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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/com.2015.5.479–488
Martina Roesner
JENSEITS DES ERLEBENS
Meister Eckharts Mystik der reinen Vernunft
1. (K)ein Mystiker wie die anderen

Wohl kaum ein Vertreter der mittelalterlichen Mystik hat auf seine Zeitgenossen wie auch auf seine Nachwelt eine größere Faszination ausgeübt als Meister Eckhart. Dieser Umstand ist umso bemerkenswerter, als bis heute die Frage umstritten ist, ob und in welchem Sinne er überhaupt als Mystiker bezeichnet werden kann.2 In den letzten Jahrzehnten ist es der Eckhart-Forschung gelungen, die Wiederaneignung seines deutschen und lateinischen Schriftwerks in philologischer, philosophisch-theologischer und frömmigkeitsgeschichtlicher Hinsicht auf ein solides wissenschaftliches Fundament zu stellen. Damit ist den groben ideologischen Vereinnahmungen konfessioneller wie politischer Art, die für die Eckhart-Rezeption des 19. und frühen 20. Jahrhunderts charakteristisch waren, zwar der Boden entzogen, doch scheint die Tendenz zu einer populärwissenschaftlichen, auf unmittelbare Verständlichkeit bedachten Verbreitung seines Gedankenguts nach wie vor ungebrochen. Sosehr die Fachleute auch betonen, dass Eckhart tief im scholastischen Denken seiner Zeit verwurzelt ist und nicht ohne eine gewisse Kenntnis des damaligen philosophisch-theologischen Problemkontextes verstanden werden kann, sowenig scheint dies all diejenigen zu stören, die Eckhart lediglich zu erbaulichen Zwecken und möglichst unbeschwert von intellektuellem «Ballast» lesen wollen.

Der Wunsch, das eigene geistliche Leben durch eine Lektüre von Eckharts Texten zu bereichern und weiterzuentwickeln, ist zweifellos legitim. Fragwürdig werden solche Formen der Rezeption allerdings dann, wenn sie sich in eklektischer Manier aus Eckhart nur das heraussuchen, was unmittelbar den eigenen Bedürfnissen entspricht, und das Schwierige, Sperrige und Unbequeme seines Ansatzes ausklammern. Gerade in unserer Zeit, die von einer wachsenden Erosion der traditionellen Formen kirchlicher Frömmigkeit gekennzeichnet ist, stellen die mystischen Strömungen innerhalb wie außerhalb des Christentums für viele geistlich interessierte Menschen besonders attraktive Varianten der religiösen Praxis dar. Im Begriff der Mystik schwingt unverkennbar die Verheißung eines unmittelbaren Erlebens mit, das sich in der Innensphäre der eigenen Seele abspielt, aber keinerlei Verpflichtungen doktrinaler oder ethischer Art beinhaltet. Je mehr die sozialen und persönlichen Bindungen an die Institution Kirche und andere Formen der organisierten Religion abnehmen, desto attraktiver erscheint die Möglichkeit, die eigenen geistlichen Bedürfnisse durch spirituelle Praktiken zu befriedigen, die in inhaltlicher Hinsicht meist angenehm unverbindlich bleiben, dabei aber zugleich individuelle Erleuchtungserfahrungen in Aussicht stellen. Dass diese Vorgehensweise die Gefahr einer subjektivistischen Verengung des Glaubensverständnisses, einer narzisstischen Fixierung auf das eigene Seelenleben oder sogar eines Abdriftens in mehr oder weniger esoterische Spiritualitätsformen in sich birgt, liegt auf der Hand.

Auch wenn es schwierig und überdies nicht unproblematisch ist, die verschiedenen Strömungen der christlichen wie außerchristlichen Mystik auf einen einzigen Nenner bringen zu wollen, so lässt sich doch sagen, dass die Überwindung der starren Gegenüberstellung von Endlichem und Unendlichem ein wichtiges gemeinsames Grundmotiv darstellt. Das, was den Grund der Wirklichkeit ausmacht und von woher sich ein gelungenes menschliches Leben bestimmen soll – heiße es nun «Gott» oder anders –, ist kein bestimmtes Objekt und lässt sich auf gedanklicher Ebene nicht erfassen wie ein endlicher, begrenzter Bewusstseinsinhalt. Diese Grundeinsicht wird auch von Meister Eckhart uneingeschränkt geteilt. Gott ist, wie er nicht müde wird zu betonen, kein «Dies und das», mit anderen Worten: kein definierbares Ding, das uns gegenüber-steht wie ein Gegen-stand unter anderen. Allerdings unterscheidet sich Eckharts Ansatz in radikaler Weise von den traditionellen Formen der Mystik, was die existenzielle Umsetzung dieser Grundeinsicht anbelangt. Wenn Gott kein besonderes Etwas ist, was heißt es dann konkret, eine mystische Gotteserfahrung zu machen? Kann die Einheit mit Gott überhaupt in konkreter Weise «erfahren» werden, wenn man darunter ein besonderes, das Alltagsbewusstsein durchbrechendes Vorkommnis versteht?

Die Tatsache, dass Meister Eckhart den meisten Menschen ausschließlich als Mystiker, wenn nicht gar als der Mystiker des Mittelalters bekannt ist, entbehrt nicht einer gewissen Ironie angesichts der Tatsache, dass es wohl kaum einen schärferen Kritiker des gängigen Verständnisses von Mystik gegeben hat als ihn. Als Prediger und Seelsorger in Nonnenklöstern ist Eckhart mit den damaligen Formen der Frauenfrömmigkeit bestens vertraut, die ihren Ausdruck vor allem in der sogenannten Liebesmystik findet. Diese zeichnet sich durch eine sehr persönliche, affektiv geprägte Gottesbeziehung und eine existenziell verstandene Christusnachfolge aus. Bei Mechthild von Magdeburg, Gertrud von Helfta, Margareta Ebner und zahlreichen anderen Mystikerinnen wird das Verhältnis zu Gott bzw. Jesus Christus dabei nicht nur in der Haltung des Glaubens gelebt, sondern oft auch unmittelbar in ekstatischen Entrückungszuständen erlebt, die zumeist die Form von Visionen haben und sich vom normalen Erfahrungszusammenhang deutlich abheben. Nun ist in der kirchlichen Tradition immer schon das Bewusstsein dafür vorhanden gewesen, dass nicht jedes vermeintliche oder tatsächliche ekstatische Erlebnis ein Beweis für besondere Gottesnähe sein muss, sondern dass es auch hier trügerische Fehlformen und Irrtümer geben kann, die Ausdruck innerer Unordnung und Selbsttäuschung sind. Aus diesem Grunde werden insbesondere die Dominikaner im 13. und 14. Jahrhundert mit der Aufgabe betraut, Frauenkonvente seelsorgerisch zu betreuen, um die dort praktizierten Formen mystischer Frömmigkeit zu fördern, aber auch in die richtige Richtung zu lenken und vor bedenklichen Fehlentwicklungen zu bewahren. [...]


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