zur StartseiteZugang für Abonnenten
Startseite » Archiv » Ausgabe 5/2012 » Editorial
Titelcover der archivierte Ausgabe 5/2012 - klicken Sie für eine größere Ansicht
Herausgeber und Redaktion
JOACHIM HAKEJoachim Hake
Direktor der Katholische Akademie in Berlin e.V.
URSULA SCHUMACHERUrsula Schumacher
Professorin für Katholische Theologie und Religions-pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe
JAN-HEINER TÜCKJan Heiner Tück
Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
Lesermeinung von
Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

Lesen Sie hier
Ausgaben-Index 1972 bis heute
Chronologisch- thematische Liste aller Hefte von 1972-heute
Autoren-Index 1972 bis heute
Alphabetische Liste aller Autoren und Ihrer Artikel
Unsere Autoren
Hier erhalten Sie einen Überblick unserer Autoren.
Die internationalen Ausgaben von Communio
Internationale Ausgaben von Communio
Internationale Ausgaben von Communio finden Sie hier.
<<< zur vorherigen Ausgabe zur nächsten Ausgabe >>>
Editorial
Julia Knop
Jerusalem ist die einzige Stadt, die sowohl im Himmel als auch auf der Erde existiert.

So formuliert der britische Historiker Simon Sebag Montefiore in seiner großen «Biographie» Jerusalems, die er 2011 auflagenstark publizierte. Als Stadt und als Symbol steht Jerusalem im Kreuzungspunkt dreier Religionen, sie ist zugleich Wohnort wie Konfliktherd von Menschen zahlreicher Konfessionen, Nationen und Völker. Als Gegenstand rivalisierender Besitzansprüche ist sie eine Stadt der Extreme, von Kämpfen und Kriegen, Verlusten und (vermeintlichen) Triumphen gezeichnet. Jerusalem ist Pilgerzentrum und Touristenattraktion, ein Ort dichtester religiöser Erfahrungen, aber auch Anlass, zumindest Austragungs- ort vielfältiger Fundamentalismen. Jerusalem kann, obgleich Chiffre für die ewige Heimat des Menschen, krank machen – alljährlich erleiden gut hundert Patienten das so genannte «Jerusalem-Syndrom», eine schwerwiegende seelische Erkrankung, deren Destruktivität sich aus der konfliktiven Anlage dieser Stadt zwischen Himmel und Erde speist – Hoffnung und Enttäuschung, Erfüllung und Qual liegen hier offenbar näher beieinander als manch einer ertragen kann. In den religiösen Traditionen von Judentum, Christentum und Islam wird die heilige Stadt als Platzhalter für die Vollendung aller Menschen- wege, die Begegnung des Menschen mit Gott, besungen und gefeiert. Die existentielle Heimatlosigkeit des Menschen findet in Jerusalem im Modus der Verheißung dichtesten Ausdruck. Hier hat der Gott Israels Wohnung genommen, hier vollendete sich das Schicksal Jesu Christi. Der Gott Israels, der Jesu Christi, der selbst an keinen Ort gebunden und dessen Lob keiner Zunge fremd ist, hat sich eingezeichnet in die Geographie und Geschichte dieser Stadt im Bergland von Judäa. Sein Heil reicht bis an die Grenzen der Erde – und doch findet es seine Quelle und sein Ziel auf dem Zion. «Er, der Höchste, hat Zion gegründet. Der Herr schreibt, wenn er die Völker verzeichnet: Er ist dort geboren.» (Ps 87,5f)

Die Geschichte Jerusalems ist in gewisser Weise die Geschichte unserer Welt; die Dramen Jerusalems sind die Dramen der Menschen dieser Welt – ihrer Kon- flikte, Erfahrungen und Hoffnungen. Zur Zeit der Kreuzzüge wird dies sogar kartographisch sichtbar, wenn man Jerusalem als Mittelpunkt des abendländi- schen Symbolsystems und damit als Zentrum der Welt ausweist. Geographie und Sinndeutung greifen ineinander. Die Frage, was Mitte der Welt sei, wird ausgetragen als Frage danach, wo ihr Zentrum liegt. Zentrum der Welt, so die Auskunft dieser Weise, die Welt zu beschriften, ist der Ort, den Gottes Herrlich- keit erfüllt: Jerusalem, das Heiligtum des Himmels und der Erde, in dem Sein heiliger Name Wohnung nimmt, in dem Er Versöhnung schenkt. Die Kartogra- phie der Neuzeit beschränkt sich auf eine zwei- bzw. dreidimensionale Vermes- sung der Welt; ein geographischer Mittelpunkt ist auf der Oberfläche eines kugelförmigen Planeten nicht mehr auszumachen. Die interpretative Beschrif- tung Jerusalems, der Stadt zwischen Himmel und Erde, bleibt indes auch in der Folgezeit nicht aus, wie sie schon in den Jahrhunderten zuvor nie stillstand.

Dieses Heft nähert sich der heiligen Stadt, indem es einigen dieser Beschriftungen, ihrer Deutungen und Sinnkonstruktionen nachgeht. Zunächst im ganz buchstäblichen Sinn: Josef Wohlmuth zeichnet in narrativ-nachdenklicher Form das pluriforme Stadt-Bild Jerusalems. Er geht den Wegen der christlichen Konfessionen und den Orten ihrer religiösen Erfahrungen in der Altstadt Jerusalems nach, um dann die Perspektive zu weiten auf die religionspolitischen Konflikte zwischen den Konfessionen, Religionen und Nationalitäten und ihre Ansprüche auf die heilige Stadt. Peter Ebenbauer nimmt die Symbolik von Erinnerung und Erwartung in den Blick, die sich in den liturgischen Traditionen von Judentum und Christentum niederschlägt, in welchen die himmlisch-irdische Stadt Jerusalem besungen und erhofft, erlebt und gefeiert wird. Dominik Skala erschließt Petr Ebens Komposition «Die Fenster nach Marc Chagall», eine musikalische Interpretation der Stadt Davids, welche die Farben und die Metaphorik der Glasfenster in der Synagoge des Hadassah Medical Center in Jerusalem in Klang übersetzt. Klaus Bieberstein entfaltet die Verschränkung von Topographie und Sinndeutung, die Zeit- und Raumsymbolik der Stadt und ihrer Bauten, ihrer «Erzählungen aus Stein», welche zum Symbol für Anfang und Ende, Verheißung und Erfüllung geworden sind. Rémi Brague stellt zentrale Ergebnisse seiner Arbeiten zur Bedeutung Jerusalems, Athens und – anders gelagert – des Modells «Rom» für die kultur- und ideengeschichtliche Entwicklung Europas vor und zur Diskussion.

Jerusalem lässt sich nicht verstehen, ohne die «himmlische» Dimension der heiligen Stadt einzubeziehen. Diese Dimension des Symbolischen wiederum, die Verheißung ewigen Friedens, braucht die Rückbindung an die irdische Realität der Stadt. Jerusalem ist in all seiner Widersprüchlichkeit und Vielschichtigkeit ein Konfliktherd, der niemanden aus der Verantwortung entlässt – weder seine Bewohner noch Politik und Wissenschaft noch die Gläubigen weltweit, an die sich bis heute die Aufforderung des Psalmisten richtet: Erbittet für Jerusalem Frieden! Wer dich liebt, sei in dir geborgen. Friede wohne in deinen Mauern, in deinen Häusern Geborgenheit. Wegen meiner Brüder und Freunde will ich sagen: In dir sei Friede. Wegen des Hauses des Herrn, unseres Gottes, will ich dir Glück erflehen. (Ps 122,6-9)

Zurück zur Startseite

Komfortabler Online-Bereich mit Archiv-, Download- und Suchfunktion sowie komplettem Autorenregister.

Online-Ausgabe einsehen

Online-Ausgabe bestellen
Jahresverzeichnis 2021

Hier erhalten Sie das Jahresverzeichnis 2021
Verein der Freunde und Förderer Communio e.V.
Allgemeines zu unserem Verein
Sie wollen unserem Verein beitreten?
Vereinssatzung

Unsere neue Dienstleistung für Verlage, die Ihr Abogeschäft in gute Hände geben wollen.


aboservice

mehr
Informationen


Communio
Telefon: +49 (0) 711 44 06-140 · Fax: +49 (0) 711 44 06-138
Senefelderstraße 12 · D-73760 Ostfildern
Kontakt | AGB | Datenschutz | Impressum