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THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
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Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/com.2016.1.49–59
Julia Knop
FREIHEIT – SORGE – VORSEHUNG
Gottes Wille zwischen Himmel und Erde
Dein Wille geschehe! (Mt 6, 10; 26, 42)

Wie viele andere religiöse Konzepte hat auch die Vorstellung einer göttlichen Vorsehung ein reflexives Purgatorium durchlaufen und sowohl religiöse als auch säkulare Umcodierungen erfahren. Heute nennen auch gläubige Menschen, wenn sie das Warum und Woher eines Ereignisses erklären, normalerweise weder Gott noch ein unpersönliches Schicksal, das verfügte, dass etwas so kam, wie es eben kommen musste. Man verweist statt dessen auf die komplexen Zusammenhänge, in denen wir uns bewegen und die den Lauf der Dinge beeinflussen: Vorprägungen psychologischer und genetischer Art, soziale und biographische Faktoren, Vernetzung und systemische (Gegen-) Abhängigkeiten der Menschen und Völker in quasi allen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Belangen. Flüchtlingsströme und Flüchtlingselend, der Zusammenbruch ganzer Staaten im Nachgang internationaler Eingriffe oder weil solche ausblieben, aber auch alte und neue Infektionskrankheiten und Umweltkatastrophen durch Klimaveränderungen sind beredte Beispiele natürlicher Zusammenhänge und moralischer Verstrickungen.

Im letzten mag das alles auf (einen) Gott, der eine solche Welt und solche Schuld möglich machte, zurückzuführen sein. Aber vorerst reicht ein weltimmanenter Ansatz völlig aus, um das «Geschick» dieser Welt zu erklären und so konstruktiv wie möglich mit ihm umzugehen. Gott muss man hier noch nicht – oder nicht mehr? – bemühen. Im Erleben mag dem Weltenlauf echte Tragik innewohnen – doch er folgt zweifelsohne innerweltlichen Gesetzmäßigkeiten, die man benennen und immer besser erklären kann.

Solche Erklärungen verlaufen in der Regel, wie die alte Idee der Vorsehung auch, retrospektiv. Man sucht Ursachen und kann, wenn man sie gefunden hat, zeigen, dass es kam, wie es unter diesen Umständen kommen «musste». Eine andere Konstellation hätte andere Folgen gezeitigt, doch die vorliegenden Umstände ergaben eben diesen Ausgang. Dabei bleibt die moralische Ebene bewusst: Es kam, weil allzu lang getan oder unterlassen wurde, was zu tun oder zu unterlassen nötig gewesen wäre. Aber, dessen ist man gewiss, es hätte nicht so kommen dürfen. Man hätte aus der Geschichte (Afghanistans, Ruandas, Fukushimas, …) lernen können, lernen müssen. Aus einem recht unverstellt-naiven religiösen Diskurs, der jegliches Geschick, Gut und Böse, im Letzten auf Gottes ewigen Plan zurückführte, ist ein moralischer geworden; aus unveränderbarem Schicksal wurde menschliches Geschick; aus Gottes unfehlbar und alleinwirksamem Willen wurde menschliche (Allein-) Verantwortung.

Solche Entwicklungen im Selbst- und Weltverständnis heutiger Menschen prägten auch die theologische Debatte. Bereits eine kursorische Sichtung einschlägiger Verarbeitungen des Konzepts Vorsehung zeigt erhebliche Entwicklungen und Verschiebungen in einem Zeitraum von weniger als einem Jahrhundert (1–3). An ihnen wird deutlich, welche Brisanz die einmal für selbstverständlich gehaltene fromme Fügung in das eigene Geschick mit der Zeit erhalten und wie dies das Anforderungsprofil der theologischen Reflexion verändert hat. Ob eine entsprechende Reflexion gelingt, entscheidet am Ende auch darüber, wie die Vaterunser-Bitte, dass Gottes Wille geschehe, heute verstanden und in welcher Ernsthaftigkeit sie (noch) vollzogen werden kann (4). Ob und in welcher Weise hier überhaupt von Vorsehung oder Fügung Gottes die Rede ist und ob dieses ehedem stoische Konzept christlich rezipierbar ist, bleibt zu diskutieren. Spätestens an diesem Punkt erhält die Auseinandersetzung mit dem traditionellen Vorsehungsglauben unerwartete Aktualität und existenzielle Relevanz (5).

1. Gottes Providenz und Weltregierung

In der ersten Auflage des katholischen Standardlexikons für Theologie und Kirche (1930–1938) verfasste Engelbert Krebs, von den Nazis aus politischen Gründen außer Dienst gestellter Dogmatiker in Freiburg, den einschlägigen Artikel. In einer zu dieser Zeit noch typischen Unmittelbarkeit zum Gegenstand definiert er die göttliche Vorsehung (providentia) als «Fürsorge Gottes für seine Geschöpfe» und als «Hinführung der geschaffenen Geister zu ihrem übernatürlichen Ziel». Seine Erläuterung folgt der neuscholastischen Rezeption des entsprechenden Traktats bei Thomas (S.th. II q. 22). Dass nicht erst die jeweilige Erklärung, sondern bereits die zu erklärende Vorstellung, also nicht erst theologische Konzepte von Vorsehung, sondern bereits die Idee göttlicher Providenz selbst ein durchaus diskussionsbedürftiges Modell ist, wird noch nicht reflektiert. Statt dessen geht Krebs direkt auf die klassische Differenzierung von Vorsehung im engen Sinn (providentia) – dem ewigen Plan der Weltordnung im Willen Gottes – und ihrer geschichtlichen Ausführung, der göttlichen Weltregierung (gubernatio), ein. Vorsehung umfasse «nicht nur das unfehlbare Vorherwissen (providere = praevidere) der absoluten und unbedingten Zukunft, namentlich der freien Akte aller Vernunftwesen, sondern auch das unabänderliche Vorausbeschließen aller zukünftigen Geschehnisse». Geschichte und Entwicklung, die Historizität von Ereignissen und die Kontingenz menschlicher Biographien – all das sei letztlich eine Chimäre des menschlichen Geistes, der im Unterschied zum Gottesgeist zeitlich strukturiert sei. Für Gott geschehe (besser: ist, da er ja keiner Zeitlichkeit unterworfen sei) alles gleichzeitig, so dass die Unterscheidung zwischen Vorsehung und Weltregierung, Heilsplan und Heilsgeschichte, im Kern eine theoretische bleibt. [...]


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