zur StartseiteZugang für Abonnenten
Startseite » Archiv » Ausgabe 3/2016 » Leseprobe 1
Titelcover der archivierte Ausgabe 3/2016 - klicken Sie für eine größere Ansicht
Herausgeber und Redaktion
JOACHIM HAKEJoachim Hake
Direktor der Katholische Akademie in Berlin e.V.
URSULA SCHUMACHERUrsula Schumacher
Professorin für Katholische Theologie und Religions-pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe
JAN-HEINER TÜCKJan Heiner Tück
Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
Lesermeinung von
Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

Lesen Sie hier
Ausgaben-Index 1972 bis heute
Chronologisch- thematische Liste aller Hefte von 1972-heute
Autoren-Index 1972 bis heute
Alphabetische Liste aller Autoren und Ihrer Artikel
Unsere Autoren
Hier erhalten Sie einen Überblick unserer Autoren.
Die internationalen Ausgaben von Communio
Internationale Ausgaben von Communio
Internationale Ausgaben von Communio finden Sie hier.
<<< zur vorherigen Ausgabe zur nächsten Ausgabe >>>
Leseprobe 1 DOI: 10.14623/com.2016.3.191–205
Karl Kardinal Lehmann
BARMHERZIGKEIT – OHNE HEUCHELEI
Predigt im St.-Paulus-Dom in Münster am 04. März 2015
Barmherzigkeit ist besonders nach der Wahl von Papst Franziskus in der religiösen Sprache unserer Tage geradezu ein weit verbreitetes Schlagwort geworden. Nun ist es so wie bei ähnlichen Vorgängen: In der Tat kann man mit dem Wort Barmherzigkeit und auch Erbarmen etwas umschreiben, was bisher theologisch zu knapp behandelt worden ist; auf der anderen Seite verkommt das beste und schönste Wort, wenn es unüberlegt und eben wie ein Slogan verbraucht wird.

In der Tat kann das Wort Barmherzigkeit in Anwendung auf Gott die zentrale Aussage schlechthin sein. In der neuzeitlichen Dogmatik hatte man sich daran gewöhnt, «Barmherzigkeit» als eine unter den vielen Eigenschaften Gottes zu verstehen, also z. B. wie Güte und Langmut. In Wirklichkeit aber umschreibt in der Bibel des Alten und Neuen Testaments dieses Wort das Grundwesen Gottes. Bei großen Theologen, wie z. B. Thomas von Aquin oder Matthias J. Scheeben, ist diese zentrale Bedeutung der Barmherzigkeit zu einem guten Teil erhalten. In den letzten Jahrzehnten wurde die Barmherzigkeit immer mehr zu der Grundaussage über Gott, die alle anderen Eigenschaften fundiert. Diese Wiederentdeckung der Barmherzigkeit als Grundwesen Gottes hat natürlich auch dazu geführt, neu von der Barmherzigkeit in der Verkündigung und im Handeln der Kirche sowie im Verhalten des einzelnen Menschen zu sprechen.

1. Die wiederentdeckte Barmherzigkeit


Es ist damit aber nicht gesagt, dass die Barmherzigkeit Gottes kein entsprechendes Gewicht in der Lehre und in der Praxis der Kirche gehabt hätte. Man kann leicht aufzeigen, wie gerade die Päpste der letzten 50 Jahre ein ganz besonderes Gewicht auf die Betonung der Barmherzigkeit Gottes legten. In den Geistlichen Schriften, besonders im Tagebuch von Johannes XXIII., kann man erkennen, wie dieser Papst ganz durchdrungen war von diesem theologischen Grundgedanken. In seiner wegweisenden Rede zur Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils am 11. Oktober 1962 sagte er über das Verhalten der Kirche gegenüber den Irrtümern vor allem der Moderne: «Oft hat sie auch verurteilt, manchmal mit großer Strenge. Heute dagegen möchte die Braut Jesu Christi lieber das Heilmittel der Barmherzigkeit anwenden als die Waff e der Strenge erheben.»

Man sprach in diesem Zusammenhang auch von der umfassenden pastoralen Zielsetzung des Konzils. Johannes Paul II. hat das, was Johannes XXIII. angeregt hatte, fortgeführt und vertieft. Er hat in seinem persönlichen Leben wie auch in der Geschichte seines langen Bischofsdienstes und Pontifikats die Notwendigkeit von Erbarmen und Barmherzigkeit tief erfahren.

Man hat heute fast vergessen, dass die zweite Enzyklika von Johannes Paul II. «Dives in misericordia» von 1980 dem Thema Barmherzigkeit gewidmet war. Es kommt dem Papst darauf an zu erinnern, dass Gerechtigkeit allein nicht genügt. Die erste Heiligsprechung im neuen Jahrtausend, am 30. April 2000, hat er für die bei uns weniger bekannte polnische Ordensschwester Faustyna Kowalska durchgeführt. Durch ihre Entdeckung der Tiefe von Gottes Barmherzigkeit hat sie sich ganz in die große Tradition der Frauenmystik hineingestellt. Auf Anregung von Schwester Faustyna erklärte der Papst den Sonntag nach Ostern, den Weißen Sonntag, zum Sonntag der Barmherzigkeit. Es ist so wohl kein Zufall, dass dieser Papst am Vorabend des Sonntags der Barmherzigkeit, am 2. April 2005, unter großer Anteilnahme fast der ganzen Welt sein Leben in die Hand seines Schöpfers zurückgab. Papst Benedikt hat sich dies von Anfang an zu eigen gemacht: Gegenüber der Gewalt und der Zerstörung im 20. Jahrhundert ist die Barmherzigkeit die Gegenmacht schlechthin, die allen bösen Mächten entgegensteht. Benedikt XVI. hat dieses Thema in seinen großen Weltrundschreiben «Deus caritas» (2006) und «Caritas in veritate» (2009) theologisch vertieft und besonders auf die Offenbarung der Barmherzigkeit in Jesus Christus hingewiesen. Für die Soziallehre der Kirche hat er in der Liebe als Grundprinzip einen neuen Ansatz geschaffen, nicht mehr alles auf die Gerechtigkeit als einziges Fundament gesetzt.

Es ist unter dieser Voraussetzung nicht mehr so sensationell, dass Papst Franziskus in seiner bisherigen Lehrverkündigung und pastoralen Praxis die Barmherzigkeit zum grundlegenden Thema als Antwort der Kirche auf die «Zeichen der Zeit» machte. Es ist eigentlich die Erfüllung einer ganz eigenen Tradition im Lehramt der Päpste des 20. und 21. Jahrhunderts. Damit nehmen sie den Kern und die Mitte der Aussagen des Konzils auf und formulieren das theologische und pastorale Programm unserer Zeit. Ich brauche dies nicht weiter zu entfalten. Man wird – auch wenn es einzelne Ausnahmen gibt – durchaus behaupten können, dass das päpstliche Hirtenamt einer theologischen Wiederentdeckung der Barmherzigkeit durch die Fachtheologie selbst vorausging.

2. Anstöße und Inspirationen der Bibel


Diese Wiederentdeckung der Barmherzigkeit als Grundprinzip hat natürlich viele Anstöße in der Heiligen Schrift. In den Seligpreisungen erscheint das grundlegende Wort: «Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden. Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden» (Mt 5, 6f ).

Viele Worte in der Bibel sind uns dabei geläufig: «Der Herr ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Gnade.» (Ps 145, 8, vgl. 111, 4) «Der Herr ist gnädig und gerecht, unser Gott ist barmherzig.» (Ps 116, 5) Dies bezeugt sich auch im Neuen Testament, wenn Paulus den Zweiten Brief an die Korinther mit den Worten beginnt: «Gepriesen sei der Gott und Vater Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater des Erbarmens und der Gott allen Trostes.» (2 Kor 1, 3) Die Barmherzigkeit Gottes konkretisiert sich vor allem in der Vergebung der Schuld, sie gewährt Schutz und Leben. Der Mensch wird nicht in einer missglückten Vergangenheit eingesperrt. Gott befreit ihn vielmehr durch Vergebung zu einem neuen Leben in die Zukunft und in eine neue Zukunft hinein.

So will Gott auch Barmherzigkeit, Recht und Güte für die Menschen (vgl. Hos 6, 6; 12, 7, Sach 7, 9). Vor allem ist die von Gott geforderte helfende Tat gegenüber dem notleidenden Menschen gemeint. Der Barmherzige Samariter (vgl. Lk 10, 37) ist zum unübertreffl ichen Symbol geworden. In der Auseinandersetzung mit den Pharisäern fordert Jesus (im Anschluss an Hos 6, 6) Barmherzigkeit, nicht Opfer. Gott schenkt Barmherzigkeit in souveräner Freiheit. Er ist in seiner Liebe durch nichts gezwungen. Ein Höhepunkt der biblischen Verkündigung vom barmherzigen Gott ist das Gleichnis vom verlorenen Sohn (vgl. Lk 15, 11–32). Zur Barmherzigkeit gehört das durch nichts geschuldete Entgegenkommen, so wie der Vater dem verlorenen Sohn, den er schon von ferne sieht, Mitleid zuwendet (vgl. Lk 15, 20).

3. Drei Exempel zur Unterscheidung der Geister


Der für diese Besinnung gewählte Text aus dem Beginn des 6. Kapitels im Matthäusevangelium (6–19) kann uns dies alles noch etwas genauer erschließen. Wir haben im ersten Evangelium die große Redeeinheit über Jesu Lehre von der wahren Gerechtigkeit (5, 1–7, 29). Hier wird zuerst der Beruf der Jüngerschaft entfaltet. In ihrer Mitte stehen die Seligpreisungen (5, 3–12). Im Anschluss daran wird dies unter dem Stichwort der «Erfüllung des Gesetzes» (5, 17–48) im Blick auf einzelne Verhaltensweisen konkretisiert, also Versöhnung, Schwören, Vergeltung, Ehebruch und Feindesliebe. Daraufhin wird die wahre Gerechtigkeit in der Erfüllung der «guten Werke» gesehen (6, 1–18). Schließlich muss die neue Gerechtigkeit auch in einem angemessenen Gottesdienst zum Ausdruck kommen. (6, 19–7, 12) Dies ergibt Kriterien dafür, dass die Jünger vor dem Gericht bestehen können (vgl. 7, 13–27).

In der Mitte dieser Lehre von der neuen Gerechtigkeit werden vor allem drei «religiöse» Werke genauer auf den Prüfstand gestellt (vgl. 6, 1–18). Dieser Abschnitt beginnt bereits mit einem Paukenschlag: «Hütet euch, eure Gerechtigkeit vor den Menschen zur Schau zu stellen; sonst habt ihr keinen Lohn von eurem Vater im Himmel zu erwarten» (6, 1). Damit ist das Hauptthema eröffnet: die Gefahr der Heuchelei. Es wird nun an drei Beispielen durchgespielt: am Almosengeben (6, 1–4), am Beten (6, 5–15) und am Fasten (6, 16–18). Dabei geht es um die Wertung der «guten Werke». Eine Grundschwierigkeit besteht darin, dass diese Werke oft hart kritisiert werden, weil die Menschen sich selbst zur Schau stellen und sich direkt oder indirekt ihrer Verdienste rühmen. «Wenn du Almosen gibst, lass es also nicht vor dir herposaunen, wie es die Heuchler in den Synagogen und auf den Gassen tun, um von den Leuten gelobt zu werden» (6, 2).

In großer Dichte wird nun die Heuchelei zum zentralen Thema (vgl. das Wort in Mt 6, 2.5.16; 7, 5; 15, 7; 16, 3 vgl. auch 23, 13–29; 24, 51). Es sind scharfe Worte, die Jesus hier in den Mund nimmt: «Wenn ihr betet, macht es nicht wie die Heuchler. Sie stellen sich beim Gebet gern in die Synagogen und an die Straßenecken, damit sie von den Leuten gesehen werden […] Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen. Macht es nicht wie sie» (6, 5.7f ). Und schließlich im Blick auf das Fasten: «Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler. Sie geben sich ein trübseliges Aussehen, damit die Leute merken, dass sie fasten» (6, 16).

Wir kennen das Wort Heuchelei. Es ist ein Verhalten, bei dem Handlungen, Gebärden und Worte des Menschen nicht seinem Inneren entsprechen. Hier kommen wir auch an den Ursprung des griechischen Wortes für «heucheln». Dieses Wort, nämlich «hypokrisis», meint zunächst einen Schauspieler, vor allem einen Menschen, der eine Maske trägt und die Rolle einer anderen Person spielt. Dieses Wort hat zunächst keinen negativen Sinn. Der täuschende Schein spielt keine Rolle. Aber es legt sich doch ein Vergleich der tagtäglichen Lebensführung mit dem Verhalten des Schauspielers nahe. Im Judentum der griechischen Welt wird das Wort eindeutig negativ verwendet. Das Wort Heuchler wird am Ende sogar gleichbedeutend mit Frevler, Abtrünniger, Irrlehrer. Es schwingt auch die Bedeutung mit, solches Verhalten des Menschen im Sinne der «guten Werke» sei eine Verstellung, ein bloß frommer Anschein. Unwichtiges werde in den Vordergrund gerückt. Das Bild von der täuschenden Maske, mit der man spielt und zugleich betrügt, ist immer in der Nähe.

4. Heilmittel gegen das «Heucheln»

Aufschlussreich sind die Gegenbilder, die das Evangelium zur Sprache bringt: «Wenn du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut. Dein Almosen soll verborgen bleiben, und dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.» (6, 3f ) Im Blick auf das Fasten wird betont, dass man sich dabei kein «trübseliges Aussehen geben soll, damit die Leute merken, dass sie fasten». «Du aber salbe dein Haar, wenn du fastest und wasche dein Gesicht, damit die Leute nicht merken, dass du fastest, sondern nur dein Vater, der auch das Verborgene sieht.» (6, 16f )

Entscheidend ist die Antwort, die auf das heuchlerische Beten gegeben wird. Gegenüber der Geschwätzigkeit und der Vielrederei zeigt Jesus den Jüngern nicht durch Ermahnungen, sondern dadurch dass er ihnen selber vorbetet, worum es geht. So steht das Vaterunser (Mt 6, 6–15) zentral in der Mitte auf der Suche nach dem Weg zur neuen Gerechtigkeit. Hier geht es radikal um das Gottesbild, das hinter allen Worten, Zeugnissen und Handlungen steht. Dieses Grundgebet der Christen kann und braucht hier nicht eingehender erläutert und ausgelegt zu werden. Offenbar ist dieses Gebet das beste Medikament gegen die Gefahr auch subtiler Heuchelei, und zwar in verschiedenen Formen. Es ist die zentrale Katechese der Bergpredigt.

An dieser Stelle darf und muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass der Vorwurf der Heuchelei seit alters zu den Einwänden und zur Kritik der religiösen Praxis gehört. Nicht zuletzt Kant weist auf die Heuchelei und Schmeichelei hin, die auch wegen der Verletzung der Offenheit und Ehrlichkeit zu einer falschen Demut und zur Herabwürdigung der eigenen Persönlichkeit führen, die sich damit selbst verletze. Der «erheuchelte Glaube» sei noch schlimmer als jeder Unglaube und bedeute einen totalen Verlust moralischer Integrität. Diese Kritik reicht bis zu einem gewissen Höhepunkt bei Nietzsche, wo die christliche Tugend der Nächstenliebe als der grandiose heuchlerische Versuch erscheint, z. B. die Selbstdurchsetzung eigener Interessen moralisch zu verschleiern. Es wäre nicht schwer, diese Anklage der Heuchelei weiter zu vertiefen.

Es ist aber wichtiger, dem Ursprung und Hintergrund der Forderung nach Barmherzigkeit und der Gefahr der Heuchelei näher nachzugehen. Oft hat man nämlich die etwas allgemein verstandenen Aussagen bei Mt als reine Polemik gegen Schriftgelehrte und Pharisäer aufgefasst. Es wird selbstverständlich nicht geleugnet, dass auch diese und andere fragwürdige Zerrformen des jüdischen Glaubens kritisch angezielt werden, aber die Forschung der letzten Jahrzehnte – man vergleiche die Mt-Kommentare – rät hier zu größter Vorsicht. Gewiss ist die karikierende und überspitzte Polemik unübersehbar. Es geht um eine sehr ernste, aber nicht zerstörerische Kritik. «Matthäus kritisiert nicht die genannte Frömmigkeitspraxis an sich, ihm geht es vielmehr um deren Motivation, positiv geht es ihm um ein Tun ohne Nebenabsichten. Vollkommen im Sinne von 5, 48 ist die Gerechtigkeit […] dann, wenn Tun und Intention übereinstimmen. Bei der alternativen Handlungsweise der Christen geht es Matthäus um die Ungespaltenheit, Ganzheit und (im besten Sinne des Wortes) Einfachheit christlichen Tuns. Jegliches Schielen auf menschlichen Applaus und Achtung in ihren Augen trägt seinen Lohn in sich selbst.» Die Aufforderung zu ungeheuchelter, unauffälliger Frömmigkeit ohne Nebenabsichten, vor allem bei Gebet und Fasten, kommt in der Bibel häufig vor (vgl. z. B. Ps 34, 13; Jes 58, 6–8; Esr 8, 21–23; 1 Kön 7, 5f; Joel, 1, 14; Jona 3, 8) usw.

Es gibt also im Kern eine große Nähe, wenn nicht sogar Identität christlicher und jüdischer Ethik, wenigstens im Ansatz. Dabei ist bei Matthäus der Begründungszusammenhang freilich auf die Person Jesu hin konzentriert. Dies lässt sich im Alten Testament nicht nur bei den Propheten gut erkennen, sondern auch in vielen anderen Aussagen. So z. B. im Buch Tobit: «Es ist gut, zu beten und zu fasten, barmherzig und gerecht zu sein. Lieber wenig, aber gerecht, als viel und ungerecht. Besser barmherzig sein als Gold aufhäufen. Denn Barmherzigkeit rettet vor dem Tod und rettet vor jeder Sünde. Wer barmherzig und gerecht ist, wird lange leben.» (Tob 12, 8ff ) Dazu gehört auch das Bekenntnis im selben Buch, das in einem Gebet Tobits erscheint: «Herr, du bist gerecht, alle deine Wege und Taten zeugen von deiner Barmherzigkeit und Wahrheit; wahr und gerecht ist dein Gericht in Ewigkeit» (Tob 3, 2f ).

5. Die moderne Kritik an der biblischen Barmherzigkeit

Es ist ganz wichtig, dass man diese innere Identität zwischen den «guten Werken» und der Gesinnung immer wieder wahrnimmt und anerkennt. Dies ist auch deshalb wichtig, weil die Barmherzigkeit in ihrem inneren Rang, oft nicht zuletzt auch von philosophischer Seite, verkannt wird. In der alten Welt bedeutet Barmherzigkeit zunächst oft Rührung über die unverschuldete Not eines Menschen. Davon ist auch das Wort Almosen («eleemosyne») abgeleitet, das selbstverständlich eng mit Barmherzigkeit («eleos») zusammenhängt. Vielleicht ist es nicht zufällig, dass das klassische Griechisch dieses Wort nicht kennt. Es gab Almosengeben, aber dies war eigentlich nicht verdienstlich. Das Neue Testament übernimmt mit einem neuen Wort eine stärker eingeengte, aber auch stärker zugespitze Bedeutung von Mitleid, Barmherzigkeit und Erbarmen und versteht darunter die Tugend der Armenliebe und Armengabe. Gemeint ist damit also weniger der Affekt des Mitleids, sondern das wohltätige Tun.

Nicht wenige philosophische Tugendlehren haben freilich immer etwas scheel und geringschätzig auf die Barmherzigkeit heruntergeschaut. Sie wurde vor allem als bloß sinnliche Erregung verstanden und darum als sittlich minderwertig beurteilt. So empfand Kant, wie schon erwähnt, die Barmherzigkeit als «eine beleidigende Art des Wohltuns», und um noch einmal Nietzsche anzuführen: Er sah in der Barmherzigkeit einen weichlichen Egoismus, der am Ende das Leiden in der Welt nur noch vermehrt und den Leidenden zusätzlich beschämt und so auch entehrt. «Wahrlich, ich mag sie nicht, die Barmherzigen, die selig sind in ihrem Mitleiden: zu sehr gebricht es ihnen an Scham.»

An dieser Entlarvung der Selbstgerechtigkeit ist schon etwas dran. Zur Schau gestellte Barmherzigkeit kann den Bedürftigen und Armen, aber auch demjenigen, der Vergebung erfährt, noch mehr erniedrigen. Wir kennen neben «Erbarmen» das Wort erbärmlich: Not und Elend können erbärmlich sein, aber auch ein gnädiger, von oben herablassender Umgang mit Menschen in vielfältiger Not. Dennoch brauchen wir so etwas wie Barmherzigkeit. Schon die alte Welt wusste, dass man gerade dann, wenn man eine strenge Gerechtigkeit fordert, auch wieder den konkreten Situationen menschlich entsprechen und begegnen muss. So ist z. B. die «Billigkeit» (Epikie, aequitas) wichtig, die primär auf die Absicht eines Gesetzes schaut und um Lücken weiß. Es braucht aber auch die Freundschaft unter den Menschen. Wo Zuneigung herrscht, kann man einem Menschen besser gerecht werden. Die Gerechtigkeit braucht wegen der Gleichheit für alle eine generelle Norm; aber auch der Einzelfall braucht in seiner unverwechselbaren Besonderheit Beachtung und Rücksicht. Es braucht viel Takt, um dabei nicht willkürlich und ungerecht zu werden.

6. Zum Verhältnis von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit

In diesem Zusammenhang wird das Verhältnis von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit immer wieder diskutiert. Papst Johannes Paul II. hat in seinem Weltrundschreiben über die Barmherzigkeit vom 30.11.1980 «Dives in misericordia» darüber besonders weitreichende Gedanken. Liebe und Erbarmen gibt es nach ihm nicht ohne den Willen zur Gerechtigkeit. Aber die Gerechtigkeit im Sinne einer bloßen Gleichmacherei allein macht das menschliche Leben noch nicht menschlich. Programme der Gerechtigkeit haben nämlich auch zu hoher Feindseligkeit, Hass und Grausamkeit geführt. Trotzdem besteht kein Widerspruch zwischen der Gerechtigkeit und dem Erbarmen. «An keiner Stelle der Frohen Botschaft bedeutet das Verzeihen, noch seine Quelle, das Erbarmen, ein Kapitulieren vor dem Bösen, dem Ärgernis, vor der erlittenen Schädigung oder Beleidigung. In jedem Fall sind Wiedergutmachung des Bösen und des Ärgernisses, Behebung des Schadens, Genugtuung für die Beleidigung, Bedingungen der Vergebung.» (Nr. 14, vgl. auch Nr. 4 der genannten Enzyklika). Die Gerechtigkeit braucht noch eine tiefere Kraft, um das menschliche Leben zu prägen. Sie verdankt sich in ihrem Wesen noch tieferen Quellen des Geistes. Dies zeigt sich vor allem in den zwischenmenschlichen Beziehungen. «Eine Welt ohne Verzeihen wäre eine Welt kalter und ehrfurchtsloser Gerechtigkeit, in deren Namen jeder dem anderen gegenüber nur seine Rechte einfordert» (Nr. 14). Die Welt kann nur dann menschlicher werden, wie es «Gaudium et spes» fordert, «wenn wir in den vielgestaltigen Bereich der zwischenmenschlichen und sozialen Beziehungen zugleich mit der Gerechtigkeit jene ‹erbarmende Liebe› hineintragen, welche die messianische Botschaft des Evangeliums ausmacht» (Nr. 14 und GS 40). Jesus Christus selbst hat in seinem Leben und Sterben das Gegeneinander von Gerechtigkeit und Erbarmen aufgehoben. Beide haben ihren Ursprung und ihre Erfüllung in der Liebe. Darum gibt auch das Erbarmen der Gerechtigkeit eine neue Gestalt.

Für unsere Welt sind dies zunächst fremde Gedanken. Es ist nicht zufällig, dass man sich auch im germanischen Bereich schwer tat mit der Forderung nach «Barmherzigkeit». Aber sie schafft eine tiefere Erfassung der Würde der menschlichen Person. Das Erbarmen ruft eine neue und dauerhafte Form der «Gleichheit» im Sinne der Ebenbürtigkeit und der gleichen Würde hervor. Die zwischenmenschlichen Beziehungen werden durch die sich erbarmende Liebe immer wieder gereinigt. Indem die Barmherzigkeit und das Mitleid an das Leiden und den Schmerz der Menschheit erinnern, werden wir auch in eine neue kreatürliche Solidarität hineingenommen. So lebt auch mancher revolutionäre Eingriff aus der Kraft des Mitleids, der Synthese von Kopf und Herz, Vernunft und Leidenschaft. Ohne die Nachfolge Jesu Christi lebt diese revolutionäre Gesinnung jedoch in der Gefahr der Entfremdung.

Im gesellschaftlich-politischen Leben unserer Gegenwart gibt es im Blick auf das Verhältnis der Menschen untereinander den oft gebrauchten Vorwurf, es herrsche in sozialer Hinsicht «Kälte». Dabei wird oft die Gerechtigkeit als Gegenwort gebraucht. Wir spüren in den biblischen Texten, wie sehr Gott gerade in dieser Hinsicht gesucht wird: «Er richtet die Hilflosen gerecht und entscheidet für die Armen des Landes, wie es recht ist» ( Jes 11, 4). Dabei wissen wir, wie schwierig verbindliche Maßstäbe für die soziale Gerechtigkeit zu finden sind.

Ein anderer Kontrapunkt zur «Kälte» ist – wie gesagt – die Barmherzigkeit, das Erbarmen, die Solidarität mit den leidenden Menschen. Beides, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, darf man nicht einfach gegeneinander ausspielen. Schon Thomas von Aquin hat gesagt: «Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist Grausamkeit. Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit ist die Auflösung (des menschlichen Miteinanders)». So muss man immer wieder einen Ausgleich finden zwischen beiden Bemühungen.

Im Evangelium heißt es von Jesus angesichts der vielen, die tagelang bei ihm ausharren, aber nun hungrig sind: «Ich habe Mitleid mit diesen Menschen.» (Mt 15, 32) Das Wort vom Erbarmen und vom Mitleid ist übrigens besonders in der hebräischen Sprache sehr emotional aufgeladen. Der ganze Mensch ist in seinen Gefühlen angesprochen. Sein konkretes Inneres ist aufgewühlt, die inwendigen Organe des ganzen Menschen sind in Bewegung. Dies zeigt sich auch noch im Neuen Testament, besonders in den Gleichnissen Jesu: Der erbarmungslose Knecht hat zwar von seinem Herrn Nachsicht erfahren, prügelt aber jetzt seine Mitknechte; der aus der Verlorenheit heimkehrende jüngere Sohn trifft auf den älteren Bruder, der unbarmherzig bleibt; der barmherzige Samariter übersieht nicht den unter die Räuber Gefallenen und hilft ihm (vgl. die schönen Ausführungen in «Dives in misericordia», Nr. 4 mit Anm. 52).

So barmherzig ist Gott. Der Mensch soll an ihm Maß nehmen. Gott erbarmt sich gerade der Geringen und Gedemütigten. Die Barmherzigkeit ist vor allem die Manifestation des Grundwesens Gottes nach außen. Darum wird auch vom Menschen als Antwort Solidarität, Sympathie, Mit-Leiden (Compassion) erwartet. Aus den Beispielen der hl. Schrift hat die Überlieferung der Kirche schon früh bestimmte zentrale Werke der leiblichen und der geistigen Barmherzigkeit ausgewählt: Waisen und Witwen helfen, Menschen aus Zwangslagen befreien, Verzicht auf Gewalt, Gewähren von Gastfreundschaft, Ehrung älterer Leute, Trost im Kummer, Irrende nicht fallen lassen, Bösewichte zurechtweisen, Schuldner und Arme nicht unter Druck setzen.

Natürlich kann man mit der Berufung auf Mitleid auch Schindluder treiben. Friedrich Nietzsche wollte in der Barmherzigkeit nur Schwäche, mangelnde Durchsetzungskraft und Dekadenz sehen. Dies muss man gewiss im Einzelfall prüfen. Aber Gott im biblischen Sinne hat und gibt eben die Kraft der Hoffnung gerade für das Verlorene oder verloren Geglaubte. Sonst wäre er nicht Gott. Er kann es sich leisten, sich herabzubeugen. Er kann groß sein, weil er verzeiht und schont. Gott ist größer als unser Herz.

An «fremdem» Elend mitzuleiden, gehört zur Größe des Menschen. Daraus lassen sich auch die Lebenssituationen von Menschen verbessern. Man muss sie allerdings auch in ihrem Elend erst wahrnehmen. Man muss sie sehen wollen. Dann ist die Barmherzigkeit eine mächtige Triebfeder menschlichen Handelns. Dies gehört zum biblischen Verständnis Gottes. Der hl. Paulus hat es in unnachahmlicher Klarheit zum Ausdruck gebracht, wenn er sagt: «Die Heiden aber rühmen Gott um seines Erbarmens willen» (Röm 15, 9). Hier wäre eingehender über die Phänomene Pro-Existenz und Stellvertretung zu sprechen.

7. Der Ruf nach einer «Kultur der Barmherzigkeit»

Heute ruft man besonders nach einer größeren Verwirklichung von Barmherzigkeit in der Kirche. Wenn sie wirklich ein Sakrament der Liebe und der Barmherzigkeit ist, dann muss sie sich auch stärker unter dieses Maß stellen. Allenthalben ruft man nach einer «Kultur der Barmherzigkeit» Wir haben schon darüber nachgedacht, wie weit das Gottesverständnis in der Theologie vor allem der Neuzeit darunter leidet, dass die Barmherzigkeit als eine unter den vielen Eigenschaften Gottes unterbewertet worden ist. Dies hat natürlich auch Konsequenzen für die pastorale Praxis und die zugrunde liegende Spiritualität in der Kirche. Man kann aber auch nicht übersehen, dass der Ruf nach größerer Barmherzigkeit nicht verwechselt werden darf mit Nachgiebigkeit, Anpassung und Gewährenlassen menschlicher Begierden. Es gibt nicht nur Heuchelei im Ausüben der Barmherzigkeit, die wir mit Recht kritisieren, sondern es gibt auch einen unseriösen Schrei nach Barmherzigkeit. Nicht selten ruft man nämlich nach Barmherzigkeit, ohne dass man auch den Ausgleich mit der Gerechtigkeit sucht. Dann wird in einem hohen Maß die Barmherzigkeit ausgehöhlt und missbraucht. Barmherzigkeit kann man, wie wir oben schon sagten, nicht verwirklichen, ohne dass man auch zuvor die eventuell verletzte Gerechtigkeit erfüllt. Gerade das Matthäus-Evangelium legt Wert auf diesen Ausgleich. Man darf nicht Barmherzigkeit für sich fordern, sie selbst aber anderen gegenüber verweigern. Wiedergutmachung im Maß des Möglichen gehört zur Barmherzigkeit. Dies vergessen wir oft.

8. Probe aufs Exempel: Caritas und Geld

Wenn von Barmherzigkeit die Rede ist, denkt man immer schon an Almosengeben, Nächstenliebe und Caritas. Gerade hier steht das freigebige Helfen absichtslos und unauffällig im Vordergrund. Mit einem Wort: Nächstenliebe umsonst. Ist die Rede von Kosten, Sparen und Finanzen, dann wird für viele Menschen die Rede von Barmherzigkeit unglaubwürdig; wenn Liebe etwas kostet, dann stellt sich rasch der Vorwurf der «Heuchelei» ein. Davon muss abschließend noch die Rede sein.

In der Caritas sind Mitleid und Barmherzigkeit gewiss tragende Prioritäten. Selbstverständlich darf dies nicht heißen, in den heutigen differenzierteren Formen der Caritasarbeit die finanziellen Rahmenbedingungen zu unterschätzen. Es ist unerlässlich, die engeren Zusammenhänge von Caritas und Ökonomie viel stärker in Rechnung zu stellen und zu beachten. Waren diese Probleme zwischen Caritas und Wirtschaft früher eher am Rand zu beachten, so bilden sie heute ein zentrales Thema, wenn nicht das Thema in der Diskussion um die Caritas. Diese Probleme bestimmen mehr und mehr auch den Alltag der Caritasarbeit vor Ort.

Wir alle kennen die Ursachen für die Veränderungen der Rahmenbedingungen sozialer Dienste. Stichwortartig sei auf neue Formen staatlicher Steuerung, steigende Ansprüche der Bürger, die Einengung der finanziellen Ressourcen sowie einen zunehmenden Anbieterwettbewerb unter Einbezug privater Initiativen hingewiesen. Insbesondere die von der Politik eingesetzten Instrumente des Wettbewerbs setzen immer neue Dynamiken frei, die für die traditionellen Anbieter sozialer Dienste rasante Veränderungen ihrer Existenz- und Geschäftsgrundlagen bedeuten. Für die sozialen Dienste ist ein Kostendruck entstanden, da sie sich einerseits im Wettbewerb behaupten müssen und anderseits auf eine leistungsgerechte Finanzierung durch Staat und Sozialversicherungen angewiesen sind. Ihre «Barmherzigkeit» darf dazwischen nicht zerrieben werden. Dies ist für die christliche Caritas eine sehr große Gefahr.

In der gesellschaftlichen Realität ist es besonders die Vielfalt der caritativen Dienste der Kirche, die der Caritas in der Gesellschaft ihren hohen Stellenwert gibt und vielfach Grund für das große Vertrauen der Bevölkerung in ihre Dienste ist: ob im Umfeld eines Krankenhauses der Besuchsdienst von der Gemeinde organisiert ist, ob eine Sozialstation Menschen in schwierigen persönlichen Lebensverhältnissen unterstützt, ob Ordensschwestern ein Pflegeheim führen und rund um die Uhr für ihre Patienten da sind, ob die Schuldnerberatung aus einer finanziellen Krise hilft oder ob caritative Einrichtungen jungen Menschen die Möglichkeit zur Ableistung eines Freiwilligendienstes bieten. In all diesen Bereichen und einigen weiteren verwirklicht die Caritas eine Kultur des Helfens, in der die Kirche bereits das Wirken des Geistes Gottes erkennt. Es ist durchaus im Sinne klassischer theologischer Überlegungen, wenn man sagt, dass da wo Gerechtigkeit und Barmherzigkeit verwirklicht werden, Gott selber in verborgener Weise am Werk ist.

Es ist die große Herausforderung für die Caritas in den nächsten Jahren, im Spannungsfeld zwischen dem kirchlichen Charakter, der mit dem biblischen Begriff der Barmherzigkeit gekennzeichnet ist, und den veränderten Rahmenbedingungen sozialer Dienste, die ich vereinfacht mit dem Stichwort Ökonomisierung verbinde, ihr Profil als katholischer Wohlfahrtsverband zu erhalten bzw. zu erneuern. Die entscheidenden Fragen lauten, wie die Caritas im Spannungsfeld zwischen Barmherzigkeit und Ökonomie handelt, nach welchen Grundoptionen sie sich dabei ausrichtet und ob es gelingt, Barmherzigkeit und Ökonomie miteinander zu verbinden bzw. beide Elemente in einem gewiss spannungsvollen Gesamtkonzept der Caritas zu integrieren.

Es besteht immer wieder die Gefahr, die Zusage von Barmherzigkeit und ihre Verwirklichung illusionär von diesen ökonomischen Grundfragen abzukoppeln und die wirtschaftlichen Fragen zu relativieren. Der Wettbewerbsgedanke ist christlich geprägten Strukturprinzipien im Bereich des Gemeinwesens grundsätzlich nicht fremd. Dies wäre freilich in der Entfaltung ein neues Thema, das hier nicht weiter geklärt werden kann. Es hat durchaus Sinn, auch im caritativen Bereich bis zu einem bestimmten Grad marktwirtschaftliche Gesichtspunkte und Elemente des Wettbewerbs stärker einzuführen. Dies würde aber grundlegend scheitern, wenn das caritative Handeln sich nur einem solchen Denken ausliefern würde. Die Caritas muss immer auch auf diejenigen schauen, die auf dem Markt nicht mithalten können. Die Märkte dürfen sich nicht voll selbst überlassen werden, sonst bedrohen Konzentration und Missbrauch von wirtschaftlicher Macht die Freiheit des Einzelnen. Außerdem liefert der Markt weder öffentliche Güter noch Einkommen für diejenigen, die nicht am Erwerbsleben teilnehmen können. Hier setzt die Verantwortung des Staates ein, der die Rahmenbedingungen für die Gestaltung des Wettbewerbs regeln muss. Die Prinzipien von Personalität, Solidarität und Subsidiarität sind dafür nach meiner Ansicht die besten sozialethischen Orientierungen. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf die Stellungnahme der deutschen Bischöfe vom Mai 2003 mit dem Titel «Solidarität braucht Eigenverantwortung. Orientierungen für ein zukunftsfähiges Gesundheitssystem».

9. Barmherzigkeit und die Frage nach Gott

Das Wirken des Geistes Gottes durch caritatives Tun kennzeichnet auch den missionarischen Charakter der Caritas. Caritas ist ein Teil der Kirche, der die Botschaft vom Reich Gottes konkret in die Gesellschaft trägt, verdeutlicht und profiliert. Caritas tut dies in besonderer Weise in Form des Tatzeugnisses und der Anwartschaft für Notleidende, Benachteiligte und Kranke. Dies ist der spezifische Beitrag zum missionarischen Auftrag der Kirche. Hier ist die Bedingung aus Mt 6, 3 grundlegend wichtig: «Wenn du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut.» Dies ist ein Ausdruck der Wahrheit des Evangeliums, dass Jesus für alle gekommen ist und sein Leben für alle hingegeben hat. Gerade dadurch, dass man nicht auf die Herkunft und Würde des Empfängers schaut, unauffällig und absichtslos hilft, wird diese sonst irreale Zusage für «alle» Wirklichkeit. Damit ist die Caritas mit ihren spezifischen Kennzeichen ein wichtiger, zentraler Vorposten für die Tätigkeit der Kirche heute.

«Ohne die unzähligen ‹guten Werke›, um die man kaum einmal Aufhebens macht, bräche sie (die Zivilgesellschaft) auseinander. Von Gratifikationen, die nach Gutsherrenart von oben allergnädigst ausgeteilt werden, unterscheiden sich die Liebeswerke Jesu dadurch, dass die Rechte nicht wissen soll, was die Linke tut.» In diesem Sinne ist die Barmherzigkeit zwar unabhängig vom Stand des Empfängers, aber in Wahrheit eben auch nicht ökonomisch blind.

Dabei muss man sich freilich immer bewusst sein, dass die Ethik der Bergpredigt aus der Gottesliebe Jesu folgt. «Gott ist in der Ethik Jesu weit mehr als nur das Postulat einer praktischen Vernunft, die sonst nicht zu begründen wüsste, warum es das Gute gibt. Gott ist vielmehr in der Ethik Jesu ein lebendiges ‹Du›, das angebetet, gelobt und verherrlicht wird. Er ist derjenige, der seine Sonne aufgehen lässt, über Gute und Böse und es regnen lässt über Gerechte und Ungerechte – und zwar nicht, weil es ihm gleichgültig wäre, oder, weil er dem Guten nicht das Leben gewähren könnte, sondern weil er auch seine Feinde liebt.»

* * *

Vielleicht ist damit deutlich geworden, wie sehr die biblisch verstandene Barmherzigkeit ein Grundbegriff des Evangeliums ist und gerade heute einen Schlüssel für ein authentisches christliches Leben darstellt. Ich möchte zusammenfassen mit einem Wort von Walter Kardinal Kasper:

Die Barmherzigkeit ist als die Treue Gottes zu sich selbst zugleich Gottes Treue zu seinem Bund und seine unverbrüchliche Geduld mit den Menschen. Gott lässt in seiner Barmherzigkeit keinen im Stich; sie gibt jedem eine neue Chance und schenkt ihm einen neuen Anfang, wenn er umkehrwillig ist und darum bittet. Die Barmherzigkeit ist die Gott eigene Gerechtigkeit, die den umkehrwilligen Sünder nicht verurteilt, sondern gerecht macht. Doch wohlgemerkt, die Barmherzigkeit rechtfertigt den Sünder, nicht die Sünde. Das Gebot der Barmherzigkeit will, dass auch die Kirche den Gläubigen das Leben nicht schwer und die Religion nicht zur Sklaverei macht. Sie will – so Thomas von Aquin im Anschluss an Augustinus –, dass wir frei von Knechten und Lasten seien (EG 43). Sie ist der Grund für die Freude, die das Evangelium schenkt. (EG 2–8)

Ich möchte schließen mit einem tiefen und schönen Passus aus «Evangelii gaudium» von Papst Franziskus:

Der Aufruf, auf den Schrei der Armen zu hören, nimmt in uns menschliche Gestalt an, wenn uns das Leiden anderer zutiefst erschüttert. Lesen wir noch einmal, was das Wort Gottes über die Barmherzigkeit sagt, damit es kraftvoll im Leben der Kirche nachhallt. Das Evangelium verkündet: «Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden.» (Mt 5, 7) Der Apostel Jakobus lehrt, dass die Barmherzigkeit dem anderen gegenüber uns erlaubt, siegreich aus dem göttlichen Gericht hervorzugehen. «Redet und handelt wie Menschen, die nach dem Gesetz der Freiheit gerichtet werden. Denn das Gericht ist erbarmungslos gegen den, der kein Erbarmen gezeigt hat. Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht.» (2, 12f )

Damit wird auch deutlich, warum Papst Franziskus ein «Heiliges Jahr der Barmherzigkeit 2016» ausgerufen hat, das am 8. Dezember 2015 beginnt und am 20. November 2016 endet. Wir dürfen ihn dabei nicht allein lassen.

Zurück zur Startseite

Komfortabler Online-Bereich mit Archiv-, Download- und Suchfunktion sowie komplettem Autorenregister.

Online-Ausgabe einsehen

Online-Ausgabe bestellen
Jahresverzeichnis 2021

Hier erhalten Sie das Jahresverzeichnis 2021
Verein der Freunde und Förderer Communio e.V.
Allgemeines zu unserem Verein
Sie wollen unserem Verein beitreten?
Vereinssatzung

Unsere neue Dienstleistung für Verlage, die Ihr Abogeschäft in gute Hände geben wollen.


aboservice

mehr
Informationen


Communio
Telefon: +49 (0) 711 44 06-140 · Fax: +49 (0) 711 44 06-138
Senefelderstraße 12 · D-73760 Ostfildern
Kontakt | AGB | Datenschutz | Impressum