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Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
Lesermeinung von
Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/com.2016.5.476–492
Sibylle Lewitscharoff / Jan-Heiner Tück
«WIR BRAUCHEN GOTT, DER NICHT VERGISST…»
Gespräch mit Sibylle Lewitscharoff über ihren neuen Roman «Das Pfingstwunder»
Im Rahmen der Wiener Poetikdozentur «Literatur und Religion» hat die Berliner Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff am 19. April 2016 einen Vortrag «Mit Dante über Dante hinaus» gehalten, in dem sie nicht nur die Jenseitslandschaften der Divina Commedia eindrücklich vor Augen führte und an die teils sprachmächtigen Übersetzungen ins Deutsche erinnerte, sondern auch aus den Schlußpassagen ihres neuen Romans Das Pfingstwunder (Suhrkamp 2016) vorlas. Im Nachgang zu ihrem Vortrag hat der Theologe Jan-Heiner Tück mit der Schriftstellerin das folgende Gespräch geführt.

Tück: Frau Lewitscharoff, Sie selbst haben in Ihren Büchern wiederholt eine literarische Erweiterung des Wirklichkeitsbegriffs durchgespielt. In Ihrem Roman Blumenberg sitzt der aufgeklärte Philosoph nachts am Schreibtisch und sieht plötzlich vor sich einen schläfrigen Löwen auf dem Teppich, mit dem er zu Rande kommen muß. In Ihrem Buch Consummatus trinkt sich der Protagonist bereits morgens in einem Stuttgarter Café in eine Stimmung hinein, die ihm das Gespräch mit seinen Toten erleichtert, als würden diese leben. Auch in Ihrem neuen Roman Das Pfingstwunder geschieht etwas, was eigentlich nicht geschehen dürfte … Was reizt Sie daran, die Grenzen des normalen Wirklichkeitsbegriffs zu überschreiten?

Lewitscharoff: Der Roman ist dafür geeignet wie kaum eine andere Kunstform. Er kann sich in den Himmel hinaufschwindeln oder bis zum Glutkern der Erde hinabsteigen. Mit dem Totenreich haben sich ohnehin viele poetische Kunstwerke befaßt. Denken Sie nur an Dantes Commedia oder an die Reise des Orpheus in die Unterwelt. Vermutungen, Spekulationen, Hoffnungen darüber, was nach dem Tod mit uns geschieht, haben ja auf der ganzen Welt einen enormen Reichtum an mythischen und religiösen Vorstellungen gestiftet. Nichts Ärmeres und Faderes als die weitverbreitete Vorstellung des ‹Aus und Weg› heutigentags. Damit konnte ich mich noch nie anfreunden. Deshalb heißt meine Devise: ‹Hoch oder Hinab.›

In Ihrem neuen Roman Das Pfingstwunder reißen Sie den Himmel auf. Sechsunddreißig Teilnehmer eines internationalen Dante-Kongreßes werden auf dem aventinischen Hügel in Rom just zu dem Zeitpunkt, als die Glocken des Petersdoms das Pfingstfest einläuten, von einer paradiesischen Drift erfaßt und nach oben gerissen. Einer aber, der Frankfurter Romanistikprofessor Gottlieb Elsheimer, bleibt sitzen – und muß mit ansehen, wie alle seine Kollegen, mit denen er bis gerade höchst angeregt über die Divina Commedia diskutiert hat, von der Schwerkraft des Himmels gepackt werden und himmelwärts entfleuchen. Er allein klebt an seinem Stuhl … Nichts ist nach diesem Vorkommnis so, wie es vorher war. Schon diese Ausgangslage des Romans widersetzt sich dem Diktat des literarischen Realismus, als wollten Sie dem Leser zuflüstern: Wer eine Wirklichkeit jenseits der Wirklichkeit ausklammert, ist kein Realist, sondern ein Reduktionist …

Lewitscharoff: Ja, genau. Auch wenn ich es mir selbst nicht erlaube, an eine himmlische Auffahrt lebender Körper ohne die Hilfe von Maschinen zu glauben, so reizt mich diese Vorstellung doch enorm. Seelen können es womöglich, Körper nicht. Dante hat es jedoch wider die Gesetze der Physik auf berückende Weise vorgezeichnet. In seiner wunderbaren Fiktion behauptet er ja, höchstselbst bei lebendigem Leibe in die Nähe Gottes, der Engel und der fliegenden Seelen gelangt zu sein, die in einer schwirrenden Himmelsrosette zirkulieren. Daß nichts mehr ist, wie es einst war, erfahren Menschen für gewöhnlich in einer plötzlich über sie hereinbrechenden Katastrophe. Mich hat das Umgekehrte interessiert. Was, wenn urplötzlich alles anders würde, weil eine unwahrscheinliche Glückserhebung die Menschen durchrauschte und ihre Zungen auf jubilierende Weise gelöst würden? Ich wäre gern dabei gewesen! Da ich es nicht kann, können es stellvertretend die Figuren in meinem Roman.

Darin besteht ja der Kunstgriff des Romans, daß jemand dabei ist, als die jubilierende Glückserhebung geschieht – das Problem ist nur, daß der einzige Zeuge nicht darüber reden kann, weil er befürchten muß, für meschugge gehalten zu werden. Den Fragen der italienischen Polizei antwortet Elsheimer ausweichend. Wieder zuhause in Frankfurt angekommen, beginnt er mit Aufzeichnungen. Darin steht zu lesen: «Was vor wenigen Tagen in Rom geschah, hat alles über den Haufen geworfen. Ich kenne mich selbst nicht mehr.» Und: «Vorher – Nachher, das verbindet sich nicht mehr» (9) – in seiner grundstürzenden Verunsicherung fragt sich Elsheimer, was Kant wohl gemacht hätte, wenn ihm Ähnliches widerfahren wäre (251)… Aus dem einzigen Zeugen eines Wunders eine glaubhafte literarische Figur zu machen, die nicht ins Kuriose abdriftet, das dürfte für Sie als Schriftstellerin nicht die geringste Herausforderung gewesen sein …

Lewitscharoff: O ja, das ist schwer. Ob es gelungen ist, vermag ich selbst nicht zu beurteilen. Aber ich hatte Vergnügen an der Aufgabe. Ich bin selbst nicht sonderlich wundergläubig, würde aber sehr gern einmal von etwas überrascht werden, das meine Denkgewohnheiten und die übliche Seinsverfassung außer Kraft setzte. Bloß möchte ich hernach bitte nicht wie Elsheimer als depressiver Sack in meiner Wohnung herumschleichen müssen. Andererseits bieten außergewöhnliche Vorkommnisse, die sich den physikalischen Gesetzen entziehen, herrlichen Blühstoff für die Literatur. Man darf ’s damit allerdings nicht übertreiben. Die Realität mit ihrer unerbittlichen Zwingkraft muß präsent bleiben, sonst trudelt das Zeugs in ein phantasmagorisches Schwebebo-Schwibibi, und das ist schlicht fad. Der Kontrast macht’s. Hie knochentrockene Wirklichkeit, dort ein Schweben, Gleiten, Jauchzen, Tirilieren und sich Emporschwingen in ein glanzübersponnenes Sein, frei, leicht, befreit von jedem Fitzel erdverhafteter Bosheit.

Gottlieb Elsheimer ist eine Figur, die mit dem Glauben gebrochen hat. Gleich mit dem ersten Wort des Romans wird dieser Bruch markiert: «Nein!» Elsheimer verweist auf die Erde als Hölle. Menschen, die hungern und verrecken, die erschossen und erschlagen werden – ohne daß Gott etwas täte! Das reicht, um den Himmel zu verabschieden. Mit einem apathischen Zuschauergott, dem «Schnarchsack da oben», will er nichts mehr zu tun haben. Das Wort «Wunder», das auf das unerklärliche Vorkommnis in Rom genau passen würde, ist ihm zu groß und suspekt. Bemerkenswert nur, daß er als Romanist und Dante- Forscher mit den großen Fragen des Lebens schon länger zu tun hatte und «der göttlich durchblendete Realismus» der Divina Commedia sein fugendichtes Wirklichkeitsverständnis eigentlich hätte herausfordern müssen. Indem Elsheimer die Vorträge des römischen Kongreßes im Gedächtnis noch einmal Revue passieren lässt und darin Fingerzeige für das Unerklärliche sucht, stellt sein Journal dem heutigen Leser eindrückliche Passagen aus Dantes Jenseitswanderung vor. Dabei wird der «garstig breite Graben» zwischen der Welt der Divina Commedia und der lebensweltlichen Erfahrung heute immer wieder deutlich. Siebenhundert Jahre stehen dazwischen: die Kopernikanische Wende, Kant, die Religionskritik Feuerbachs und Nietzsches, aber auch die großen Diktaturen des 20. Jahrhunderts, die den Himmel auf Erden versprochen, aber faktisch weithin die Hölle gebracht haben. Durch den Einbruch des Unerklärlichen, das Pfingstwunder, aber gibt der Chronist die professionelle Distanz des Philologen auf: «Komme ich womöglich selbst in diesem außerordentlichen Gedichtreigen vor und habe es nur noch nicht entdeckt?» (18) Wie einem Exegeten, der sich jahrzehntelang mit textkritischen Fragen der Heiligen Schrift beschäftigt, ohne zu merken, daß er selbst als Person angesprochen ist, schwant Elsheimer, daß die Fragen Dantes über den Abgrund der Zeiten hinweg auch seine Fragen sein könnten. Wäre es möglich, daß nicht nur er Dante liest und befragt, sondern umgekehrt auch Dantes Werk ihn liest und sein Leben befragt?

Lewitscharoff: Das hätte ich kaum genauer ausdrücken können. Emsig hat sich der Exeget als Romanist über Jahrzehnte hinweg über die Commedia und viele andere literarische Stoffe gebeugt. Zweifellos durchaus mit Liebe. Aber natürlich zugleich mit der Distanz, die nunmal in der Wissenschaft vonnöten ist (und die man auch nicht schlechtreden sollte, sie hat durchaus ihre Vorzüge). Und nun, urplötzlich, fragt das große Werk zurück und wirft alles über den Haufen, was der Mann bisher geglaubt hat. Fast hätte ich geschrieben, es ‹schlägt zurück.› Es wehrt sich gegen die allzu profane Interpretation und erzeugt ein unheimliches Rauschen.

Im Rahmen Ihrer Wiener Poetik-Vorlesung haben Sie darauf aufmerksam gemacht, daß Dante die Divina Commedia streng durchkonstruiert hat, aber gerade durch die klare Konstruktion – drei Teile mit jeweils dreiunddreißig Gesängen in sich reimenden Terzinen – einen poetischen Freiheitsgewinn erzielt. Das Pfingstwunder hat vierunddreißig Kapitel, die alle von vergleichbarer Länge sind. Das kann kein Zufall sein. Dreiunddreißig Dante-Forscher sind verschwunden, einer bleibt zurück, der noch dazu in der Beethovenstraße 43 wohnt, der umgekehrten 34. Wollen, können Sie zu Form und Anlage des Buches etwas sagen?


Lewitscharoff: Natürlich ist die Commedia auch ein komplexes Werk in puncto Konstruktion mit darin eingeschleustem Zahlenwissen, das zugleich ein spekulatives Offenbarungswissen ist. Zahlenmystik, Zahlenspiele, waren zu Dantes Zeiten bei den Gebildeten im Schwange. Die Zahl 33 spielt auf das jesuanische Erdenleben an, die 34 jedoch, die das Vorspiel und die Hölle zusammenfaßt, ist eine Absturzzahl. Drei, drei, drei und neun – solch mystisches Spielmaterial finden Sie in vielerlei Form. Dreierschritt der Terzinen, drei Bestien, die Dante den Weg versperren, drei himmlische Frauen, die als Schutzfiguren seinen Weg begleiten. Neun Stufen hinab bis zum untersten Punkt der Hölle. Neun Stufen hinauf, die beim Erklimmen des Läuterungsberges bewältigt werden müssen. Undsoweiter undsofort. Aber das eigentliche Wunder ist: daß ein Dichter, der sein Werk so zwanghaft in eine zahlenregierte Ordnung hineinpreßt, gleichzeitig mit einer derart durchleuchteten poetischen Kraft zu Werke geht. Das ist einzigartig. Und ich habe mir erlaubt, ein klitzeklein wenig davon in mein Buch einzuschmuggeln. Elsheimer, der nicht am Wunder in erlösender Weise teilhat, ist die Nummer 34. Na ja, die Umkehr dieser Zahl als Straßennummer, unter der er wohnt, ist ein bissel banal. 33 Forscher werden jedoch entrückt, und das ist weniger banal.

Es sind dreiunddreißig Dante-Forscher, die alle mit Namen genannt werden. Darunter gibt es klangvolle wie Fiammetta Bartoli aus Rom (ein Vorverweis auf die pfingstlichen Feuerflämmchen verbunden mit einer Hommage an die gleichnamige Sängerin?), Eleni Athanassaki aus Athen (eine Anspielung auf die schöne Helena bei gleichzeitigem Verweis auf die Strenge des heiligen Athanasius?) oder geschichtsträchtige wie Iwan Schestow aus Russland (eine Adresse an den gleichnamigen Philosophen Leo Sch.) oder Daniel Ginsberg aus Jerusalem (ein Echo auf die Ikone der Beat Generation Allen G.), ungewöhnliche wie Ewaryst Roszkiewicz aus Polen oder Ryunosuke Tanizaki aus Kyoto (hier müßte man die Traditionen anderer Länder kennen, um die Assoziationen auszuloten), aber auch ganz normal deutsche wie Ulf Wirsing oder Helene Westerkamp (obwohl auch die nicht zu unterschätzen sind). Schließlich sei Eva Melzer (die Apfelesserin aus dem Paradiesgarten, deren Nachname an den Protagonisten aus Heimito von Doderers Strudlhofstiege erinnert) nicht vergessen, die einstige Geliebte von Gottlieb Elsheimer, deren Verschwinden bei ihm die Sehnsucht nach ihr neu hervortreibt. Namen machen Menschen ansprechbar, in ihnen verdichten sich Lebensgeschichten – die liebevolle Aufmerksamkeit, die Elsheimer den Namen seiner Kolleginnen und Kollegen entgegenbringt, dürfte daher kaum Zufall sein …

Lewitscharoff: Namen spielen natürlich eine große Rolle. Ein Roman, der sich nicht darauf versteht, treffsichere Namen zu wählen, leidet an einem schweren Manko. Bei Eva ist die Sache natürlich klar. Wunderbar, daß Sie die Kombination aus Helena und den heiligen Athanasius entdeckt haben. Chapeau! So etwas freut mich ungemein. Leo Schestow habe ich tatsächlich mit großem Interesse gelesen, zugleich klingt der Name für unsere Ohren nicht weiter kompliziert. Bei Elsheimer gab es zunächst ein Problem. Ich hatte damit begonnen, ihn Ellwanger zu nennen, weil das ein kommuner Name in Süddeutschland ist. Da wäre ich allerdings in Konflikt geraten, weil ich den Namen schon einmal in einem anderen Buch verwendet habe. Und die beiden Ellwanger haben nichts miteinander gemein. Deshalb Elsheimer. Da die Malerei eine gewisse Rolle im Roman spielt – Dantes Commedia führt ja eine glanzvolle illustrierende und für sich stehende Kunst im Schlepp – fiel mir Adam Elsheimer ein, den ich als Maler sehr verehre, wiewohl er die Commedia nicht zum Ausgangspunkt eines Bildes gewählt hat.

Das Pfingstwunder ist der erste Roman, in dem Sie das Journal als literarisches Medium der Selbstverständigung wählen. Das hat mich erinnert an Die Widmung von Botho Strauß – übrigens dem einzigen lebenden Schriftsteller, der im Pfingstwunder namentlich erwähnt wird. «Nun läuft die Schrift. Ab jetzt gibt es kein Entkommen mehr», lautet der Beginn des Journals, in dem der Protagonist darüber hinwegzukommen sucht, daß Hannah, seine Geliebte, ihn ohne Grund verlassen hat. Auch Gottlieb Elsheimer versucht durch schriftliche Aufzeichnungen über das Verschwinden seiner Kollegen hinwegzukommen und nachträglich Ordnung in das Chaos seiner Eindrücke und Gedanken zu bringen. Rückblickend zeichnet er die Vorträge des Dantekongreßes in Rom nach, gleichzeitig registriert er an sich selbst erste Anzeichen einer sozialen Verwahrlosung, die seine Verstörung anzeigen. Eindrücklich ist die Passage, in der er das Problem durch Alkoholkonsum zu betäuben versucht – ein Rausch, den Sie über die sukzessiv fortschreitende Zerrüttung der Sprache anzeigen, die schließlich im weißen Rauschen buchstabenentleerter Zeilen einmündet … Was hat Sie selbst bewogen, erstmals auf das Journal als literarische Form des Romans zurückzugreifen?

Lewitscharoff: Das kann ich eigentlich nicht begründen. Bei all meinen Romanen war es bisher so, daß die Erzählperspektive sogleich unabänderlich feststand. Ohne das sichere Wissen, wer wie erzählt, kann ich gar nicht schreiben. Die Festlegung geschieht spontan, ohne die Erzählhaltung eigens zu durchdenken. Und ich habe schon einige Varianten ausprobiert. In den beiden Pong-Büchern erzählt eine übergeordnete Instanz, die Pong gefährlich naherückt, sich fast in ihn einschleicht, als hielte sie seinen verrückten Geist besetzt. In Consummatus erzählt ein betrunkener Lehrer, in Apostoloff eine der an der Reise beteiligten Schwestern. In Killmousky wacht die klassische übergeordnete Instanz über der Erzählung, die alles weiß. Und im Pfingstwunder kommen nun die chaotisierten Aufzeichnungen eines Mannes zum Zuge, der in eine Extremsituation geraten ist und vor sich hinkritzelt, um sich wieder in der habhaften Welt zurechtzufinden.

In vielen Ihrer Bücher kommen Tiere vor. In Blumenberg ist es der majestätische Löwe, in Killmousky der Kater, im Pfingstwunder nun den Terrier Kenny, der die Dante-Vorträge immer wieder tierisch gut kommentiert und dadurch für allgemeine Erheiterung sorgt. Am Ende entschwebt auch Kenny mit seinem Herrchen himmelwärts, als wollten Sie dadurch die kinderschwere Frage beantworten, ob auch Tiere in den Himmel kommen …

Lewitscharoff: Aber ja, aber ja! Ein Himmel ohne Tiere, wie fad! Elefanten kommen in den Himmel, Ameisenbären, Giraffen, Pferde, Florfliegen, alle Vöglein, selbst Geier, die Schlänglein, die Fische als entzückte Luftschwimmer; der Dackel meiner Kindheit befindet sich dort … aber auf keinen Fall Wespen. Die nicht! Wespen sind fliegende Nazis, was sonst!

Zoologen werden also auch im Himmel ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen können! – Wie aber sieht es bei den Menschen aus? Während bei Dante nur getaufte Christen Zutritt zum Paradies haben, ist es im
Pfingstwunder so, daß von der jubilierenden Himmelsdrift neben Christen auch Juden, Muslime, Agnostiker und Atheisten erfaßt werden. Darf man darin eine leise Relativierung der Kategorien erkennen, die bei Dante die eschatologische Zuteilung in Hölle, Purgatorium oder Himmel bestimmen?

Lewitscharoff: In Bezug auf Dante ja. Aber wiederum auch keine allzu bestimmte. Weil in meinem Roman nichts darüber gesagt wird, ob die entrückten Menschen die paradiesische Himmelsdrift verdient haben oder eher nicht. Daß Menschen anderer Religionszugehörigkeit oder auch Atheisten unumstößlich der Verdammnis anheimfallen werden, wird man in unserem Teil der Erde inzwischen schwerlich glauben können. Davon sind nur die Terroristen überzeugt, getrieben von Blutrunst. In meinem Roman erfährt man über das bisher geführte Leben der Danteforscher und der kleinen Mannschaft, die den Kongreßteilnehmern behilflich ist, ohnehin wenig. Der urteilenden Entschiedenheit, mit der Dante zu Werke ging, kann ich nicht nacheifern. Sehr entschieden bin ich nur in Bezug auf die großen Menschenschlächter, deren unglaubliche Grausamkeit nach entsprechenden Strafen schreit. Um ein aktuelles Beispiel zu nennen: müßte ich dereinst dem Schwerstverbrecher Assad im Himmel begegnen, würde ich sofort um Aufnahme in der Hölle bitten. Allerdings ist auch das eine kindische Behauptung. Sie ist viel zu konkret und als Konsequenz aus der heutigen Realität heraus imaginiert. Trotzdem bleibt für mich die Vorstellung, daß Menschenschlächter mirnichts dirnichts der Erlösung entgegentrudeln könnten, unerträglich.

Sie erinnern mit Recht an den eschatologischen Vorbehalt. Wir leben im Vorletzten und können nicht so tun, als könnten wir die Geschichte mit dem Auge Gottes überblicken und letzte Fragen endgültig beurteilen. Dennoch votieren Sie offensichtlich auch nicht einfach für ein striktes Bilderverbot, wenn Sie die ungeheuren Bildwelten aus den Jenseitslandschaften der Divina Commedia ins 21. Jahrhundert hinüberzuretten versuchen. Dante aber ist felsenfest davon überzeugt, daß die menschlichen Vergehen nicht ungestraft bleiben können. Sein Prinzip des contrapasso mißt jedem menschlichen Unrecht die äquivalente Strafe zu. Elsheimer nimmt diesen Gerechtigkeitsimpuls auf, wenn er in seinem Journal notiert: «Ich hoffe inständig, daß die Folterer und Menschenschlächter, daß die Beamten und Dienstherren, die derartige Grausamkeiten anordneten und organisierten, bestraft werden. Schwer. Ohne Möglichkeit der Erlösung.» (77f ) Das ist präzise formuliert: Er hofft, daß ihnen der Zugang zum Himmel verwehrt bleibt, ohne daß er das letzte Gericht eigenmächtig vorwegnehmen würde. Allerdings malt er sich saftige Strafen aus: «Den fetten Göring sehe ich in eine Wurstmaschine gestopft; Goebbels wird die nachwachsende Zunge immerfort abgeschnitten; an Hitlers Kopf nagt unaufhörlich sein Lieblingsschäferhund. Himmler muß Leichenasche fressen.» (78) Das Verlangen nach Gerechtigkeit geht hier über in Rachephantasien. Man fühlt sich unwillkürlich an Berdjajew erinnert, der einmal vermerkt hat, die Hölle sei eine Projektionsfläche für die sadistischen Phantasien der Menschen …

Lewitscharoff: Mag sein, daß sich die Hölle als eine solche Projektionsfläche anbietet, mag sein in lächerlicher Weise. Aber ich bleibe dabei: wenn all das Böse, das die Menschen einander antun, ohne jegliche Konsequenz bleiben soll, gibt es nicht den geringsten Grund an einen prüfenden, erkennenden Gott zu glauben. Dann kann ich ebenso gut an den zerrupften Teddybären meiner Kindheit glauben.

Das Unbehagen an einer billigen Theologie der Gnade, die Friede und Freude verkündet, ohne den Schrei nach Gerechtigkeit auch nur zu hören, ist absolut nachvollziehbar. Allerdings haben die Szenarien der Hölle ebenfalls lange Schatten hinterlassen – und gerade Schriftsteller wie Dostojewskij, Léon Bloy oder Charles Péguy haben den Aufstand gegen eine mitleidlose Theologie der Verdammnis geprobt und den Gedanken der Solidarität mit den Verlorenen eingebracht, der das Geheimnis des Karsamstags berührt. In einer prägnanten Aufzeichnung von Elias Canetti findet sich ein Nachhall: «Ein Verdammter in der Hölle, der für jeden Neuankömmling um Gnade bittet.» Ganz fremd scheint auch Ihnen dieses Motiv nicht zu sein, wenn Sie den Protagonisten in Montgomery sprechen lassen: «Ob es in einer geschöpflichen Ordnung die Möglichkeit gab, dass eine Kreatur verlorenging? Er glaubte, nein.»


Lewitscharoff: JJJJeinn. Ich zögere. Der Gedanke einer Verdammnis, die für immer und ewig gilt, leuchtet mir durchaus auch ein. Natürlich bin ich keine Theologin, aber als Schriftstellerin gebe ich gern Kontra. Die moderne religiöse Auffassung – zumindest in den uns nahestehenden Lebenswelten – neigt dazu, die Strafe nach dem Tod gar nicht mehr ins Visier zu nehmen. Mich empört das. Für mich sind das Auswüchse einer Weichspülund Wohlfühltheologie, die mich bis ins Mark hinein graust. Plappernder Kinderkram, nichts weiter. Dabei ist eine Kippfigur im Spiel. In früheren Jahrhunderten hat man die Höllenhaftigkeit des Diesseits und Jenseits stark betont. Sadistische Exzesse inbegriffen, die gottlob im Lauf der Zeit zurückgedrängt wurden. Doch allmählich hat sich das einst lodernd imaginierte Straftheater in sein Gegenteil verkehrt. Nunmehr wattiges Ungefähr der Erlösung für alle. Daß es für ein Leben nach dem Tod Konsequenzen haben muß, wie man lebt und was man anderen Menschen antut, oder umgekehrt, wie man sie behütet, von dieser Vorstellung weiche ich keinen Millimeter ab.

Bei Dante ist die Hölle dicht bevölkert. Er steht in der westlichen Traditionslinie, die von Augustinus dominiert wurde. In der Geschichte gibt es ja zwei Traditionsstränge: einerseits die heilspädagogische Theologie des Ostens, die durch Namen wie Klemens von Alexandrien und Origenes repräsentiert wird. Sie deutet die Hölle als befristete, therapeutische Maßnahme auf dem Weg zu Heil und Vollendung. Diese heilsoptimistische Theologie hatte eine deutliche Drift zur Allversöhnung. Die Lehre der Wiederbringung aller Dinge – Apokatastasis – aber wurde 543 durch eine Synode verurteilt und dadurch der Origenismus stillgestellt (ob Origenes selbst ein Origenist gewesen ist, steht dahin, die Gebildeten unter seinen Verteidigern machen geltend, dass er seine Überlegungen zur Allversöhnung nur gymnastikos, also «übungshalber» entwickelt habe). Im Westen entwickelte sich bei Hieronymus eine auf die Christen beschränkte Theologie der Hoffnung, die davon ausging, dass es für Getaufte, mit Christus Verbundene nur befristete Höllenstrafen geben könne. Die Autorität des Augustinus, der für die Ewigkeit der Höllenstrafen eintrat (Civ XXI 26) und gegen eine allzu mitleidige Allversöhnungstheologie heftig polemisierte, hat diese Spur zum Erliegen gebracht. Die bei manchen Kirchenvätern beobachtbare Tendenz, das Höllenfeuer metaphorisch oder symbolisch-geistlich auszulegen, wurde zurückgewiesen, die realistische Auslegung setzte sich durch, auch wenn Augustinus die radikale Andersartigkeit dieses Feuers gegenüber dem irdischen Feuer betonte (Civ. XX 22; XXI 9f ). Kurz: die Hölle gehört bleibend zur Topographie des Jenseits, die Strafen dort dauern unendlich, und es ist klar, dass es eine große Menge von Verlorenen gibt, die so genannte massa damnata. Dante steht in der Linie des Augustinus, aber er lässt auch Abweichungen erkennen, die das Interesse von Gottlieb Elsheimer finden …

Lewitscharoff: Mit Allversöhnung, beziehungsweise einer allzu mitleidigen Theologie und einem wenig konsequenten Sündenbegriff wie bei Martin Luther, der nur auf die Gnade setzt, kann ich mich nicht anfreunden. Was nicht bedeutet, daß man sich der sehr strengen Haltung des Augustinus anschließen muß. Im übrigen hat sich die Auffassung davon, was eine Sünde sei, verständlicherweise im Lauf der Zeit gewandelt. In unseren Augen gehören Homosexuelle wegen ihrer erotischen Vorlieben nicht in die Hölle verfrachtet. Ehebrecher in den meisten Fällen wohl auch nicht. Aber in einer Hinsicht kann man sich an Dante ein Beispiel nehmen: er läßt Ausnahmen von zunächst klar erscheinenden Regeln zu. Der Heide und Selbstmörder Cato befindet sich im Purgatorio. Nach strikter Auslegung des damaligen Sündenkanons, dem Dante ja im Großen und Ganzen in den entsprechenden Strafszenen folgt, hätte der Mann in die Hölle gehört. Daß dem nicht so ist, hat jedoch einen eigentümlichen Reiz. Die Platzzuweisung Catos im Purgatorio widerspricht der menschlichen Rechthaberei. Ganz genau können wir es eben nicht wissen, welche Sünden wie bestraft werden, erst recht nicht, wann und wie die Erlösung gelingt und wem sie zuteil werden wird. Es bleibt dabei: Gottes Ratschlüsse sind im letzten Grunde unerforschlich, diesbezügliche Vermutungen dennoch erlaubt. Daß Großherzigkeit, Hilfsbereitschaft und aufrichtige Bitten um Vergebung Höhererseits einst wohlwollender aufgenommen werden als Raff- und Mordgier, Größenwahn, Geiz, Betrug und kleinkarierter Egoismus müssen wir hoffen und glauben. Tun wir das nicht, landen wir bei unserer Vorstellung von Gott bei einem Demiurgen, der mit uns Schindluder treibt. Dann wäre es allerdings besser, wir verzichteten auf die Vorstellung, es gäbe Ihn.

Ja, es gibt noch andere Stellen, die beim Dante-Kongreß auf dem aventinischen Hügel besprochen werden. So die bekannte Episode, wo der Jenseitswanderer Dante Francesca da Rimini begegnet, die aus Liebe Ehebruch mit Paolo begangen hat und von ihrem Ehemann mit ihrem Geliebten zusammen erdolcht wurde. Dante empfindet Mitleid (
pietà) mit den Verworfenen, was verwerflich sein könnte, da die göttliche Ordnung der Gerechtigkeit nicht in Frage gestellt werden darf. Um nicht als Ankläger Gottes zu erscheinen, fällt Dante kurzerhand in Ohnmacht: «und ich fiel hin als fiele eine leiche», übersetzt Stefan George den unübersetzbaren Vers: caddi come corpo mortale cade (Inf. 5). Hier – wie auch bei Dantes Mitgefühl mit dem Selbstmörder Pier della Vigna (Inf. 13) – zeichnen sich feine Risse im System der eschatologischen Zuteilung ab, die für die moderne Rezeption Stoff zum Nachdenken geben. Elsheimer jedenfalls fragt sich: «Warum wird der Mann so hart bestraft? Soll das gerecht sein?» (58)

Lewitscharoff: Genau diese Stellen, in denen das göttliche Gerechtigkeitsgefüge zumindest als wackelig und für den Menschenverstand als nicht einsehbar empfunden wird, sind so bewundernswert, weil Dante eben kein betoniertes Wissen über Gottes Gerechtigkeit in Verfügung hält, sondern gleichsam unter Vorbehalt davon handelt. Dante, der als großer Dichter radikal unbescheiden war, ist an solchen Stellen kleinlaut und zugleich sehr, sehr bescheiden. Das gefällt mir ungemein.

Auch Samuel Beckett scheint von diesen Stellen fasziniert gewesen zu sein. In Dante und der Hummer gibt die Italienischlehrerin Ottolenghi den Ratschlag: «Aber es könnte Ihnen nicht schaden, einmal Dantes seltene Mitleidsregungen in der Hölle zusammenzustellen.» – Das sperrige Thema Hölle ist seit den 1960er Jahren aus Theologie und Kirche immer mehr verschwunden. Dafür kommt es in der Literatur vermehrt vor – gerade dann, wenn es um die abgründige Verlorenheit und metaphysische Unbehaustheit als Signatur des heutigen Menschen geht. Im Pfingstwunder verweisen Sie selbst auf Samuel Beckett und Primo Levi. Beide sind aufmerksame Leser Dantes gewesen und haben der Divina Commedia überraschend aktuelle Fortschreibungen abgerungen. Was fasziniert Sie an diesen Lesarten? Wo sehen Sie Grenzen?

Lewitscharoff: In dem Maße, in dem die Höllenvision als klar definierte jenseitige Strafanstalt nicht mehr so richtig ‹zieht›, wird sie um so mehr ins Diesseits verlagert. Und das vergangene Jahrhundert bot reichlich Material an Grausamkeit, neben denen die althergebrachten Höllenvisionen zwar nicht als Kinderkram erscheinen (Dantes Inferno gewiß nicht), aber sie wurden von der Realität weit überboten, besonders in Deutschland, aber auch mit Wirkung auf die anderen europäischen Länder, in denen sich das Christentum einst verbreitet hatte. Dabei sollte man nicht nur an die beispiellosen Leiden der KZ-Insassen denken, an den Gipfel der Brutalität – auch die beiden Weltkriege sind mit einer unvorstellbaren Vernichtungsenergie über die beteiligten Länder dreingefahren und haben Millionen von Toten und Verstümmelten zurückgelassen. Das konnte nicht ohne Wirkung auf die Vorstellung von Gottes Allmacht, Gottes Wirken in der Welt bleiben. Hätte es den Ersten Weltkrieg nicht gegeben, nicht die Kriegszitterer und Krüppel, auch nicht die vielen Arbeitsunfälle, die Franz Kafka in seiner Funktion als Versicherungsbeamter zu begutachten hatte, wären seine Schriften gewiß harmloser ausgefallen. Er hätte vermutlich nicht von einem radikal zurückgezogenen Gott gehandelt, der, wenn überhaupt, auf unbekannten Schleichwegen in Erscheinung tretend, die Romanfiguren foppt und ins Verhängnis führt. Und Samuel Beckett hätte sich nicht mit solcher Inbrunst über die anglikanische Bibel und über Dantes Commedia gebeugt, um daraus Teile zu entwenden, sie zu verhackstücken und ins absurd Komödiantische zu überführen. Ernst und Spiel sind dabei gekonnt ineinander verzahnt. Das stärkste Beispiel des Gotteshaders ohne jegliche Möglichkeit eines versöhnlichen Ausgangs hat jedoch der Dichter Jitzchak Katzenelson verfaßt, der in seinem «Dos lid funm ojsgehargetn jidischen folk» Gott auf eine Weise herausfordert, neben der die Anklage des Hiob harmlos wirkt. Seine Familie und schließlich auch er selbst starben in der Gaskammer. Katzenelsons großes Gedicht ist die schärfste Anklage gegen Gott, die ich kenne. Leider ist die Übersetzung von Wolf Biermann viel zu grobianisch, mitunter fast tölpelhaft geraten. Ich ziehe die ältere Übersetzung von Hermann Adler bei weitem vor, auch wenn sie bisweilen etwas an Schärfe vermissen läßt.

Vielleicht darf ich noch einmal auf Beckett zurückkommen, der im Pfingstwunder ja wiederholt Erwähnung findet. Er hat in seinen Stücken den Kommunikationsverfall bis an die Nulllinie des Verstummens vorangetrieben. Man wartet und wartet, ohne zu wissen worauf, und schlufft hin und her, ohne irgendwo anzukommen. Gottlieb Elsheimer verweist in seinen Aufzeichnungen auf einen Prosa-Text von Beckett mit dem Titel Le dépleuper, den Elmar Tophoven mit der glücklichen Wendung Der Verwaiser ins Deutsche übertragen hat. Es geht hier um einen höllenhaften Aufenthaltsort, der einen Durchmesser von 50 Metern, und eine Höhe von 16 Metern hat. Alle Insassen, die in dem beengenden Behälter stecken, sehen durch ein kleines Loch in der Decke Licht. Sie haben marode Leitern, mit denen sie versuchen, hoch zu kommen. Aber sie tun es einzeln, nicht gemeinsam. Nur die Größten schaffen es, mit der Fingerspitze einmal die Decke zu berühren. Das Loch zu erklimmen und das dunkle Gedränge der Körper im Zylinder zu verlassen, bleibt ihnen versagt. Kein Entrinnen aus dem Behälter, der ein literarisches Inbild der Hölle ist. Beckett selbst identifiziert sich, wie Sie im Pfingstwunder ebenfalls erwähnen, mit der Figur des Belacqua, einem florentinischen Geigenbauer. Dieser kauert am Fuße des Läuterungsberges, ohne auch nur zu versuchen, den Aufstieg zum Gipfel des Läuterungsberges in Angriff zu nehmen. Belacqua, eine wahre Ikone der Antriebslosigkeit, setzt auf das stellvertretende Gebet der Lebenden. Anders als in der Hölle, wo alles statisch und ausweglos ist, kommt hier ein Fünkchen Hoffnung ins Spiel …

Lewitscharoff: Zunächst – danke für das Wort ‹schluffen›! Ich hatte es vergessen und werde es sofort wieder in den eigenen Sprachschatz überführen. Der Verwaiser ist einer der ausweglosesten Texte Samuel Becketts. Kein Fünkchen Komik zwinkert dem Leser ins Auge, wenn er sich ihm widmet. Definitiv nicht purgatoriumsgeeignet. Beim antriebslosen Belacqua in der Commedia, der sich allerdings ganz unten am Läuterungsberg befindet, ist eine Erleichterung auf lange Sicht immerhin möglich. Dabei geht es auch um das Thema Fürbitte. Wenn sich Menschen, die noch am Leben sind, herzinnig dazu aufraffen können, für einen verstorbenen Sünder zu beten, um die ihm auferlegte Strafe zu mildern, ist das eigentlich ein sehr schöner, zart korrigierender Gerechtigkeitsversuch. Er hat sein Vorbild auch in einigen jüdischen Propheten, die Gottes Zorn zu bändigen versuchen, indem sie Ihm etwas abringen. Allerdings geht es dabei ungleich schärfer zu als in der Fürbitte, die für einen geliebten Toten eingelegt wird. Natürlich verweist die Fürbitte auch auf den schwindelerregend generösen Sündeneinsatz Jesu, aber das ist ein weites Feld. Daß Martin Luther gegen den zu seiner Zeit praktizierten Ablaßhandel, der ja mit einem verkommenen Fürbitteunwesen in Verbindung stand, mit Ingrimm zu Felde zog, ist allerdings auch verständlich. Wie alles menschliche Tun, das zunächst zum Guten neigt, kann es sich verkehren in etwas zutiefst Profanes, Egoistisches. In unschuldiger, monetär nicht verunreinigter Form, ist die Fürbitte jedoch herzerhebend. Ich hoffe doch sehr, daß jemand nach meinem Tod die Hände faltet und versucht, Gott daran zu erinnern, daß ich nicht nur schlecht gewesen bin, daß meiner Verstrickung in das Böse die teilhabende Schwäche innewohnt, die in fast jedem Menschen ihr Unwesen treibt.

Der fiskalische Mißbrauch der Fürbitte im Ablaßwesen ist das eine, der Gedanke einer Gemeinschaft, die über die Bruchlinie des Todes hinaus Spielformen des Füreinander-Eintretens kennt, das andere. Nahezu vergessen ist, daß in der theologischen Tradition zwischen der ecclesia triumphans im Himmel, der ecclesia patiens im Purgatorium und der ecclesia militans auf Erden unterschieden wurde. Mag die Terminologie heute antiquiert und mißverständlich sein, so ist der Gedanke, dass die Heiligen im Himmel für die pilgernde Kirche auf Erden eintreten können doch tröstlich. Umgekehrt haben die Gläubigen die Möglichkeit, durch fürbittendes Gebet für verstorbene Angehörige und Freunde einzutreten. Oft wird die Praxis des Gedenkens mit dem Entzünden einer Kerze oder – am Feiertag Allerseelen – mit dem Gang zu den Gräbern verbunden. In einer immer schnelllebigeren Zeit sind solche Formen des Eingedenkens, die in der Liturgie gepflegt werden, ein wichtiges Widerlager. Statt die Kirche auf ihre institutionelle Außenseite zu verkürzen, wäre die theologische Tiefendimension der communio sanctorum, die das Geheimnis der Kirche ausmacht, neu zu entdecken. Dazu kann die Lektüre Dantes ein Anstoß sein …

Lewitscharoff: O, da stimme ich mit Ihnen völlig überein. Jede Form des Eingedenkens, die an das Tremendum, und damit an alles mit dem Tod in Verbindung stehende rührt, ohne es zu überschwätzen, ist von enormer Bedeutung. Natürlich auch das Behüten und Hegen von Gräbern. Einen leisen Zweifel hege ich nur in bezug auf Dante. Dichtung, selbst wenn sie großartig und von religiöser Strömung getragen ist, bleibt Dichtung. Wie ein Gleichnis der Bibel oder eine Prophetenpassage darf man sie nicht auslegen. Dichtung spielt immer auf einem anderen, freiheitlicheren und zugleich frivoleren Terrain. Die Bibel mit ihren parataktischen Sätzen, die wie Schlachthiebe niedergehen, zwischen denen sich ein gähnender Abgrund nach dem anderen öffnet, ist etwas völlig anderes.

Was die Differenz zwischen Dichtung und Bibel anlangt, bin ich ganz bei Ihnen. Natürlich kann man die Bibel – wie Bert Brecht – als große Literatur lesen, und so ist sie ja oft auch gelesen worden. Aber sie erschöpft sich darin nicht. Zumindest aus gläubiger Perspektive ist sie zugleich heilige Schrift, eine Sammlung kanonischer Bücher, die über Jahrhunderte gewachsen ist und unzähligen Menschen im Leben und im Sterben Kraft und Halt gegeben hat. Auch der Aufriss von Dantes Jenseitslandschaft speist sich nicht zuletzt aus biblischen Quellen. Bemerkenswert ist, dass die Sehnsucht nach der Schau Gottes – das desiderium in visionem Dei – bei Dante mit der Figur der Beatrice zusammengebunden wird. Sie ist der Sehnsuchtspfeil, der den Wanderer immer dann, wenn er ermüdet und nicht mehr weiter will, vorantreibt.

Lewitscharoff: Ich lese die Bibel nicht als Literatur. Heimito von Doderer liest sich besser. Aber er legt mir nicht nahe, wie ich leben soll und verheißt mir nichts. In Bezug auf Beatrice kann ich Ihnen nicht ganz folgen. Zwar erinnern Sie mit Recht daran, daß an Beatrice als Mittlerin die Sehnsucht nach der Gottesschau gebunden ist, andererseits gerät sie über weite Strecken der Commedia nahezu völlig in Vergessenheit. Natürlich hat sie dann einen großen Starauftritt als gestrenge Lehrerin, die sich Dante – salopp gesagt – zur Brust nimmt. Sie züchtigt ihn regelrecht, macht ihn zum Kind, das fast flennend seine Schuld eingestehen muß. Das läßt sie nicht unbedingt sympathisch wirken. Offen gestanden überzeugt mich die Figur der Beatrice am wenigsten in der Commedia. Sie hat etwas von einer Galionsfigur, deren Existenz eher behauptet wird, als daß sie auf das Gemüt des Lesers eindringlich wirken könnte. Vielleicht bin ich da etwas stur. Francesca ist eine ungleich stärkere Figur als Beatrice, obwohl sie nur in wenigen Zeilen in Erscheinung tritt. Sie ist hinreißend, ihr Leid anrührend, sie prägt sich dem Leser sofort ein. Nicht umsonst zählt der Canto, in dem sie auftritt, zu einem der am häufigsten zitierten. Beatrice wirkt hingegen wie eine kalte Kunstfigur. Allerdings ist die Konstruktion faszinierend, daß einer schönen Frau, die jung gestorben ist, aber keineswegs als Heilige verehrt wurde, eine derart durchschlagende Erlösungskraft anbehauptet wird. Auch das ist Literatur in reiner Form, die sich keineswegs strikt an theologische Vorgaben hält. Das machte Dantes Commedia in den Augen des Klerus im übrigen suspekt, nicht nur die Ungeheuerlichkeit, daß er etliche Päpste kopfunter in die Hölle verfrachtet und auf ihren Fußsohlen Feuer entzündet hat. Eine Strafe mit hohem Symbolgehalt. Ihre Sünden bestehen darin, daß sie weder dem jesuanischen Vorbild nacheiferten noch sich um das Weitertragen der pfingstlichen Botschaft mühten. Im Gegenteil, sie hatten diese Botschaft durch ihre Lebensführung gründlich korrumpiert. Starker Tobak ist das! Mich wundert immer noch, daß die Kirche nicht schärfer gegen Dante zu Felde zog.

Ja, die Strafe für die Päpste ist symbolträchtig. Bonifaz VIII. und Clemens V., die durch politische Intrigen, Ämterschacher und Betrug das Evangelium auf den Kopf gestellt haben, werden durch Feuerflammen an den Fußsohlen gequält (Inf. 19). Damit sind sie ein Gegenbild der Apostel, auf deren Häuptern sich die Feuerzungen des Geistes niederließen, so daß sie begannen, in fremden Sprachen zu reden (vgl. Apg 2, 1–13). Im Journal ist zutreffend von einer «Verkehrung des Pfingstwunders» (193) die Rede. Das Pfingstwunder im Roman kommt allerdings ohne Feuerzungen aus. Sie kombinieren das Fest, das die babylonische Sprachverwirrung zurücknimmt und den vielstimmigen Sprachensturm feiert, mit einer kollektiven Erhebung, ja Himmelfahrt, wobei offen bleibt, ob das unerklärliche Entschwinden im Abendhimmel von Rom (sky) wirklich ins himmlische Jerusalem führt (heaven) …

Lewitscharoff: Ja, genau. Das muß offen bleiben. Ob die Dantegelehrten eine himmlische Erlösung verdient haben oder nicht, kann man nicht wissen. Ob sie geradewegs dem Gehege Gottes entgegenfliegen, bleibt offen. Elsheimer weiß es erst recht nicht. Es sind ja Menschen verschiedener Religiosität beteiligt, etliche der Gelehrten dürften gar keiner Religion anhängen. Insofern sind das alle mitsammen nicht gerade klassische Kandidaten für einen Sitz im Himmel. Aber der Sprachrausch, der die kleine Mannschaft vor ihrer Erhebung in den Himmel ergreift, ihr einander sich Zuneigen in den verschiedenen Sprachen, hat etwas zutiefst Glückhaftes. Eine reine Märchenidee, wenn Sie so wollen. Hier wird das Lied der Verständigung über Grenzen und Kontinente hinweg gesungen. Was das Gute, Wahre und Schöne bedeutet, davon werden die Menschen im Saal der Malteser erfaßt, und es reißt sie in schwindelerregende Höhe. Wer etwas wahrhaft Gutes von einem anderen Menschen im hiesigen Leben erfährt, dessen Geist erfährt sofort eine Lüpfung, sein Herz wird frei, für einen Moment ist ihm die Welt in glanzübersponnene Schönheit getaucht.

Das Pfingstwunder selbst wird von Elsheimer rückblickend als Ereignis der Wahrheit beschrieben. In Anspielung auf Celans Gedicht Ein Dröhnen heißt es in seinem Journal: «Die Wahrheit ist mitten unter uns getreten.» Sie schreitet durch das «Metapherngestöber» hindurch, öffnet die Augen und erweckt die Herzen. Das griechische Wort für Wahrheit – aletheia – enthält ja zwei wichtige Fingerzeige. Zunächst bezeichnet es mit Martin Heidegger die «Un-Verborgenheit»: Das Verborgene, das Verdrängte, das Dunkle kommt ans Licht (das alpha privativum in a-letheia zeigt die Negation von lanthano / leth = «verbergen» an). Zugleich ist der aletheia die Negation des Vergessens eingeschrieben. Am Ende steht nicht Lethe, der mythische Fluss des Vergessens, in dem das Gedächtnis an die dramatische Leidens- und Schuldgeschichte der Menschen versenkt wird, sondern das Gottesgedächtnis, das alles aufbewahrt und nichts vergisst.

Lewitscharoff: Daß es eine Instanz gibt, die nicht vergißt, was den Opfern angetan wurde und wer die Schuldigen sind, ist von enormer Bedeutung. Alles, was wir über Gerechtigkeit denken, ist zunächst an die Erinnerung geknüpft. Es mag später in dem einen oder anderen Fall ein Verzeihen geben. Zunächst geht es aber darum, das Leid, das einer dem andern antut, in greller Schärfe aus der Erinnerung auferstehen zu lassen. Es kann gar nicht genug betont werden, welche zivilisatorische Leistung darin steckt, grausame Verbrechen nicht im Wasser der Lethe davonschwimmen zu lassen. Es geht hier keineswegs um lächerliche Rechthaberei und kleinlichen Streit. Es geht ums Ganze. Um Totschlag, Folter, Mord, Völkermord. Das menschliche Gericht kommt meistens zu spät. Oft richtet es kläglich. Wir brauchen Gott, der nicht vergißt, wir brauchen Ihn, damit Er richtet.

Ja, wenn es eine wahrheitsgemäße Aufarbeitung der Geschichte geben und Schillers Wort «Die Weltgeschichte ist das Weltgericht» nicht der finale Kommentar zum Weltgeschehen bleiben soll, dann brauchen wir ein Gericht, das die Wahrheit aufrichtet und den Hingerichteten Recht verschafft. Gäbe es eine solche Instanz nicht und würden die Henker die Spuren ihrer Verbrechen im Sand der Geschichte erfolgreich verwischen können, hätte dies, wie Jacques Derrida einmal gesagt hat, etwas ungemein Trostloses: «Wenn es eine Verlusterfahrung gäbe, den einzigen Verlust, der auf ewig untröstlich für mich wäre und der alle anderen in sich vereinigte, würde ich dies Gedächtnisverlust nennen. Der Schmerz, der für mich am Ursprung der Schrift steht, ist der Schmerz über den Gedächtnisverlust, nicht nur über das Vergessen oder die Amnesie, sondern über das Auslöschen der Spuren.» Derrida hat den Überlebenden der Vernichtungslager im Blick – einen Zeugen, der nicht selten einsam gegen das Vergessen und Verdrängen aufsteht, dessen Zeugnis angefochten und in seinem Wahrheitsgehalt bestritten werden kann. Bei Celan heißt es einmal in gebrochener Diktion: «Niemand / zeugt für den / Zeugen.»

Lewitscharoff: Solche Äußerungen sind bestürzend, denn das Auslöschen der hier genannten Spuren wird immerfort betrieben. Man kann von Glück sprechen, wenn es ein Innehalten gibt, redliche Zeugen zu Wort kommen und ihnen geglaubt wird. Es ist ja immer wieder unfaßlich, daß es auch in unserem Land Menschen gibt, die die äußerst sorgfältig dokumentierten Verbrechen der Nationalsozialisten leugnen. Über kaum ein anderes Großverbrechen gibt es eine derart glaubwürdige Flut von Zeugnissen. Nicht nur von den Opfern. Sondern auch von den Tätern selbst, die ja teilweise emsig die Leichenberge gefilmt und photographiert haben. Die abgründige Bosheit stirbt nie. Sie gehört zum Leben. Um so erstaunlicher, wenn einige Menschen auch zu überraschender Güte fähig sind, ein erstaunlicher Mut sie in bitterster Not sogar befähigt, das eigene Leben für andere zu riskieren.

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