zur StartseiteZugang für Abonnenten
Startseite » Archiv » Ausgabe 2/2018 » Leseprobe 3
Titelcover der archivierte Ausgabe 2/2018 - klicken Sie für eine größere Ansicht
Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
Lesermeinung von
Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

Lesen Sie hier
 
Ausgaben-Index 1972 bis heute
Chronologisch- thematische Liste aller Hefte von 1972-heute
Autoren-Index 1972 bis heute
Alphabetische Liste aller Autoren und Ihrer Artikel
<<< zur vorherigen Ausgabe zur nächsten Ausgabe >>>
Leseprobe 3 DOI: 10.14623/com.2018.2.154–164
Hans Maier
KRIEG UND FRIEDEN HEUTE
Der Kriegsbegriff, früher scharf umrissen, wird undeutlich in der Gegenwart. Das hängt mit Veränderungen in der äußeren Erscheinung des Krieges zusammen. Wir erleben heute die bekannte «Enthegung» des Krieges – nachdem sich frühere Jahrhunderte vor allem um seine «Einhegung» (und das heißt zugleich: um seine begriffliche Abgrenzung) bemüht hatten. Der Krieg hebt sich inzwischen vom Frieden nicht mehr mit der früheren Unzweideutigkeit ab. In diffusen Formen dringt er in die Normalität, den Alltag ein. An vielen Stellen verschwimmen die Grenzen zwischen Krieg und Zivilität; hybride Formen eines Halbfriedens oder Halbkriegs entwickeln sich und gewinnen an Boden. Sehr verkürzt gesagt: Krieg ist heute längst nicht mehr allein der überlieferte Krieg zwischen Staaten. An vielen Orten hat er die Uniform ausgezogen, ist er dabei, sich von der Figur des Soldaten zu lösen. Auch die klassischen Formeln, die früher seinen Anfang und sein Ende kennzeichneten, haben in der heutigen Welt an Kraft verloren. Es gibt kaum mehr Kriegserklärungen – aber auch die Friedensschlüsse sind bis auf einen kleinen intra-nationalen Rest (meist nach Bürgerkriegen!) verschwunden.

Was wir gegenwärtig erleben, hat sich lange vorbereitet. Ich will es skizzenhaft in zwei Abschnitten schildern, die von der Hegung des Krieges (I) und von seiner Enthegung (II) handeln. Danach will ich fragen, was mit dem gehegten Krieg verschwindet und teilweise schon verschwunden ist – und was nach dem Verschwinden der alten Strukturen neu ans Licht tritt (III).

I

Die Geschichte ist in ihrem Ablauf keineswegs, wie Pessimisten meinen, ein überdimensionaler Gewalt-Exzess. Sie war auch immer wieder erfüllt von Bemühungen um die Schaffung dauerhafter internationaler Ordnungen. Kant, kein Optimist in Bezug auf den Menschen, konnte daher in seinem «Gemeinspruch»-Aufsatz zu Recht feststellen, dass in der menschlichen Natur «immer noch Achtung für Recht und Pflicht lebendig» sei, eine Anlage zum Besseren – obwohl er anderseits auch wusste, dass die menschliche Natur «nirgends weniger liebenswürdig [sei], als im Verhältnisse ganzer Völker gegen einander».

In der Tat steht in der Geschichte der Menschheit dem Krieg der Friedensschluss gegenüber, der Aggression die Abwehr, der Gewalt die Gewaltbegrenzung, dem Chaos das Gesetz. Die regellose Gewalt wurde im Lauf der Zeit immer wieder eingezäunt, in kollektive Sicherheiten einbezogen, in vertragsähnliche Formen überführt. Der moderne Staat drängte die autogenen Gewaltträger zurück, er brachte gegenüber den Institutionen der Selbsthilfe – Faust und Fehde, Blutrache, Brandschatzung usf. – Gericht und Polizei in Anschlag; er monopolisierte die Ausübung legitimer physischer Gewalt bei sich und seinen Organen, und so entstand der uns heute ganz selbstverständliche innerstaatliche Friedensraum.

Speziell in Europa ist es den Völkern vom 11. bis zum 18. Jahrhundert in einer Kette immer neu ansetzender Bemühungen gelungen, Gewalt und Selbsthilfe aus dem privaten und dem innerstaatlichen Bereich allmählich zu verbannen. Diese konsequente innerstaatliche Befriedung ist eine bedeutende, ja singuläre Leistung des christlich-europäischen Staatenkreises. Nicht gelungen ist freilich die Verbannung der Gewalt aus dem zwischenstaatlichen Bereich: Hier blieben die Bemühungen bei der Beschränkung des Krieges auf den Staatenkrieg und bei der Humanisierung (oder wenigstens Regularisierung) der Kriegführung stehen – ganz abgesehen von jener Gewalt, die nach wie vor gegenüber der außereuropäischen, der nichtchristlichen Welt geübt wurde.

Wolfgang Reinhard hat in seiner «Geschichte der Staatsgewalt» dargestellt, wie mit der Entstehung des modernen Staates in Europa der Aufbau einer spezifischen «Gewaltkultur» einherging. Die Entwicklung führte von der irregulären Gewalt zur Staatsgewalt, von der Gewaltübung der Einzelnen und Gruppen zum Krieg der Fürsten und Könige und schließlich zum Krieg der Staaten. Die gleiche Entwicklung spielte sich im Inneren ab: Hier gingen die Aktionen und Interaktionen in kleinen Sozialkreisen allmählich über in größere und festere Formen einer bewusst das Leben der Menschen normierenden «guten Policey» – einer Ordnung des Gemeinwesens, die mit der Zeit ganze Territorien umfasste und die Staaten in ihrem Inneren umgestaltete.

Man sieht: es gab durchaus reale Chancen für die Kultivierung der Gewalt – für ihre allmähliche Umwandlung in staatliche, in Amts-Gewalt. Gegenüber dem freien Zustand der Gewalt im Zeitalter von Faust und Fehde war das unzweifelhaft ein Fortschritt. Im 19. Jahrhundert schien sich die Linie allmählicher Gewaltabschwächung zunächst auch zwischen den Staaten fortzusetzen. Gewiss, es gab internationale Konflikte auch in dieser Zeit – aber sie erreichten nicht die Dauer und Schärfe späterer Weltkriege. Auch im Inneren der Staaten gab es, von Ausnahmen abgesehen, keine Gewaltverdichtung ähnlich derjenigen in der Zeit der Religionskriege – oder derjenigen ihres säkularen Nachhalls in der Zeit der Französischen Revolution. Das Jahrhundert nach 1815 schien eine Zeit der Kongresse und Konventionen, der internationalen Diplomatie und des Völkerrechts zu werden – und angesichts der rechtsstaatlichen Fortschritte im Inneren hielten die meisten Zeitgenossen tyrannische Regime, Diktaturen und Despotien für etwas, was in Europa endgültig überwunden war und allenfalls in «exotischen Ländern» fortbestand.

II

Wie kam es aber dann, dass gerade das «lange 19. Jahrhundert» (von 1789 bis 1914) neue Gewaltpotentiale aufhäufte? Warum stand am Ende einer Hoffnung weckenden Entwicklung nicht eine weltumspannende Friedensordnung, sondern ein neues «Zeitalter der Gewalt»? Und warum ging der Rückfall in die Barbarei gerade von Europa aus, dem damals modernsten, am weitesten fortgeschrittenen Kontinent? Ganz vorläufig und thesenhaft will ich die Entstehung und Verdichtung von Gewaltpotentialen im 19. Jahrhundert an drei Vorgängen veranschaulichen:

a) an der technisch-industriellen Revolution und ihrer Auswirkung auf Kriegstechnik und Kriegführung;

b) an der Einbeziehung einer wachsenden Zahl von Menschen in Kriege im Zug der Ausbreitung demokratischer Strukturen und Verfahrensweisen;

c) an der Formveränderung des Krieges, dem im Verlauf dieser Entwicklung neue Energien zuwuchsen – von der «levée en masse» der Revolutionskriege bis zu den Formen der «totalen Mobilmachung» im 20. Jahrhundert.

a) Vor allem die Technik entwickelt im 19. Jahrhundert Gewaltpotentiale neuer Art. Sie löst sich in dieser Zeit von ihren empirischen Ursprüngen, vom zufälligen Entdecken, Probieren, Finden, und entwickelt Züge eines systematischen Kalküls. Sie wird exakte Wissenschaft auf dem Boden der Naturgesetze und bringt Formen einer von Handarbeit zunehmend unabhängigen seriellen Produktion hervor. Die Erschließung und Beherrschung der Naturkräfte – Wasser, Kohle, Eisen – steigert die menschlichen Kräfte in ungeahnte Dimensionen. Die Grenzen von Raum und Zeit werden fließend: die Welt wird klein, der Mensch soll umso größer werden.

Die industrielle Revolution revolutioniert auch die Kriegstechnik. Sie begründet und etabliert die Herrschaft der Maschinen und Automaten in der Kriegführung. An die Stelle körperbezogener Waffen, mit denen man «blankzieht», treten in zunehmendem Maß Artefakte. Die Wirkungen der Gewalt entfernen sich immer weiter von den auslösenden Ursachen. Der Krieg verliert seine ursprüngliche Analogie zum Zweikampf, zum Duell – er wird zum anonymen, zum technischen Krieg. Zieht man die Linien über zweihundert Jahre aus, von der Figur des Artilleristen Napoleon bis zu den Raketen, Marschflugkörpern, Drohnen am Anfang des 21. Jahrhunderts, so wird eine Bewegung zunehmender Entpersönlichung des Krieges sichtbar, bei gleichzeitiger grenzenloser Öffnung aller Kampfplätze zu Land und Wasser, in der Luft, ja im Weltall – und bei zunehmender Aufzehrung aller Rückzugs-, Schutz- und Schongebiete. Am Ende steht das Szenario eines atomaren Krieges, in dem traditionelle «Fronten» sich auflösen und Zerstörung und Selbstzerstörung immer näher aneinanderrücken, bis sie schließlich ununterscheidbar werden. [...]


Lesen Sie den kompletten Artikel in der Printausgabe.

Zurück zur Startseite
Jahresverzeichnis 2017

Hier erhalten Sie das Jahresverzeichnis 2017

Sie haben die Wahl ...
weitere Infos zu unseren Abonnements

Komfortabler Online-Bereich mit Archiv-, Download- und Suchfunktion sowie komplettem Autorenregister.

Online-Ausgabe einsehen

Online-Ausgabe bestellen
Unsere Autoren
Hier erhalten Sie einen Überblick unserer Autoren.
Newsletter
Unser Newsletter informiert Sie über die Inhalte der neuesten Ausgabe.
Die internationalen Ausgaben von Communio
Internationale Ausgaben von Communio
Internationale Ausgaben von Communio finden Sie hier.
Verein der Freunde und Förderer Communio e.V.
Allgemeines zu unserem Verein
Sie wollen unserem Verein beitreten?
Vereinssatzung

Unsere neue Dienstleistung für Verlage, die Ihr Abogeschäft in gute Hände geben wollen.


aboservice

mehr
Informationen


Communio
Telefon: +49 (0) 711 44 06-140 · Fax: +49 (0) 711 44 06-138
Senefelderstraße 12 · D-73760 Ostfildern
Kontakt | Sitemap | AGB | Widerruf | Datenschutz | Impressum