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Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
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Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

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Leseprobe 3
Ludger Schwienhorst-Schönberger
PREDIGT, SCHRIFTLESUNG UND GEISTLICHE BEGLEITUNG
Zur Mitte des apostolischen Schreibens «Evangelii gaudium» von Papst Franziskus
Das Apostolische Schreiben «Evangelii gaudium» von Papst Franziskus vom 24. November 2013 hat über kirchliche und theologische Kreise hinausgehend viel Beachtung gefunden. Insbesondere einige Äußerungen zur modernen Wirtschaft und zu Aspekten kirchlichen Handelns sind in der Presse mehrfach zitiert worden. Dazu gehört das Nein zu einer «Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen» ebenso wie der provokative und von einigen Wirtschaftswissenschaftlern kritisierte Satz: «Diese Wirtschaft tötet» (53). Das starke Bild von der verbeulten Kirche, die ihm lieber sei «als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit ... krank ist» (49) dürfte es bereits zu einem geflügelten Wort geschafft haben. In der Aussage, dass die Eucharistie «nicht eine Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen» sei (47), sahen viele Kommentatoren einen Hinweis auf die Diskussion um die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion.

Wenig beachtet wurde in der bisherigen Diskussion jedoch die Mitte des Schreibens. In ihr geht der Papst ausführlich auf die Bedeutung der Predigt, der Schriftlesung und der geistlichen Begleitung ein (135-175). Dieses dritte von insgesamt fünf Kapiteln bildet den «eigentlichen Kern» des Apostolischen Schreibens «Über die Verkündigung des Evangeliums in der Welt von heute». Darauf hat zu Recht Bernd Hagenkord in der Einleitung zur deutschen Ausgabe hingewiesen: «Ganz besondere Aufmerksamkeit erhält die Homilie, also die Predigt zur Schriftauslegung in der Messe. Man könnte es sogar als einen ‹Text im Text› verstehen, als eine ‹Exhortation in der Exhortation›, in der Franziskus im Kleinen den Gesamtzusammenhang des Textes durchexerziert.»

Dabei geht Franziskus von dem theologischen Grundsatz aus, dass «die gesamte Evangelisierung auf dem Wort beruht, das vernommen, betrachtet, gelebt, gefeiert und bezeugt wird. Die Heilige Schrift ist Quelle der Evangelisierung. Es ist daher notwendig, sich unentwegt durch das Hören des Wortes zu bilden» (174). Auffallend ist, dass sich der Papst mit diesem Grundsatz nicht zufrieden gibt, sondern erstaunlich detailliert und – wie er selbst sagt – «mit einer gewissen Akribie» (135) die einzelnen Aspekte desselben erschließt. Es lohnt sich, seine Ausführungen näher zu betrachten.

Homilie


Franziskus konstatiert zunächst ein doppeltes Dilemma. Unter den Predigten leiden oft alle Beteiligten, die einen beim Predigen, die anderen beim Zuhören. Es gibt hier viele Beschwerden, denen wir «unsere Ohren nicht verschließen dürfen» (135). Diese nicht zu bestreitende Tatsache steht in deutlicher Spannung zu den Möglichkeiten, die nach Ansicht des Papstes die Predigt bietet: Sie kann «eine intensive und glückliche Erfahrung des Heiligen Geistes sein, eine stärkende Begegnung mit dem Wort Gottes, eine ständige Quelle der Erneuerung und des Wachstums» (135). Warum gelingt das so selten?

Zunächst ruft der Papst einige grundlegende theologisch-anthropologische Einsichten in Erinnerung, die häufig in Vergessenheit geraten sind. Das eigentliche Subjekt der Predigt ist nicht der Prediger, sondern Gott. Franziskus ist überzeugt, «dass Gott es ist, der die anderen durch den Prediger erreichen möchte, und dass er seine Macht durch das menschliche Wort entfaltet» (136). Deshalb muss sich der Prediger zunächst einmal selbst zurücknehmen. «Die Homilie darf keine Unterhaltungs-Show sein, sie entspricht nicht der Logik medialer Möglichkeiten» (138). Es geht nicht an, dass der Prediger seine eigenen Gedanken und Ideen vorträgt, mögen sie noch so klug daherkommen. Er hat sich vielmehr in die bereits bestehende Kommunikation zwischen Gott und seinem Volk einzufügen. «Die Homilie nimmt den Dialog auf, der zwischen dem Herrn und seinem Volk bereits eröffnet wurde» (137). Deshalb muss der Prediger nicht nur Gott, sondern auch «das Herz seiner Gemeinde kennen» (137). In der gelungenen Homilie macht sich der Prediger zu einem «Werkzeug» (instrumento; 143). Jedoch ist «das Vertrauen auf den Heiligen Geist, der in der Verkündigung wirkt, nicht rein passiv, sondern aktiv und kreativ. Es schließt ein, sich mit allen eigenen Fähigkeiten als Werkzeug darzubieten» (145). Die Predigt ist mehr als Erbauung und Katechese, sie ist «Gespräch Gottes mit seinem Volk» (137). «Sie muss kurz sein und vermeiden, wie ein Vortrag oder eine Vorlesung zu erscheinen» (138).

Wie aber soll dieses theologisch anspruchsvolle Modell praktiziert werden? Ist es nicht eine hoffnungslose Überforderung? Besteht nicht die Gefahr, dass mit diesem hehren Anspruch auf subtile Weise die eigenen Subjektivismen mit dem Nimbus des göttlichen Wortes umgeben werden, um sich gegenüber dem kritischen Urteil anderer zu immunisieren – wenn angeblich Gott durch den Prediger spricht? Um diese Gefahr in Grenzen zu halten, geht der Papst im Folgenden ausführlich auf die einzelnen Schritte der Predigtvorbereitung ein.

Vorbereitung auf die Homilie

Mit besonderem Nachdruck betont der Papst die Vorbereitung auf die Homilie. Ihr widmet er ein eigenes Kapitel mit mehreren Abschnitten (145-159). Die Vorbereitung auf die Predigt ist im Grunde keine Technik, sondern sie erwächst aus einer geistlichen Lebensform. Sie «ist eine so wichtige Aufgabe, dass es nötig ist, ihr eine längere Zeit des Studiums, des Gebetes, der Refl exion und der pastoralen Kreativität zu widmen» (145). Dem Papst sind die Einwände vieler Prediger, nicht genügend Zeit dafür zu haben, bekannt. Doch er bittet darum, «dass dieser Aufgabe jede Woche persönlich wie gemeinschaftlich eine ausreichend lange Zeit gewidmet wird, selbst wenn dann für andere, ebenfalls wichtige Aufgaben weniger Zeit übrig bleibt», denn «ein Prediger, der sich nicht vorbereitet, ist nicht ‹geistlich› (‹espiritual›); er ist unredlich und verantwortungslos gegenüber den Gaben, die er empfangen hat» (145).

Geistliche Schriftlesung (lectio divina)

Welches konkrete Modell der Vorbereitung schlägt er vor? Nach Anrufung des Heiligen Geistes soll man «die ganze Aufmerksamkeit dem biblischen Text zuwenden, der die Grundlage der Predigt sein muss» (146). Dabei geht es darum, eine kontemplative Haltung einzunehmen: «Um einen biblischen Text auslegen zu können, braucht es Geduld, muss man alle Unruhe ablegen und Zeit, Interesse und unentgeltliche Hingabe einsetzen. Man muss jegliche Besorgnis, die einen bedrängt, beiseite schieben, um in ein anderes Umfeld gelassener Aufmerksamkeit einzutreten» (146). Die Bereitschaft, «in ein anderes Umfeld gelassener Aufmerksamkeit einzutreten» ist im Grunde der Kern jeder geistigen Übung. Sie ist zugleich integraler Teil der so genannten geistlichen Schriftlesung (lectio divina). In zwei Abschnitten geht der Papst auf die lectio divina ein (152-153). «Sie besteht im Lesen des Wortes Gottes innerhalb einer Zeit des Gebetes, um ihm zu erlauben, uns zu erleuchten und zu erneuern» (152). Es gibt eine Wechselwirkung zwischen Kontemplation und geistlicher Schriftlesung. Recht verstanden führt die geistliche Schriftlesung zur Kontemplation, zum schweigenden Verweilen in der Gegenwart Gottes. Die Tradition nennt gewöhnlich die Reihenfolge: lectio, meditatio, oratio, contemplatio. Geistliche Schriftlesung wiederum wird erst dann fruchtbar, wenn sie aus einer kontemplativen Haltung heraus erfolgt. Auch Ignatius von Loyola verweist in den Anweisungen (Anotaciones) zu den Geistlichen Übungen auf den Zusammenhang von Abgeschiedenheit und Achtsamkeit (20. Anweisung). Das Eintreten (entrar) in einen «anderen Raum» (otro ámbito) gelassener Aufmerksamkeit» ist entscheidend für den Wandlungsprozess, auf den Franziskus später noch eingehen wird. Damit schließt sich der Kreis zum eingangs genannten Grundsatz, dass es in der Predigt nicht um das Ich des Predigers geht. In gewisser Weise muss das Ich «zu Grunde» gehen, sich von der göttlichen Wirklichkeit berühren und verwandeln lassen, in die es eingebettet ist. Zu Recht zitiert Franziskus in diesem Zusammenhang das Wort des Apostels Paulus: «Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir» (Gal 2, 20) (160).

Zwar soll die Predigt nicht zu einer «Exegese-Vorlesung werden» (142), dennoch erinnert der Papst ausdrücklich daran, dass die bekannten Mittel der literarischen Analyse (análisi literario) anzuwenden sind, um sich wirklich auf den vorliegenden Text einzulassen. Der Prediger darf sich allerdings nicht in den Details verlieren, sondern muss die «Hauptbotschaft, die dem Text Struktur und Einheit verleiht» (147), entdecken und zur Sprache bringen. Andernfalls hat auch seine Predigt «keine Einheit und keine Ordnung. Seine Rede wird nur eine Summe verschiedener unzusammenhängender Ideen sein, die nicht imstande sind, die anderen zu bewegen» (147). Er empfiehlt den Predigern, nicht nur auf den Inhalt des biblischen Textes zu achten, sondern auch auf die Wirkung (efecto), die er erzielen möchte. In der Exegese wird dies gewöhnlich die Textpragmatik genannt. Hier, so der Papst, kommt es darauf an, die Vielfalt an Wirkungen, die biblische Texte anzielen, wahrzunehmen und nicht zu konterkarieren oder zu einem Einheitsbrei zusammenzurühren: «Wenn ein Text geschrieben wurde, um zu trösten, sollte er nicht verwendet werden, um Fehler zu korrigieren» (147).

So sehr also das besondere Profil des jeweils vorliegenden Textes zu erfassen und zur Sprache zu bringen ist, so darf dabei jedoch nicht die Verbindung mit (allen) anderen Texten der Bibel außer acht bleiben. Der Papst erinnert damit an einen wichtigen Grundsatz katholischer Bibelhermeneutik: die Einheit der Schrift und die Überlieferung der Kirche (148). Hier gilt es, die rechte Balance zu wahren: «Auf diese Weise werden falsche oder parteiische Auslegungen vermieden, die anderen Lehren derselben Schrift widersprechen. Doch das bedeutet nicht, den eigenen und besonderen Akzent des Textes, über den man predigen muss, abzuschwächen. Einer der Fehler einer öden und wirkungslosen Predigt ist genau der, nicht imstande zu sein, die eigene Kraft des verkündeten Textes zu übermitteln» (148).

So wichtig es ist, diese exegetischen und bibelhermeneutischen Regeln und Grundsätze zu beachten, so erfordert eine fruchtbare Predigttätigkeit doch deutlich mehr. Franziskus zitiert das Nachsynodale Apostolische Schreiben Pastores dabo vobis von Johannes Paul II. vom 15. März 1992, in dem darauf hingewiesen wird, dass sich der Prediger zuallererst in ganz persönlicher Weise dem göttlichen Wort öffnen muss, damit es in ihm seine verwandelnde Kraft entfalten kann (149): «Wer predigen will, der muss zuerst bereit sein, sich vom Wort ergreifen zu lassen und es in seinem konkreten Leben Gestalt werden zu lassen» (150).

Vor jeder konkreten Vorbereitung muss man «akzeptieren, zuerst von jenem Wort getroffen zu werden, das die anderen treffen soll» (150). Dabei geht es jedoch nicht um den krampfhaften und vergeblichen Versuch, ohne Fehler zu sein. Entscheidend ist die Bereitschaft, zu reifen und zu wachsen. Wenn die Bereitschaft zu reifen nicht vorhanden ist, wenn der Prediger «nicht innehält, um das Wort Gottes mit echter Offenheit zu hören, wenn er nicht zulässt, dass es sein Leben anrührt, ihn in Frage stellt, ihn ermahnt, ihn aufrüttelt, wenn er sich die Zeit nicht nimmt, um mit dem Wort Gottes zu beten, dann ist er tatsächlich ein falscher Prophet, ein Betrüger oder ein eitler Scharlatan» (151). Die Überlegungen schließen mit der beeindruckenden Aussage: «Der Herr möchte uns einsetzen als lebendige, freie und kreative Menschen, die sich von seinem Wort durchdringen lassen, bevor sie es weitergeben. Seine Botschaft muss wirklich den Weg über den Prediger nehmen ..., indem es von seinem ganzen Sein Besitz ergreift» (151).

Geistliche Begleitung

Der letzte Teil des 3. Kapitels befasst sich folgerichtig mit der Begleitung dieser Wachstumsprozesse. Franziskus misst der geistlichen Begleitung im Rahmen der Evangelisierung grundlegende Bedeutung zu. Die Kirche muss «Priester, Ordensleute und Laien», «Männer und Frauen» in die «Kunst der Begleitung» einführen (169; 171). Hier wird ausdrücklich gesagt, dass die Seelsorge nicht den «geweihten Dienern» vorbehalten ist. Das scheint mir angesichts einzelner Versuche, den Begriff der Seelsorge ausschließlich mit dem geweihten Amt in Verbindung zu bringen, beachtenswert. Seelsorge ist eine Frage der Kompetenz, nicht der Repräsentation. Wer geistliche Begleitung praktiziert, muss sie allerdings erst selbst erfahren haben (172). Sie darf sich nicht mit einer rein immanenten Therapie zufriedengeben, sondern muss «mehr und mehr zu Gott hinführen» (170). Was sie vor allem erfordert, ist «unermessliche Geduld» (immensa paciencia).

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