zur StartseiteZugang für Abonnenten
Startseite » Archiv » Ausgabe 2/2015 » Leseprobe 2
Titelcover der archivierte Ausgabe 2/2015 - klicken Sie für eine größere Ansicht
Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
Lesermeinung von
Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

Lesen Sie hier
 
Ausgaben-Index 1972 bis heute
Chronologisch- thematische Liste aller Hefte von 1972-heute
Autoren-Index 1972 bis heute
Alphabetische Liste aller Autoren und Ihrer Artikel
Unsere Autoren
Hier erhalten Sie einen Überblick unserer Autoren.
Die internationalen Ausgaben von Communio
Internationale Ausgaben von Communio
Internationale Ausgaben von Communio finden Sie hier.
<<< zur vorherigen Ausgabe zur nächsten Ausgabe >>>
Leseprobe 2
Justina C. Metzdorf
DAS «AUGE GOTTES» IN DEN PSALMEN
«Sollte der nicht sehen, der das Auge geformt hat?» – Mit diesem Vers aus Psalm 94 grenzt Ambrosius von Mailand (339–397) das biblisch-christliche Verständnis von Gott als dem Schöpfer der Welt gegen jenen philosophischen Gottesbegriff ab, dessen Gott mit der Welt nichts zu tun hat, entweder weil er es nicht will oder weil er es nicht kann. Der Gott der Philosophen, so schreibt Ambrosius in seinem großen Entwurf zur christlichen Ethik «Über die Pflichten», kümmere sich nicht um die Welt, weil er entweder kein Interesse an ihr habe, oder weil er die Welt gar nicht wirklich kenne, da ihm das Wissen um sie fehle. Um dagegen zu zeigen, dass der Schöpfer der Welt eine sorgende und wissende Beziehung zu seiner Schöpfung hat, und dass das Gottesbild der Philosophen im Grunde einem «Gott» nicht angemessen ist, greift Ambrosius auf Psalm 94, 9 zurück und bindet diesen Psalmvers in einen Kontext ein, in dem er das «Sehen» Gottes als einen Symbolbegriff für das schöpferische Handeln Gottes, für sein Heilswirken an der Welt und an den Menschen deutet.

Der folgende Beitrag will ein Streiflicht auf das Motiv vom «Auge Gottes » werfen, wie es in der kanonischen Endgestalt des Psalters zutage tritt. Er ist von der Frage geleitet, unter welchen Aspekten die Psalmen mit dem Begriff des «Sehens» das Verhältnis Gottes zur Welt und zu den Menschen als ihr Schöpfer beleuchten.

1. Anmerkungen zum Sprachgebrauch in der hebräischen und griechischen Bibel

Der Begriff ‹Auge(n) Gottes› kommt im hebräischen Psalmentext an weniger als zehn Stellen vor, allerdings ist ungefähr 90 mal die Rede vom ‹Angesicht Gottes›, und etwa 100 mal sprechen die Psalmen davon, dass Gott ‹sieht›. Neben dem ‹Hören›, das in den Psalmen noch wesentlich öfter von Gott ausgesagt wird, erscheint das ‹Sehen› somit als das Tätigkeitswort Gottes schlechthin. Mit dem Wortfeld ‹Sehen› fassen die Psalmen zusammen, was den Gott Israels als den wahren und einzigen Gott von den Göttern und Götzen unterscheidet: Diese «haben Augen und sehen nicht» (Ps 115, 5; 135, 16), während sich Gott durch seine Augen als handlungsfähig und mächtig erweist. An den Bittruf «Sieh!» knüpft der Psalmbeter die Hoffnung und Erwartung, dass Gott in sein Leben und in den Lauf der Geschichte eingreift: dass er hilft (Ps 59, 5), rettet (Ps 119, 153), erleuchtet (Ps 13, 4), leitet (Ps 139, 24), Sorge trägt (Ps 80, 15), Sünden vergibt (Ps 25, 18), belebt (Ps 119, 159), aus dem Tod befreit (Ps 9, 14) und Zukunft schenkt (Ps 37, 37).

Ein Blick auf den Sprachgebrauch des hebräischen Textes und auch auf den der Septuaginta zeigt, dass beide Traditionen für den Begriff ‹sehen› verschiedene Verben verwenden, mit denen sie eine Vielfalt von Nuancen auszudrücken vermögen. Das lässt sich zum Beispiel am oben bereits zitierten Psalm 94, 9 zeigen: Im Kontext des Psalms geht es um die bedrängende Frage nach der Gerechtigkeit in der Welt. Der Psalmist beschreibt zunächst den offenkundigen Triumph der «Frevler», die anscheinend ungehindert Böses reden (Ps 94, 4), tun (Ps 94, 5f ) und denken (Ps 94, 7), weil sie sich dessen sicher sind, dass Gott nicht weiß, was auf der Welt vor sich geht, und deswegen nichts gegen ihr Treiben unternimmt. Mit Vers 9 – «Sollte der nicht sehen, der das Auge geformt hat?» – begründet der Psalmist die Hoffnung, dass Gott seine Schöpfung nicht im Stich lässt. Dabei verwendet der griechische Text dieses Verses als Ausdruck für Gottes ‹Sehen› das Verb katanoein, und die hebräische Entsprechung an dieser Stelle lautet nabat. Beide Texte benutzen damit nicht die übliche Ausdrucksweise – im Hebräischen ra‘ah und im Griechischen horao – und setzen so einen besonderen Akzent: Nabat beziehungsweise katanoein drückt mehr als eine bloße Kenntnisnahme aus. Es geht um ein inneres Wissen, ein aufmerksames Wahrnehmen, den Blick der Unterscheidung. Psalm 94, 9 will sagen: Gott weiß im Innersten um die Welt, und zwar weil er sie geschaffen hat.

Ein weiteres Beispiel: Der hebräische Text von Psalm 11, 4 verwendet für das Herabblicken Gottes vom Himmel auf die Erde das vergleichsweise seltene Verb chasah: «Seine Augen schauen herab, seine Blicke prüfen die Menschen.» Wer sich dabei in den Augen Gottes als gerecht erweist, der darf, wie es im gleichen Psalm heißt, «das Angesicht Gottes schauen» (Ps 11, 7). Dieser Blick, mit dem der Mensch den Blick Gottes erwidern darf, wird im hebräischen Text ebenfalls mit dem Verb chasah gebildet, bei dem der Akzent auf dem inneren Sehen und Erkennen liegt. Die Visionen der Propheten werden mit diesem Wort ausgedrückt (vgl. Jes 1, 1; Am 1, 1; Mi 1, 1; Hab 1, 1, auch Ex 24, 11). Sollte es kein Zufall sein, dass der Psalm hier für den Blick Gottes auf den Menschen und den Blick des Menschen auf Gott dasselbe Wort benutzt, nämlich «einblicken», dann würde durch die Wortwahl in diesem Psalm jene eschatologische Begegnung von Gott und Mensch anklingen, die Paulus in 1 Kor 13, 12 beschreibt: «Dann schauen wir von Angesicht zu Angesicht, […] dann werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.»

2. Gottes schöpferischer Blick

Gottes Blick auf die Welt schenkt Leben und erhält die Schöpfung im Dasein. Der große Schöpfungspsalm 104 bringt diesen Gedanken eindrücklich zur Sprache und spitzt ihn als Umkehrschluss zu: Würde Gott sein Antlitz von der Welt abwenden, dann stürzten alle Lebewesen ins Chaos, sie zerfielen zu Staub, und die ganze Schöpfung löste sich ins Nichts auf (vgl. Ps 104, 29). Gottes zugewandtes Angesicht dagegen steht für sein andauerndes schöpferisches Wirken, das Ordnung und Bestand der Welt garantiert. [...]


Lesen Sie den kompletten Artikel in der Printausgabe.

Zurück zur Startseite

Komfortabler Online-Bereich mit Archiv-, Download- und Suchfunktion sowie komplettem Autorenregister.

Online-Ausgabe einsehen

Online-Ausgabe bestellen
Jahresverzeichnis 2019

Hier erhalten Sie das Jahresverzeichnis 2020
Newsletter
Unser Newsletter informiert Sie über die Inhalte der neuesten Ausgabe.
Verein der Freunde und Förderer Communio e.V.
Allgemeines zu unserem Verein
Sie wollen unserem Verein beitreten?
Vereinssatzung

Unsere neue Dienstleistung für Verlage, die Ihr Abogeschäft in gute Hände geben wollen.


aboservice

mehr
Informationen


Communio
Telefon: +49 (0) 711 44 06-140 · Fax: +49 (0) 711 44 06-138
Senefelderstraße 12 · D-73760 Ostfildern
Kontakt | Sitemap | AGB | Widerruf | Datenschutz | Impressum