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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/com.2015.6.617–627
Annette Schleinzer
«ARMUT ZU LEBEN IST EINE ECHTE KIRCHLICHE AUFGABE»
Anregungen aus der Begegnung mit Madeleine Delbrêl (1904–1964)
«Um das Evangelium zu verkünden, muss man selbst arm werden. Nicht eine arme Welt ist das Hindernis für die Ausbreitung des Evangeliums, sondern die reichen Bezirke der Kirche.» Als Madeleine Delbrêl diesen Satz im Jahr 1951 schrieb, lebte sie schon fast zwanzig Jahre in Ivry, einer kommunistisch regierten Arbeiterstadt in der Pariser Banlieue. Zusammen mit ein paar Gefährtinnen versuchte sie dort, «Christus lebendig werden zu lassen mitten in einer Welt, in der er unbekannt ist.»

Von ihrer Herkunft her war das alles andere als naheliegend. Aus bürgerlichem Hause stammend, war sie in ihrer Jugend eine überzeugte Atheistin. Eine künstlerische oder auch philosophische Karriere schien vorgezeichnet zu sein. Doch eine tiefe Lebenskrise leitete die Wende ein: «Ich habe geglaubt, dass Gott mich gefunden hat» – so beschreibt sie, was ihr widerfahren ist. Immer wieder spricht sie von einem «Übergang vom Tod zum Leben», von einem «unerhörten Glück», das sie fortan mit anderen teilen wollte.

Nachdem sie sich zur Sozialarbeiterin hatte ausbilden lassen, kam sie 1933 mit zwei Gefährtinnen nach Ivry, der Hochburg des französischen Kommunismus. Dort wurde sie mit einem Ausmaß von Armut konfrontiert, das alles überstieg, was sie sich vorstellen konnte: «Die Ungleichheit der Lebensbedingungen, das Arbeiterleben jener Zeit – vor 1936 – bestürzten mich.» Es gab nur geringen Lohn für eine oft gesundheitsschädigende Arbeit, keine Sozialversicherungen, keine Ferien und miserable Wohnverhältnisse. Und andererseits schienen die Christen vor Ort «an die Fakten, die mich bestürzten, völlig gewöhnt zu sein. Die drei Fabriken, die die geringsten Löhne zahlten, hatten als Arbeitgeber und Besitzer ortsansässige Katholiken. In Ivry und Umgebung bauten die ‹christlichen› Fabriken die Kirchen …»

Die Wahrnehmung dieses Elends, die Gleichgültigkeit der traditionellen christlichen Gemeinden und auf der anderen Seite die Großherzigkeit der Kommunisten in ihrem Kampf für die Armen lösten in ihr einen lebenslangen Prozess der Suche aus.

Nach ihrer Bekehrung hatte sie mehr und mehr ihre Berufung darin erkannt, mitten in der Welt «das Evangelium in seiner Fülle» zu leben. In einer kleinen Laiengemeinschaft von Frauen wollte sie deshalb «Armut, Gehorsam, Ehelosigkeit und Demut mit so viel Entschiedenheit wie möglich verwirklichen.» Die Seligpreisungen der Bergpredigt bildeten dabei «den ersten Umriss» ihres Lebensweges.

Diese Grundentscheidung für das Evangelium musste sich nun in einem Milieu bewähren, das Madeleine Delbrêl und ihren Gefährtinnen größtenteils unbekannt war.

Das Milieu, aus dem ich kam, war viel zu skeptisch, als dass Politik und Glaube darin eine große Rolle hätten spielen können. Ich begegnete weder dem «Proletariat» – ich kannte es nicht – noch dem Marxismus – ich kannte ihn noch viel weniger. Man hatte mir gesagt, die Leute in Ivry seien ungläubig und arm. Das Elend des Atheismus kannte ich aus eigener Erfahrung, die Armut hatte ich durch das Evangelium entdeckt. Wenn meine Begegnung mit dem Marxismus auch eine dauernde sein sollte – ausgesucht hatte ich sie mir nicht.

Was bedeutete es dann unter diesen Bedingungen, den Armen die Frohe Botschaft zu verkünden? Welche Konsequenzen ergaben sich daraus, dass Christus die Armen selig gepriesen hat? Und was bedeutete es vom Evangelium her, arm zu sein, weil Christus selbst arm war?

Madeleine Delbrêl war zu ihrer Zeit in Frankreich nicht die einzige, die sich solche Fragen stellte. In den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts waren es z.B. die Arbeiterpriester, die in die Fabriken gingen, um das Leben der Menschen zu teilen, denen Glaube und Kirche fremd geworden war. Doch auf diese und andere Pioniere der Arbeitermission übte sie «einen entscheidenden Einfluss» aus, indem sie ihnen «den Sinn für die Armen, für ein Leben in Gemeinschaft und für das Evangelium vermittelte».

Als die ersten Arbeiterpriester aufbrachen, lebte sie schon zehn Jahre in Ivry. Längst hatte sie sich mit dem Marxismus auseinandergesetzt. Aus eigener Erfahrung wusste sie, welche Faszination er auf diejenigen ausüben konnte, die aus christlicher Überzeugung «an die Ränder gehen» wollten. Denn «fast immer war es die Sorge um eine konkrete Treue zu den im Evangelium seliggepriesenen Armen und zur Armut, die Christen in das proletarische Milieu geführt hat. Die Armut hat sie angezogen».

Sie wusste, wie leicht es dann aber dazu kommen konnte, in den Marxisten aufgrund ihrer Großmut und ihrer Selbstlosigkeit die «Prototypen und Lehrmeister» einer zukünftigen gerechten Gesellschaft zu sehen. «Um dem zu widerstehen, braucht es vor allem einen unablässig genährten Glauben, einen über die marxistische Lehre offen und ehrlich aufgeklärten Verstand und schließlich eine Aszese des Herzens, auf die man nicht genügend Gewicht legt. Ohne eine solche Aszese wird es unmöglich sein, sich den kritischen Sinn zu wahren, um nicht nur bei unserer eigenen Linie des Handelns zu bleiben, sondern auch hellsichtig zu sein für die Verknöcherungen und die Schwachstellen, die es im Marxismus selbst gibt». So kann dann «auf den geistigen Straßenkreuzungen, auf denen wir leben, […] eine Anzahl von Punkten beachtet werden». [...]


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