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THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
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Jan Heiner Tück Professor für dog-
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Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/com.2018.2.144–153
Jörg Ernesti
KIRCHE IM KRIEG
Benedikt XV. als Mittler des Friedens
Einem Jugendfreund aus gemeinsamen Genueser Studientagen vertraute sich Benedikt XV. im Sommer 1915 an: Er tue alles ihm Mögliche, um die Menschen zu versöhnen, «aber die Katholiken, die auf mich hören müssten, fühlen sich eher als Belgier, Deutsche, Österreicher usw., als dass sie sich als Katholiken fühlen.» Mit diesen Worten ist das ganze Dilemma umschrieben, das das Wirken des «Friedenspapstes» im Ersten Weltkrieg kennzeichnet.

Um sein Handeln recht einordnen zu können, muss man ein wenig zurückblenden. Nach der Zerschlagung des alten Kirchenstaates im Jahr 1870 war es zu einer nie gekannten Solidarisierung mit dem Papst als selbsterklärtem «Gefangenen im Vatikan» gekommen. Wallfahrten nach Rom wurden zu einem namhaften Phänomen; eine ultramontane Presse machte sich für die Anliegen des Papsttums stark; durch den «Peterspfennig» wurden Katholiken in aller Welt zur Gewährleistung der materiellen Basis des Vatikans in die Pflicht genommen; durch insgesamt zehn internationale Vermittlermissionen wurde das außenpolitische Prestige des Heiligen Stuhls gemehrt. Damit war das Papsttum mehr denn je zum politscher global player mit moralischer Weltgeltung geworden. Eine Probe auf diese neuen Rahmenbedingungen musste der Erste Weltkrieg werden. Würde man dem Papst Autorität zubilligen und seinen Worten Gehör schenken?

Die Wahl eines «politischen Papstes»

Am 20. August 1914 war Pius X. (1835–1914) gestorben. Der moribunde Papst hatte den Ausbruch des Krieges nur noch beklagen können. Über das Stimmungsbild des auf seinen Tod folgenden Konklaves sind wir relativ gut unterrichtet. Der Pontifikat des Sarto-Papstes war von innerkirchlichen Reformen geprägt gewesen (Liturgie, Kirchenmusik, Kampf gegen vermeintliche «modernistische» Strömungen in der Theologie). Schon bald bildete sich unter den Kardinälen als Konsens heraus, dass derlei Probleme im neuen Pontifikat angesichts der Weltlage nicht im Vordergrund stehen konnten. Der schließlich gewählte Kandidat, der Bologneser Erzbischof Giacomo Della Chiesa (1854–1922), hatte denn auch ein ausgesprochen politisch-diplomatisches Profil. Ausgebildet an der Päpstlichen Diplomatenakademie, war der Genueser Markgraf schon früh der engste Mitarbeiter Mariano Rampolla del Tindaros (1843–1913) geworden. 1887 zum Kardinalstaatssekretär ernannt, wurde er zum eigentlichen Architekten der ambitionierten Außenpolitik Leos XIII. (1810–1903). Neben den genannten Mediationen zwischen Staaten stand vor allem die Aussöhnung der französischen Katholiken mit der ungeliebten Republik auf der Agenda. Unter Pius X. stockte Della Chiesas kuriale Karriere, und er wurde zuletzt auf den Bischofsstuhl von Bologna weggelobt (nach dem römischen Prinzip promovetur ut amoveatur). Obwohl die Bologneser Erzbischöfe für gewöhnlich dem Kardinalskollegium angehören, musste er selbst ungewöhnlich lange auf das rote Birett warten.

Seine Wahl zum Papst wird man als Option für die Möglichkeiten der Diplomatie und als Beitrag zum Frieden unter den verfeindeten Staaten, vielleicht für eine päpstliche Mediation in großem Stil deuten können. Freilich waren seine Handlungsmöglichkeiten begrenzt, wie er schon bald durch inoffizielle Kanäle erfahren musste. Im Londoner Vertrag vom 26. April 1915, durch den sich die Italiener vor dem Kriegseintritt von der Entente zukünftige Gewinne im Fall eines gewonnenen Krieges zusichern ließen, hieß es in Artikel 15: «Frankreich, Großbritannien und Russland unterstützen Italien darin, jedwede Beteiligung eines Vertreters des Heiligen Stuhls bei Friedensverhandlungen oder bei Verhandlungen von Fragen, die durch den Krieg entstanden sind, abzulehnen.»

Auf den ersten Blick mag das widersinnig erscheinen: Warum sollte man nicht nach jedem Strohhalm greifen, um den Krieg zu beenden und eine gerechte Friedenslösung herbeizuführen? Der Grund liegt auf italienischer Seite darin, dass mit der Anrufung des Heiligen Stuhls als internationaler Mittler indirekt dessen Souveränität anerkannt worden wäre. Es ging der römischen Regierung darum – wie schon in den vergangenen 45 Jahren –, die Römische Frage von der Agenda der internationalen Politik fernzuhalten.

Internationale Kriegspropaganda und päpstliche Neutralität

Seit 1870 war das Profil des Heiligen Stuhls als global-politischer Akteur und als neutrale Schiedsinstanz modelliert worden. Der Verlust des Kirchenstaates, bei aufrechterhaltenem Souveränitätsanspruch, bot also auch eine Chance für politisches Handeln in der Gegenwart. In fast allen europäischen Kriegen der Neuzeit hatte der Heilige Stuhl Partei ergriffen bzw. ergreifen müssen, sei es in den Renaissancekriegen, in den Konfessionskriegen des 16./17. Jahrhunderts, im Spanischen Erbfolgekrieg, in den Napoleonischen Kriegen oder im Risorgimento. Immer wieder hatte man auf militärischem Wege die eigene Position verteidigen müssen.

Man wird dem Diplomaten Benedikt XV. bescheinigen dürfen, dass er diese Chance erkannte und beherzt ergriff, indem er für sich selbst klar und eindeutig die Neutralität postulierte. Dies ist umso bemerkenswerter, als der Krieg in allen kriegführenden Staaten von Christen gerechtfertigt, ja bisweilen sogar enthusiastisch begrüßt wurde. Dieser Aspekt ist in der Forschung immer wieder herausgestellt worden. Vor dem Hintergrund der internationalen Kriegspropaganda hebt sich die päpstliche Unparteilichkeit schroff ab. Sie erscheint umso bemerkenswerter, als es von beiden Seiten immer wieder Versuche gegeben hat, den Papst dazu zu bewegen, echtes oder vermeintliches Unrecht der Kriegsgegner zu verurteilen. In Belgien etwa, das vom Deutschen Reich unter Verletzung seiner Neutralität angegriffen und besetzt worden war, kam die sterile Neutralität des Pontifex nicht gut an. Hier beherrschte der antideutsch eingestellte Erzbischof von Mecheln, Kardinal Desirée-Joseph Mercier (1851–1926), die öffentliche Meinung, da König Albert I. (1875–1934) im Exil auf Seiten der Franzosen kämpfte. In Italien war der Franziskaner Agostino Gemelli (1878–1959) unter den Meinungsführern, was den Krieg anging, in Deutschland (Erz-)Bischof Michael Faulhaber (1869–1952), in Frankreich der Dominikaner Antonin-Dalmace Sertillanges (1863–1948) – um nur einige prominente Stimmen von katholischen Befürwortern des Krieges zu nennen. Wiederholt kam es zu diplomatischen Verstimmungen wegen angeblicher Parteilichkeit des Papstes, etwa als ihm unterstellt wurde, er habe im Dezember 1917 vor Freude über die Befreiung Jerusalems aus osmanischer Hand in Rom alle Glocken läuten lassen.

Allerdings hätte es ihm aus katholischer Sicht durchaus schwerfallen müssen, die eine oder andere Seite zu bevorzugen, kämpften doch auf beiden Seiten Katholiken, ja große katholische Nationen wie Frankreich, Italien, Österreich-Ungarn standen einander unversöhnlich gegenüber. Im Konsistorium vom 22. Januar 1915 erklärte er, Christus sei für alle Menschen gestorben. Als dessen Stellvertreter auf Erden könne er nur beklagen, dass in allen Lagern Katholiken kämpften, und er sei deshalb umso mehr zu einer strengen Neutralität verpflichtet.

Kurz nach seiner Wahl versicherte Benedikt XV. in dem Apostolischen Schreiben Ubi primum, er wolle alles in seiner Macht Stehende tun, um zur Beendigung des Krieges beizutragen. In seiner ersten Enzyklika, Ad beatissimi Apostolorum, betonte er, als Vater aller Katholiken, ja aller Menschen, dürfe er nicht parteiisch sein. Klar verurteilte er schon hier den Krieg als ein menschliches Versagen. Diese Deutung sollte sich wie ein Grundakkord durch seine öffentlichen Äußerungen in den Jahren 1914–1918 ziehen. Der Krieg ist Folge der Abkehr von Gott, Ungehorsam gegenüber seinen Geboten, Mangel an Liebe, Untreue gegenüber Christus. Europa, das christliche Abendland, verfehlt sich an seiner eigenen Bestimmung. Wiederholt bezeichnete Della Chiesa den Krieg als einen «Selbstmord des zivilisierten Europa». Insofern kann er nichts anderes als ein «sinnloses Blutvergießen» sein, wie er dann 1917 in seiner Friedensnote formulieren wird. In Ad beatissimi Apostolorum erinnerte er daran, dass die Menschen, die sich bekämpfen, alle dieselbe Würde besitzen. Sie alle sind Kinder des einen himmlischen Vaters. Eindringlich rief er die Regierenden zum Frieden auf. [...]


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