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Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
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Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
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Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
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Leseprobe 3
Robert Spaemann
SUBSTANTIATION
Zur Ontologie der eucharistischen Wandlung
Was geschieht in dem Augenblick, den wir «Wandlung» nennen? Die Diskussion darüber ist nicht beendet. Die kirchliche Verurteilung der Ersetzung des Wortes «Transsubstantiation» durch das Wort «Transsignifikation» hat den Streit so wenig beenden können wie Luthers Insistieren auf dem «est» im «Hoc est enim corpus meum» Zwingli und Calvin überzeugen konnte. Die Leugner der «Wandlung» berufen sich darauf, dass doch offensichtlich an dem, was wir Brot nennen, sich nichts verändert. Was die Worte des Priesters «bewirken», könne sich deshalb nur auf die Ebene der «Bedeutung» beziehen. Nur dass diese neue Bedeutung durch die Worte Jesu eine göttliche Sanktion erhalten habe, so dass wir sagen können, das konsekrierte Brot ist, was es aufgrund der Worte Jesu bedeutet. Die Verteidiger der «Transsubstantiation» fühlen sich demgegenüber als Hüter der Rechtgläubigkeit, wenn sie darauf insistieren, dass das, was hier geschieht, eben ein Wunder sei.

Nun ist der Begriff des Wunders mit Bezug auf die Wandlung sicher unangemessen. Wunder sind nämlich nichts Unsichtbares, das geglaubt werden muss, sondern Veränderungen im Sichtbaren, die innerhalb des Sichtbaren keine Erklärung finden und dadurch auf das Unsichtbare verweisen. Ein solches Wunder ist zum Beispiel die jungfräuliche Empfängnis als Zeichen der nicht der empirischen Welt angehörigen Gottessohnschaft Jesu. Die scholastische Tradition hat in aristotelischer Begrifflichkeit von einem Wesenskern der Dinge gesprochen, der die empirischen Eigenschaften hervorbringt, durch die wir die Dinge identifizieren, den wir aber selbst nicht erkennen, weil er eben nur indirekt, das heißt durch seine «Akzidentien», zugänglich ist. Für ihn selbst aber gilt das Wort des heiligen Thomas: Essentiae rerum nobis sunt ignotae – Die Wesenheiten der Dinge sind uns unbekannt.

Für die eucharistischen Gestalten gilt, dass die unveränderten Merkmale von Brot nicht mehr hervorgebracht werden durch einen solchen Wesenskern, sondern durch Gottes Wirken im Sein gehalten werden, während der Wesenskern, die «Substanz», nun der Leib Christi ist, der sich nicht durch seine erfahrbaren Akzidentien zu erkennen gibt: «Gesicht, Geschmack, Gefühl, sie täuschen sich in dir.» Die erfahrbaren Eigenschaften sind nicht Eigenschaften des Leibes Christi. Nicht der Leib Christ wird rund, weiß und flüssig.

Die Brotgestalt ist allerdings nicht zufällig. Sie wird zum Zeichen dafür, dass der Leib Christi Nahrung des ewigen Lebens unserer Seele wird. Diese begriffliche Fassung des Geschehens der Wandlung ist dem, was sie ausdrücken will, angemessen; Transsignifikation hingegen nicht, weil sie voraussetzt, dass das, was hier geschieht, nichts im strengen Sinne Übernatürliches ist, sondern sich auf einer uns vollständig zugänglichen sekundären Ebene der Bedeutung abspielt. Nur durch einen Zuschreibungsakt wird das Brot zum Leib Christi, durch einen kollektiven Akt der Erinnerung.

Gleichwohl macht der Begriff der Transsubstantiation eine irrige philosophische Voraussetzung. Er setzt nämlich voraus, dass Brot eine Substanz ist. «Substanz» meint: Selbststand, Selbstsein. Die Substanz, der selbstseiende Wesenskern eines Dinges, impliziert eine eigene dynamische Verfasstheit, eine eigene teleologische Struktur, aufgrund derer es natürlichen Dingen «um etwas geht», und zwar zuerst und vor allem um ihre eigene Selbstbehauptung. Das Paradigma für eine Substanz war stets das Lebewesen. Einem Pferd geht es um etwas. Es ist irgendwie, ein Pferd zu sein. Es ist nicht irgendwie, ein Auto zu sein. Einem Auto geht es um nichts. Das Auto ist nur für uns etwas, eine Einheit, nämlich ein Auto. Es verlangt nicht von sich aus, betankt zu werden. Es hat keinen Durst nach Benzin. So ist auch Brot keine natürliche Substanz, es hat keine «physis». Im Unterschied zu chemischen Verbindungen, durch die neue Substanzen entstehen, ist es nur eine Mischung von Ingredienzien, die nicht danach verlangen, gemischt zu werden. Um den Körper zu nähren, bedarf es einer erneuten Entmischung, nämlich der Verdauung. Mit anderen Worten: Es gibt keine Brotsubstanz, die in die Substanz des Leibes Christi gewandelt werden könnte, und keinen Vorgang, den wir Transsubstantiation nennen könnten. Brot ist definiert durch eine Reihe von Eigenschaften. Es ist nichts jenseits dieser Eigenschaften. Darum werden die Sinne durch die Brotgestalt des eucharistischen Brotes eben nicht getäuscht. Wenn etwas aussieht wie Brot, schmeckt wie Brot und aus gemahlenen Körnern entsteht, dann ist es Brot, nach der Wandlung ebenso wie vorher. Und wenn es – durch Pulverisierung oder Fäulnis – aufhört, essbares Brot zu sein, hört es auch auf, der Leib des Herrn zu sein. Es findet nicht eine zweite Wandlung, eine Rückverwandlung statt.

Was geschieht also in der Wandlung? Es ist gut, sich zu erinnern, dass unser Wort «Substanz» nicht nur die Übersetzung des griechischen Wortes «hypostasis», sondern auch des Wortes «ousia» ist, was auf Deutsch wiederum auch «Wesen» meinen kann. Es gehört zum Wesen des Brotes, essbar, Nahrung zu sein. Nicht als ob es «von sich aus» dahin tendierte, gegessen zu werden. Es gibt kein «von sich aus» des Brotes. Brot ist nicht lebendig und tendiert folglich von sich aus gar nicht. Mit anderen Worten: Brot ist keine Substanz. Wohl gibt es ein «Wesen» des Brotes, aber dieses Wesen existiert nur innerhalb der menschlichen Welt, der Welt von «Bedeutung». Was es innerhalb dieser Welt bedeutet, das ist es. Es hat kein Sein außerhalb derselben. [...]


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