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JOACHIM HAKEJoachim Hake
Direktor der Katholische Akademie in Berlin e.V.
URSULA SCHUMACHERUrsula Schumacher
Professorin für Katholische Theologie und Religions-pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe
JAN-HEINER TÜCKJan Heiner Tück
Professor für dog-
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Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
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Leseprobe 1
Thomas Söding
DAS REFUGIUM DES MESSIAS
Die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten
1. Jesus, der Ägypter
In seinen Disputen mit dem gelehrten Celsus, einem frühen Kritiker des Christentums, muss sich Origenes mit dem Vorwurf auseinandersetzen, Jesus sei ein halber Ägypter gewesen (contra Celsum I 28.38.66). Der griechische Philosoph referiert eine jüdische Stimme, die eine doppelte Anklage erhebt. Die eine Anschuldigung trifft den Erwachsenen: Jesus sei ein Armutsflüchtling gewesen, der sich am Nil als Tagelöhner habe durchschlagen müssen und sich nur mit Zaubereien über Wasser habe halten können, mit denen er später vergeblich in Israel Eindruck hätte schinden wollen (c. Cels. I 28.38; vgl. I 68); die andere Kritik betrifft das Kind: Die Flucht nach Ägypten beweise, dass weder Jesus über göttliches Wissen verfüge, noch Gott seine schützende Hand über die Familie gehalten habe, um drohendes Unheil abzuwenden; beides wäre aber unbedingt zu erwarten gewesen, wenn tatsächlich der Messias in Lebensgefahr geraten wäre (c. Cels. I 66).

Origenes prüft die neuralgischen Punkte, die Celsus markiert, unter historischen und theologischen Gesichtspunkten – so, wie dies zu seiner Zeit Stand der Wissenschaft war. Er nennt die Geschichte, dass Jesus in Ägypten Zaubertricks gelernt habe, eine Erdichtung (c. Cels. I 38). Aber er bezweifelt so wenig wie Celsus, dass Jesus als Kind und als junger Mann nach Ägypten emigrieren musste. Die erste Flucht ist durch das Matthäusevangelium gedeckt (Mt 2, 13–15), die zweite scheint eine mündliche Überlieferung gewesen zu sein. Theologisch macht Origenes gegen die Verdächtigung des Armutsemigranten die jesuanische Logik (Mk 10, 31; Mt 19, 30 par. Lk 13, 30; Mt 20, 16 – Mk 9, 35 parr.; Mk 10, 44) geltend, dass die Letzten die Ersten, die Ersten aber die Letzten sein werden (c. Cels. I 29); er geht aus der Defensive in die Offensive, wenn er zeigt, dass nur diese Umkehrung aller Verhältnisse es ist, die Hoff nung auf Erlösung machen kann (c. Cels. I 30), weil ja nicht weniger als die Auferstehung von den Toten verheißen ist. Gegen den Einwand einer unmöglichen Vernachlässigung macht Origenes den christologischen Grundsatz geltend, dass Jesus wahrer Mensch geworden sei; deshalb habe Gott ihn auf menschliche Weise davor bewahrt, vor der Zeit zu sterben, indem er Joseph eine Traumvision habe zuteilwerden lassen, so dass seine Erzieher Fürsorge walten lassen konnten, an der es auch nicht gefehlt habe (c. Cels. I 66). Origenes unterläuft also die ebenso jüdische wie philosophische Kritik an Jesu fragwürdiger Ägypten-Biographie, indem er das Menschsein und das Gottsein Jesu nicht als Gegensatz, sondern als Einheit begreift, die sich in den politischen und sozialen Krisen der Zeit familien- und individualethisch bewährt.

Jesus ist Jude, wie Origenes festhält. Das Judesein ist ein theologisches Faktum; es entspricht der Verheißungstreue Gottes. Jesus ist aber als Jude nicht an die Grenzen Israels gefesselt, weil er auf dem Weg der Demut die Verheißung wahrmacht, dass Gott alle Völker segnet. Ägypten ist die große Nachbarin Israels, faszinierend und despotisch, verführerisch und verlockend, gefährlich und grandios. An Ägypten entscheidet sich, wie die Verwurzelung des Gotteswortes in Israel mit dem missionarischen Aufbruch in die Welt zusammengeht. Nach Origenes ist Jesus als Jude Ägypter geworden und als Ägypter Jude geblieben. Beides ist er als Gott, der Mensch geworden, und als Mensch, der Gott geblieben ist: in fleischlicher Gestalt, als Migrant unter Migranten, denen nahe, die Gott fern stehen, und deren Leben teilend, die es im Exil verlieren werden.

2. Ägypten, die Heimat
Jan Assmann hat die «Gedächtnisspur» gelesen, die Mose zum Ägypter macht. Er, der Befreier Israels, trägt einen ägyptischen Namen; in Ägypten ist er geboren und adoptiert worden; in Ägypten hat er den Mord der jüdischen Erstgeborenen überlebt; in Ägypten hat er sich zum Totschlag hinreißen lassen; in Ägypten hat er sich dem Pharao und seinen Zauberern widersetzt, seinerseits aber mit den ägyptischen Plagen Wunder und Zeichen gewirkt, die alles je Dagewesene weit in den Schatten gestellt haben. Ägypten ist Moses Heimat. Ihr hat er den Rücken gekehrt, um zu seinen tieferen Wurzeln zurückzukehren, wie die Tora erzählt: tiefer als seine Kindheit, tiefer als seine Sprache, tiefer auch als die Unterdrückung seines Volkes, die eine gewaltsame Befreiung notwendig gemacht hat.

Die ägyptische Heimat des Mose wird seit der Antike unterschiedlich gesehen. In der Moderne soll sie eine hermeneutische Dominanz des Jüdischen, zumal in seiner christlichen Transformation, brechen: den Monotheismus, das Dogma, die strikte Moral, während andere irritiert sind und das Ägyptische kleinreden. In der Antike gehen die Meinungen auseinander. Auf jüdischer und urchristlicher Seite wird die Bindung Moses an Ägypten positiv gesehen – weil sie sich der göttlichen Fügung verdanke. Nach der Stephanusrede, die Lukas in der Apostelgeschichte überliefert, ist Mose «in aller Weisheit der Ägypter erzogen» worden (Apg 7, 22). Das ist kein Makel, sondern ein Adelsprädikat. Es bringt den kosmopolitischen Zug des Urchristentums zum Ausdruck, der im Glauben an den einen Gott begründet ist und nicht als Innovation, sondern als Realisierung genuiner Heilsgeschichte erklärt wird. Ähnlich hat auch Philo von Alexandrien, der große jüdische Philosoph der Zeit, in seiner Mose-Biographie die enge Verbindung des Befreiers mit der Weisheit Ägyptens herausgearbeitet (De vita Mosis I 5.8.20–24): Wunderbar aus dem Wasser des Nils gerettet, habe er eine königliche Erziehung am Hof des Pharao genossen, die ihm auch Zugang zur Wissenschaft der Griechen und vieler anderer Nationen verschafft habe; seine Zeichen und Wunder spiegelten nicht nur seine Prophetie, sondern auch seine Weisheit wider. [...]


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