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JOACHIM HAKEJoachim Hake
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Professorin für Katholische Theologie und Religions-pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe
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Professor für dog-
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Leseprobe 2
Georg Braulik
DIE LIEBE ZWISCHEN GOTT UND ISRAEL
Zur theologischen Mitte des Buches Deuteronomium
Die Evangelien erzählen von einem Schriftgelehrten oder Gesetzeslehrer, der Jesus nach dem «ersten aller Gebote» (Mk 12,28) bzw. «dem größten Gebot im Gesetz» (Mt 22,36) fragt. Jesus zitiert ihm die Spitzensätze zweier alttestament- licher Gesetzeskodizes. Seine Antwort verbindet die in der Tora weit auseinan- der stehenden Texte Dtn 6,5 und Lev 19,18:

Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das größte und erste Gebot. Ein zweites aber ist ihm gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. (Mt 22,37-39; vgl. Mk 12,30f).

Als Inhalt der Gottes- und Nächstenliebe erwartet Jesus nichts Anderes als be- reits im Alten Testament steht. Denn er fügt hinzu: «An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten.» (Mt 22,40). Dieses Doppelgebot ist also das Schlüsselwort. Es schließt nicht nur die Gebote der Tora auf, son- dern das ganze Alte Testament, das heißt: die Heilige Schrift Jesu und der frühen Kirche. Dazu zwei Beobachtungen. Bemerkenswert ist erstens, dass sich die Kombination der beiden Tora-Gebote nur bei den Synoptikern findet. Denn das Gebot der Gottesliebe aus dem Deuteronomium wird im Neuen Testament sonst nicht mehr angeführt. Zweitens ist theologisch wichtig: Die Liebe bildet für das Matthäus-, Markus- und Lukas-Evangelium zwar den Kristallisationskern der Ethik, doch schweigen sie über die Liebe Gottes zu seinem Volk.

Dieser Zitat- und Wortgebrauch verweist auf eine wichtige Besonderheit des Deuteronomiums: Es verbindet wie kein anderes biblisches Buch die Liebe Gottes zu Israel mit der Forderung, sein Volk solle ihn mit ganzem Herzen und ganzer Seele lieben. Darüber werde ich in meinem Vortrag sprechen. Bezüglich der Liebe zum einzelnen Nächsten und zum Feind, die ebenfalls vom Liebesge- bot verlangt wird, muss ich mich mit der folgenden kurzen Bemerkung begnü- gen. Das Deuteronomium spricht zwar nicht ausdrücklich von der «Nächsten-» und «Feindesliebe», aber es radikalisiert sie in zwei Geboten. Es fordert, den Fremden zu lieben, wie das auch Gott selbst tut (Dtn 10,18f), und es fordert, dem persönlichen Feind zu helfen (Dtn 22,1-4 vor dem Hintergrund von Ex 23,4f), weil er als Bruder gilt. Der Sache nach geht es dabei um Feindesliebe, obwohl das Wort nicht gebraucht wird. Die in beiden Geboten verlangte Liebe gilt allerdings «nur» Menschen in Israel. Das heißt, sie verbleibt im Binnenraum des Gottesvolkes. Aber auch Jesus und mit ihm das ganze Neue Testament reden nicht von einer ortlosen, entgrenzten Nächstenliebe, sondern beschränken sie auf die christlichen Gemeinden.

Das Deuteronomium ist gegenüber den anderen biblischen Schriften dadurch ausgezeichnet, dass es das Buch des Volkes Gottes ist, sozusagen eine alttesta- mentliche «Ekklesiologie». Dazu institutionalisiert es eine im Alten Orient einzigartige kulturelle Mnemotechnik und macht Israel zu einer Lerngemein- schaft des Glaubens. In ihm findet sich auch die älteste biblische Festtheorie. Nur dieses Buch der Bibel entwirft eine Gesellschaft, in der es keine Armen mehr zu geben braucht. Vor allem aber spricht das Deuteronomium sachlich umfassend und mit einer gewissen Systematik vom Lieben Gottes und Israels. Deshalb kann man es eine «Theologie der Liebe» nennen. Ich kann sie in diesem Rahmen nur in Grundzügen darstellen. Methodisch bleibe ich dabei auf der Buchebene, lasse also die nur hypothetisch rekonstruierbare, komplexe literarische Entstehungsgeschichte der Einzeltexte außer Acht. Dazu skizziere ich im Folgenden (1) die altorientalischen und innerbiblischen Wurzeln der Ver- wendung der Wörter «Liebe» (’ahabah) bzw. «lieben» (’aheb) im Deuterono- mium. Ich beschreibe (2) die Aussage und Funktion des Liebesgebots zu Beginn und am Ende der Mahnreden Moses. Dann informiere ich (3) über den Wortge- brauch von «lieben» bzw. «Liebe» im Deuteronomium und die Konnotationen von Verb und Nomen. Im Mittelpunkt meines Vortrags steht (4) das wechsel- seitige Liebesverhältnis zwischen Gott und Israel, wie es in den Kapiteln 4-11 entfaltet wird. Abschließend fasse ich (5) die wichtigsten Kennzeichen dieser «Theologie der Liebe» zusammen.

Leider kann ich auf zwei zentrale Themen nicht eingehen, obwohl sie mit dem Inhalt meines Vortrags aufs engste verbunden sind: «Die Liebe Gottes und die Erwählung Israels» sowie «Gottesliebe und Gotteserkenntnis». Beides müsste gesondert behandelt werden.

1. Formgeschichtlicher Zusammenhang und politischer Hintergrund

Das Deuteronomium bildet die letzte der großen Gesetzessammlungen des Pentateuchs. Sie hat das juristisch entscheidende Wort. Genau genommen ist das uns vorliegende Buch allerdings kein Gesetzeskodex, sondern eine Erzäh- lung über die Ereignisse unmittelbar vor dem Tod Moses. Der Bucherzähler zitiert die Abschiedsreden, die Mose in Moab im Ostjordanland vor ganz Israel gehalten hat. Denn Mose durfte das verheißene Land nicht betreten und musste die Leitung Josua übergeben. Deshalb bestätigte das Volk vor dem Überschrei- ten des Jordan den Bund, den Jahwe mit ihm einst am Gottesberg geschlos- senen hat. Die Bundesurkunde, auf die sich Israel in Moab durch einen Eid verpflichtete (Kapitel 29), trug Mose zuvor in seiner zweiten Rede der Volks- versammlung vor. Sie bildet den Kerntext unseres Deuteronomiums, die deuteronomische Tora oder «Weisung» der Kapitel 5-28. Werfen wir zunächst einen kurzen Blick in ihre literarische Vorgeschichte. Sie zeigt nämlich, woher das Liebesgebot kommt. [...]


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