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Leseprobe 2
Martin Kirschner
EUROPA VON DER PERIPHERIE HER DENKEN
Die Reden von Papst Franziskus als Anstoß einer politischen Kultur der Compassion und des transversalen Dialogs
Wenn ich von Peripherie spreche, spreche ich von Grenzen. Normalerweise bewegen wir uns in Räumen, die wir auf irgendeine Weise kontrollieren. Das ist das Zentrum. […] Es ist eine Sache, die Wirklichkeit vom Zentrum her zu sehen, und eine andere Sache, sie vom äußersten Ort her zu sehen, an den du gelangt bist. […] Die Wirklichkeit sieht man besser von der Peripherie als vom Zentrum aus.

Der Aufruf, an die gesellschaftlichen und existenziellen Peripherien zu gehen und von dort einen neuen Blick auf die Wirklichkeit zu gewinnen, bildet ein Grundmotiv im Pontifikat von Papst Franziskus. Wo die Gefahr wächst, die Kontrolle schwindet und Menschen auf ihr «nacktes Leben» reduziert sind, gerade dort wird deutlich, worauf es wirklich ankommt. Was heißt das für ein Europa, das sich lange als Zentrum verstanden hat und das zurzeit eine tiefe Krise durchläuft? Das Bild der Europäischen Union als Modell von Demokratie, Stabilität und Rechtssicherheit, von freiem Handel und einer immer tieferen, Wohlstand und Frieden sichernden Integration hat Risse bekommen: Im Innern gibt es Anzeichen einer massiven sozialen, ökonomischen und politischen Desintegration und wachsender kultureller Ressentiments (bis hin zum möglichen Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro, dem Referendum über die EU-Mitgliedschaft in Großbritannien, den Wahlerfolgen euroskeptischer Populisten). Militärische und terroristische Bedrohungen, hegemoniale Ansprüche und unkontrollierte politische Räume sind an Europa herangerückt. All diese Problemlagen verdichten sich im Schicksal der Flüchtlinge. Sie suchen Sicherheit, Frieden, Wohlstand und Freiheit in Europa und bestätigen darin die Attraktivität des europäischen Modells. Sie stoßen auf Grenzen und Zäune, Schlepper und Lager, finden sich in Lebensgefahr und auf das nackte Leben reduziert. Ihr Schicksal ist der Ernstfall der moralischen und politischen Krise Europas. Politisches Handeln und bürokratische Entscheidungen werden zu Fragen von Leben und Tod.

Kann in einer solchen Situation der Papst Orientierung stiften? Kann der Blick auf die Wirklichkeit Europas «von den Peripherien her» helfen, die vielbeschworene «Seele Europas» zu entdecken, die Zusammenhalt stiftet und gemeinsames Handeln über den «wohlverstandenen Eigennutz» hinaus ermöglicht? Die Stimme des Papstes hat in der europäischen Öffentlichkeit Gewicht: Er verbindet die «traditionelle» katholische Autorität seines Amtes mit der «unkonventionell-experimentellen» Ausstrahlung seiner Person. Er nutzt die öff entliche Resonanz in den Zentren der spätmodernen Mediengesellschaft, um der ethischen Autorität der Leidenden und Marginalisierten Geltung zu verschaffen. Er erreicht damit sehr unterschiedliche Milieus und politische Lager, er findet über Konfessions- und Religionsgrenzen hinweg Anerkennung und Beachtung. Was aber ist die Botschaft des Papstes an Europa?

Die erste und deutlichste Botschaft liegt darin, wo der Papst sich «positioniert »: Die erste Reise seines Pontifikats galt Lampedusa, jener süditalienischen Insel, an der tausende Bootsflüchtlinge übers Mittelmeer Europa erreichen – oder bei diesem Versuch ihr Leben lassen. Der erste Besuch eines europäischen Landes außerhalb Italiens galt Albanien: dem Armenhaus Europas mit einer muslimischen Mehrheit, das nach Jahren schärfster Unterdrückung der Religion heute ein Beispiel für das «friedliche Zusammenleben und die Zusammenarbeit von Angehörigen verschiedener Religionen» sei, so der Papst. Seine dortigen Äußerungen zum Dialog der Religionen konkretisieren die grundsätzlicheren Ausführungen in seinen Reden vor dem Europaparlament und dem Europarat. Der Besuch in Straßburg war auf die europäischen Institutionen beschränkt. Die unmittelbar folgende Reise galt der Türkei – am geografischen Rand Europas gelegen, zugleich ein wirtschaftliches und politisches Machtzentrum, spannungsreich zwischen Europa und Asien, Islam und säkularer Moderne, Orient und Okzident verortet. Mit Bosnien-Herzegowina hat der Papst aktuell das dritte muslimisch geprägte Land in Europa besucht. In dem Land, das bis heute unter dem Balkankrieg und seinen Folgen leidet, das für religiös-ethnische Konflikte, aber auch für das Zusammenleben der Religionen und die Chance eines offenen und toleranten Islam steht, zeichnet Franziskus die Vision von Sarajewo als einem «europäischen Jerusalem», wobei er die Verheißungen Jerusalems als Zentrum der monotheistischen Religionen anzielt, nicht die faktische Zerrissenheit. Die «Positionierung» dieser Reisen ist deutlich: die Priorität der Armen und Leidenden und die Bewegung an die Peripherie, die Begegnung mit dem religiösen Pluralismus und mit dem Islam, das Sichtbarmachen der Not, aber auch von gelingenden Modellen des Zusammenlebens und des Dialogs.

Im Folgenden werde ich die Reden des Papstes in drei Schritten auswerten, die von der Diagnose über die «Therapie» zu seiner Vision führen.

1. Fluchtburg Europa: Die Diagnose der Müdigkeit
Das menschliche Schicksal, die Hoffnungen und Enttäuschungen der Flüchtlinge, vor allem aber das Massengrab Mittelmeer werden oft mit dem Bild von der «Festung Europa» verbunden. Das Bild hat zwei Seiten: Es steht für Abschottung, Selbstbehauptung und Fremdenfeindlichkeit in Europa; es drückt aber auch aus, dass Europa für Menschen als «Fluchtburg» attraktiv ist, auf der Suche nach Sicherheit, Verlässlichkeit, Rechtsstaatlichkeit, Wohlstand. In diesem Sinn ist es Ausdruck eines Versprechens von (Rechts-) Schutz und Freiheit; ein Versprechen, das im Umgang mit den Flüchtlingen allzu oft gebrochen, ja pervertiert wird, indem die Wehrhaftigkeit sich gegen die Flüchtlinge statt gegen die Fluchtursachen richtet. [...]


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