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THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
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Anton SvobodaAnton Svoboda,
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Leseprobe 2
Joachim Hake
VON ANBETUNG, SCHÖNHEIT UND DEM BLICK DER MADONNA
Leseerfahrungen mit Martin Walser
Seit gut zwei Jahren beginne ich den Tag mit Abschreiben, Exzerpieren und Kopieren. Ich schreibe für eine halbe Stunde Texte ab, die ich irgendwann zuvor gelesen habe und folge dabei den Merkzeichen des Bleistifts am Rande, den kurzen Häkchen, die Zustimmung oder Befremden, in jedem Fall aber Bemerkenswertes markieren, jene Echos und Resonanzen der Lektüren, die das Vergnügen des stillen Lesens ausmachen, das nicht so still ist, wie gerne angenommen. Das morgendliche Exerpieren ist meine Art, mit Büchern allein zu sein und mit ihnen und dem Tag etwas anzufangen. Sollte jemand dieses Verhalten für komisch halten, würde ich mich daran nicht stören. Das tägliche Abschreiben steigert die Vertrautheit mit den Büchern, verlangsamt mein Lesen, übt die unerwartete Wiederholung und die unabsehbare Begegnung mit dem vermeintlich bekannten Text. Seitdem ich abschreibe, geht es mir gut. Ich notiere vor allem jenes, was meine Zustimmung findet, markiere Gefühlserhebungen und Aufschwünge der Seele, das belebt die Stimmung und macht den Morgen schöner.

In den letzten Wochen habe ich auch Martin Walser abgeschrieben. Gelegentlich täglich und natürlich auch seine Beschreibung der Madonna dei Pellegrini von Caravaggio in der Basilika San Agostino in Rom in Mein Jenseits. Den ganzen Text habe ich abgeschrieben, ein eindrückliches Stück Literatur, das man schwerlich vergisst. Die kunstvolle Begegnung der Blicke von Maria oben und Pilgern unten, die Beschreibung ihres innigen Verhältnisses von «anstrengungsloser Teilnahme» der Madonna und der Anbetung der Pilger, denen «alles in der Welt zur Anstrengung oder gar Überanstrengung wird. Auch die Anbetung» (31). Selten habe ich Vergleichbares gelesen und wurde so unvermittelt in das katholische Drama von Endlichkeit und Schönheit, Sehnsucht und Anbetung hineingenommen. Und wie beim ersten und zweiten Lesen auch bleibe ich beim Abschreiben hängen bei dem Satz: «Aber oben, das Gesicht, das trotz seiner enormen Schönheit nur dazu da ist, samt Kind herunterzuschauen zu den Anbetenden» (32). Wieso heißt es hier – so frage ich mich – «trotz» seiner Schönheit und nicht «in» seiner Schönheit? Auf diese Frage habe ich bislang keine befriedigende Antwort. Lediglich die Ahnung, dass von einer Antwort aus verständlich werden könnte, wohin die Sehnsucht von Walser geht, diesem «Dekorateur des Nichts», wie er sich gerne nennt, wenn er sein Jenseits der Schönheit preist.

Und immer wieder schreibe ich Walser ab und erfreue mich an dem Blick der Madonna, denke an Eva Maria, an Skulpturen in Rom, an Reliquien, den Sonntag als Melodie und die gebeugten Knie, wundere mich über die vielen Variationen des Schauens und die Mühen der Anbetung, die Übung des Wiederkäuens von Texten – nicht von Heiligen – wohl aber von Nietzsche – und die Abgründe der Rechtfertigung, gedeutet in den Spuren von Augustinus, Nietzsche, Kierkegaard und Barth. Die Lektüre von Martin Walser schlägt in den Bann und die Motive, deren Zueinander sich nicht fügen will, verwirrt, macht ärgerlich und bringt aus dem Rhythmus liebgewordener Gewohnheiten. «Wir sind ein Echo, von etwas, das wir nicht kennen.» Auch so ein Walser-Satz, der abgeschrieben lauter klingt und an Dringlichkeit, Zudringlichkeit gewinnt.

Das Abschreiben ist meine Form, das Lesen zu verzögern und zu wiederholen, dem Leben und dem Lesen einen Rhythmus zu geben, der mich davor bewahrt, sich zu viel mit mir selbst zu beschäftigen oder den Texten zu erliegen. Das Abschreiben hält das Lesen in der Distanz morgendämmernder Aufmerksamkeit und gelassener Konzentration. Abschreibend lesend gebe ich mir Zeit, räume ich mir Möglichkeiten ein, im vermeintlich bekannten Text Neues zu finden, Pointen und Nuancen. Abschreibend lesend fühle ich mich sicherer für den Gang in die Aporien des Textes, in jene Ausweglosigkeiten und Sackgassen, von denen man am liebsten möchte, dass es sie nicht gibt. [...]


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