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Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
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Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

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Leseprobe 1 DOI: 10.14623/com.2018.4.315–323
Holger Zaborowski
«ESSEN (UND TRINKEN) HÄLT LEIB UND SEELE ZUSAMMEN»
Vom zwiefachen Hunger des Menschen
1. Generation Gourmet?

Über das Essen wird heute mehr gesprochen und geschrieben als je zuvor. Es gibt Blogs, Bücher, Zeitschriften und Magazine oder Radio- und Fernsehsendungen, die das Essen (wie auch das Trinken) in den Blick nehmen. Alltäglich werden neue kulinarische Welten erschlossen oder vergessene Traditionen wiederentdeckt. Neben allgegenwärtigem «Fast Food» und der «Technisierung» in der Produktion und Herstellung von Nahrungsmitteln steht das Engagement für «slow food», für alternative Formen der Erzeugung von Nahrungsmitteln, der Zubereitung von Speisen und des Essens. Die Dominanz industriell hergestellter Nahrungsmittel hat nämlich auch zu einer Rückbesinnung auf überliefertes bäuerliches und handwerkliches Wissen und Können geführt. Nach nicht allzu fernen Zeiten des Mangels und der Not, in denen das Bemühen, den Hunger zu bekämpfen und satt zu werden, im Vordergrund stand, haben sich zumindest in den westlichen Ländern die Prioritäten verschoben. Nun geht es weniger darum, dass man überhaupt etwas zu essen hat. Von Belang ist vielmehr, welche Nahrungsmittel man in welcher Weise zu sich nimmt.

Das Essen ist dadurch noch mehr als bereits in der Vergangenheit zu einem Distinktionsmerkmal geworden. So sind zum Beispiel in Zeiten, in denen das Auto immer weniger als Statussymbol dient, Küchen an seine Stelle getreten – und alles, was mit guten Speisen zu tun hat. Unser Essen – was und wie wir essen – zeigt, wer wir sind – oder zu sein beanspruchen. Unterschiedliche Trends und Szenen – mit je eigenen Essgeboten und -verboten – lassen sich voneinander unterscheiden. Das weit verbreitete Interesse daran, möglichst gut zu essen, fügt sich ein in das zeitgenössische Verlangen nach einem guten Leben. Diätetik und Moral stehen dabei in einem engen Wechselverhältnis. Geht es den einen in hedonistischer Perspektive um Sinneslust, verfolgen andere ökologische, gesellschaftliche oder politische Ziele. Wer gut isst, so scheint es, lebt gut. Oder anders: Man muss nur gut essen, um ein gutes Leben zu führen oder um sogar ein besserer Mensch zu werden.

Doch ist es notwendig, auf dieses Phänomen – die allgegenwärtige Bedeutung des Essens – einen zweiten Blick zu werfen. Soziologen weisen auf die kompensatorische Funktion des Diskurses über das Essen hin. Wie auch anderswo ist manches im wirklichen Leben umso bedeutungsloser, je mehr darüber gesprochen wird – oder es hat zumindest eine andere Bedeutung als jene, die ihm explizit zugeschrieben wird. Das Gerede über etwas ersetzt den Vollzug, die Reflexion das Leben, der Skrupel die Spontaneität. Mit der Fertigpizza in der Hand schaut man berühmten Fernsehköchen zu; beim Verzehr einer Tütensuppe oder kalorienreduzierter «convenience food» erfährt man, wie man einen deftigen Eintopf zubereitet; während man einen Pudding aus Plastikbechern löffelt, wird einem gezeigt, welche Süßspeisen Großmütter und Urgroßmütter noch zubereiten konnten. Und während heute oft alleine oder unterwegs, fern von zuhause gegessen wird, war lange Zeit das auch heute noch öffentlich idealisierte gemeinsame, mit anderen Menschen geteilte Mahl um einen heimischen Tisch herum selbstverständlich. Zwar vertreibt der schnelle Snack auf dem Weg ins Büro oder der im Stehen eingenommene Imbiss den Hunger. Doch fehlt ihm jene Inszenierung, jene tief in verschiedene Bereiche des Menschlichen ragende Dimension, die das Essen lange – nicht allein im bürgerlichen Zeitalter – charakterisiert hat. Er gehorcht einer anderen, nicht weniger inszenierten Logik – jener, so kann man vermuten, des kapitalistischen Individualismus, die dem, was bloß physisch notwendig zu sein scheint, im Alltag nicht allzu viel Raum und Zeit zugesteht und es auf das rein Funktionale reduziert und die, da sie den Menschen auf Trab zu halten versucht, bei fast allem das «to go», die flexible Mobilität, präferiert. Diese Logik ist zugleich immer auch von Exzessen in die andere Richtung gekennzeichnet, von luxuriöser Abundanz und zelebrierter Maßlosigkeit, so, als lasse sich die verlorene Mitte wiederfinden, indem man ein Extrem an die Seite eines anderen stellt und beide miteinander verrechnet.

Noch etwas anderes lässt sich beobachten, wenn es um gegenwärtige Esskulturen geht. Im Christentum und vielen anderen Religionen ist das gute Essen, das gemeinsame Mahl ein Bild für die Erlösung, aber nicht die Erlösung selbst. Jedoch hat sich an die Seite der viel beschworenen transzendentalen Obdachlosigkeit eine lebensweltliche Kellerlosigkeit gestellt. Lebensvollzüge, die einmal eine ihnen zugrunde liegende Tiefendimension eröffneten, die immer auch Verweis oder Symbol waren, hinter denen oder mittels derer sich eine andere, nur bildhaft zugängliche Welt eröffnen konnte, haben diesen Tiefencharakter verloren und müssen nun selbst erfüllen, wovon sie lange nur Verheißungen waren. Aus dem Bild wurde Wirklichkeit, aus dem Symbol die Sache selbst. Köche werden so zu Priestern und Stars, zu Sternchen im Medienhimmel, im Kochen vollzieht sich Transsubstantiation, die Verwandlung des Einfachen ins Komplexe, des Profanen ins Heilige, und das Essen selbst wird zu einer Art Sakrament, einer sakralen Handlung, die Sinn verspricht, wo allüberall die Erfahrung von Sinnverlust herrscht. Bilder der Erlösung sind so, wenn nicht banal, zu Mitteln der Selbsterlösung des Menschen geworden. Aus diesem Grund verspricht gutes und gesundes Essen – zusammen mit anderen sinnlichen Genüssen – oft nicht allein gesundheitliche Heilung oder zeigt moralisches Wohlverhalten, sondern verheißt sogar Erlösung und Heil, das höchste dem Menschen mögliche Glück.

Doch haftet vielen der allseits vernehmlichen Diskurse über das Essen auch aus einer anderen Perspektive ein schaler Beigeschmack bei – nicht allein, weil sie sich von der Wirklichkeit entfernt haben oder weil sie das Essen mit einer Bedeutung versehen, das es selbst gar nicht hat, sondern weil sie sich eine Naivität und Unschuld erlauben, die manchmal nicht anders denn gleichgültig oder sogar zynisch wirkt. Nur selten spielen in diesen Diskursen die Schattenseiten des Essens eine Rolle. Die publikumswirksam in Szene gesetzte Welt des Essens ist allzu oft eine glücksversessen-heile Welt, die davor zurückschreckt, die Hinter- und Abgründe des Essens in den Blick zu nehmen.

Die alles andere als überwundene Entfremdung des Menschen bedeutet nämlich heute auch, von der Nahrung und ihren Quellen entfremdet zu sein – und somit von der natürlichen Umwelt, die, ohne dass an die ökologischen Kosten gedacht würde, auf eine bloße Ressource reduziert und ausgenutzt wird. Gelegentlich stellt sich beim Essen die Frage danach, woher das, was wir zu uns nehmen, eigentlich kommt und wie es hergestellt und zubereitet wurde; manchmal auch regt sich ein schlechtes Gewissen beim Blick auf das, was auf unseren Tellern vor uns steht. Doch schnell werden – trotz manch wirkmächtiger Gegenbewegung – Fragen und Gewissensbisse verdrängt. Es schmeckt doch zu gut. Noch seltener wird über den Hunger gesprochen, darüber, dass heute immer noch Menschen nicht in ausreichendem Maße über Nahrungsmittel verfügen. Zwar ist in manchen Ländern heute Übergewicht zu einem grundlegenden Problem geworden. In anderen ist es aber nach wie vor das Untergewicht, der Mangel an Nahrungsmitteln, der ein menschenwürdiges Leben unmöglich macht. Dass bis heute Menschen hungern müssen und verhungern, ist ein Skandal – genauso wie die Gleichgültigkeit, mit der jene, die nicht hungern und in Fülle leben, oft übersehen, wie viele Menschen nicht über das tägliche Brot, jenes Minimum, welches das bloße Leben ermöglicht, verfügen. Zunächst scheint also doch, wie Brecht vermutete, das Fressen und erst dann die Moral zu kommen.

2. Der leibliche Hunger und die Bedürftigkeit des Menschen

Trotzdem ist, wenn vom Essen die Rede ist, immer auch vom Hunger zu sprechen: ein vielschichtiges, aber nur selten thematisiertes Phänomen. Ohne Frage ist die sozialethische Perspektive von größter Bedeutung: Wie kann es sein, dass heute immer noch Menschen hungern müssen? Was lässt sich gegen den Hunger unternehmen? Wie kann man eine weiter zahlenmäßig wachsende Bevölkerung ernähren? Dies sind wichtige Fragen, die allerdings im Folgenden nicht im Vordergrund stehen sollen. [...]


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