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Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
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Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

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Leseprobe 1
Jean-Luc Marion
APOLOGIE STATT APOLOGETIK
Was man gemeinhin als Apologetik bezeichnet, besteht erst seit der Neuzeit als eigenständige theologische Disziplin, und ihre Berechtigung wird heute oft in Frage gestellt. Sie kann sich jedoch auf die allbekannte Stelle im 1.Petrusbrief berufen: «Haltet in eurem Herzen Christus den Herrn heilig. Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort (apologian) zu stehen, der euch nach dem Grund der Hoffnung fragt, die euch erfüllt; aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig» (1 Petr 3,15). Damals, als der Staat (das Römische Reich) die Christen noch nicht ausdrücklich verfolgte, während sie im täglichen Leben schon vielfachen Bedrängnissen, Verdächtigungen und Anklagen ausgesetzt waren, verlangt Petrus von ihnen dreierlei: Sie sollen Christus als ihren einzigen Herrn heilig halten; sie sollen über ihre Hoffnung Rechenschaft ablegen (den Grund – logos – dafür angeben) und sie sollen das bescheiden (gegenüber ihren Mitmenschen) und ehrfürchtig (gegenüber Gott) tun. Diese auf den ersten Blick so schlichten Ermahnungen werden tiefsinnig, ja erstaunlich, wenn wir sie negativ umformulieren.

Als Erstes gilt dann, dass einer erst dann öffentlich das Wort ergreifen soll, wenn ihn die inständige innere Bitte «dein Name werde geheiligt» dazu nötigt. Wir sollen erst dann und in dem Maße vor der Welt von Christus reden, wenn uns der Eifer für Seinen Namen innerlich verzehrt, voll Ungeduld, dass dieser Name geheiligt werde «wie im Himmel so auch auf Erden». Daraus folgt: Wenn wir selbst in unserem Denken diesen Namen nicht heiligen, sind alle unsere Erklärungen und Rechtfertigungen nutzlos; wir selbst bleiben dann ebenso heidnisch wie die Heiden, an die wir uns wenden. Wenn wir selbst den Namen Gottes nicht wirklich heiligen (durch Lobpreis und durch Erfüllung des göttlichen Willens), dann wissen wir nicht, wovon wir reden und was wir sagen, wenn wir unsere Gesprächspartner oder Gegenspieler durch Beweisgründe zu überzeugen suchen. Ohne wirklich gelebte Liebe ist keine Apologie möglich.

Die Apologie bezieht sich, zweitens, nicht einfach auf Gott, indem sie Sein Dasein beweist, Seine Eigenschaften erläutert oder von Seinem Leben und Seinem Wirken erzählt. Es geht in ihr vielmehr um Jesus Christus, um seine Anerkennung als unseren einzigen Herrn, und um die Hoffnung, die Er uns geschenkt hat. Wir müssen Aus-kunft geben (apo-logia) auf eine ganz bestimmte Kunde, logos: über das Kommen des Herrn zu uns und über unsere Hoffnung auf die Auferstehung; denn «durch Ihn [Christus] seid ihr zum Glauben an Gott gekommen, der ihn von den Toten auferweckt und ihm die Herrlichkeit gegeben hat, so dass ihr an Gott glauben und auf ihn hoffen könnt» (1 Petr 1,21). Mit andern Worten: Die Apologie gibt Rechenschaft von unserem Glauben, davon, dass wir zu Christus Ja sagen und dass wir glauben, dass Er wirklich auferstanden ist und dass Er uns das ewige Leben gibt. Ohne diesen Glauben ist keine Apologetik möglich und sinnvoll. Jede Apologie setzt die feste Hoffnung auf die Auferstehung voraus.

Diese Rechenschaftsablage muss, drittens, in aller Sanftmut und Bescheidenheit erfolgen. Sie legt keine zwingenden Schlussfolgerungen aus unwiderleglichen Beweisen vor, kraft eines unwiderstehlichen logos; sie will nicht überzeugen, sondern Zeugnis ablegen. Es ist nicht Aufgabe des Christen, seinen Gesprächspartner dazu zu bewegen, dass er seine Meinung ändert (das kann nur in der Intimität zwischen Gott und Menschen geschehen; denn der Glaube an Gott muss von Gott selbst geschenkt werden). Er hat vielmehr die Aufgabe, Christus die Ehre zu geben (anders gewendet, Ihn zu verherrlichen), indem er Ihn vernehmbar (logos) macht für die Vernunft (logos) des Menschen. Das Wort (logos) der Bezeugenden macht das menschgewordene Gotteswort, den Logos für die Menschen glaub-würdig. Es gibt keine Apologie ohne Glaubensbekenntnis.

Die drei genannten Erfordernisse einer apologia umschreiben die Möglichkeitsbedingungen, genauer gesagt, die theologischen Voraussetzungen dafür, dass diese Apologie eine christliche Apologie ist. Die Apologie setzt im Apologeten die Liebe, die Hoffnung und den Glauben voraus – denn er soll ja gerade diese drei theologischen Tugenden im Gesprächspartner wecken, (besser gesagt die Voraussetzung dafür schaffen, dass Gott sie in ihm weckt). Hier wird auch die Gefahr oder zumindest die Zweideutigkeit einer «Apologetik» deutlich, wie man sie früher verstanden hat: einer zwingenden Beweisführung, die ausgehend von angeblich neutralen Vernunftgründen und zu einer ebenso neutralen Vernunfteinsicht führend zur Überzeugung von einer theoretischen Wahrheit führen sollte. Sie sollte zur Erkenntnis der Existenz, des Wesens und der Eigenschaften Gottes führen, ohne dass dabei die drei theologischen Tugenden ins Spiel kommen mussten, weder bei dem, der diese Beweise vorlegte, noch bei seinem Gesprächspartner. Man beschränkte sich darauf, auf eine rein theoretische Erkenntnis (ohne Erfahrung der christlichen Liebe) Gottes ganz im Allgemeinen abzuzielen (und nicht auf die Hoffnung, die Christus und seine Auferstehung uns schenkt), und man versuchte, mit bloßen Vernunftgründen (und zunächst ohne Bekenntnis des eigenen Glaubens) zu dieser Überzeugung zu führen. Der Traum von einer vollkommenen Apologetik hatte ja gerade zum Ziel, die beiden Gesprächspartner von jedem Eindringen in den Bereich jenes Geistes abzuhalten, der Gott in Jesus Christus offenbart. [...]


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