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Editorial
Christian Stoll
Armut
Papst Franziskus hat in den nicht einmal drei Jahren seiner Amtszeit die Armut neu als Zentralthema des Christentums zu Bewusstsein gebracht. Von Anfang an hat er weithin beachtete Zeichen gesetzt: angefangen bei der Namenswahl, die an den poverello aus Assisi erinnert, über den demonstrativen Verzicht auf zeremoniellen Pomp oder die Fußwaschung in einem römischen Gefängnis am Gründonnerstag, bis hin zu seinem Besuch auf Lampedusa, die auch in der säkularen Öffentlichkeit große Resonanz hervorgerufen hat.

Mit der programmatischen Forderung nach einer «armen Kirche für die Armen» hat der Papst dabei beide Pole des christlichen Armutsverständnisses aufgerufen: Armut ist einerseits ein Ideal christlichen Lebens für alle, die ihrem Herrn, der arm geworden ist, um uns reich zu machen (vgl. 2 Kor 8,9), nachfolgen. Diese innere Armut der Kirche hat eine geistliche und eine materielle Seite. Einen besonderen Ausdruck findet sie im Leben nach den evangelischen Räten. Andererseits gibt es die Hinwendung zu den Armen, die Armut überwinden oder zumindest lindern will. Sie ist eine Bewegung, die über die Grenzen der Kirche hinaus führt. Schon der heidnische Kaiser Julian Apostata führte die Ausbreitung des Christentums darauf zurück, dass die Christen neben den «Ihrigen auch noch die Unsrigen ernähren», ihre Armenfürsorge also nationale und religiöse Grenzen überschreitet.

Auf beiden Feldern, dem inneren und dem nach außen gewandten, war das Christentum im Laufe seiner Geschichte immer wieder herausgefordert, die Reichweite seiner Sendung neu auszuloten. Wie weit kann man unter den Bedingungen dieser Welt, die das Christentum zwar überwinden will, aber dennoch noch unter ihnen leben muss, gehen? So warf der franziskanische Armutsstreit des 13. und 14. Jahrhunderts nicht nur die Frage auf, ob eine arme Kirche überhaupt Eigentum haben dürfe, sondern schließlich auch, ob sich das christliche Armutsideal mit einer hierarchischen Kirchenverfassung vereinbaren lässt. Als dagegen mit der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts nicht nur die Armut ganz neue Ausmaße angenommen hatte, sondern auch die sozialpolitischen Möglichkeiten, dem entgegenzutreten, erheblich gewachsen waren, stellte sich die Frage, ob auch «revolutionäre» Mittel legitim sind, um Armut aus der Welt zu schaffen. In beiden Fällen kam es darauf an, der Radikalität der eigenen Sendung treu zu bleiben, ohne sich in Extremen zu verlieren, die Kirche oder Gesellschaft in Gefahr bringen.

Diese Frage nach dem vernünftigen Maß des christlichen Armutsverständnisses bestimmt auch das Echo auf die von Papst Franziskus gesetzten Akzente. Das gilt besonders für die Spannung zwischen dem kirchlichen Armutsideal und der monetären Ausstattung der institutionellen Kirche sowie ihrer machtförmigen und zeremoniellen Aura. Wenn nicht alles täuscht, scheiden sich an den in dieser Hinsicht vom Papst ergriffenen Maßnahmen eher die Geister, als dies mit Blick auf den anderen Pol des christlichen Armutsideals der Fall ist. Zwar hat manch zugespitzte Äußerung – etwa die Aussage, dass die gegenwärtige Wirtschaftsordnung töte (vgl. Evangelii gaudium 53) – durchaus für Diskussionen gesorgt. Grundsätzlich wird die Neuausrichtung der Kirche auf die Armen, wie sie Franziskus fordert, aber von einem breiten theologischen Spektrum mitgetragen.

Ein Symptom hierfür ist das neue Verhältnis zwischen der lateinamerikanischen Befreiungstheologie und dem römischen Lehramt. Fast 25 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion hat es den Anschein, als stehe eine vorrangige «Option für die Armen» weder in der Gefahr noch im Verdacht, sich auf die Seite des real existierenden Sozialismus zu schlagen. Ein offenerer, nicht mehr von den weltanschaulichen Fronten des Kalten Krieges dominierter, Verständigungsprozess über die Reichweite des kirchlichen Engagements für die Armen ist im Gange. Hans Urs von Balthasar hat diesen Prozess bereits 1984 in seinem letzten Interview mit dem Schweizer Fernsehen gefordert, indem er die lateinamerikanische «Option für die Armen» als wichtigste Zukunftsfrage der Kirche bezeichnet hat, an der kein Weg mehr vorbei führe.

Das vorliegende Heft will sich an diesem Verständigungsprozess beteiligen, indem es dem Ringen um die Reichweite des christlichen Armutsideals in Geschichte und Gegenwart Raum gibt. Georg Braulik beginnt mit einem konzentrierten Blick auf das im Buch Deuteronium entfaltete Ideal einer Gesellschaft ohne Arme, das Israel vom Armenethos des alten Orients unterscheidet und auch im Neuen Testament aufgenommen wird. Statt eines neutestamentlichen Beitrages bieten wir den Wiederabdruck eines Textes von Erik Peterson, der eine erzählerische Ausdeutung des Gleichnisses vom Reichen und dem Armen Lazarus enthält. Christian Stoll verortet in seinem Kommentar die Erzählung im christozentrischen und eschatologischen Denken Petersons. Olivier Boulnois erörtert im Anschluss eigentumsethische und rechtsphilosophische Probleme des franziskanischen Armutsstreits. Martin Maier klärt über die historischen und systematischen Hintergründe der «Option für die Armen» auf, der Gerhard Ludwig Müller in seinem Beitrag eine Brücke zur lehramtlichen Theologie baut. Annette Schleinzer zeigt die innere Verbindung von asketischer Armut und Hinwendung zu den Armen in der Spiritualität von Madeleine Delbrêl. Hubert Hänggi wirft abschließend einen Blick auf Armutsideal und Armenethos des Buddhismus. Hingewiesen sei auch auf den Kommentar von Ingeborg Gabriel in den Perspektiven, der zeigt, wie die Armutsthematik in der Enzyklika Laudato Si’ unter einem neuen, ökologischen Vorzeichen behandelt wird.

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