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Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
Lesermeinung von
Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

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Leseprobe 2
Jean-Pierre Batut
KRANKSEIN – EINE GNADE?
Der Christ und die Gesundheit
Einen Dieb fürchte ich nicht ... ich sehe ihn ja schon von weitem
und würde mich hüten, «Haltet den Dieb!» zu rufen.
Im Gegenteil, ich würde ihm zurufen: «Hier entlang, hier entlang!»
Hl. Thérèse vom Kinde Jesu

«Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken [...]. Denn ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten» (Mt 9, 12f ). Das sind klare Worte: wenn wir ihn also anrufen wollen, obwohl wir uns bei bester Gesundheit glauben, ist das ein Widerspruch. Denn er kommt zu den Menschen ja ausdrücklich als «Arzt» (iatros). Dann wäre der für die Pharisäer bestimmte Halbsatz ohne Umschweife auch an uns gerichtet: «Für euch bin ich nicht gekommen!» Will man Jesus in sein Leben einlassen und von ihm angerufen sein, so geht das nicht ohne das persönliche Eingeständnis, selbst krank und bedürftig zu sein. Das Diktum Jules Romains, wonach die vermeintlich Gesunden eigentlich unbewusst Kranke seien, hat mehr Ernst, als es zunächst scheint. Es konfrontiert uns mit der Tragik des menschlichen Lebens, das ein anderer Humorist, Woody Allen, recht lapidar als eine «durch sexuellen Kontakt übertragene, tödliche Krankheit» beschrieben hat.

Kranksein ist eine ernste Angelegenheit, jedoch nicht nur durch die Schwere einer Erkrankung, sondern letztlich, weil es unausweichlich die Zerbrechlichkeit und Kürze unseres Lebens vor Augen stellt. Dadurch zwingt es uns, Stellung zu beziehen vor ihm, der das Leben ist: «Die Ärzte werden dich nicht heilen können, denn am Ende musst du unausweichlich sterben. Ich hingegen bin es, der dich gesund und deinen Leib unsterblich macht». In diesen Worten, die Blaise Pascal hier Jesus in den Mund legt, klingt Jesu Frage an die Schwester des Lazarus an: «Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt; und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das ?» ( Joh 11, 25f ).

Beim Thema Krankheit kommen wir nicht umhin, auch den Tod in den Blick zu nehmen. Das überrascht nicht: Während das Grundanliegen eines Arztes darin besteht, dem Kranken in diesem Leben die Gesundheit (frz. santé) zurückzugeben, sehen sich der Gläubige, der Philosoph und der Kranke selbst zugleich vor die Frage nach dem «Heil» (frz. salut) gestellt, und zwar nach dem Heil im irdischen Leben und über dieses hinaus. Beide Worte, salut und santé, sind etymologisch eng verwandt und beiden liegt die Sorge des Menschen zugrunde, den ihn bedrohenden Gefahren zu entgehen. Diese existentielle Sorge beschränkt sich wohlweislich nicht einfach nur auf rein irdisches Wohlergehen.

Schauen wir auf jene Frau im Markusevangelium (vgl. Mk 5, 25–18), die schon bei vielen Ärzten Hilfe gesucht und deren Zustand sich jeweils nur verschlimmert hat. Sie nähert sich nun Jesus, um wenigstens sein Gewand zu berühren. Wenn sie sich bisher von den Ärzten Heilung erhoffte, so geht es ihr diesmal um mehr. Im Stillen sagt sie sich: Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich «gerettet». Demnach ist für sie «heil» werden inzwischen wichtiger geworden als «gesund» werden. Diese Haltung macht es Jesus möglich, ihr sowohl das eine als auch das andere zu schenken: «Meine Tochter, dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden und sei von deinem Leiden geheilt!» (Mk 5, 34).

In heutiger Zeit wirkt es dagegen mehr als befremdlich, wenn das Heil über die Gesundheit gestellt wird und die Sünde als für das Menschsein bedrohlicher gesehen wird als die Krankheit. Gilt doch vielen unserer Zeitgenossen Gesundheit als das höchste Gut. Ein regelrechter Gesundheitswahn um jeden Preis hat sich längst Bahn gebrochen und wirkt sich in einer immer kleinlicheren gesetzlichen Reglementierung aus. Hinzu kommt eine wachsende Zahl juristischer Klagen gegen Ärzte, denen unglücklicherweise Fehler in Diagnostik, beim Verordnen von Medikamenten oder bei chirurgischen Eingriff en an Patienten unterlaufen sind. Lebte Philippe Murray heute noch, hätte er sicherlich den Bogen von seinem homo festivus weiter geschlagen hin zu einem homo prophylacticus als Spitze der Evolution. In seinem Nachdenken über den «letzten Menschen» charakterisierte Friedrich Nietzsche ihn vorausblickend in einem ähnlichen Sinne: «Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht, aber man ehrt die Gesundheit.»

1. Die existentielle Dimension des Krankseins

Sollte man sich von einem solchen Zeitgeist insofern absetzen, als man Kranksein als den normalen Zustand des Menschen betrachtet? Der Katechismus der Katholischen Kirche jedenfalls stellt Kranksein zunächst nicht als eine Normalität heraus, auch wenn er ausführt: «Krankheit und Leiden gehören von jeher zu den schwersten Prüfungen im Leben des Menschen.» Vielmehr lädt er ein, Krankheit aus dem Blickwinkel der Erfahrung anzuschauen: «In der Krankheit erfährt der Mensch seine Ohnmacht und seine Grenzen und Endlichkeit. Jede Krankheit kann uns den Tod erahnen lassen» (KKK 1500).

Jeder Erfahrung ist es zueigen, uns mit der Wirklichkeit zu konfrontieren. In unserm Fall verweist sie uns auf unsere Zerbrechlichkeit und Endlichkeit, auf deren Hintergrund sich jegliches Gefühl von Stärke oder gar Unsterblichkeit als Illusion erweisen muss. In diesem Sinne ist auch das Streben nach Gesundheit eine jener «Ablenkungen» im Sinne Pascals, mit welcher der Mensch seine eigentliche Verfasstheit zu vergessen sucht; aber sie ist nicht die einzige. Denn trotz der Erkenntnis unserer Endlichkeit findet zuweilen der Kult des eigenen Ego immer noch Platz, sich auch hier einzunisten. Dies demonstriert etwa der gelungene Film Letzte Tage im Elysée von Robert Guédiguian. Der Regisseur lässt uns darin dem ehemaligen französischen Präsidenten Mitterand kurz vor seinem Tode begegnen, wie er seine «Krankheit als etwas Schöpferisches, als eine Art Kunstwerk [reflektiert], das Einzige, zu dem das Individuum in seiner Entfremdung noch fähig sei [...], ein Kunstwerk, welches das Leben kostet [...]. Krankheit als letzter Zufluchtsort der eigenen wiedergefundenen Individualität.»

Von der bloßen Reflexion einer solchen Krankheitserfahrung hin zum ungeschminkten Wahrhaben und zur persönlichen Annahme als existentieller Erfahrung genügt es sicherlich nicht, die Erkrankung nur als eine ärgerliche Unzeit zu durchleben, um möglichst bald wieder zu unseren Aktivitäten zurückkehren zu können. Dazu reicht es auch nicht, sie nur als eine Ursache für persönliches Leid zu sehen. Wirkliche Annahme geschieht wohl erst da, wo die Erkrankung als ausweglos erfahren wird, weil sie etwa so weit fortgeschritten ist, dass eine Genesung in Zweifel steht. Verschiedene Psalmen beschreiben auf frappierende Weise dieses Umschlagen in der Einstellung des Beters zu seiner Krankheit, sobald die Aussicht daran zu sterben ins Blickfeld rückt. «Heile mich, Herr, denn meine Glieder zerfallen! Meine Seele ist tief verstört» (Ps 6, 3f ); «Herr, erhöre mich bald, denn mein Geist wird müde» (Ps 143, 7); oder auch: «Vom Anbruch des Tages bis in die Nacht gibst du mich völlig preis; bis zum Morgen schreie ich um Hilfe. Wie ein Löwe zermalmt er all meine Knochen. [...] Ich bin in Not, Herr, steh mir bei!» (Danklied Hiskijas, Jes 38, 12ff ).

2. Von der Erfahrung des Krankseins zum Bewusstsein der Sünde

Es ist unschwer festzustellen, dass diese Texte nicht bei der Schilderung der Krankheit stehen bleiben, sondern sie gleichsam Gott vorlegen. Die Verzweiflung des Kranken wird zum Gebet, zum Hilfeschrei, zur inständigen Anrufung: Was nützt es Gott, wenn er mich an den Rand des Todes bringt, wo mein Lob verstummen wird? «Zu dir, Herr, rief ich um Hilfe; ich flehte meinen Herrn um Gnade an. Was nützt dir mein Blut, wenn ich begraben bin? Kann der Staub dich preisen, deine Treue verkünden?» (Ps 30, 9f ); «Erzählt man im Grab von deiner Huld, von deiner Treue im Totenreich?» (Ps 88, 12). Hier tritt deutlich hervor, dass «der Mensch des Alten Testaments […] die Krankheit im Blick auf Gott [erlebt]. Er klagt vor Gott über seine Krankheit, und erfleht von ihm, dem Herrn über Leben und Tod, Heilung. Die Krankheit wird zum Weg der Bekehrung» (KKK 1502).

Ob jemand gläubig ist oder nicht, man wird von einer Krankheit nicht einfach nur befallen, sondern sie verändert den Menschen. Wenn er sie übersteht, wird er danach nicht mehr ganz der Gleiche sein. Diese Verwandlung wird umso spürbarer, wo jemand seine Krankheit ins Gespräch mit Gott bringt. Das wird nicht nur ihn, sondern auch sein Gottesverhältnis verändern. Je nachdem, welche Bedeutung er Gott, seinem Schöpfer und Richter, in seinem Leben einräumt, kann seine Krankheit ihm ein Ort der Offenbarung werden.

Dies ist auch die Erfahrung Israels: Ähnlich wie die Zeit im Sklavenhaus Ägypten, oder wie manche Niederlage im Kampf, kann Krankheit zu einem jener wesentlichen Orte werden, wo Gott sich zu erkennen gibt und gleichzeitig eine tiefere Einsicht in die eigene Verfasstheit schenkt. «Das Volk Israel erlebt, dass die Krankheit auf geheimnisvolle Weise mit der Sünde und dem Bösen zusammenhängt, und dass die Treue zu Gott, seinem Gesetz gemäß, das Leben zurückgibt: ‹denn ich bin der Herr, dein Arzt.› (Ex, 15, 26)» (KKK 1502).

3. Vom Bewusstsein der Sünde zur Darbringung der Kirche

Krankheit ist nach paulinischem Verständnis ebenso wie der Tod «Lohn der Sünde» (Röm 6, 23). Doch wird man wohl ebenso wenig einen direkten Kausalzusammenhang zwischen dem tugendhaften Lebenswandel eines Menschen und seinem guten Gesundheitszustand sehen wollen wie zwischen sündhaftem Verhalten und einer Erkrankung, die jeden treffen kann, während sie andere verschont. Folglich muss man einräumen: Mag man von einem Zusammenhang zwischen Krankheit und Sünde ausgehen, eine automatische Konsequenz jedoch kann eine Erkrankung schwerlich sein (vgl. Joh 9, 2–3: «Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Oder haben seine Eltern gesündigt? […] Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt»).

In vergleichbarer Weise darf ein Mensch seine Gesundung als eine Gnade Gottes ansehen, der ein Freund des Lebens ist, ohne sich anderen gegenüber als von Gott bevorzugt zu wähnen: «Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden» ( Joh 9, 3). Diese Feststellung Jesu öffnet uns den Blick für eine ganz neue Art, Krankheit zu erleben: In paradoxaler Weise ist sie zugleich Erfahrung existentieller Einsamkeit, aber auch der Ort, wo eine Schicksalsgemeinschaft aufscheinen kann mit allen, die an den Folgen sündiger Strukturen und sündhaften Tuns zu leiden haben, ohne dass sie deshalb schuldiger wären als andere, denen solches Leid erspart geblieben ist. Von diesem Standpunkt aus kann für den rechtschaffenen Menschen «das Leiden auch den Sinn einer Sühne für die Sünden anderer haben» (KKK 1502). Präziser gesagt: das «dargebrachte» Leiden. Doch in welchem Sinne «dargebracht»? Wie kann etwas Destruktives, das unser Leben einengt und unsere Lebenserwartung verringert, für den Kranken zum Gegenstand einer Gabe werden?

Schauen wir zunächst darauf, wie sich dem Kranken paradoxerweise von seiner Erkrankung her der Blick auf die Welt verändert. Das kann man gerade im Wallfahrtsort Lourdes sehr deutlich wahrnehmen: Dort werden die vordersten Plätze den Kranken überlassen, während sie sonst üblicherweise eher in den letzten Reihen platziert werden, um die Krankheit möglichst zu verbergen. Ist in Lourdes also die Welt auf den Kopf gestellt? Hier scheint in der Krankheit die wahre menschliche Verfasstheit durch, deren Nähe Jesus Christus bewusst gesucht hat: «Er hat unsere Leiden auf sich genommen und unsere Krankheiten getragen» (Mt 8, 17) – fast als wollte er so weit gehen, selbst von ihnen angesteckt zu werden. Der Blick auf kranke Menschen bringt mir zu Bewusstsein, dass meine Gesundheit nur eine Illusion und eine Art Spiegel ist, den ich mir hinhalte, um mich ohne große Mühe meiner selbst zu versichern. Das erspart es mir dann, den leidenden «Artgenossen» näher zu betrachten, der mir – wenn auch ohne Worte – sagt, wer ich eigentlich vor Gott bin.

In Lourdes und an anderen Orten, wo Kranksein nicht verleugnet oder versteckt wird, bekommt ein kranker Mensch einen ihm angemessenen Platz in der Mitte der Gemeinschaft, deren selbstverständliches Mitglied er ist. Er erscheint nicht mehr – wie allzu oft – als jemand, der in absehbarer Zeit geheilt sein sollte, so als wäre seine Krankheit nur eine zeitweise Unterbrechung des Normalzustandes, weil man Gesundsein als einen solchen Zustand versteht. Ein Kranker kann erfahren, dass ihm innerhalb der Kirche ein besonderer Platz zukommt, der sich hier sogar als der sichtbarste Platz erweist. In vergleichbarer Weise gibt es einen tiefen Zusammenhang zwischen der Achtung, die einem Kranken und seinem Leiden entgegengebracht wird und der Ehrerbietung gegenüber dem Kreuz Christi, «durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt» (Gal 6, 14). Bei der [französischen, Anm. d. Übers.] Formulierung «pour le monde» («ich der Welt») bzw. «pour moi» («mir die Welt») ist das die Bedeutung weisende Pronomen «für» zunächst perspektivisch zu verstehen: «in den Augen von». Doch vielleicht muss seine Bedeutung hier auch erweitert verstanden werden als Ausdruck einer Gabe «für das Wohl, zum Nutzen» eines anderen.

4. «Vom rechten Gebrauch der Krankheiten»

Diese Erwägungen führen uns in die Nähe jenes wunderbaren Gebetes von Blaise Pascal, das «Gott um den rechten Gebrauch der Krankheiten» bittet. Darin erscheint das Kranksein von vornherein als ein Ort der Offenbarung, indem es gleichsam Tod und Gericht vorwegnimmt, den Moment also, wo definitiv an den Tag kommt, wie es um den Menschen und seine Seele bestellt ist. Wäre nicht von hieraus Krankheit als eine von Gott gewährte Chance zu verstehen, die dem sündigen Menschen die Umkehr ermöglicht, solange noch Zeit ist? «Es hat Euch gefallen, mich rechtzeitig auf diesen schrecklichen Tag vorzubereiten, indem Ihr mich so geschwächt und mir alles aus der Hand geschlagen habt.» Es geht also um nichts Geringeres als darum, aus dieser barmherzig gewährten Vorwegnahme das Beste zu machen: «Ihr habt schon in dieser Zeit gleichsam den Tod über mich kommen lassen, um an mir Eure Barmherzigkeit zu zeigen, um später – wenn mich der wirkliche Tod ereilt – an mir Euer Gericht zu vollziehen.»

Kranksein – eine Wirkung der göttlichen Barmherzigkeit? Pascal faltet das Paradox weiter aus: «Möge mir die von Euch geschickte Plage Trost geben! Nachdem ich lange unbeschadet in den Verstrickungen meiner Sünde gelebt habe, so erfahre ich jetzt die himmlischen Wohltaten Eurer Gnade während dieser gesundheitlichen Übel, die Ihr mir geschickt habt.» Zu einer solchen Haltung gelangt man allerdings nur um den Preis der eigenen Selbstaufgabe, zu der ein sündiger Mensch von Natur aus allein nicht fähig ist. Deshalb muss er sich erbitten, dass in seinem Innern die Gnade die Oberhand gewinne, ganz in dem Sinne wie Blaise Pascal das Gleichnis bei Lukas versteht, wo ein starker Mann so lange seinen Hof bewacht und Besitz verteidigt, bis ein noch Stärkerer kommt, der ihn schließlich übermannt (Lk 11, 21f ). Dieser noch Stärkere ist in seinen Augen niemand anderes als Christus selbst, dem gegenüber der sündige Mensch seine Widerstände nicht länger durchhalten und seine falschen Sicherheiten nicht festhalten kann: «Herr, öffnet mir mein Herz und betretet diesen rebellischen Raum, den bisher meine Unzulänglichkeit und Laster besetzt hielten.»

So kann in dieser Sicht eine Erkrankung dem Menschen helfen, seine innere Zerrissenheit zu überwinden, solange er noch schwankt zwischen Gott, den er eigentlich lieben möchte, und der «Welt», von der er noch nicht recht loskommt. Denkt man das Paradox zu Ende, eröffnen Kranksein und die damit einhergehende Verzweiflung gewissermaßen den Zugang zu authentischer Freiheit und wirklichem Glücklichsein: «Ach, wie sind doch jene glücklich zu preisen, die aus vollkommener Freiheit und mit unbezwingbarem Willen das in Liebe ohne Abstriche annehmen, was ihnen zu lieben aufgenötigt wurde.»

Die Krankheit als eigentlich widernatürlicher Zustand ermöglicht somit, den ursprünglichen natürlichen Zustand wiederherzustellen. Mag der Mensch auch nicht fürs Kranksein gemacht sein, so braucht er es scheinbar doch, damit seiner Seele die wahre Gesundheit verliehen werde. «Denn die schlimmste seiner Krankheiten, Herr, ist jene Blindheit, die ihm jegliches Empfinden für seinen heillosen Zustand genommen hat.» Hier bewahrheitet sich für Pascal wie für den Apostel Paulus die Erkenntnis: «Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark» (2 Kor 12, 10).

Will das am Ende doch besagen, dass Gesundheit kein erstrebenswertes Gut sei? Nicht Gesundsein an sich soll in Frage gestellt werden, vielmehr geht es darum, was der gesunde Mensch daraus macht. «Ich räume ein, dass ich Gesundsein für einen Wert erachtet habe, allerdings nicht, weil ich Euch als Gesunder besser hätte dienen können, [...] sondern eher, weil ich so ungehinderter die Freuden des Lebens genießen und mich müheloser den unheilbringenden Vergnügungen hingeben konnte.» Pascal geht sogar so weit zu behaupten, dass Gottes Liebe dem menschlichen Körper nur insofern gelte, als er leidet und damit Anteil am Schicksal seines Sohnes hat. Zu dieser schier unerträglichen Aussage kommt er allerdings vor allem, weil er in der Gleichgestaltung mit Christus das eigentliche Ziel christlicher Existenz erblickt: Eine solche Gleichgestaltung würde schließlich eine vollkommene Teilhabe am Leidensgeheimnis Christi bedeuten, so dass der Betreffende nicht mehr zwischen seinen eigenen Leiden und denen Christi unterscheiden könnte: «Oh mein Heiland, tretet ein in mein Herz und in meine Seele und nehmt dort meine Leiden auf Euch, um in mir beharrlich zu erdulden, was an Eurem Leiden noch fehlt. Dann wird Euer Leiden in allen Euren Gliedern zur Vollendung gebracht, indem sich Euer Körper vollständig verzehrt. Damit ich ganz von Euch erfüllt sei und dann nicht mehr ich lebe und leide, sondern dass Ihr es seid, der lebt und leidet in mir.»

Dieser Endzustand käme dann der berühmten ignatianischen Indifferenz verblüffend nahe. Bei Blaise Pascal klingt das dann folgendermaßen: «Herr, ich erbitte mir von Euch weder Gesundheit noch Krankheit, weder Leben noch Tod, sondern dass Ihr stattdessen über mein Leben oder Sterben verfügt, über mein Gesund- oder Kranksein zu Eurer Ehre und zu meinem Heil und schließlich auch zum Nutzen der Kirche.» Ganz ähnlich heißt es im Exerzitienbuch des hl. Ignatius im Kapitel Prinzip und Fundament: «[...] dass wir von unserer Seite Gesundheit nicht mehr als Krankheit begehren, Reichtum nicht mehr als Armut, […] langes Leben nicht mehr als ein kurzes, […] einzig das ersehnend und erwählend, was uns jeweils mehr zu dem Ziele hin fördert, zu dem wir geschaffen sind.».

5. Krankheit – Sakrament der Hingabe

Mit Blick auf die vorangegangenen Ausführungen lässt sich vielleicht erahnen, wie und mit welcher Berechtigung Kranksein zum Gegenstand eines Sakraments werden kann. Es geht dabei um eine Übertragung dieses mystischen Paradoxes, das wir ausgehend von Pascals Gebet dargestellt haben, ins Liturgische. Bei näherer Betrachtung dienen Sakramente eigentlich immer dazu, bestimmte Etappen des Lebens zu heiligen und zielen in keiner Weise auf den Tod ab. Dementsprechend richten sich auch die äußeren Zeichen der Sakramente (Wasser, Öl, Brot und Wein) auf das Leben und dessen Erhaltung: So ist die Taufe das Sakrament des Geborenwerdens (selbst, wenn das Symbol des Wassers zweideutig ist: Denn neues Leben wird nur um den Preis gegeben, dass der «alte Mensch» stirbt). Bei den Sakramenten der Eucharistie und Firmung geht es um Wachstum; bei der Priesterweihe und dem Ehesakrament hingegen um Dienst und Fruchtbarkeit. Mit anderen Worten: Es gibt kein Sakrament, das den Tod zum Gegenstand hätte. Dementsprechend ist auch die Liturgie des Begräbnisses im Grunde eine Erinnerung an die eigene Taufe. Genauso wenig gibt es ein Sakrament, das auf das Kranksein ausgerichtet wäre. Das Bußsakrament will nichts anderes, als uns durch Gottes Vergebung zu heilen und uns in den Zustand unserer Taufe, also des Neugeborenenseins aus Gott, zurückzuversetzen. Wenn es nun doch so etwas wie ein Krankensakrament gibt («Krankensalbung»), dann gewiss nicht, um Kranksein zu verklären, sondern vielmehr, damit der Kranke auch diese Etappe seines Lebens auf sakramentale Weise durchleben kann; ja ich wage zu sagen: damit er sie feiern kann.

Mir ist klar, wie anstößig diese Formulierung klingen kann. Aber die Krankensalbung ist tatsächlich etwas Feierliches: Der Kranke empfängt in der Salbung ein messianisches Zeichen, das ihn in Dienst nimmt als Zelebranten der Kraft Gottes, die ihre Wirksamkeit in der Schwachheit erweist. Dadurch wird er für das ganze Volk Gottes zum Zeichen und Werkzeug des Paschageheimnisses, das mitten unter uns am Werk ist. Zwar wissen wir nichts darüber, wie Jesus selbst Krankheit erlebt hat. Umso mehr ist uns aber bekannt, wie er seine Schwachheit, mehr noch seine radikale Ohnmacht am Kreuz ausgehalten hat. Er hat uns ja nicht durch eine seiner Machttaten errettet, sondern gerade durch und in seiner Ohnmacht. Wenn er – wie es im Hebräerbrief heißt – unser Hohepriester ist, so nicht trotz seiner Schwäche, sondern gerade weil er mit Schwachheit «bekleidet» ist (Hebr 5, 2: perikeitai astheneian). Nicht allein, dass «er kein Hohepriester ist, der nicht mit uns leiden könnte» (Hebr 4, 15), vielmehr ist diese Schwachheit das priesterliche Gewand, das er umgelegt hat, um sein Opfer zu vollziehen. Wo alle menschliche Kraft sich erschöpfte und in der Verzweiflung endete, wo nichts blieb außer Abscheu der Verfolger und Henker, gerade da siegten schließlich der Schrei nach Gott und die Vergebung. In der Vereinigung mit Christus kann die Krankheit zu einer sakramentalen Gnade werden, die den kranken Menschen an Christi erlösender Schwachheit Anteil gibt, indem sie ihn von den Möglichkeiten seiner Natur zur Hoffnung auf die Herrlichkeit führt, die in der seligen Auferstehung geschenkt ist.

Wird in der Taufe aus dem Zweikampf eines Einzelnen mit dem Tod ein Sieg des Lebens, der allen zugutekommt, so wird im Sakrament der Krankensalbung das Ringen des einzelnen Menschen mit seiner Krankheit und letztlich mit dem Tod zu einer Teilhabe für alle am Kreuzesopfer: Durch die lebenspendende Macht des Vaters hat das Opfer Christi einen neuen Menschen zur Welt gebracht.

6. Rückkehr zur Kindheit und Heimkehr zu Gott

Aus theologischer Sicht kann also Krankheit zu einem Ort werden, wo sich der entscheidende «Geburtsvorgang» ereignet. Hierbei kommen sich theologische Einsicht und ureigene menschliche Erfahrung sehr nahe. So kann die Dichterin Marie Noël in ihren «Notes intimes» Krankheit und das Nahen des Todes anschaulich mit der Phase der Kindheit in Beziehung bringen:

Denselben Weg, den anfangs ein nacktes Menschenkind nach seiner Geburt Jahr um Jahr bis zu seiner Lebensmitte erklommen hat, den wird es ebenso Jahr um Jahr hinabsteigen, bis es an seinem Ausgangspunkt angekommen ist – wiederum ganz nackt [...]. Am Anfang gab es eine Zeit, da lag es in einer Wiege und wurde von Zeit zu Zeit von einer Frau herausgenommen, um gestillt und frisch gewindelt zu werden [...]. Jahre später kommt die Zeit, wo es sein Bett nicht mehr verlassen kann und wieder kommt von Zeit zu Zeit eine Frau, diesmal um ihm zu trinken zu geben und ihn zu waschen [...]. Ganz am Anfang seines Lebens ist er wie ein kleines Samenkorn des Lebens aus seinem leiblichen Vater hervorgegangen; am Ende seiner Tage wird er in seinen himmlischen Vater zurückkehren, um aufs Neue gezeugt zu werden – diesmal jedoch zu unvergänglichem Leben.

Auch Georges Bernanos kann einem hier in den Sinn kommen, der in seiner Lebensmitte feststellt, dass viele ihm nahestehende Personen inzwischen bereits tot sind. «Der Erste der Toten» sei aber der kleine Junge, der er selbst einst war und er fügt sogleich hinzu: «Und dennoch wird, wenn die Stunde dafür gekommen ist, gerade dieser kleine Junge seinen Platz an der Spitze meines Lebens einnehmen und meine armseligen Lebensjahre bis zum letzten einsammeln, wie ein junger Befehlshaber seine Veteranen in Reih und Glied bringt, und als erster in das Haus des Vaters einziehen».

«Wenn die Stunde gekommen ist» – das meint gleichermaßen die Stunde der Krankheit wie die des Todes, jene Stunde, in der man sich ganz allein sich selbst und seinem Schöpfer gegenübersieht und ehrlich Bilanz zu ziehen hat. Es ist zugleich die Stunde der schwangeren Frau, der bange ist vor den Wehen und Schmerzen der Geburt, die aber «nicht mehr an ihre Not denkt über der Freude, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist» ( Joh 16, 21). Und schließlich ist es die Stunde Jesu, von der er hofft, dass ihn der Vater daraus erretten möge, aber die Jesus dann doch akzeptiert und auf sich nimmt. Denn um dieser Stunde willen ist er in die Welt gekommen und sie ist der Zeitpunkt, wo der Vater seinen Namen verherrlichen wird (vgl. Joh 12, 27f ). Uns zur Hoffnung und zum Trost treffen hier in Christus die heroische Selbsthingabe des Gerechten und das stumme Opfer des durchschnittlichen sündigen Menschen – jener «Mittelschicht der Erlösung», von der Joseph Malègue sprach und die Papst Franziskus wieder zu Ehren bringt – auf geheimnisvolle Weise zusammen.19 Wie kein anderer hat wiederum Bernanos gegen Ende seines Lebens auf den Punkt gebracht, wie sehr unser tiefstes Trachten – jenseits all unserer Irrwege und Halbheiten – auf die letzte Hingabe ausgerichtet ist und mit dem göttlichen Willen übereinstimmt. In seinem Tagebuch schreibt er: «Eigentlich wollen wir, was Er will, es ist uns nur nicht bewusst, dass wir es wollen, weil wir uns im Letzten selbst nicht kennen. Die Sünde bewirkt, dass wir lediglich an der Oberfläche unser selbst leben und zu unserem Innersten erst in der Todesstunde vordringen. Aber genau dort wartet Er auf uns».

7. Schlussbetrachtung

Zum Abschluss möchte ich den großen Zeugen Jean-Marie Lustiger als authentische Stimme zu Wort kommen lassen. Wenige Jahre bevor er selbst sein Leben hingegeben hat und der Krankheit erlag, die ihn zu dem Zeitpunkt bereits ereilt hatte, wandte er sich an die Kranken mit folgenden Worten:

Es gehört zum Ende unserer menschlichen Existenz unweigerlich dazu, alles unseren Händen entgleiten zu sehen, was unser menschliches Streben nach Besitz und Kontrolle gern fest gehalten hätte. Man mag darauf niedergeschlagen reagieren oder es auch verdrängen. So mancher versucht, sich irgendwie abzulenken und zu beschäftigen oder sucht nach Abhilfen, die unzureichend bleiben. Oder aber man nimmt diese unabänderlichen Umstände als gottgegeben an und als Einladung, sich aus freiem Entschluss mit dem erlösenden Leiden Jesu Christi zu verbinden und das eigene Leben hinzugeben.

Jene, die diese Sendung innerhalb der Kirche auf sich nehmen, werden zu Kontemplativen inmitten der Welt und können mit den Worten des Heiligen Paulus sagen: «Jetzt freue ich mich in den Leiden, die ich für euch ertrage. Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt» (Kol 1, 24). Das Sakrament der Krankensalbung führt hin zu der Gnade, auf eine solche Berufung zu antworten.

Wer in diesem Sinn also akzeptiert, dass sein Leben zu einem Sinnbild des Kreuzes wird, mag in den Augen der anderen Menschen als verrückt und unnütz erscheinen – ähnlich wie jene, die zu Armut, Gehorsam und Enthaltsamkeit um des Reiches Gottes willen berufen sind. Aber «das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen […] und das Verachtete hat Gott erwählt: das, was nichts ist, um das, was etwas ist, zu vernichten» (1Kor 1, 27f ).

Die Kirche hingegen steht in der Verpflichtung, mit dankbarer Anerkennung das Lebensopfer als eine Gnadengabe anzunehmen, welches die Kranken «zum Lob Gottes und zum Heil der ganzen Welt» darbringen.

Die Evangelien eröffnen uns noch einen anderen Zugang: Drei Ereignisse in Jesu Leben sind eng miteinander verknüpft: Seine Taufe, seine Verklärung und die Stunde der Prüfung am Ölberg. Alle drei nehmen das Geheimnis von Jesu Tod und Auferstehung vorweg und versinnbildlichen in gewisser Weise die christlichen Sakramente.

Wie das Taufsakrament in der Taufe Jesu grundgelegt ist, so lässt die «Letzte Ölung» den kranken Menschen teilhaben an den schweren Stunden am Ölberg, an jenem Ringen durch das hindurch Jesus in die vollkommene Hingabe seiner selbst eingewilligt hat.

Es liegt nahe, dass Menschen, die zu solcher Hingabe bereit sind, sich wie Jesus in die Einsamkeit zum Gebet zurückziehen. In besonders kritischen Momenten werden sie auf die Unterstützung ihrer Schwestern und Brüder angewiesen sein, um gemeinsam zu wachen und zu beten. Trotzdem werden sie sich wohl am Ende gegenüber dem Geheimnis des Opfers als allein und von allen verlassen erfahren. «Angesichts des Erbarmens Gottes ermahne ich euch, meine Brüder, euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt; das ist für euch der wahre und angemessene Gottesdienst» (Röm 12, 1).

Aus dem Französischen übersetzt von Michael Schilling

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