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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/com.2016.3.215–229
Thomas Söding
EINE FRAGE DER BARMHERZIGKEIT
Das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15, 11–32)
Das Gleichnis vom verlorenen Sohn gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Gleichnissen Jesu. Viele wollen es eher «von der Liebe des Vaters» nennen. Desto besser passt es zum Thema der Barmherzigkeit. Aber ist die Parabel so klar? Wenn sie es wäre, hätte sie nicht eine so große Resonanz erzielt – bis tief in die Musik und in die Literatur hinein, in die Malerei und die bildende Kunst, Film und Fernsehen, Videos und Internet nicht zu vergessen. In den «Bekenntnissen» Augustins ist das Gleichnis ebenso präsent wie in einer Erzählung über die Rückkehr des verlorenen Sohnes von Andre Gide und in Meditationen über den Weg des Glaubens von Charles Péguy. Vor der österlichen Bußzeit feiern die orthodoxen Kirchen den «Sonntag des verlorenen Sohnes». Das Gleichnis ist Kirchenschatz und Weltkulturerbe; es ist ein literarisches Meisterwerk und ein theologisches Fanal.

1. Auslegungsfragen

Das Gleichnis weckt alle Emotionen, die der Verlust eines Kindes auslöst, das Elend eines verpfuschten Lebens, aber auch das Geschenk eines neuen Anfangs. Doch den Widerspruch gegen einfache Deutungen hat es selbst eingebaut: im Protest des älteren Sohnes, der nicht einfach das Wiedersehensfest mitfeiern will, sondern die Liebe und Gerechtigkeit des Vaters in Frage stellt. Das Gleichnis endet offen. Seine innere Spannung gewinnt es schon im ersten Teil (Mk 15, 11–24) durch das Ineinandergreifen von Schuld und Reue, Umkehr und Vergebung, Gerechtigkeit und Liebe. Im Zentrum steht das Mitleid des Vaters (Lk 15, 20). Deshalb ist die Gleichnisauslegung eine Frage der Barmherzigkeit. Worauf das Gleichnis hinauswill, ist keine Frage: Alle, die es hören, sollen das Fest der Auferstehung mitfeiern. Aber es ist auch keine Frage, dass dieses Fest alles andere als selbstverständlich ist. Genau deshalb ist das Gleichnis erzählt und überliefert worden. Es ist nicht glatt, sondern widerständig, nicht oberfl ächlich, sondern tiefgründig, nicht leicht, sondern einfach.

In der Antike wurde es oft antijüdisch ausgelegt, weil der Ältere mit den Juden, der Jüngere mit den Heiden identifiziert wurde; aber es gibt auch zahlreiche patristische Stimmen, die in beiden Kindern ein Christenleben widergespiegelt finden, das eine in der Versuchung der Laxheit, das andere in der Gefahr der allzu großen Strenge. Im Mittelalter wird Lk 15 ein Paradebeispiel für die Buße, die mit Gottes Barmherzigkeit rechnen darf. In der Reformation wird das Spektrum der Bußtheologie an der Gleichnisexegese offenkundig. In der Leipziger Disputation führt Johannes Eck am 12. Juli 1519 das Gleichnis ein, weil er im verlorenen Sohn mit Augustinus und anderen den Typ des reuigen Sünders sieht, der nicht aus Angst vor Strafe, sondern aus Vertrauen in die Güte des Vaters umkehrt. Martin Luther hingegen sieht den Sünder von seiner Schuld überwältigt und vom Vaterhaus angezogen. Der Unterschied zwischen der von Gottes Gnade bewirkten Kooperationswilligkeit und der auf Gottes Gnade abgestimmten Passivität des Bußwilligen kommt klar zum Ausdruck und wird jeweils auf den Text projiziert. Später wird die Differenz zu einer typisch katholischen und einer typisch evangelischen Soteriologie führen, wiewohl sie keine kirchentrennende Bedeutung hat, sondern Schulmeinungen entspringt, die koexistieren können und müssen. An den beiden folgenden Tagen der Leipziger Disputation wird das Gleichnis nicht mehr zitiert; der Streit verschiebt sich von der Bibel auf die Kirchenväter. Das Problem bleibt bestehen.

Es kreist im Kern um den freien Willen des Menschen im Wirkungskreis der Liebe Gottes. Erasmus hatte in seiner «Paraphrase» den Entscheidungsprozess des Jüngeren psychologisierend veranschaulicht und mit den Überlegungen des Vaters abgestimmt, die seine Barmherzigkeit nicht selbstverständlich, sondern bewusst erscheinen lassen. Damit hat der katholische Humanist den Weg in eine Moderne gebahnt, die nach dem Verhältnis von Gnade und Freiheit sucht, indem sie Anthropologie und Soteriologie aufeinander bezieht. Im theologischen Fokus steht die Barmherzigkeit, die der Gerechtigkeit nicht widersprechen darf, aber sie transzendiert. In der Pastoraltheologie nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil verschiebt sich der Fokus der Gleichnisrezeption von der Warnung vor der Sünde zum Vertrauen auf Gottes Erbarmen. Wo aber die Spannung zum Gericht und zur Gerechtigkeit aufgelöst würde, könnte von Buße und Vergebung, Versöhnung und Gemeinschaft nicht mehr die Rede sein. Weil es diese Spannung aufbaut und aushält, ist das Gleichnis vom verlorenen Sohn ein Leitbild christlicher Soteriologie, die Humanität zum Kennzeichen der Gottesliebe macht und den Gottesglauben zum Grund der Freude über die Möglichkeit und Wirklichkeit der Versöhnung.

2. Tischgespräche

Lukas ist der einzige Evangelist, der die Parabel überliefert. Er hat sie in seinem «Sondergut» gefunden, wie die historisch-kritische Exegese sagt, also aufgrund der sorgfältigen Recherche, die er sich im Vorwort des Evangeliums selbst attestiert (Lk 1, 1–4). Zur «richtigen Reihenfolge», in die er seine Jesusbiographie gebracht zu haben beansprucht (Lk 1, 3), gehört die Komposition typischer Szenen, die vielleicht noch besser einfangen können, was für Jesus typisch ist, als Schnappschüsse es je hätten tun können. [...]


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