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Jan Heiner Tück Professor für dog-
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Leseprobe 3 DOI: 10.14623/com.2018.3.273–275
Hans Maier
AUFRECHT UND OHNE FALSCH: ZUM HEIMGANG VON KARL LEHMANN
Mit Kardinal Karl Lehmann, dem Bischof von Mainz (1983–2016), dem langjährigen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz (1987–2008), dem Wissenschaftler und Autor verlor die Internationale Katholische Zeitschrift COMMUNIO am 11. März dieses Jahres einen ihrer Gründer. Vom Beginn der Zeitschrift bis in die jüngste Zeit nahm er an ihrem Schicksal teil: schreibend, beratend, in Umbruch- und Krisenzeiten tatkräftig helfend. Redaktion, Herausgeberschaft und Leserschaft der Zeitschrift verdanken ihm viel.

Lehmann war Theologe und akademischer Lehrer und ist es auch in seiner Bischofszeit geblieben. In seinem Leben und Wirken durchdrangen sich wissenschaftliche Forschung und geistliches Amt. Der Mainzer Bischof behielt als einer der ganz wenigen Amtsinhaber seine theologischen Interessen bei, blieb als Autor mit zahlreichen Publikationen in der Öffentlichkeit präsent – und füllte ganze Stockwerke und Keller seines Mainzer Bischofshauses mit einer bald über 100 000 Bände umfassenden Bibliothek. Er wurde zum idealen Vermittler zwischen Amt und theologischer Wissenschaft – die Mainzer Gespräche mit Theologen, zweimal im Jahr stattfindend, in aller Diskretion geführt und keinem heiklen Thema ausweichend, waren in der Kirche der Gegenwart – national wie international – ein Unikat.

Konflikten ist er nie ausgewichen. Als sich die Deutsche Bischofskonferenz in der Frage der Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten nicht auf ein Votum an Rom einigen konnte, veröffentlichten die drei Bischöfe der Oberrheinischen Kirchenprovinz Saier, Kasper und Lehmann 1993 ein Hirtenwort, in dem Grundsätze für eine seelsorgliche Begleitung von Menschen aus gescheiterten Ehen entwickelt wurden. Doch Rom – konkret die Glaubenskongregation – stoppte diese Initiative. Gemeinsam mit seinen Mitbischöfen wurde Karl Lehmann zum Prellbock zwischen den Gläubigen der Ortskirche und dem römischen Amt – es war das erste, leider nicht das letzte Mal.

1987 wurde Karl Lehmann zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gewählt. Gute zwanzig Jahre lang sollte er dieses Amt ausüben, dreimal wurde er wiedergewählt – bis ihn 2008 gesundheitliche Rücksichten zum Rückzug zwangen. Es waren Kampfzeiten, fallen doch in diese Zeit nicht nur die «Kölner Wirren» um die Wahl von Kardinal Meisner (1988), sondern auch die – innerkirchlich keineswegs einfache und spannungslose – deutsche Wiedervereinigung (1989/90) sowie, als Höhepunkt, der Streit mit Rom um die gesetzliche Schwangerenkonfliktberatung (1995–2000). Lehmann leistete in diesem Konflikt hinhaltenden Widerstand, musste aber schließlich nachgeben, um die Einheit mit Rom (aber auch die Einheit der Deutschen Bischofskonferenz!) zu retten. Er sah den letzten Brief des Papstes, der keinen Ausweg mehr ließ, als eine persönliche Niederlage an: «Ich habe verloren.»

Über den Reibungen und Konflikten sollte man freilich die Durchbrüche, die Gewinne der langen Amtszeit des Mainzer Bischofs nicht vergessen. Lehmann stieß in Reden, Vorträgen, Interviews, in Wortmeldungen aller Art in neue Bereiche der öffentlichen Diskussion vor. So sprach er nicht nur bei Festen über die üblichen Routinethemen, sondern bei ungewohnten Gelegenheiten auch über neue und offene Fragen: Anthropologie, Klonen, Hirntod, Grundwerte, Moral und Recht, Unternehmertum, Hartz IV, Leistungssport (und das sind nur wenige Ausschnitte). Zur Überwindung der theologischen Sprachlosigkeit gegenüber der heutigen Welt hat er – neben Kardinal Franz König – den wohl stärksten Beitrag geleistet, den man aus bischöflichem Mund in jüngster Zeit in den deutschsprachigen Ländern vernahm. Und wie kaum ein anderer katholischer Forscher hat er das weite und oft wirre, von geschichtlichen und persönlichen Lasten beschwerte Feld der Ökumene bearbeitet. Immer wird sein Name mit der Aufarbeitung der wechselseitigen Lehrverurteilungen der Konfessionen verbunden bleiben – gemeinsam mit seinem Partner, dem evangelischen Theologen Wolfhart Pannenberg hat er die entscheidende Arbeit geleistet, um diesen theologisch-historischen Dschungel zu lichten. Liest man in den vier gewichtigen Bänden «Lehrverurteilungen – kirchentrennend?», die von 1983 bis 1994 erschienen, so stößt man auf eine bemerkenswert nüchterne, sachbetonte Atmosphäre. Es sind viele einzelne kleine Schritte, die den großen, noch ausstehenden Schritt zur Einheit der Kirchen vorbereiten.

Karl Lehmann hat die Ämter, die er ausübte, ausgefüllt, wie nur wenige es vermögen. Er hat Anerkennung bei Freunden wie Gegnern gefunden. Freilich: Dass er in der Öffentlichkeit populär wurde weit über Mainz hinaus, dass er ein großes Publikum auch außerhalb der kirchlich Interessierten fand, dass seine raue Stimme und sein Lachen bald zu einem Markenzeichen wurden, das verdankt er den wichtigsten Eigenschaften, über die er verfügte: seiner Geduld und Standfestigkeit, seiner geraden und offenen Art, seinem bescheidenen und menschenfreundlichen Wesen.

Jahrelang hatte Rom bei Kardinalsernennungen den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz geflissentlich übergangen. Das war in Deutschland von vielen als römische Quittung für germanische Renitenz gesehen worden – hatte aber dem Bischof auch Beifall im eigenen Land für seine Standfestigkeit eingebracht. Doch als Lehmann 2001 wieder nicht unter den Purpurträgern war, begann die Stimmung umzuschlagen. Geistliche und Laien, Inländer und Ausländer wurden in Rom vorstellig. Und endlich siegte die lange vermisste römische Weisheit. Zu später Stunde empfing der in Rom ausgebildete Karl Lehmann mit dem Kardinalshut längst verdiente römische Ehren.

Von den drei theologischen Gründern der COMMUNIO war Karl Lehmann der bei weitem jüngste. Hans Urs von Balthasar und Joseph Ratzinger hatten den Heidegger-Kenner und Rahner-Schüler 1970/71 ins Boot geholt, weil sie bei ihm die moderne Philosophie und Theologie «gut aufgehoben» fanden. Darin täuschten sie sich nicht. Das Andenken von Karl Lehmann wird weiterleben. Wir Heutigen sagen dem Heimgegangenen Dank für sein imponierendes theologisches Werk, für seine Fähigkeit, den Glauben neu zu deuten und wirksam zu verkünden – und nicht zuletzt für den lebenslang bewahrten aufrechten Gang.

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