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Leseprobe 3
Andreas Bieringer
«Hühnerleiter wird Jakobsleiter»
Spuren der Liturgie in Peter Handkes Stück «Immer noch Sturm»
Nach der Lektüre von Peter Handkes neuestem Stück Immer noch Sturm bleibt der Leser etwas ratlos zurück: Am Jaunfeld in Kärnten – im Süden von Österreich – versammeln sich um ein «Ich» seine Vorfahren: die Großeltern und ihre fünf Kinder, darunter auch die eigene Mutter. In unterschiedlichen Spiel- und Redeformen treten sie in einer Vielzahl von Szenenfolgen auf und begleiten so den Erzähler in seinen Träumen durch verschiedene Zeitschichten. Das Genre des Stückes ist schwer zu bestimmen, auch der Klappentext lässt diese Frage offen: Handelt es sich um eine Familientragödie, ein Epos der Kärntner Slowenen, ein Geschichtsdrama der ewigen Verlierer? Oder wendet sich der Autor zurück zur eigenen Biographie, deren Voraussetzung und Folgen? Immer noch Sturm ist ein Prosatext mit eingestreuten Dialogen und Regieanweisungen, eine Mischung aus Drama und Poesie, Totengespräch und Historienstück. Inhaltlich geht es um eine slowenische Kleinhäuslerfamilie in Kärnten, die aufgrund ihrer Herkunft und «Quellensprache» vom NS-Regime mit Sprachverbot und Aussiedlungspolitik belegt wird und so in den Widerstand findet. Nach 1945, «kaum zwei Wochen» nach der lang ersehnten Freiheit, schlägt der «frische in einen faulen Frieden» um. Die Täter und Mittäter – «die Brut der tausend Jahre» – kommen als Verbündete der Besatzer wieder an die Macht, und die Muttersprache wird erneut «befeindet». «Es ist eine Tragödie, eine zum Lachen», stellt der Widerstandsheld Gregor desillusioniert fest. Der Widerstandskampf wird nach 1945 in Österreich nicht honoriert, die Slowenen bleiben eine entrechtete Minderheit.

Dieser Text ist aber nicht bloß eine Kärntner Geschichte, er besitzt vielmehr universellen Charakter, besonders sichtbar in den «Zwischenräumen» und im Leidvollen der Geschichte. Im fünften und letzten Teil des Familiendramas hockt sich das «Ich», der Autor, auf «die halbversunkene Bank inmitten des Jaunfelds» zu Gregor, dem überlebenden Widerstandskämpfer und es entwickelt sich eine «Art Rede-Antwort-Wettbewerb, wie er mir [=dem Erzähler-Ich/AB] aus unserer Stammgegend erinnerlich ist.»

[…] Darauf ich: «Und hör: das Glockenläuten durch ganz Kärnten, von Villach über Ferlach bis hinauf nach Gurk –» – Darauf Gregor: «Welche Glocken? Ich höre nichts –» […] Darauf ich: «Aber den Wind, der die Völker im Land verbindet, den entgrenzenden – den hörst du doch?» – Gregor lauscht in die Himmelsrichtungen, wo wieder nichts zu hören sein wird: «Du und deine andere Zeit. Es ist aus mit der – wann wirst du es wahrhaben wollen?» – Darauf ich: «Aber hat deine Mutter nicht immer gesagt: ‹Gott liebt es, zurückzukehren›?» – Und er: «Du und dein Friedenswahn» – Darauf ich: «Aber der Raum – steht der nicht weiter offen?» – Er zurück: «Auch den hat der Krieg mir ausgetrieben. Er hat gefruchtet nur, solang ich ein Kinde der Liebe war.» (S.153)

Dieser Ausschnitt steht programmatisch für die Dialektik Handke’schen Schreibens und die Widersprüche, die das ganze Stück durchziehen. Der Leser wird Zeuge, wie der Autor immer wieder aufs Neue gegen die «Flüche», den «Ekel», den «Weltverdruss » anschreibt und so versucht, sich einen «offenen Raum» zu erschreiben. So düster, bedrückend, ja leidvoll diese Geschichte über weite Strecken auf den Leser auch wirken mag, so kann man trotzdem schlussfolgern, Immer noch Sturm bringt einen «großen Gesang auf das Leben» auf die Bühne! Die Faszination liegt in Handkes «kontemplativer Form der Aufmerksamkeit», die er den Menschen, Namen, Gesten, Gebärden, Geräuschen, Dingen, Orten, Plätzen, Räumen, Tages- und Jahreszeiten, Zeiten des Kirchenjahres, den Naturdingen und -erscheinungen entgegenbringt. So verwundert es weiter nicht, dass das Läuten der Glocken, der völkerverbindende Wind, die gebrochene Sehnsucht nach Frieden zu Boten Handke’schen Schreibens und Denkens werden.

«Du wirst gehen / zurückkehren – nicht sterben im Krieg»

Die Familien-Thematik des Stückes Immer noch Sturm nimmt seinen Ausgang in einem Brief des erst zwanzigjährigen Peter Handke an seine Mutter. Am 13. Jänner 1963 schrieb er der Mutter, er habe von seinem Onkel Gregor, ihrem in Russland gefallenen Bruder, geträumt. In diesem Traum sei er, als Onkel Gregor – «an dessen Stelle er war» – im Krieg von seinem Feldlager aufgestanden und desertiert. Er wusste auch von seinem Bruder Hans, den er auf der Flucht wieder treffen würde und «der mit ihm gehen sollte». Unter dem Motto «Du wirst gehen / zurückkehren – nicht sterben im Krieg» griff Handke den Gregor-Traum erstmals in seinem Debütroman Die Hornisse (1966) auf – seither kehrt die Thematik in seinen Erzählungen immer wieder und wird so zum «Zentrum von Handkes literarischem Familienmythos». [...]


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