zur StartseiteZugang für Abonnenten
Startseite » Archiv » Ausgabe 4/2012 » Leseprobe 3
Titelcover der archivierte Ausgabe 4/2012 - klicken Sie für eine größere Ansicht
Herausgeber und Redaktion
JOACHIM HAKEJoachim Hake
Direktor der Katholische Akademie in Berlin e.V.
URSULA SCHUMACHERUrsula Schumacher
Professorin für Katholische Theologie und Religions-pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe
JAN-HEINER TÜCKJan Heiner Tück
Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
Lesermeinung von
Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

Lesen Sie hier
Ausgaben-Index 1972 bis heute
Chronologisch- thematische Liste aller Hefte von 1972-heute
Autoren-Index 1972 bis heute
Alphabetische Liste aller Autoren und Ihrer Artikel
Unsere Autoren
Hier erhalten Sie einen Überblick unserer Autoren.
Die internationalen Ausgaben von Communio
Internationale Ausgaben von Communio
Internationale Ausgaben von Communio finden Sie hier.
<<< zur vorherigen Ausgabe zur nächsten Ausgabe >>>
Leseprobe 3
Julia Kristeva
ZEHN PRINZIPIEN FÜR DEN HUMANISMUS DES 21. JAHRHUNDERTS
Das II. Vatikanische Konzil hat eine dialogische Öffnung der katholischen Kirche zu den anderen Religionen eingeleitet: zum einen durch das Modell der gestuften Kirchenzugehörigkeit, das sich in der Kirchenkonstitution Lumen gentium findet (LG 14-16; vgl. GS 22), zum anderen durch die Erklärung über die Haltung der katholischen Kirche zu den anderen Religionen, Nostra aetate. Auf dieser Grundlage hat Papst Johannes Paul II. 1986 zum ersten Mal Vertreter anderer Religionen nach Assisi eingeladen, um öffentlich für Frieden und Gerechtigkeit Zeugnis abzulegen. Anlässlich des 25jährigen Jubiläums hat Papst Benedikt XVI. im Oktober 2011 erneut nach Assisi eingeladen. Dabei ist er insofern über seinen Vorgänger hinausgegangen, als er auch Agnostiker und bekennende Atheisten eingeladen hat. Nicht um sie zum Gebet aufzufordern, sondern um ihr Zeugnis im Sinne einer Fremdprophetie anzuhören, an der die Religionen heute nicht vorübergehen können. Julia Kristeva, Schülerin von Jacques Derrida, die im Suhrkamp Verlag einige viel beachtete Bücher veröffentlicht hat, hat diejenigen Zeitgenossen vertreten, die nicht glauben können oder nicht glauben wollen, aber an einem gemeinsamen Einsatz für einen «neuen Humanismus» interessiert sind. Ihre Rede in Assisi sei hier unter der Rubrik «Die Stimme des Gastes» dokumentiert.
JHT

Ich danke Ihnen für die Ehre, die Sie mir mit der Einladung erwiesen haben, im Namen der Humanisten vor dieser renommierten Versammlung sprechen zu dürfen. Was ist Humanismus? Ein großes Fragezeichen bezogen auf die ernsteste Sache schlechthin? Es war die europäische Tradition, die griechisch-jüdisch-christliche, die dieses Ereignis hervorgebracht hat, das nicht aufhört zu versprechen, zu enttäuschen und sich immer neu zu begründen.

Wenn Jesus sich mit denselben Worten beschreibt ( Joh 8,24), mit denen sich Jahwe an Moses gerichtet hat (Ex 3,14), und sagt: «Ich bin es», definiert er den Menschen als eine «unzerstörbare Singularität» (gemäß den Worten Benedikts XVI.) – und antizipiert damit den Humanismus. Unzerstörbare Singularität, die ihn nicht nur an das Göttliche zurückbindet, und zwar über die direkte Nachkommenschaft Abrahams hinaus (so wie dies schon für das Volk Israel galt), sondern zugleich auch Erneuerung bedeutet. Denn wenn sich das «Ich bin es» Jesu von der Vergangenheit und der Gegenwart bis in die Zukunft und auf das ganze Universum erstreckt, dann werden der brennende Dornbusch und das Kreuz universal.

Wenn die Renaissance mit Erasmus und die Aufklärung mit Diderot, Voltaire, Rousseau, aber auch dem Marquis de Sade und bis hin zu dem atheistischen Juden Sigmund Freud die Freiheit der Männer und Frauen proklamieren, sich gegen die Dogmen und die Unterdrückung aufzulehnen, die Fesseln von Geist und Körper abzulegen, jede Gewissheit, jedes Gebot oder jeden Wert in Frage zu stellen – wurde damit der Weg in einen apokalyptischen Nihilismus gebahnt? Bei allem Kampf gegen den Obskurantismus hat die Säkularisierung vergessen, sich die Frage nach dem Bedürfnis zu glauben zu stellen, das das Verlangen nach Wissen umgreift, ebenso wie die Frage nach den Grenzen, die dem Todeswunsch entgegenzustellen sind – um gemeinsam zu leben. Dennoch ist es nicht der Humanismus, sondern es sind die fanatischen, technizistischen und alles verneinenden Auswüchse der Säkularisierung, die der «Banalität des Bösen» erlegen sind und die heute der zunehmenden Automatisierung des Menschengeschlechts Vorschub leisten. «Habt keine Angst!» – diese Worte Johannes Paul II. richten sich nicht nur an die Gläubigen, um sie in ihrem Widerstand gegen jede Form von Totalitarismus zu ermutigen. Der Appell dieses Papstes – und Apostels der Menschenrechte – ruft uns auch dazu auf, uns vor der europäischen Kultur nicht zu fürchten, sondern vielmehr den Humanismus zu wagen: gemeinsame Verbindungen herzustellen zwischen dem christlichen Humanismus und demjenigen, der, ausgehend von der Renaissance und der Aufklärung, danach strebt, über die gefahrvollen Wege der Freiheit aufzuklären. Heute gilt unser Dank Papst Benedikt XVI. dafür, dass er, zum ersten Mal an diesem Ort, all die Humanisten unter Ihnen eingeladen hat.

Hier, zusammen mit Ihnen auf dem Boden von Assisi, sind daher meine Gedanken beim hl. Franz von Assisi, der «nicht so sehr danach verlangt, verstanden zu werden, als vielmehr zu verstehen», und auch nicht «geliebt zu werden, sondern zu lieben»; der zusammen mit dem Werk der hl. Klara die Spiritualität der Frauen beflügelt; der das Kind im Herzen der europäischen Kultur verankert, indem er das Weihnachtsfest [die Krippenfrömmigkeit, Anm. d. Red.] ins Leben ruft; und der, einige Zeit vor seinem Tod und bereits als Humanist avant la lettre, einen Brief «an alle Bewohner der ganzen Welt» verschickt. Ich denke aber auch an Giotto, der die heiligen Texte in lebendigen Bildern des alltäglichen Lebens der Männer und Frauen seiner Zeit entfaltet und die moderne Welt vor die Herausforderung stellt, gegen das toxische Ritual des allgegenwärtigen Spektakels unserer heutigen Zeit Front zu machen.

Kann man noch von Humanismus reden, oder besser: Kann man dem Humanismus noch das Wort reden?

Dante Alighieri, der den hl. Franziskus im Paradies seiner Göttlichen Komödie feiert, ist es, der mir dabei in den Sinn kommt und mir ins Gewissen redet. Denn Dante hat eine katholische Theologie des Humanismus begründet, indem er aufzeigte, dass der Humanismus dann und nur dann existiert, wenn wir uns selbst in der Sprache durch die Erfindung von neuen Sprachen transzendieren. Und so hat er es auch selbst getan, als er einen neuen Stil in die italienische Sprache seiner Zeit einführte und Neologismen kreierte. «Das Menschliche im Menschlichen überschreiten» («transhumanar») (Das Paradies, 1. Gesang, 69), sagt er, dies wäre der Weg der Wahrheit. [...]


Lesen Sie den kompletten Artikel in der Printausgabe.

Zurück zur Startseite

Komfortabler Online-Bereich mit Archiv-, Download- und Suchfunktion sowie komplettem Autorenregister.

Online-Ausgabe einsehen

Online-Ausgabe bestellen
Jahresverzeichnis 2021

Hier erhalten Sie das Jahresverzeichnis 2021
Verein der Freunde und Förderer Communio e.V.
Allgemeines zu unserem Verein
Sie wollen unserem Verein beitreten?
Vereinssatzung

Unsere neue Dienstleistung für Verlage, die Ihr Abogeschäft in gute Hände geben wollen.


aboservice

mehr
Informationen


Communio
Telefon: +49 (0) 711 44 06-140 · Fax: +49 (0) 711 44 06-138
Senefelderstraße 12 · D-73760 Ostfildern
Kontakt | AGB | Datenschutz | Impressum