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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/com.2016.1.60–75
Michel Cagin OSB
JACQUES MARITAIN UND DAS ZWEITE VATIKANISCHE KONZIL
Ich weiß nicht, ob die Älteren von Ihnen damit eine Erinnerung verknüpfen, in Frankreich jedenfalls denkt man beim Thema Jacques Maritain und das Konzil spontan an den Bauer von der Garonne, ein Buch von Maritain, das im November 1966 erschien und dessen wirklicher Sinn im Übrigen nicht erkannt worden ist.

Dieses Buch und seine Deutung ist aber nicht die einzige Beziehung Maritains zum Konzil. Man muss weit in der Zeit zurückgehen, um gewisse Zusammenhänge zu entdecken, die manchmal einen paradoxen Charakter erkennen lassen und sich auf unterschiedlichen Ebenen situieren: an der Oberfläche der Ereignisse wie auch in der Tiefe der Intuitionen und Vorbereitungen, der Einfl ussnahmen oder Übereinstimmungen.

Es geht also darum, diesen Bezug Maritains zum Konzil auf verschiedenen Niveaus wahrzunehmen. Wir bedenken, erstens, seine tatsächliche Teilnahme am Konzil und die Modalitäten dieser Teilnahme; zweitens, wie er das Konzil aufgenommen hat, was es für ihn bedeutet. Drittens konzentrieren wir uns auf eine andere, eher verborgene Präsenz Maritains am Konzil, die nicht in Bezug zu den Debatten und zur unmittelbaren Vorbereitung der Texte steht, sondern zu einer weit zurückliegenden Vorbereitung mit tiefgehenden Einflüssen und Ausrichtungen. Es ist eine Präsenz, die schwer zu durchschauen und doch fundamental ist.

I

Um das Thema konkret zu situieren, ist es geboten, einige Worte über die persönliche Situation Maritains in den Jahren um 1960 zu sagen. Einige Wochen nach Eröffnung des Konzils im Oktober 1962 wird Maritain 80 Jahre alt. Mit Ausnahme der drei Jahre als Botschafter Frankreichs am Heiligen Stuhl in Rom (von 1945–1948) lebt er seit Beginn des 2. Weltkriegs außerhalb Frankreichs, ja Europas. In diesen Jahren ist das Leben der Maritains gezeichnet von Krankheiten, zuerst trifft es Jacques und dann Vera, die Schwester Raïssas; diese Sorge um die Gesundheit ließ gerade so viel Spielraum, um einige wichtige Bücher zum Abschluss zu bringen, die aber in Europa nicht bekannt sind. Dann kommen die Trauerfälle: Ende 1959 stirbt Vera in Princeton (U.S.A.) und einige Monate später Raïssa während einer Reise in Paris. Das lange gemeinsame, mehr als fünfzig Jahre dauernde Abenteuer geht dem Ende zu («ohne Raïssa und ohne Vera hätte es keinen Jacques gegeben», wird er einmal sagen). Jacques steht nun allein da wie «ein alter, umgestürzter Baum, der noch einige Wurzeln in der Erde hat während einige andere den Winden des Himmels ausgesetzt sind». Im Jahr 1961 lässt er sich wieder in Frankreich nieder, in einem bewusst gewählten Ruhestand bei den Kleinen Brüdern Jesu in Toulouse, weil er «einen großen Durst nach Stille» verspürt und um sich «auf den Tod vorzubereiten». Er widmet sich der Veröffentlichung der Texte Raïssas, einer Aufgabe, von der er das Gefühl hat, dass er sie «um jeden Preis» zu erledigen hat. Als ein Mann des Glaubens und des Gebetes, für den das Mysterium der Kirche seit den fernen Jahren seiner Taufe im Mittelpunkt seiner Betrachtungen steht, begrüßt Maritain die Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils und schenkt ihm eine große Aufmerksamkeit. Sucht man aber nach Anmerkungen über das Konzil in seinen Notizbüchern oder in seinem Briefverkehr, wird man wenig finden.

Maritain fehlt indes keineswegs in den Projekten und in den Vorbereitungstexten des Konzils. Sein Name wird ausdrücklich in einem der vier schemata compendiosa vom September 1960, dem Schema «De ordine morali, individuali et sociali» (§ 8) genannt. Dort wird ihm eine Sanktion oder zumindest eine Mahnung wegen seiner Lehre über die Beziehung des Spirituellen zum Zeitlichen angedroht. Nach der Verurteilung «der Irrtümer des Materialismus, des Sozialismus, des Kommunismus, des Liberalismus und des Kapitalismus» scheint auch die «Doctrina Maritain et laicismus» im Text auf.

Weiß es Maritain? Sein Freund, der Schweizer Abbé Charles Journet, der noch nicht Kardinal, aber Mitglied der Vorbereitungskommission des Konzils war, sagt ihm nichts: zu diesem Zeitpunkt, im September-Oktober 1960, liegt Raïssa in Agonie. In seinen Anmerkungen zu den schemata compendiosa erstellt Journet ein Gutachten, um diesem Projekt Einhalt zu gebieten. Einige Monate später, am 10. April 1961, schreibt er Pater Gagnebet OP, dessen Stellung zu Maritain zweideutig ist (es scheint, er wolle Maritain verteidigen, doch gesteht er dessen Gegnern zu, Maritain solle seine Ansichten präziser darlegen):

Das, was Sie mir über Jacques sagen, stimmt mich traurig. Ich weiß nicht, ob Sie sich der Situation bewusst sind. Er hat gerade Schlag auf Schlag Vera und Raïssa verloren. Alle drei haben ihr Leben für das Wiedererwachen der Kirche in den Herzen der Gläubigen gegeben. Er hat ganz allein die Attacken und die Verleumdungen der Action Française ertragen, um den Papst zu verteidigen, der ihn nach Rom hatte kommen lassen. Eben hat er die Arbeit an dem außerordentlichen Buch über die Philosophie morale beendet, in dem in drei Kapiteln (Hegel und die Weisheit, Hegel und der Mensch, Hegel und Gott) die tiefste und entscheidendste Studie über Hegel dargelegt wird, die jemals geschrieben wurde; ein Buch, in dem Marx, Comte, Sartre klar ausgedeutet werden. Er lebt in der ständigen Gegenwart von Raïssa und Vera, und hat sich bei den Kleinen Brüdern zurückgezogen; sein Leben, sagt er, hat nur mehr einen Sinn für den Himmel. Und da sollte ich hingehen, ihm einen Dolch ins Herz zu stoßen, indem ich ihm sage, das Konzil droht, ihn zu verurteilen? Wie könnte ich so etwas tun! Zuerst frage ich mich, ob ich das Recht habe, ihm das überhaupt zu sagen. […]
[...]


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