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Leseprobe 1
Marie Cabaud Meaney
GNADENLOS
Simone Weils Kriegsverständnis im Lichte der «Ilias»
Bis zu Hitlers Einmarsch in die Tschechoslowakei im Jahre 1939 war die französische Philosophin, Simone Weil (1909–43), eine radikale Pazifistin. Diesen Wandel konnte man nicht nur der heilsamen Erkenntnis zuschreiben, dass Hitler vor nichts zurückschrecken würde, um die halbe Welt zu erobern, sondern auch ihrem mystischen Erlebnis aus dem Jahre 1938. Simone Weils rationalistisch geprägte Idee, dass Intellektuelle ideologische Begriffe entschärfen und damit Konflikte lösen könnten, wurde von der Einsicht verdrängt, dass die universal regierende und irrationale force (ein komplexer Begriff, ähnlich der Macht, der näher erklärt werden wird) mit menschlichen Mitteln nicht zu bändigen sei. Im Zweiten Weltkrieg sah sie einen religiösen Krieg (denn in ihren Augen sind Ideologien eine Form von Idolatrie), der einer spirituellen Antwort bedurfte. Simone Weils berühmter Artikel «L’Iliade ou le poème de la force», der vor Ausbruch des Krieges hätte erscheinen sollen, zeigt, dass sich ihr rein intellektueller Ansatz zu Gunsten einer übernatürlichen Auslegung verändert hat. Der Versuch einer rationalistischen Antwort auf den Krieg ist ungenügend. Nur die persönliche Bekehrung und die Bereitschaft, das eigene Leben aus Liebe zu opfern, führen zu einer zufriedenstellenden Lösung.

Weils origineller Aufsatz über die Ilias sollte ihre Leser auf den Krieg vorbereiten. Homers Epos sei ein Spiegel für ihre Zeit, erklärt Weil, «doch eine Art von Fatalität bewirkt, dass wir lesen ohne zu verstehen» (OC II, 3, 50). Wie sie in ihren Notizbüchern schreibt, offenbaren sich im Krieg übernatürliche Wahrheiten über das Böse, die zu deuten man lernen muss (CS 126). In ihrem Artikel versucht sie die in der Ilias verborgenen universellen Wahrheiten für uns zu dechiffrieren. Insofern leistet Weil nicht nur einen wichtigen Beitrag zu einem tieferen Verständnis der Ilias, sondern auch zu einer philosophischen Erklärung des Krieges.

Wir werden diesen Artikel in seinem zeitlichen wie überzeitlichen Kontext untersuchen und ihn in die Entwicklung von Weils Kriegsverständnis einbinden. Ihre vorausgehenden und nachfolgenden Schriften zu diesem Thema können in diesem Rahmen nur kurz angesprochen werden.

Weils rationalistischer Ansatz

Wie viele Intellektuelle zwischen den beiden Weltkriegen sah Simone Weil im Pazifismus die Antwort auf den Horror und die Absurdität des Ersten Weltkrieges. Imperialistischer Ehrgeiz und strategische Inkompetenz führten zu einem langen Krieg, der Millionen Menschenleben kostete. Weil beteiligte sich bereits als Studentin an Unterschriftensammlungen und Demonstrationen. Im Jahre 1933 kristallisierte sich ihre Haltung zu Gunsten eines radikalen Pazifismus heraus. In ihrem Artikel «Réflexions sur la guerre» verurteilt sie jeglichen Krieg, da er zu Despotismus führe; nur eine soziale, gewaltlose Revolution sei erlaubt (OC II, 1, 288–299).2 Später bereute sie ihre Einstellung zutiefst, und führte sie auf ihre schlechte Gesundheit zurück, welche ihr nicht erlaubt hatte, die politische Situation besser zu verfolgen (CS 317).

Im April 1937 erschien ihr wichtiger Artikel «Ne recommençons pas la guerre de Troie» in zwei Teilen in den Nouveaux Cahiers (OC II, 3, 49–66). Der Titel ist eine Anspielung auf Jean Giraudoux’ Theaterstück, «La Guerre de Troie n’aura pas lieu» (1935), in dem sich die anfängliche Hoffnung auf Frieden am Ende als substanzlos erweist. Weils Warnung an ihre Zeitgenossen, diesen Krieg zu vermeiden, gibt sich wenig optimistisch. Die gefährlichsten Konflikte hätten eines gemeinsam, schreibt Weil: keinen klaren Zweck zu verfolgen. Dies sei ein Schlüssel zum Verständnis unserer Zeit, wie auch der Geschichte schlechthin (vgl. ebd., 49). In einem zwecklosen Krieg seien die gebrachten Opfer und die Gefallenen ein Grund dafür, ihn weiterzuführen; sonst müsste man zugeben, diese seien umsonst geschehen bzw. gestorben. «Dieses Paradox ist so gewaltig, dass es sich einer Analyse entzieht», obwohl die meisten gebildeten Menschen «das perfekteste Beispiel» dafür, nämlich die Ilias, kennen würden. Für zehn Jahre kämpften die Trojaner und Griechen um eine Frau, die ihnen – Paris ausgenommen – völlig egal gewesen war. Die Disproportion zwischen dem Ausmaß des Krieges und seinem Zweck führe manche zu dem Schluss, dass Helena nur ein Symbol für etwas anderes sei; aber was dieses «etwas» sei, könne niemand sagen, denn es existiere nicht. Während Helena zumindest eine Frau aus Fleisch und Blut war, seien wir heute bereit für etwas völlig Irreales zu kämpfen, nämlich für Worte wie «Nation», «Kapitalismus», «Kommunismus», «Faschismus», oder «Demokratie». Wenn wir aber «eines dieser Worte, welches ganz aufgebläht ist von Blut und Tränen» zusammen zu drücken beginnen, so «finden wir darin keinen Inhalt» (ebd., 50f ). [...]


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