zur StartseiteZugang für Abonnenten
Startseite » Archiv » Ausgabe 2/2013 » Leseprobe 2
Titelcover der archivierte Ausgabe 2/2013 - klicken Sie für eine größere Ansicht
Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
Lesermeinung von
Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

Lesen Sie hier
 
Ausgaben-Index 1972 bis heute
Chronologisch- thematische Liste aller Hefte von 1972-heute
Autoren-Index 1972 bis heute
Alphabetische Liste aller Autoren und Ihrer Artikel
Unsere Autoren
Hier erhalten Sie einen Überblick unserer Autoren.
Die internationalen Ausgaben von Communio
Internationale Ausgaben von Communio
Internationale Ausgaben von Communio finden Sie hier.
<<< zur vorherigen Ausgabe zur nächsten Ausgabe >>>
Leseprobe 2
Holger Zaborowski
KRISE DER UNIVERSITÄT – UNIVERSITÄT DER KRISE
Viel wird zurzeit über die Universität gesprochen, über ihre Krise, über ihre Reform, über ihre Chancen und Herausforderungen. Das ist nicht neu. Gerade die Universität selbst thematisiert immer auch sich selbst: jenen Raum, den sie eröffnet und der in so vielfältiger Weise immer einen Ausnahmeraum darstellt, einen Raum, in dem Staat und Gesellschaft, Religion und Kultur nicht einfach vorausgesetzt oder in ihrer Geltung und in ihren Ansprüchen bestätigt, sondern immer auch hinterfragt werden, in dem das Leben des Geistes, so unproduktiv und sinnlos es für Außenstehende scheinen mag, sich nicht rechtfertigen muss und in dem, wie schwer dies auch immer sein mag, der Wahrheit und der Freiheit die Ehre erwiesen wird. Und die Universität ist immer auch thematisiert worden: von jenen, die ihre Kosten tragen, die stolz auf sie sind und sie fördern, aber auch von jenen, die sich angegriffen oder hinterfragt fühlen, die ihre Ansprüche beschränken, ihre Macht reduzieren, ihre Freiheit eingrenzen oder sie sich nutzbar machen wollen. Immer auch neigt das Nachdenken über die Universität zu Extremen. Während auf der einen Seite das Ende der Universität beschworen wird, werden auf der anderen Reformen für lebenserhaltend, für die Bedingung der Möglichkeit des Überlebens der Universität gehalten. Auch die Universität hat ihre Traditionalismen und Modernismen. Neben der Verherrlichung und der Glorifizierung der Vergangenheit gibt es eine oft ähnlich einseitige Auslieferung an die Versprechungen der Zukunft. Immer wieder wird darüber, was denn die Universität sei, diskutiert und gestritten. Denn das «Wesen» der Universität – das heißt: der Vollzug des universitären Lebens – ist kontrovers. Es muss immer neu gefunden und bestimmt werden: in einer Vermittlung von Anspruch der Vergangenheit, Herausforderungen der Gegenwart und Chancen der Zukunft.

Dies verwundert nicht. Verpflichtet ist die Universität nämlich der Wahrheit. Diese Ausrichtung schützt sie und stellt sie in den Raum des Unbedingten. Denn was wäre die Wahrheit – einschließlich der Suche nach Wahrheit –, wenn sie Bedingungen unterworfen wäre? Doch führt diese Verpflichtung zu einer unendlichen, einer immer offenen und von Widersprüchen, Einwänden, Ergänzungen und Korrekturen charakterisierten Geschichte: Wahrheit lässt sich nie abschließend, nie eindeutig, nie ungebrochen fassen, zumindest nicht von jenen, die im Raum der Universität nach ihr streben, von endlichen Menschen, deren Kontingenz auch ihr Wissen kontingent sein lässt. Zwar hat man immer wieder versucht, diese Kontingenz zu relativieren, etwa, indem man im Raum der Universität nicht den einzelnen Menschen, sondern die Wissenschaft selbst zum Erkenntnis subjekt gemacht hat. Doch sollte die so beliebte Rede von der Wissenschaft (so sehr damit immer auch eine Wahrheit ausgesprochen wird) nie darüber hinwegtäuschen, dass ihre Subjekte immer noch Menschen sind und dass auch die Wissenschaft sich einer grundlegenden Kontingenz nicht entledigen kann, dass also Wahrheit und Geschichtlichkeit sich nicht widersprechen, sondern jenseits der falschen Antithese von Wahrheitsrelativismus auf der einen und Wahrheitsabsolutismus auf der anderen Seite einander bedingen. Dies ist nicht zuletzt deshalb der Fall, weil die Hinordnung auf Wahrheit immer auch eine Hinordnung in und auf Freiheit ist. Die Wahrheit bedarf nämlich der freien Anerkennung und umgekehrt bedarf die Freiheit – nicht nur dort, wo sie als «akademisch» qualifiziert wird – der Wahrheit als ihres inneren Sinns, wäre sie doch sonst eine reine Willkür.

Dass die Idee Universität zudem nicht nur kontrovers ist, sondern auch eine kontroverse Geschichte hat, dürfte somit selbst nicht kontrovers sein. Die Geschichte der Universität ist nichts, was einem «ewigen Wesen» der Universität äußerlich wäre. Im Gegenteil: Die Universität kann nur in geschichtlicher Konkretion sein, was sie ist und sein soll. Daher wäre es naiv, an einer zeitlosen Idee der Universität festzuhalten. Denn es gehört zur Idee der Universität, dass in ihr immer Identität und Differenz in ein neues Verhältnis gesetzt werden, dass die Universität sich wandeln muss, um sich treu zu bleiben.

Daher ist auch die vielbeschworene gegenwärtige Krise der Universität nichts Neues. Sie ist – im Gegenteil – Zeichen der Lebendigkeit der Universität. Man müsste sich Sorgen machen, gäbe es diese Krise nicht. Wirklich gefährlich wird es für die Universität, wenn es keinen Streit mehr über sie gibt – dann etwa, wenn sie ganz in andere, ihr wesensfremde Zusammenhänge eingeordnet wäre und nur noch die ihr von außen zugewiesene kontingente Gestalt ihrer selbst absolut setzte und sich somit der Möglichkeit und Notwendigkeit der Veränderung, des geschichtlichen Wandels und der Krisenerfahrung entzöge. Vergessen wäre im ersten Fall, dass die Universität sich nicht auf eine Rolle oder Funktion beschränken lässt und dass sie umgekehrt jeden Funktionalismus, jede Unterordnung von Wahrheit und Freiheit unter ihnen fremde Zwecke und Ziele radikal in Frage stellt und dadurch ein Stachel wider alle Versuche bleibt, Wahrheit und Freiheit zu zivilisieren und auf das Maß gesellschaftlicher, wirtschaftlicher, politischer oder auch religiöser Erwartungen zu reduzieren. Und im zweiten Fall wäre vergessen, dass die Universität nicht nur eine einzige Gestalt hat, sondern in der Vielfalt ihrer geschichtlichen Gestalten allererst lebendig ist. Denn wenn etwas zum «Wesen» der Universität gehört, dann insbesondere auch das Krisenhafte, das je neue Scheiden und Unterscheiden des Wesentlichen vom Unwesentlichen, der Widerstand gegen jeden Versuch, ihr Wesen ein und für allemal festzulegen oder sie zum Teil eines ihr übergeordneten Systems zu machen – und zwar nicht, weil es der Universität um Differenz oder um Widerstand, um Protest oder um Rebellion als um Selbstzwecke ginge, sondern weil jene Wahrheit und Freiheit, die sie ehrt, sich nur im Widerstand gegen jede abschließende und einordnende Identifizierung überhaupt bedenken und bewahren lassen. Wer sich mit der Universitätsgeschichte vom Mittelalter bis in die Gegenwart beschäftigt, wird daher schnell feststellen, dass die Universität immer wieder Momente des Krisenhaften zeigt. Wer von Universität spricht, so scheint es, spricht immer auch von ihrer Krise. Phasen des Aufstiegs, des blühenden akademischen Lebens und der Selbstbehauptung akademischer Freiheit stehen neben Phasen des Niedergangs, der Bedeutungslosigkeit, der Selbstüberschätzung und des Verlustes der Freiheit. [...]


Lesen Sie den kompletten Artikel in der Printausgabe.

Zurück zur Startseite

Komfortabler Online-Bereich mit Archiv-, Download- und Suchfunktion sowie komplettem Autorenregister.

Online-Ausgabe einsehen

Online-Ausgabe bestellen
Jahresverzeichnis 2019

Hier erhalten Sie das Jahresverzeichnis 2020
Newsletter
Unser Newsletter informiert Sie über die Inhalte der neuesten Ausgabe.
Verein der Freunde und Förderer Communio e.V.
Allgemeines zu unserem Verein
Sie wollen unserem Verein beitreten?
Vereinssatzung

Unsere neue Dienstleistung für Verlage, die Ihr Abogeschäft in gute Hände geben wollen.


aboservice

mehr
Informationen


Communio
Telefon: +49 (0) 711 44 06-140 · Fax: +49 (0) 711 44 06-138
Senefelderstraße 12 · D-73760 Ostfildern
Kontakt | Sitemap | AGB | Widerruf | Datenschutz | Impressum