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Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
Lesermeinung von
Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

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Leseprobe 1
Jean-Luc Marion
DIE UNIVERSALITÄT DER UNIVERSITÄT
Man muss nicht an einer Universität studieren oder einem jungen Menschen den Rat geben, dies zu tun, natürlich nicht. Warum stattdessen nicht eine grande école (oder eine vermeintlich solche), eine Berufsfachschule oder eine Ausbildung im dualen System bevorzugen? Oder vielmehr, warum nach dem Abschluss einer weiterführenden Schule überhaupt einen anderen (Aus)Bildungsweg wählen als einen solchen, der direkt in den Arbeitsprozess führt, an Ort und Stelle, «direkt in die Produktion», wie es noch in den Nachkriegsjahren hieß? Diese Fragen stellten sich übrigens gar nicht, wenn wir nicht ganz selbstverständlich und natürlicherweise solche Institutionen mit der Universität verglichen; aber diese Neigung, Vergleiche anzustellen, resultiert aus der Tatsache, dass wir keine klare Vorstellung mehr davon haben, was die Universität in ihrem eigentlichen Wesen ausmacht. Und übrigens sprechen wir auch häufiger vom Hochschulwesen als von der Universität, die darin, als eine besondere Lehr- und Unterrichtsform, tatsächlich nur noch einen Aspekt ausmacht: Die grandes écoles, die häufig staatlich sind und selbstverständlich den Anspruch erheben, höherstehend zu sein, der Zusammenschluss von Instituten mit dem Ziel, den großen amerikanischen Institutionen Paroli zu bieten usw. – das alles deckt heute das Wort Universität ab, und überdeckt und verschleiert es damit zugleich. Für diese Verwirrung haben wir eine Ausrede. Sie ist tatsächlich das Ergebnis einer langen Entwicklung, die mit der Französischen Revolution einsetzte und darin bestand, die Universitäten durch Fachschulen zu ersetzen, und die dann zu einer Umwandlung der Universität selbst in eine Fachschule führte. Dieses französische Beispiel hat, wenn man so sagen darf, in der ganzen Welt Schule gemacht. Aber die Professionalisierung setzt natürlich die Spezialisierung voraus, die dazu führt, dass auf die Universalität verzichtet wird – zumindest wenn diese als die Wissenschaft de omne re scibili verstanden wird. Sollten wir also nun auf die Idee der Universität selbst verzichten, da wir ja nun auf das Streben nach Universalität verzichten sollen? Und wenn wir darauf verzichten und uns mit einem spezialisierten Hochschulwesen begnügen müssen, was bleibt dann von dem wahrhaft Höheren in diesem Bildungswesen noch übrig?

Aber die Unterscheidung zwischen der Universalität der Universität und der Spezialisierung der Fachschule könnte auch einfach über die Schwierigkeit hinwegtäuschen, die nicht nur, und vielleicht auch nicht zuerst, darin besteht, ihren Gegensatz deutlich zu machen. Die Spezialisierung zu kritisieren könnte im Übrigen auch nur allzu leicht und oberflächlich sein, und wir werden uns zurückhalten, vorerst zumindest, uns über denjenigen lustig zu machen, den man im Deutschen einen Fachidioten nennt. Denn auf einem Spezialgebiet etwas zu lernen, wäre schon viel. Vor allem, wenn man sich bewusst macht, dass das Spezialgebiet (species, eidos), ohne es immer zu wissen, die von Aristoteles gegebene Definition der Wissenschaft wieder aufgreift, für den es eine Wissenschaft nur vom genos gibt, nur im Bereich der Seienden, die von gemeinsamen Wesensmerkmalen, einer bestimmten Seinsart abhängig sind. Dies ist es, was für lange Zeit den Bereich einer jeden Disziplin definiert hat. Die auf die jeweilige Disziplin bezogene Interpretation des Wissens geht in direkter Linie auf Aristoteles zurück und reicht bis hinein in unsere heutigen Bildungseinrichtungen. Nun aber besitzt ein Schüler nach dem Abschluss einer weiterführenden Schule noch kein Wissen über das genos; er hat höchstens einiges an vor-gefertigtem Wissen angesammelt, das bereits soweit vereinfacht wurde, dass es für eine rasche Aneignung tauglich ist; es ist folglich ein indirektes Wissen. Dieser Schüler beherrscht also nur einige geistige Operationen, die er aber noch nicht wirklich in ihren Grundlagen versteht, bzw. die er nur in ihren Implikationen versteht. Er muss also erst noch verstehen, was er weiß, erst noch begreifen, warum das, was er weiß, wahr ist. Dies bedeutet also, dass er das Wenige, was er weiß, zumindest noch auf eine grundlegende Weise wissen muss. Wenn nun dabei der Studierende von den Kenntnissen bestimmter Resultate einer Wissenschaft, die er sich teilweise und in groben Zügen erworben hat, zum Verständnis der Prinzipien gelangt, die ihnen zugrunde liegen, dann wird er eine erste und entscheidende Erfahrung machen, nämlich diejenige, etwas über den Unterschied zu lernen zwischen Wissen und Nicht-Wissen, zwischen dem, etwas wirklich zu wissen, und dem, etwas nur oberfl ächlich zu wissen. Er wird etwas, zumindest in einzelnen Fällen, über den Vollzug des Wissens selbst erfahren; er wird etwas von der Freude und dem Vergnügen daran empfinden, wirklich zu wissen, was er weiß, so begrenzt dieses Wissen auch sein mag. «Kunst und Handwerk» üben folglich eine Art Vergeltung an den Wissenschaften, denn man kann letztlich den Eindruck haben, der auch nicht zwingend falsch ist, beides voll und ganz zu beherrschen, oder sich dieses zumindest zu erhoffen. Den Wein selbst anzubauen ist besser als Önologie zu studieren, die eine etwas unklar definierte Disziplin innerhalb der Chemie darstellt. Mit Holz zu arbeiten, als Kunstschreiner tätig zu sein, eine Wand zu mauern, ein Getriebe anzufertigen, ein komplexes elektrisches Leitungsnetz zu verlegen usw., all das bringt uns in eine direkte Erfahrung mit den Dingen selbst, lässt uns ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten respektieren und unser eigenes Talent erkennen. Ein Handwerk zum Beruf machen erlaubt es nicht nur, seinen Lebensunterhalt zu verdienen und die Mittel dafür aufzubringen, in einer gewissen Unabhängigkeit zu leben (die freilich immer auch eine relative und vorläufige ist), sondern bedeutet vor allem auch, ein Handwerk oder eine Kunst zu beherrschen, über ein Können zu verfügen. Man mag dabei zwar, kurz gesagt, kein Experte einer Wissenschaft sein, aber man beherrscht doch zumindest eine bestimmte Art von Problemen, weiß, wovon man spricht, wie man zu den gewünschten Ergebnissen kommt, wie man ein bestimmtes Können anwendet – also wie man zu einem Experten auf seinem Gebiet wird. Wenn die Professionalisierung und Spezialisierung es auf diese Weise also ermöglichten, sich in einer bestimmten Art von Wirklichkeit tatsächlich auszukennen, dann würden sie bereits zu weit mehr verhelfen als nur zu einer bloßen beruflichen Qualifikation: Sie würden den Zugang zur Erfahrung des Wahren in seinem Vollzug eröffnen. [...]


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