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THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
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Jan Heiner Tück Professor für dog-
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Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
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Leseprobe 2
Ahmad Milad Karimi
Der Koran – Gottespoesie oder Menschenwort?
«Der Koran ist das Festmahl Gottes.»
Muhammad

Gott hat nichts zu sagen; würde er nicht ununterbrochen, ja ohne Atempause sprechen, wenn er doch auch Herr der Sprache wäre? Wie hätte er sich von der Sprache distanzieren können, hätte er nicht bloß das Vermögen des Sprechens, sondern zugleich auch das Erklingen der Worte geschaffen? Ist ihm sein eigenes Werk in Nebel und Nacht zurückgesunken, aus den Händen entronnen? Gott schweigt nicht, bestenfalls ist er vergesslich. Vergisst er jedoch seine Vergesslichkeit, so soll es nicht verwundern, dass er schweige. Vergisst Gott sein eigenes Wort, so würde er sich nicht vom Tier unterscheiden, denn auch das Tier besitzt nach Friedrich Nietzsche das glückliche Schicksal, im Modus einer doppelten Vergesslichkeit zu weilen, unhistorisch und stumm.1 Allein, stumme Götter sind ermüdend.

Der Islam ist der Versuch, zeigen zu wollen, dass sich Gott zu seiner Schöpfung insbesondere sprachlich, ja poetisch verhält, ununterbrochen und überall zugleich. Ausdruck dieses Verhaltens ist seine Offenbarung selbst: der Koran. Es soll Muhammad gewesen sein, der sich in die Höhe des Berges begab, in eine Berghöhle flüchtete, statt dem Licht der Vielheit die Finsternis bevorzugte, sich der Einsamkeit zwischen Himmel und Erde anvertraute, sich von allem Weltlichen entleerte «in sein[em] Versteck der Hohe», wie es einst Rilke nannte, um den Engel Gabriel, so die islamische Tradierung, zu empfangen. Gabriel überreichte ihm jedoch nicht den Koran als Buch; vielmehr sollte er fortan für dreiundzwanzig Jahre in unregelmäßigen Abständen den Koran hören und das Gehörte zu Gehör bringen.

Die Frage ist: Was ist der Koran? Bereits seit den Anfängen der islamischen Geschichtsschreibung hat die nämliche Frage das Forschen der Exegeten, aber auch das der Rechtsgelehrten in Atem gehalten. In gewisser Weise verstummte die Frage aber auch von da an, als sich eine Antwort in die Geister einschlich, dass der Koran schlicht das Wort Gottes sei. Der Koran sei das reine Wort Gottes, unübersetzbar, unübertrefflich und unfehlbar. Im Wesentlichen hat dieses Verständnis seine Plausibilität, soll er doch nach dem koranischen Zeugnis selbst die klare Botschaft Gottes repräsentieren. Allein, die Aussage, dass der Koran das reine Wort Gottes sei, sagt nichts aus, sie verschiebt bloß das Problem; denn nun kommen einige Fragen hervor, die nicht mehr vernünftig zu beantworten sind. Ist es überhaupt eine adäquate Annahme, dass Gott spreche? Warum spricht Gott dann ausgerechnet arabisch? Weshalb sind dann im Koran Worte zu finden, die keineswegs einen arabischen Ursprung haben? Was heißt das überhaupt, dass der Koran das Wort Gottes sei? Was ist das Wort? Warum soll der Koran nicht übersetzbar sein, wenn die arabische Sprache eine menschliche Sprache ist? Was bedeutet es dann, dass Gott menschlich spricht?

1. Die historische Genese des Koran

Es ist ein Faktum, dass der Koran ein historischer Text ist, historisch entstanden, historisch tradiert, allmählich überliefert, in einer menschlichen Sprache verfasst. Die Genese des Koran ist für sein Verständnis unabdingbar. Die mekkanischen Suren etwa unterscheiden sich in ihrem Duktus und zuweilen auch in ihrem Inhalt gravierend von den medinensischen Suren. Dass der Koran erst durch Muhammad in einer bestimmten historischen Situation, in einem bestimmten Raum und in bestimmter Weise verkündet wurde, wird selbst von den Muslimen nicht in Abrede gestellt. Allein ein flüchtiger Blick genügte, um zu konstatieren, dass der Koran selbst sich überwiegend zu bestimmten historischen Ereignissen verhält und vor allem sich selbst historisch einordnet. Insofern ist es nur legitim festzustellen, dass der Koran durch und durch historisch ist, einen historischen Kern hat. Der Koran ist eben nicht vom Himmel gefallen wie der Engel «Gibril» bei Salman Rushdie. Im Gegenteil: nach jedem Offenbarungsereignis trug der Prophet den Koran in arabischer Sprache vor. Dieser Vortrag (qira’a) galt und gilt als die ursprüngliche Quelle der Offenbarung. Bereits zu Lebzeiten Muhammads gab es Personen, die den koranischen Vortrag im Gedächtnis bewahrten und darüber hinaus zahlreiche Verse auf direkte Anweisung des Propheten niederschrieben. Aufgezeichnet wurden die Teile des Koran vor allem auf Papyruszettel, Palmstengel und Knochen. [...]


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