Vergangene und sie weist nach vorn, sie schenkt Zukunft. Dementsprechend kennt das Vaterunser eine präsentische und eine futurische Dimension: «In jeder gegenseitigen Vergebung wirkt sich die große Vergebungsbereitschaft Gottes am Ende aus. In jeder kleinen Versuchung wird die große Versuchung gemeistert».8

So also ist Gott: Er bezahlt den Preis, den Geist und Freiheit einfordern, sobald sie sich zerstörerisch zeigen. Die Vergebung ist ein neuer, schöpferischer Akt seiner bedingungslosen Liebe. Damit bleibt sie der originären Verfügungsgewalt des Menschen entzogen. Dessen Beitrag zur Bewältigung von Sünde und Schuld hat einen durch und durch deprekatorischen Charakter. Er beruht auf der unablässigen Bitte an Gott, sich neu als Schöpfer zu erweisen. Dass diese Bitte – jetzt und am Ende der Zeit – Erhörung findet, hat sich mit der Auferweckung des Gekreuzigten und der Sendung des Heiligen Geistes bestätigt. Jesus wurde gleichsam zum Ahnherrn der umfassenden Neuschöpfung am Ende der Zeit. Es gibt keinen kosmischen Mechanismus, der die Webfehler der Menschheitsgeschichte beseitigen könnte. Aber es gibt Vergebung.

5. Schuld und Menschenbild

So also ist Gott. Und wie ist der Mensch? Nach biblischer Überzeugung verkörpert er als Geschöpf eine unhintergehbare Wirklichkeit. Wer meint, seine Wirkkraft sei zu unbedeutend und zu gleichgültig, als dass sich «die Götter» (Pythagoras) davon affizieren ließen, wird mit dem Evangelium eines Besseren belehrt. Denn der Schöpfer regiert nicht einfach, sondern er reagiert auch. Er weiß sich herausgefordert von jenem Wesen, das sein «Abbild» ist und ihm «ähnlich» sein soll (vgl. Gen 1, 26). Mit dem Menschen hat sich eine Wirklichkeit vor Gott etabliert, so dass sich das Phänomen Sünde und Schuld gleichermaßen vor Gott vollzieht. Wer den Menschen zum ewigen Patienten erklärt, der nichts für sein Verhalten könne, da es nur Ausdruck seiner genetischen, neuronalen, psychischen, kulturellen und sozialen Prägung sei, raubt ihm die Würde. Das Evangelium widersteht dieser Versuchung – und redet so groß vom Menschen. Die volle Zurechenbarkeit seiner Schuld ist ein beredter Ausdruck für die Höhe seiner Berufung.

Hier zeigt sich im Übrigen die gesellschaftskritische Kraft der Wahrnehmung von Sünde und Schuld: Mit dem Fortschritt der digitalen Mikrotechnik bietet sich über kurz oder lang die lückenlose Überwachung des Individuums an. Mächtige sehen es nicht gern, wenn zu viel Freiheit herrscht; ihr Instrument ist die Kontrolle. Läge nicht tatsächlich ein großer Segen darin, sozusagen flächendeckend mit dem Zaunpfahl zu winken? Ab dem Jahr 2020 will die chinesische Regierung mit der regulierten Anwendung eines Social Credit System den moralischen Standard der Bevölkerung heben. Moral als Leistungssport, Schuldvermeidung durch den Abbau fundamentaler Freiheiten. Sieht so die Zukunft aus?

Der Schöpferwille Gottes weist in die entgegensetzte Richtung. Im Blick auf das Gute bleibt der Mensch zwar gefordert, aber zwangsfrei. Seine Eigenart verbietet es, dass er moralisch unter Druck gesetzt wird. Doch sie leuchtet in dem Wunder auf, dass er umkehrt, um einen Neuanfang zu ermöglichen. So kann und soll auch er vergeben: als Bittender, als Glaubender, als ein Geschöpf, das «Ausschau hält nach Christus» ( J. H. Newman).

6. Vergebung kirchlich

Dass nachgerade die Kirche im Namen Jesu der Vergebung der Schuld mächtig sei, hat sie im Lauf ihrer Geschichte durchaus händeringend lernen müssen. Gegen die Bedenken der sogenannten Novatianer etwa (drittes Jahrhundert), die hinsichtlich der göttlichen Barmherzigkeit im Blick auf Mord, Ehebruch und Glaubensabfall enge Grenzen sahen und deshalb auch der kirchlichen Bußpastoral misstrauten, kam eine Überzeugung zum Sieg, die auch heute nichts von ihrer Aktualität verloren hat: Die Erlösung durch Christus bedeutet immer auch Erlösung von der Unvergebbarkeit der Schuld.

Da der wahrhaft revolutionäre, im vollen Sinn des Wortes radikale Akt der Vergebung nicht vom guten Willen des bekehrten Menschen abhängt, trägt das kirchliche Bußwesen sakramentalen Charakter: Nur Gott allein hat die Kraft, das Wort der Vergebung mit einem neuen Lebensangebot zu verbinden. Wie die Schöpfung selbst, so ist auch die Neuschöpfung eine creatio ex nihilo: Sie ruft ins Dasein und entfaltet, was dem Zerfall geweiht war. Doch während die Schöpfung ohne jede Voraussetzung Gestalt annahm, ist die Neuschöpfung – da Gott den Menschen ernst nimmt – bedingt: durch Sünde und Schuld. Und während das schöpferische Wort Gottes «am Anfang» (Gen 1, 1) keinerlei Vermittlung brauchte, verlautbart der Ruf zur Umkehr zusammen mit dem bevollmächtigten Wort der Vergebung kirchlich vermittelt. Die menschliche Schuld ist ja nach biblischer Auffassung ein Phänomen der Geschichte. Ihr Ursprung liegt nicht in einem zeitenthobenen Widerstreit ewiger Prinzipien, und ihre Überwindung setzt das Lebenswerk einer historischen Persönlichkeit voraus. Jesus hat Vergebung gelebt und noch im Angesicht des Todes diese Haltung bekräftigt. Die Antwort darauf heißt Ostern: Erhöhung des Herrn und Geistsendung.

In der Kraft ihres pneumatischen Auftrags setzt die Kirche das Werk Jesu Christi fort. Dabei handelt sie vikarial, das heißt: Sie gibt in seinem Namen weiter, was sie selbst fortwährend empfängt. Wann und wie immer heute über die Krise des kirchlichen Bußwesens und über fehlendes Sünden- und Schuldbewusstsein diskutiert wird, so muss doch bestehen bleiben oder neu erschlossen werden, dass mit dem schöpferischen Wort der Vergebung durch die Kirche die einzig adäquate Reaktion des schuldig gewordenen Menschen vor Gott evoziert wird: sein Glaube, wirksam durch Hoffnung und Liebe.



Anmerkungen
1 Vgl. Ingolf U. Dalferth, Das Böse. Essay über die Denkform des Unbegreiflichen, Tübingen 2006, 80–86.
2 Vgl. Anselm von Canterbury, Cur Deus homo I 13; I 15; dazu Christoph Asmuth, Cur Deus homo, in: Michael Eckert u.a. (Hg.), Lexikon der theologischen Werke, Stuttgart 2003, 136–137.
3 Dalferth, Das Böse (s. Anm. 1), 81 (Klammern im Original).
4 Ebd., 82.
5 Vgl. Origenes, Peri archõn I 5,5; I 6,3; dazu Hermann J. Vogt, Peri archõn, in: Lexikon der theologischen Werke (s. Anm. 2), 555.
6 Die fröhliche Wissenschaft 135; zitiert nach Eugen Biser, Nietzsche für Christen. Eine Herausforderung (Herderbücherei; 1056), Freiburg – Basel – Wien 1983, 78.
7 Cur Deus homo (s. Anm. 2), I 13.
8 Gerd Theissen – Annette Merz, Der historische Jesus. Ein Lehrbuch, Göttingen 1996, 241.

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