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Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
Lesermeinung von
Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

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Leseprobe 1
Ludger Schwienhorst-Schönberger
«BROT VOM HIMMEL»
Das Manna in der Wüste (Ex 16) und die Brotrede Jesu in Kafarnaum ( Joh 6)
Die Frage nach dem rechten Verhältnis von Altem und Neuem Testament begleitet die Geschichte des Christentums von ihren Anfängen an. Sie ist, nicht zuletzt angestoßen durch die Erfahrungen der jüngeren Geschichte und die Erkenntnisse eines geschärften hermeneutischen Problembewusstseins, in unserer Zeit erneut zu einem Brennpunkt theologischer Diskussionen geworden. Eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Frage, wie das Neue Testament «die Schrift» zitiert. Wir beschränken uns im Folgenden auf die Frage: Setzt die so genannte Brotrede Jesu in Joh 6 die Manna-Erzählung aus Ex 16 außer Kraft? Das zumindest ist eine in der Exegese verbreitete Deutung. Nach Michael Theobald entlässt der vierte Evangelist die Geschichte Israels «in ein theologisches Vakuum». Aus der Sicht von Joh 6 sei festzuhalten: «Was die Mannaspeise in der Wüste betrifft, so war dies kein ‹Brot vom Himmel›.» Diese Deutung erscheint mir höchst problematisch und vom Text her nicht gerechtfertigt. Sie zieht schwerwiegende Konsequenzen nach sich, wie Theobald zu Recht anmerkt.

Exodus 16: Brot vom Himmel

Die Gabe des Manna in der Wüste ist das «allergrößte und vielfältigste» Wunder, «von dem jemals erzählt worden ist», urteilt der große jüdische Gelehrte und Bibelkommentator Benno Jacob (1862–1945). Doch dieses Wunder steht nicht isoliert wie ein erratischer Block im zweiten Buch der Tora (Ex 16), sondern ist in subtiler und vielfältiger Weise mit zwei anderen Wundern verknüpft: dem des Auszugs aus Ägypten, der mit dem Pesach eingeleitet wird (Ex 12), und dem der Gabe der Tora am Sinai (Ex 19ff ), zu dem das Volk in der Wüste unterwegs ist.

Achtmal ist im Alten Testament, dreimal im Neuen Testament vom Manna die Rede. Die Erzählung, auf die alle anderen Erwähnungen Bezug nehmen, ist Ex 16. Der Text ist vor allem hinsichtlich seiner Entstehung und literarhistorischen Einordnung höchst umstritten. Im Rahmen der klassischen Quellenkritik werden unterschiedliche Zuweisungen vorgenommen. Dagegen hat sich dezidiert Benno Jacob ausgesprochen. In der gegenwärtigen alttestamentlichen Exegese lassen sich zwei Richtungen beobachten. Die eine ist nach wie vor an der Frage der Genese alttestamentlicher Texte interessiert und hält deren Rekonstruktion für die unabdingbare Voraussetzung eines angemessenen Verstehens. Bei dieser diachron orientierten Richtung lässt sich allerdings die Tendenz zur so genannten Spätdatierung feststellen. Die Texte werden rund fünfhundert Jahre später datiert als bei der auf Julius Wellhausen (1844–1918) zurückgehenden klassischen Pentateuchtheorie. Jüngstes Beispiel ist der Exoduskommentar von Rainer Albertz. Den ältesten durchlaufenden literarischen Zusammenhang des Exodusbuches, die von ihm so genannte «Exoduskomposition», datiert er in die späte Exilszeit um 540 v. Chr. Diese hat nach Albertz insgesamt sieben Bearbeitungen erfahren. Die letzte, so Albertz, sei in der Zeit um 400 v. Chr. erfolgt.

Die andere Richtung der alttestamentlichen Exegese zeigt kein ausgeprägtes Interesse an einer diachronen Rückfrage. Zwar rechnet auch sie mit einer bisweilen komplexen Entstehungsgeschichte der Texte, doch sei deren exakte Rekonstruktion kaum noch möglich und für das Verständnis derselben irrelevant. Jüngstes Beispiel für diese Richtung ist der Exoduskommentar von Georg Fischer und Dominik Markl. Im Sinne des zuletzt genannten Modells soll im Folgenden die theologische Essenz der Manna-Erzählung von Ex 16 in zehn Punkten resümiert werden.

1. Zum zweiten Mal murrt das Volk in der Wüste. Sein Murren richtet sich gegen Mose und Aaron (Ex 16, 2). In der vorangehenden Perikope murrte das Volk, weil es Durst hatte (Ex 15, 22–24). Jetzt wird es vom Hunger gequält. Das Murren wird in unserem Text nicht als legitimer Hilfeschrei aus einer lebensbedrohenden Not verstanden. Die Schrift unterscheidet zwischen (a) einer Not und der daraus erwachsenen legitimen Bitte um Rettung und (b) einer Not, die zum Anlass genommen wird, sich gegen JHWH zu empören. Letzteres ist in Ex 16 der Fall. Deshalb ist hier, wie Benno Jacob zu Recht bemerkt, das «Murren und Jammern der Israeliten [...] in jedem Worte tadelnswert.» Die Empörung gegen Mose und Aaron, die von Gott berufenen Führer des Volkes (vgl. Ex 3–4), richtet sich letztlich gegen JHWH selbst (Ex 16, 8). Bezeichnenderweise wendet sich das Volk nicht an JHWH. In Ex 15, 25 hat es immerhin noch «zu JHWH geschrien». Davon ist jetzt keine Rede mehr. Von JHWH erwartet es off ensichtlich nur noch den Tod – im Irrealis der Vergangenheit: «Wären wir doch in Ägypten durch die Hand JHWHs gestorben» (Ex 16, 3). Als Sünde sieht auch Ps 78, 17–29 Israels Verlangen nach Nahrung in der Wüste.

2. Das Verhalten Israels ist vor allem deshalb tadelnswert, weil es mit seiner Auflehnung gegen JHWH die Geschichte seiner Befreiung infrage stellt. Jeder wäre, so wird nun gesagt, lieber in Ägypten eines natürlichen Todes gestorben, wo man an den Fleischtöpfen saß und Brot genug zu essen hatte. Das Volk unterstellt Mose und Aaron eine böse Absicht, zumindest ein fahrlässiges Verhalten: «Ihr habt uns in diese Wüste geführt, um diese ganze Gemeinde an Hunger sterben zu lassen» (Ex 16, 3). Der Vorwurf wurde zuletzt beim lebensbedrohlichen Zug durch das Schilfmeer erhoben (Ex 14, 11f ). Er begleitet den Weg der Befreiung von Anfang an (vgl. Ex 5, 21). Das Verhalten des Volkes schwankt zwischen Vertrauen und Misstrauen, zwischen der Sehnsucht nach Befreiung und der Angst, sich auf den Weg und die damit verbundenen Gefahren einzulassen. Damit wird zugleich ein Bild jener Zerrissenheit entworfen, welche die menschliche Existenz generell prägt: Einerseits die Wahrnehmung einer Not und die Hoffnung und Sehnsucht, aus dieser Not befreit zu werden, andererseits die Angst und fehlende Bereitschaft, sich auf diesen von Gott eröffneten Weg voll Vertrauen einzulassen.  [...]


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