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Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
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Anton SvobodaAnton Svoboda,
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Leseprobe 3
Karl-Heinz Menke
DER WAHRE DORNBUSCH
oder: Das Kreuz als Offenbarkeit des trinitarischen Gottes
Zuerst und zunächst ist das Kreuz ein furchtbares Werkzeug der Hinrichtung von Menschen durch Menschen. Das gilt auch für das Kreuz von Golgotha. Aber das Christentum sagt von dem Kreuz, durch das Jesus Christus hingerichtet wurde, ungleich mehr. Denn es betrachtet dieses Kreuz nicht aus der Perspektive der Hinrichtenden, sondern aus der Sicht des Hingerichteten – in der Überzeugung, dass er nicht nur Objekt, sondern auch Subjekt des Golgotha-Geschehens war. Denn er war nicht nur der Ausgelieferte, Angenagelte, Ohnmächtige, sondern gerade als solcher die Selbstoffenbarung des Gottes, den er «Abba» nannte.

Ich habe mir einmal die Mühe gemacht, Kreuzwegandachten daraufhin zu befragen, ob sie von der Offenbarkeit Gottes in den vierzehn Stationen des Passionsweges sprechen. Das Ergebnis war ernüchternd: Anthropozentrik statt Theologie. Entweder werden alle Leiden der den Kreuzweg Jesu betrachtenden Gläubigen auf Jesus projiziert (Solidarität mit dem Leidenden). Oder es geht in den Betrachtungen der vierzehn Stationen um die Anklage der Mächtigen durch die Ohnmächtigen (Politisierung des Kreuzes).

Papst Benedikt schreibt in seinem Jesus-Buch: «Das Kreuz ist die wahre ‹Höhe›. Es ist die Höhe der Liebe ‹bis zum Ende› ( Joh 13, 1); am Kreuz ist Jesus auf der ‹Höhe› Gottes, der die Liebe ist. Dort kann man ihn ‹erkennen›, kann erkennen, dass ‹ich es bin›. Der brennende Dornbusch ist das Kreuz. Der höchste Offenbarungsanspruch, das ‹Ich bin es› und das Kreuz Jesu sind untrennbar.»

Im Anschluss an dieses Zitat möchte ich in einem ersten Schritt die These begründen: Alle Bilder, die Menschen sich von Gott gemacht haben, werden auf Golgotha durchkreuzt; sogar die Bilder, die Jesus sich von seinem Abba gemacht hat; aber Gott ist nicht der Fluchtpunkt dieser Negationen, sondern da, wo Jesus alles, auch sein letztes Bild vom Vater loslässt, ist er selbst die Offenbarung des Vaters, der seinen Sohn auf eine Weise loslässt, wie sie radikaler nicht gedacht werden kann.

Der Begriff ‹Offenbarung› ist – nicht zuletzt im Kontext der Pluralistischen Religionstheologie – so inflationär entwertet worden, dass er zum Inbegriff des kleinsten gemeinsamen Nenners aller Religionen wurde. Man kann auch von einer anthropozentrisch gewendeten Bedeutungsverlagerung sprechen, wenn man bei dem Wort ‹Offenbarung› nicht an ein Handeln Gottes, sondern an ein Erlebnis des Menschen denkt, dem sich irgendwie Sinn erschließt.

Viele haben sich so sehr an die religionsgeschichtliche Relativierung der christlichen Rede von Offenbarung gewöhnt, dass die Einzigkeit Jesu Christi kaum noch bewusst ist, geschweige denn eingesehen wird. Das Kreuz Jesu Christi aber ist kein Zeichen, das man austauschen kann. Denn es steht für ein unwiederholbares Ereignis. Es ist nicht bloße Symbolisierung eines Begriffs oder einer Erkenntnis.

Jede Theologie des Kreuzes, die den universalen Einzigkeitsanspruch des Golgothageschehens nicht begründet, tut den zweiten Schritt vor dem ersten. Angesichts der religionstheologischen und philosophischen Relativierung der Einzigkeit Christi muss der dogmatischen Analyse eine fundamentaltheologische Betrachtung vorausgehen.

1. Das Christusereignis im Kontext der Religionsgeschichte


Wenn man einmal vom Pantheismus des mythischen Weltbildes absieht, gibt es letztlich nur zwei Spielarten von Religion: eine aszendente und eine deszendente, die mystizistische und die revelatorische Spielart.

Betrachten wir zunächst die mystizistische Spielart: Mystizismus ist klar zu unterscheiden von Mystik. Der Begriff ‹Mystik› beschreibt das Bemühen eines Gläubigen, die von ihm geglaubten Inhalte als Wirklichkeit zu erfahren. Wenn Karl Rahner schreibt: «Der Fromme von morgen wird ein ‹Mystiker› sein, einer, der etwas ‹erfahren› hat. Oder er wird nicht mehr sein», dann will er sagen, dass heute auf Dauer wohl nur Christ bleibt, wer nicht nur einer Tradition oder Gewohnheit folgt, sondern sich selbst von dem überzeugt hat, was er glaubt. Der Begriff ‹Mystizismus› hingegen beschreibt Methoden der Religionsgeschichte, die den Menschen lehren, alle Differenzen zu überwinden. Innerhalb mystizistischer Methoden ist Gott bzw. das Göttliche kein Gegenüber, keine Person, sondern Inbegriff der Aufhebung jeder Differenz. Erst wenn das Ich das Bewusstsein seiner selbst (der Unterscheidung zwischen Ich und Nicht-Ich) überwunden hat, ist es eins geworden mit dem Ewigen und Unendlichen. [...]


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