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Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
Lesermeinung von
Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

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Leseprobe 2 DOI: 10.14623/com.2018.3.229–237
Tomáš Halík
KATHOLIZITÄT: PLÄDOYER FÜR EINE KIRCHE MIT OFFENEN RÄNDERN
Konservativismus und Progressismus: Eine künstliche Alternative

Viele empfinden die heutigen Turbulenzen innerhalb der Kirche als Spannung zwischen einer «konservativen» Strömung, die auf Rückkehr zu einem prämodernen Modell kirchlichen Lebens setzt, und einer so genannten «progressivistischen» Strömung. Bei Lichte besehen wird jedoch deutlich, dass beide so definierten Alternativen ideologische Fiktionen sind und keinen gangbaren, realen Weg aus der heutigen Krise bieten. In eine prämoderne Situation kann die Kirche als Ganze nicht eintreten, schon aus dem einfachen Grund, dass es diese Situation nicht gibt und die Kirche nicht über die Kräfte verfügt, eine solche gegen den Strom der Geschichte zu installieren. Man kann diese Situation nur künstlich evozieren und Inseln einer Kontrakultur schaffen, wie es einige traditionalistische katholische Strömungen versuchen. Ihre Vertreter sind der Ansicht, die ideale Form für diesen Typ des Katholizismus sei das Umfeld der traditionellen Familie, der Pfarrei und der Vereine. Doch früher oder später werden sie enttäuscht: Der Typus einer prämodern-katholischen Sozialisierung hat seine «Biosphäre» längst verloren, und die Zahl derer, die bereit sind, um der Bindung an dieses Format willen auf eine normale Kommunikation mit dem breiteren soziokulturellen Umfeld zu verzichten, geht merklich zurück. Wenn sich diese Gefilde aus Gleichgesinnten in sich einschließen, altern sie und sterben aus. In Familien ist dieser Lebensstil nur schwer an die nächste Generation weiterzugeben, und die «Mission» dieses Typs Christentum fasziniert wohl auch nur einen sehr spezifischen psychologischen Menschentyp.

Eine gewisse Dynamik bringen kirchliche Bewegungen (movimenti) in diese Variante eines konservativen Katholizismus ein. Die vielen Rufe nach einer religiösen Mobilisierung (z.B. unter der Losung einer «Neuevangelisierung Europas») setzen tatsächlich in erster Linie auf die Strategie von Bewegungen, die in mancher Hinsicht die ja durchaus erfolgreichen amerikanischen Evangelikalen nachahmen. Man sollte freilich nicht übersehen, dass diese Strategie einer Kontrakultur, die stolz die Fahne des Katholizismus schwenkt, Gefahren in sich birgt, die für die Kirche fatal wären: Man entfernt sich von einem Christentum des Typs Kirche und wird zu einem Christentum vom Typ einer Sekte. Man verlässt das Fundament des katholischen Typs des Christentums, nämlich die Fähigkeit, in der bestehenden Kultur Wurzeln zu schlagen und ein offener, ja, ein öffentlicher Raum zu sein. Stattdessen wird aus dem christlichen Umfeld eine Parallelwelt am Rand der Gesellschaft. In dieser Parallelwelt kann die Kirche in der Situation der politischen Verfolgung eine relativ kurze Zeit überleben, freilich auch nicht ohne destruktive Folgen, wie wir es heute in den so genannten postkommunistischen Ländern sehen. Doch in einer offenen Gesellschaft ist das Spiel einer Kasemattenkirche vernichtend. Allein für den Fall, dass die permissive liberale Massenkultur der abendländischen Gesellschaft sich weiter radikalisiert und darüber in schwere Krisen schlittert (was ihre konservativen Kritiker seit langem prophezeien) hätte die Kontrakultur eines extrem konservativen Katholizismus eine Chance, seitens der katholischen Mehrheit unterstützt zu werden – analog zu derjenigen Unterstützung, die die islamischen religiös-politischen Radikalen in einigen arabischen Ländern nach den missglückten und unsensiblen Versuchen einer «Verwestlichung» dieser Länder erlangt haben. – Nicht minder destruktiv wäre jedoch eine Strategie des «Progressismus», falls diese sich denn wirklich, wie es ihr ihre Gegner zuschreiben, unkritisch der Mentalität ihrer Zeit anpasste und auf alles verzichtete, was das Leben eines Christen in dieser Welt anstrengend und unbequem macht, und sei es um den Preis eines Ausverkaufes der eigenen Tradition und Identität.

Zu unterscheiden, was am Christentum wirklich eine überflüssige und unerträgliche Last für die Gläubigen und was Bestandteil des Kreuzes ist, ist nicht immer einfach. Als großes und beständiges Beispiel muss hier der Mut des Apostels Paulus gelten, der im Widerstreit mit Petrus und den größten Autoritäten der Urkirche Freiheit von eine ganzen Reihe Vorschriften einschließlich der Beschneidung zu erkämpfen wusste. Gleichzeitig betonte er, dass Freiheit nicht mit Willkür zu verwechseln sei. Ein vollkommen zeitgeistkonformes Christentum hat vermutlich noch weniger Chancen, Anhänger zu gewinnen, als eine konservative Gegenkultur. Diese kann sich zumindest als interessante Alternative darstellen, während die Formen des Christentums, die sich bis zur Unkenntlichkeit der Umgebungskultur angepasst haben, so viele säkulare Konkurrenten haben, dass sie in diesem Vergleich keine Chance haben zu bestehen und zu überleben.

Beide dargestellten Strategien sind freilich «Idealtypen» im Sinne der Soziologie von Max Weber. In dieser reinen Form dürften sie real gar nicht existieren, wenngleich die faktisch existierenden Strömungen unserer Zeit ihnen in einigen Zügen ähneln. Sie einfach abzulehnen kann jedoch noch nicht das letzte Wort zur Situation des heutigen europäischen (vor allem katholischen) Christentums sein.

Vom Katholizismus zur Katholizität

Zu verschiedenen Gelegenheiten habe ich bereits von der Notwendigkeit eines Übergangs «vom Katholizismus zur Katholizität» gesprochen. Mit Katholizismus meine ich jenen relativ fest formierten und streng strukturierten Typ eines soziokulturellen Umfeldes, in dem das Christentum von einem institutionell-doktrinalen Ganzen repräsentiert wird, das sich gegen den Einfluss des Protestantismus und der modernen Kultur stellt. Mit Katholizität bezeichne ich jene Dimension der Offenheit und der Universalität der Kirche, die definitiv zwar erst im eschatologischen Horizont ausgefüllt werden kann, um die man allerdings in jedem Moment der Kirchengeschichte gegen die Versuchung der Exklusivität, des Sektierertums und des Kommunikationsabbruchs ringen muss. Ich habe versucht zu zeigen, dass zu diesem Exodus aus dem «Katholizismus» als Kontrakultur vor allem das II. Vatikanische Konzil mit seinen ökumenischen Akzenten beigetragen hat. Zwei wichtige Aufgaben der Kirche bestehen m. E. heute darin, zum einen die «Ökumene Abrahams» zu stärken (einschließlich der Beziehung zum Islam), und zum anderen Anknüpfungspunkte an die säkulare Gesellschaft des Abendlandes zu finden. Es braucht die Perspektive einer Vermittlung zwischen diesen Welten, zwischen denen nicht nur wechselseitiges Unverständnis wächst, sondern zwischen denen es auch zu Explosionen kommen kann, welche die ganze Welt bedrohen.

Im Folgenden möchte ich aber eine andere Dimension der Katholizität hervorheben, eine andere Richtung jenes Ringens um einen offenen, nicht sektiererischen Charakter der Kirche: ihre Beziehung zu denen, die sich nicht einordnen lassen. Anders als jene, die die Zukunft der Kirche und die Überwindung der derzeitigen Zerstückelung und Zermürbung des europäischen Christentums in einer «religiösen Mobilisierung», in einer Stärkung des «glühenden und harten Kerns der Kirche», in jugendlicher Begeisterung für die movimenti sehen, besteht für mich die vorrangige Aufgabe der Kirche darin, den Kontakt zu den Menschen am Rande, zu den «Sympathisanten» und den «anonymen Christen» jenseits der sichtbaren Grenzen der Kirche aufrecht zu erhalten. Ich bin davon überzeugt, dass die Kirche lernen muss, besser mit jenen Menschen zu kommunizieren, die sich nicht völlig mit den derzeitigen Strukturen, mit Institution, Lehre und Praxis der Kirche identifizieren können oder wollen, die jedoch trotzdem nicht an einem vollkommen anderen Ufer stehen.

Eine biblische Geschichte, die mich in dieser Überzeugung bestärkt, ist vor allem die Szene, in der die um Jesus versammelten Apostel einen unbekannten Jünger treffen und augenblicklich von Christus verlangen, er möge ihm seine Tätigkeit verbieten – mit der einfachen Begründung, dass er «nicht mit uns geht». Doch Jesus lehnt diesen eifersüchtigen, bornierten Versuch zur Disziplinierung der Proto-Kirche mit den Worten ab: «Wer nicht gegen euch ist, der ist für euch.» (Lk 9, 50)

Eine andere Gestalt, an die ich bei diesen Überlegungen denken muss, ist Nikodemus, ein Mitglied des Hohen Rates, der in der Nacht zu Jesus kommt, um ihm seine Fragen zu stellen ( Joh 3, 2). Er taucht dann noch einmal in einem traurigen Moment nach der Kreuzigung auf, als die Apostel bereits auseinander gegangen sind oder sich versteckt haben und Petrus, der Fels, über seinen Verrat weint. Da will Nikodemus beim Begräbnis Jesu assistieren ( Joh 19, 39–42). In der Kirche hat sich der Begriff «Nikodemuschristen» für solche vorsichtigen, vielleicht auch etwas feigen Gläubigen eingebürgert, die in Zeiten der Verfolgung geheime Wege suchen, um ihren Glauben zu leben und dabei nicht zu sehr in Konflikt mit den Mächtigen zu geraten. Diese Sicht auf Nikodemus erscheint mir etwas ungerecht, denn sie nimmt ihn nicht als fragenden und suchenden Menschen in den Blick, sondern als einen, den man argwöhnisch betrachtet, weil er «nicht mit uns geht». Soll die Kirche eine Kirche Jesu Christi bleiben, muss sie auch Zeit und Raum für diese «Nachtaktiven» finden, die mit ihren Fragen und mit ihrer Sehnsucht nach einem Gespräch außerhalb der Öffnungszeiten, der Amtsräume und der behördlichen Kategorien kommen. [...]


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