zur StartseiteZugang für Abonnenten
Startseite » Archiv » Ausgabe 4/2018 » Leseprobe 2
Titelcover der archivierte Ausgabe 4/2018 - klicken Sie für eine größere Ansicht
Herausgeber und Redaktion
THOMAS SÖDINGThomas Söding Professor für Neues Testament,
Universität Bochum
JAN-HEINER TÜCK
Jan Heiner Tück Professor für dog-
matische Theologie, Universität Wien
JULIA KNOP
Julia Knop Prof. für Dogmatik an der Katholisch-Theologi- schen Fakultät der Universität Erfurt
Herausgeber und Redaktionsbeirat stellen sich vor.
Lesermeinung von
Anton SvobodaAnton Svoboda,
Dipl.-Theologe, Musiker

Lesen Sie hier
 
Ausgaben-Index 1972 bis heute
Chronologisch- thematische Liste aller Hefte von 1972-heute
Autoren-Index 1972 bis heute
Alphabetische Liste aller Autoren und Ihrer Artikel
<<< zur vorherigen Ausgabe zur nächsten Ausgabe >>>
Leseprobe 2 DOI: 10.14623/com.2018.4.333–342
Justina C. Metzdorf
«WAS IST DAS?»
Das biblische Manna in der geistlichen Exegese der Kirchenväter
Verbindungslinien zwischen dem Alten und dem Neuen Testament zu entdecken, sie theologisch auszuziehen und auf ihre Bedeutung für das Leben der Christen hin zu interpretieren, gehört zu den prägenden Merkmalen der patristischen Schriftauslegung. Im Fall des alttestamentlichen Motivs vom «Manna» muss eine solche Verbindungslinie nicht erst gesucht werden, sie ist ganz offensichtlich gegeben, insofern, als Jesus selbst in der Brotrede des Johannesevangeliums auf die Ereignisse, die das Buch Exodus im 16. Kapitel erzählt, Bezug nimmt: «Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. So aber ist es mit dem Brot, das vom Himmel herabkommt: Wenn jemand davon isst, wird er nicht sterben.» ( Joh 6, 48–50) Und noch ein weiteres alttestamentliches Zitat, das in seinem ursprünglichen Kontext etwas mit dem «Manna» zu tun hat, erklingt im Neuen Testament an prominenter Stelle aus dem Mund Jesu: «Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund hervorgeht» (Dtn 8, 3 und Mt 4, 4). Beide neutestamentlichen Anspielungen auf das Manna, das Wort Jesu: «Ich bin das Brot», und sein Schriftargument aus der Versuchungsgeschichte, das Brot und Wort Gottes in eine besondere Verbindung setzt, stellen den Dreh- und Angelpunkt in den Auslegungen der Kirchenväter zum Motiv des «Manna» dar: Das Manna ist ein Bild für Christus, das Wort Gottes. Von diesem Ansatz her werden die biblischen Aussagen über das Manna theologisch, christologisch, anthropologisch und ethisch gedeutet.

Manna und Brot des Lebens – Anmerkung zum patristischen Schriftverständnis

Joh 6, 48f baut auf den ersten Blick einen Gegensatz zwischen dem «Manna in der Wüste» und dem «Brot des Lebens» auf, der zwischen den Polen «Tod und Leben» sowie «eure Väter und ihr», also «früher und heute», ausgespannt ist. Zu diesem Spannungsverhältnis finden sich in den patristischen Quellen zahlreiche Gedanken, in denen es um das Vorläufige, Schattenhafte, ja Ungenügende des alttestamentlichen Manna im Vergleich mit dem «Brot des Lebens» geht. Diese Auslegungen, die vor allem in den katechetischen Texten der Kirchenväter zu finden sind, repräsentieren den «klassisch» typologischen Deutungstyp, der das Verhältnis vom Manna zur Eucharistie innerhalb des Schemas «Verheißung und Erfüllung» betrachtet. Mit dem – von Joh 6 her naheliegenden – Bezug auf die Eucharistie ist aber nur ein kleiner Ausschnitt des weitaus größeren Spektrums und der vielfältigen Symbolik benannt, die die patristische Exegese zum Motiv des «Manna» zu bieten hat. In diesem Beitrag möchte ich darum hauptsächlich jene Väterauslegungen zum Motiv des Manna vorstellen, die sich darum bemühen, die Relevanz und die Aktualität der alttestamentlichen Erzählungen über das Manna für das christliche Leben und den christlichen Glauben zur Geltung zu bringen. Dieses Ziel erreichen die Väter durch eine bestimmte Auslegungsmethode, die Allegorese. Das allegorische Textverständnis geht davon aus, dass sich der Bedeutungsgehalt der Texte der Heiligen Schrift nicht in dem erschöpft, was sich über ihren jeweiligen geschichtlichen Sinnzusammenhang herausfinden und sagen lässt. Allegorische Deutung liest den Bibeltext nicht nur als historisches Dokument, sondern versteht ihn zugleich auch als metaphorischen Text, als Bild, das mehr zu sagen hat und noch über eine andere Wirklichkeit spricht, als sie vordergründig in den Buchstaben erscheint. Die allegorische Methode, die von den Kirchenvätern in ihrer Grundstruktur aus der antiken Philologie übernommen wurde, erfährt ihre spezifisch christliche Prägung unter anderem dadurch, dass die Väter den Bibeltext so auslegen, dass der metaphorische, übertragene Sinn einer Schriftstelle die ursprüngliche Aussageabsicht ihres Verfassers nicht ersetzt und nicht verdrängt, sondern ergänzt und vertieft, so dass die Kontinuität der Heilgeschichte und der wesentliche und untrennbare Zusammenhang von Altem und Neuem Testament deutlich ans Licht kommen. Der metaphorische, gleichnishafte Charakter eines alttestamentlichen Textes offenbart sich unter einer bestimmten Perspektive, nämlich dem Blick auf die Geschichte und Geschichten des Alten Testaments von Christus her. Origenes (180–254) formuliert den Gedanken, um den es geht, folgendermaßen: «Die ganze Heilige Schrift ist Evangelium, wobei man jenen Text [= die neutestamentlichen Schriften] in besonderer Weise Evangelium nennen muss, der alle anderen zum Evangelium macht.»1 Von Christus her gesehen müssen also auch das Buch Exodus und die Ereignisse, die es überliefert, als «Evangelium» gelesen werden. Unter dieser Hinsicht geht es in den Väterauslegungen zum «Manna», die ich im Rahmen dieses Beitrags vorstellen werde, nicht so sehr um das Vorläufige und Unvollkommene der Wüstennahrung, sondern um das Bleibende und Aktuelle.

Exodus 16, 5: Manna für den Sabbat sammeln als Metapher für die christliche Existenz

In Ex 16, 5 steht die Anweisung, man solle am sechsten Tag die doppelte Menge Manna sammeln, damit das Brot auch für den Sabbat ausreicht. Origenes interpretiert den «sechsten Tag» und den Sabbat als Folgetag von einem, bei den Vätern auch in späterer Zeit weit verbreiteten, schöpfungstheologischen Ansatz her als Chiffre für das gegenwärtige und das ewige Leben. Am sechsten Tag der Schöpfung wurde der Mensch ins Dasein gerufen (vgl. Gen 1, 27–31), darum steht dieser Schöpfungstag symbolisch für die Zeit, die jedem einzelnen Menschen in dieser Welt gegeben ist. Der siebte Tag, der Ruhetag Gottes, gilt in dieser allegorischen Deutung als Bild der eschatologischen Vollendung. Das Stichwort «Sammeln» verknüpft Origenes mit einer weiteren markanten Schriftstelle, in der es um das Sammeln von Dingen geht, die dem Lebensunterhalt des Menschen dienen, nämlich das Sammeln von Schätzen, von dem Jesus in der Bergpredigt spricht (vgl. Mt 6, 19–21). Es geht dort um Schätze, die für den Himmel taugen oder eben nicht. Indem Origenes diese Verse aus dem Matthäusevangelium mit Ex 16, 5 verbindet, kann er die Anweisungen über das Manna im Sinn der Bergpredigt deuten: Das Manna wird zur Chiffre für «Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Frömmigkeit, und das wird dir in der kommenden Welt zur Speise werden»2. Durch diese Stichwortverknüpfungen findet Origenes in Gottes Auftrag, an einem Tag den Vorrat für den folgenden Tag mit zu sammeln, ein verschlüsseltes Bild für die christliche Lebenseinstellung und das, worauf es im Leben des Christen ankommt. Das am sechsten Tag, also in diesem Leben, gesammelte Manna, ist «die Speise, die für das ewige Leben bleibt» ( Joh 6, 28), und wir leben natürlich auch heute schon davon. An diesen Gedanken knüpft Augustinus an. Aus dem Kontext der Brotrede des Johannesevangeliums entnimmt er, dass diese Speise im «Werk Gottes» besteht, das wiederum nach Aussage von Joh 6, 29 nichts anderes ist als der Glaube an Christus als den Gesandten Gottes: «Weil er (Christus) den Glauben vom Werk nicht trennen wollte, nannte er den Glauben selbst ein Werk. Es ist nämlich der Glaube, der durch die Liebe wirkt.»3 Augustinus ergänzt mit diesem Gedanken die Überlegungen des Origenes dahingehend, dass er das Himmelsbrot als Symbol für den Glauben interpretiert und in der ihm eigenen pointierten Weise schreibt: «Was hältst du die Zähne und den Magen bereit? Glaube, und du hast gegessen!»4

Exodus 16, 20: Wenn der Wurm drin ist ... Wenn Origenes und Augustinus das Manna als Bild für den Glauben deuten, hat dieser Gedanke auch einen Anhaltspunkt im ursprünglichen Sinnzusammenhang der alttestamentlichen Texte, die Bezug auf das Manna nehmen. Im Buch Deuteronomium wird die Speisung mit dem Manna theologisch reflektiert: Gott führte sein Volk durch die Wüste, «um es gefügig zu machen und zu prüfen» (Dtn 8, 2). Die Gabe des Manna bedeutete darum mehr als nur die vordergründige Sättigung der hungrigen Menschen; sie hatte vielmehr ein pädagogisches Ziel: «Er (Gott) wollte dich (Volk Israel) erkennen lassen, dass der Mensch nicht nur von Brot lebt, sondern, dass der Mensch von allem lebt, was der Mund des Herrn spricht» (Dtn 8, 3). Es geht also um Erkenntnis und vor allem um die Konsequenz, die Israel aus dieser Erkenntnis ziehen sollte, nämlich, dass es sich vertrauensvoll der Führung Gottes überlassen solle. Irenäus von Lyon schreibt, dass Gott mit der Absicht durch die Wüste führt, «damit der Mensch wieder Schüler und Nachfolger Gottes würde»5. Das Manna erscheint demnach als Teil einer Initiative Gottes, in der es darum geht, das ursprüngliche, mit der Schöpfung grundgelegte Verhältnis zwischen Gott und den Menschen wiederherzustellen, das durch die Untat Adams im Paradies zerrüttet wurde. Ungehorsam, Gier und Überheblichkeit, so die Kirchenväter, seien Adams Motive gewesen, als er aus Misstrauen gegen Gott nach der verbotenen Frucht griff.6 Die Führung durch die Wüste stellt sich somit als neue Chance für die Menschen dar, Gott restlos zu vertrauen und die eigene geschöpfliche Abhängigkeit vom Schöpfer anzuerkennen. Doch, wie die Kirchenväter in ihren Auslegungen zeigen, scheitert Gottes Absicht erneut, und zwar an der Habgier, dem Stolz und dem Ungehorsam der Israeliten.

Das Buch Exodus berichtet, dass die Israeliten dem Wort des Mose, Gott werde an jedem Tag von Neuem genau so viel Manna schenken, wie jeder benötige, nicht vertrauten. Das Brot, das sie aus diesem Misstrauen heraus über das Notwendige hinaus einsammelten, verdarb; es wurde von Würmern zerfressen und verfaulte (vgl. Ex 16, 16–20). Der «Wurm» ist in diesem Abschnitt das Stichwort, unter dem die Kirchenväter nach aktualisierenden Deutungen suchen, indem sie verschiedene Schriftstellen, die dieses Stichwort enthalten, miteinander verknüpfen: Nach Jes 66, 24 steckt der Wurm in jenen Menschen, die sich gegen Gott auflehnen. Von Würmern zerfressen werden nach dem Wort Jesu in Mt 6, 19f alle Dinge, die nur scheinbar ein Schatz für den Menschen sind. Origenes sieht darin solche vermeintlichen Schätze, die man «nur aus Liebe zur Welt sammelt», und darum seien die Würmer eben solche, «die die Habgier hervorbringt»7. Diese Würmer zerstören das Geschenk Gottes, wenn der Mensch, statt es aus Dankbarkeit anzunehmen, es aus Gier an sich reißt und dabei versucht, den Nächsten zu übervorteilen, indem er «das Herz vor den Brüdern in Not verschließt»8. Irenäus von Lyon versteht die wohldosierte Gabe des Manna als pädagogisches Mittel, durch das der Mensch «die Liebe zu Gott und die Gerechtigkeit gegenüber dem Nächsten»9 lernen soll. Die Speise ist also einerseits so leicht verderblich, um der menschlichen Gier einen Riegel vorzuschieben, und anderseits, um das Volk zum Vertrauen auf die beständige, tägliche Sorge Gottes zu führen.10 In diesem Sinn legt Johannes Chrysostomus auch die Vaterunser-Bitte um das tägliche Brot aus: «Das ist das Brot, das für je einen Tag reicht.»11 Die Israeliten zeigen allerdings mit ihrem Verhalten, dass sie das nötige Vertrauen auf Gott nicht haben. Daher führt die Geschichte in Ex 16, 16–20 vor Augen, wie menschliche Raffgier und das dahinterliegende Motiv, nämlich sich aus der Abhängigkeit von Gott zu befreien, kläglich scheitern: Der Mensch kann sich das, was er zum Leben braucht, nicht aus eigener Kraft geben. Dabei geht es nicht vordergründig um die Beschaffung von Nahrungsmitteln, sondern im Letzten um die Frage nach dem Sinn im Leben. Wir «würden auf dem Weg durch die Welt verschmachten», schreibt Beda, wenn wir nicht von Gottes Manna, seinem Wort, gestärkt würden.12

Origenes versteht in seinen Auslegungen das Manna konsequent als Bild für das Wort Gottes. Von daher stellt er die Frage, wie denn das Wort Gottes Würmer und Fäulnis hervorbringen könne. Er findet eine Antwort wieder mit Hilfe von Stichwortassoziationen. Im Psalm 22, den die Kirchenväter ganz auf Christus und seine Passion beziehen, spricht der Beter: «Ich bin ein Wurm und kein Mensch» (Ps 22, 7). Diese Aussage bringt Origenes in einen Zusammenhang mit neutestamentlichen Textstellen, die den Gedanken zum Ausdruck bringen, dass die Konfrontation mit Christus für den, der ihn ablehnt und zurückweist, zum Unheil wird. Wenn Simeon in Lk 2, 34 prophezeit, dass «durch ihn in Israel viele zu Fall kommen», und Jesus selbst in Joh 15, 22 sagt: «Wäre ich nicht gekommen und hätte nicht zu ihnen gesprochen, hätten sie keine Sünde», dann verbindet Origenes diese Stellen mit dem wurmigen Manna aus Ex 16, 20: Das «Wort Gottes wird zum Wurm, der das Gewissen durchbohrt und das Innere des Herzens zernagt»13. So wie das eigentlich köstliche Manna faulig wird, wenn es mit der falschen Absicht gesammelt wird, so legt das Wort Gottes das Hässliche, Verdorbene und Sündige im Menschen offen, wenn er Christus mit der falschen Haltung – nach Origenes ist das der Unglaube – entgegentritt.14

Dtn 8, 3: «Nicht vom Brot allein» – der Hinweischarakter des Manna


Im Buch Deuteronomium wird die Bedeutung des Manna theologisch reflektiert (vgl. Dtn 8, 3): Das Manna sollte leiblich sättigen und zugleich die geistige Einsicht vermitteln, dass Gott allein jede Form von Hunger, Lebenshunger, Hunger nach Sinn zu stillen vermag. Diese Dimension der Speise thematisieren auch die großen Geschichtspsalmen, Psalm 78, 24f, Psalm 105, 40 und Psalm 106, 15, allerdings mit dem enttäuschenden Fazit, dass das Volk gerade nicht erkannt hat, was es mit dem Manna auf sich hatte, und dass es die eigentliche Bedeutung der Gabe, die über die leibliche Sättigung hinausreicht, nicht begriff. Augustinus entdeckt eine ganz ähnliche Situation beim Brotwunder und der Brotrede im Johannesevangelium. Wenn die Leute Jesus bitten: «Herr, gib uns immer dieses Brot!» ( Joh 6, 34), dann denken sie ganz vordergründig an eine physische Sättigung und wollen «zugleich doch kein Bedürfnis mehr haben»15. In den Augen Augustins offenbart sich in diesem Wunsch eine Paradoxie, denn zu den unumstößlichen Gegebenheiten der menschlichen Existenz in dieser Welt gehört die Tatsache, dass der Körper nie in einen Zustand dauerhafter Sättigung versetzt werden kann. Ein Brot, durch das man «nie mehr Hunger haben wird» ( Joh 6, 35), kann vernünftigerweise nicht im physischen Sinn verstanden werden. Gerade der notwendige Überstieg ins geistliche Verstehen fehlt den Leuten jedoch. Nach Augustinus haben die Leute, die in Kafarnaum zugegen waren, nicht bloß Jesu Wort vom «Brot des Lebens» falsch aufgefasst, sondern auch schon das vorausgegangene Brotwunder gründlich missverstanden. Sie konfrontieren Jesus mit dem vermeintlich größeren Wunder in der Wüste: Dort gab Mose dem Volk «Brot vom Himmel», Jesus dagegen bringt nur Gerstenbrote zustande – in kulinarischer Hinsicht nicht sehr beeindruckend.16 Die Symbolik des Wunders Jesu blieb den Leuten verschlossen, und dadurch haben sie eine Gemeinsamkeit mit den Israeliten, die in der Wüste das Brotwunder erlebten. Ihnen fehlte ebenfalls der Zugang zur symbolischen Dimension des Manna. Darum, so schreibt Hieronymus, «verachteten sie die Speise der Engel und seufzten nach dem Fleisch in Ägypten»17. Hieronymus sieht in der Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Ägyptens ein Bild für das theologische Problem, dass sich die Menschen mit der Transzendenz Gottes, seiner Unbegreiflichkeit und Souveränität, schwertun. Die Dinge dieser Welt, das was greifbar und sichtbar ist, kann nach biblischem Verständnis lediglich Hinweis und Zeichen für Gott sein, ist aber selbst nicht göttlich. Diesen Zeichencharakter verkörpert das Manna durch seine Beschaffenheit; es ist «fein und zart» und hat darum etwas «Geistiges», auf Gott hin Durchsichtiges an sich.18 In materieller Hinsicht ist das Manna also nicht konkurrenzfähig mit den Fleischtöpfen Ägyptens, die, deftig und kräftig, sind, was sie sind: etwas ganz Vordergründiges ohne tieferen Sinn und Bedeutung. Der «Fleischtopf» führt den Menschen nicht zu Gott. Hieronymus bringt deshalb die Unzufriedenheit Israels mit dem Manna und die Sehnsucht nach dem «ägyptischen Lebensstil» in eine unmittelbare Verbindung mit dem Glaubensabfall, der sich in der Herstellung und Verehrung des goldenen Kalbs (vgl. Ex 32) Ausdruck verschaffte: «Das satte Volk macht sich ein Götzenbild und zieht den ägyptischen Stier der Majestät Gottes vor».19 Die Übersättigung an materiellen Dingen verstärkt also noch die ohnehin im Menschen vorhandene Neigung, sich der Wahrnehmung der geistigen Wirklichkeit zu verschließen. Das «ägyptische Fleisch» wird als Bild für eine ganz und gar materialistische und atheistische Weltsicht betrachtet. Bei Origenes findet sich in diesem Zusammenhang schon der Gedanke, den seinerzeit Ludwig Feuerbach in den Aphorismus kleidete: «Der Mensch ist, was er isst.» Origenes kennzeichnet das Wort Gottes als das Brot, das den «Menschen, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist, nährt», und ihn so «dem Schöpfer ähnlich» werden lässt.20 Menschen dagegen, so Origenes, die sich nur von der im übertragenen Sinn «fetten Speise» ernähren, verlieren mit der Zeit den Sinn für die geistige Dimension der Wirklichkeit, «sie empfinden beim Wort Gottes nicht das Feine und Zarte, sie haben kein Verständnis für das Geistige, alles ist fett und feist. ‹Denn das Herz dieses Volkes ist verfettet› ( Jes 6, 10).»21 Im biblischen Sprachgebrauch ist das Herz das Organ, mit dem der Mensch mit Gott in Verbindung tritt. Durch die falsche Ernährung verliert es seine Funktionstüchtigkeit.

Ex 16, 4: «Etwas Feines, Knuspriges, fein wie Reif» – Manna als gesunde Ernährung

Das Manna als Symbol für das Wort Gottes wird bei den Vätern darum als Bild für die gesunde Ernährung gedeutet, die den Menschen in seinem geistlichen Wachstum stärkt. Origenes entnimmt der Beschreibung des Manna in Ex 16, 4, dass es die «nährende Kraft von Gemüse» habe, und vegetarische Kost sei ideal, um «die Schwachen und Kranken zu beleben»22. Das Manna erfrischt in der Gluthitze der Wüste durch seine wohltuende Kühle und es hat einen köstlichen Geschmack, weil es «süßer als feinster Honig» (Psalm 19, 11) ist. Sowohl die Wirkung als auch der Geschmack des Manna passen sich nach Origenes ganz den individuellen Bedürfnissen des einzelnen an: Es tröstet den, der bedrängt ist; dem, der aus der Freude an Gott lebt, schenkt es noch mehr Freude; wer zornig ist, wird durch den Konsum des Manna sanft und ruhig; wer Schmerzen leidet, findet durch diese Speise Linderung und Heilung; wer unter Armut leidet, findet im Manna großen Reichtum: «So hinterlässt also das Manna des Wortes Gottes in deinem Mund genau den Geschmack, den du haben musst.»23 Es geht hier auch um die ganz persönliche Beziehung des einzelnen zu Christus. In welcher «Geschmacksrichtung» sich das Wort Gottes jeweils zeigt und erfahren lässt, richtet sich nach Origenes nach dem «Maß und dem Fassungsvermögen der Glaubenden»24. In diesen Zusammenhang spielt ein weiterer Gedanke der Kirchenväter hinein, der sich mit der Frage auseinandersetzt, welche Voraussetzungen auf Seiten des Menschen gegeben sein müssen, um das Manna, also das Wort Gottes, essen und verdauen zu können.

Ex 16, 12: «Am Abend habt ihr Fleisch zu essen, am Morgen seid ihr satt vom Brot»

Origenes empfindet die Angaben in Ex 16, 12 – Fleisch am Abend, Brot am Morgen – als seltsam unvollständigen Speiseplan. Seiner Meinung nach gehören Brot und Fleisch als Mahlzeit zusammen, jeweils nur eine Komponente ergibt kein richtiges Essen. Vordergründig betrachtet lässt sich an dieser dürftigen Speisekarte nach Meinung des Origenes nicht unbedingt die «himmlische Gnade» erkennen, das «Wirken Gottes» ablesen oder die «Herrlichkeit Gottes» wahrnehmen.25 Diese Beobachtung veranlasst ihn, nach dem tieferen Sinn dieser Verheißung zu fragen, und er findet eine Lösung durch die heilsgeschichtliche Deutung des Textes. Die Tageszeiten «Abend» und «Morgen» werden in den patristischen Auslegungen in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen immer wieder als eschatologische Bilder gedeutet: Der Abend steht für das Ende der Zeiten, für «die letzte Stunde» (1 Joh 2, 18) und damit für den Zeitpunkt der Menschwerdung Gottes: Das «Wort ist Fleisch geworden» ( Joh 1, 14) am Abend der Welt. Durch die Inkarnation gibt sich Christus der Welt als Speise, und damit wird das letzte Kapitel der Weltgeschichte eingeleitet. Zugleich hat er als «‹Sonne der Gerechtigkeit› (Mal 3, 20) für die Glaubenden einen neuen Tag wiederhergestellt; weil er für die Welt das neue Licht der Erkenntnis entzündet hat, hat er seinen Tag zum Morgen gemacht»26. Er ist das «Brot, das der Welt Leben gibt» ( Joh 6, 33), da er am Abend der Welt einen neuen Morgen heraufführt. In dieser heilsgeschichtlichen Perspektive erscheint die in Ex 16, 4 angekündigte Speise als Hinweis auf Gottes Wirken und auf seine Herrlichkeit.

Daneben gibt Origenes auch noch eine andere Deutung, bei der er an der Unterscheidung von Abend und Morgen und der jeweils zugordneten Speise festhält: Der Morgen steht hier als Bild für den Menschen, der gerade damit begonnen hat, an Gott zu glauben. Er ist noch nicht mit der Heiligen Schrift vertraut, hat vor allem noch keinen Zugang zu ihrer geistlichen Dimension, und es fehlt ihm die christliche Lebenspraxis. Der Neuling im Glauben hat noch keine Zähne, um «das Fleisch des Wortes» zu kauen, und verdauen kann er auch nicht, was er liest. Origenes greift in seiner Deutung auf die neutestamentliche Speise-Metaphorik zurück, mit der Paulus und der Verfasser des Hebräerbriefs die unterschiedlichen Stufen ihrer katechetischen Arbeit beschreiben (vgl. 1 Kor 3, 2; Hebr 5, 12–14). Bezogen auf die Biographie des einzelnen Christen bildet der Tagesverlauf vom Morgen zum Abend den geistlichen Reifungsprozess ab: «Nach langen Übungen, nach großen Fortschritten, wenn wir schon dem Abend nahe sind und dem Ziel der Vollkommenheit ganz nahegekommen sind, dann endlich können wir aufnahmefähig werden für die festere Speise und das vollkommene Wort».27 Das wirkliche Verstehen der Heiligen Schrift ist ein lebenslanger Prozess, in dem der Mensch vom Wissen zum Begreifen voranschreitet.

Manna – «Was ist das?»

Die Erzählungen des Buches Exodus über das Manna bringen in vieler Hinsicht zum Ausdruck, dass die Empfänger dieses Brotes nicht wirklich begriffen haben, was Gott ihnen mit dieser Gabe schenken wollte: Sie haben es nicht in rechter Weise eingesammelt, so dass es faulte. Sie sind nicht auf den richtigen Geschmack gekommen, weil ihr Geschmackssinn von dem, was sie in Ägypten hatten, verdorben war. Kurzum: Das Manna erweist sich als Speise, die den Menschen überfordert. Die Kirchenväter sehen diese Überforderung auch in der Bezeichnung des Manna als «Speise der Engel» beziehungsweise «Brot vom Himmel» (Weish 16, 20) angedeutet. Augustinus schreibt, das Brot, das für Engel bestimmt ist, müsse aus der himmlischen Sphäre herabsteigen, damit der Mensch es essen kann. 28 Dies geschah in der Menschwerdung des Wortes. In seinem Kommentar zum johanneischen Brotwunder führt Augustinus diesen Gedanken weiter: Die fünf Brote, mit denen Jesus die vielen Menschen sättigte, symbolisieren die fünf Bücher Mose. Wenn Christus diese fünf Brote austeilt, macht er sie zum Brot des Lebens, das heißt, durch ihn können die Menschen die Heilige Schrift verstehen und so das Wort Gottes in rechter Weise aufnehmen. 29 Die Heilige Schrift wird bei den Vätern als geistliche Speise ganz in Analogie zur Eucharistie gesehen und das Hören beziehungsweise Lesen der Bibel in eine innere Beziehung zum Empfang der Eucharistie gesetzt. Cäsarius von Arles fasst diese patristische Tradition so zusammen: «Ich frage euch, meine Brüder, welches von diesen beiden Dingen scheint euch von größerer Würde zu sein, das Wort Gottes oder der Leib Jesu Christi? Wenn ihr die Wahrheit sagen wollt, werdet ihr ohne Zweifel antworten, dass euch das Wort Jesu Christi nicht weniger achtenswert erscheint als sein Leib.»30

Damit der Mensch wirklich vom Wort Gottes leben kann, muss er sich an diese Speise gewöhnen. Nach Tertullian muss die Heilige Schrift «durch das Ohr verschlungen, durch den Verstand zerkaut und durch den Glauben verdaut werden.»31 Die etymologische Bedeutung des hebräischen Wortes «Manna» zeigt nach Origenes genau die Art und Weise dieser geistlichen Nahrungsaufnahme an: «Manna heißt nämlich: ‹Was ist das?› Sieh, ob nicht die Kraft dieses Namens dich auffordert zu lernen. Dann wirst du, wenn du der Lesung des Gesetzes zuhörst, immer suchen und fragen und zu den Lehrern sagen: ‹Was ist das?› Dies genau bedeutet ‹Manna›.»32



Anmerkungen
1 Origenes, Jo. 1,6 (SC 157).
2 Origenes, Exod. hom. 7,5 (SC 321).
3 Augustinus, Jo. tract. 25,12 (CCL 36); vgl. ebf. Origenes, or. 27,2 (GCS 3).
4 Augustinus, Jo. tract. 25,12 (CCL 36).
5 Irenäus von Lyon, haer. 4,16,3 (FC 8).
6 Vgl. Basilius, auct. 7 (PG 31, 344); Paulinus von Nola, epist. 38,3 (FC 25); Johannes
Chrysostomus, serm. 7 in Gen. (PG 54, 610).
7 Origenes, Exod. hom. 7,6 (SC 321).
8 Origenes, Exod. hom. 7,6 (SC 321).
9 Irenäus von Lyon, haer. 4,16,3 (FC 8).
10 Vgl. Theodoret von Cyrus, in Exod. quaest. 31 (Library of Early Christianity, Vol. 1, 276).
11 Johannes Chrysostomus, Mt hom. 19,5 (PG 57, 280).
12 Beda, evang. 1,12 (CCL 122).
13 Origenes, Exod. hom. 7,6 (SC 321).
14 Vgl. Origenes, Exod. hom. 7,6.8 (SC 321).
15 Augustinus, Jo. tract. 25,13 (CCL 36).
16 Vgl. Augustinus, Jo. tract. 25,12 (CCL 36).
17 Hieronymus, ad. Iovin. 2,15 (PL 23, 306).
18 Vgl. Origenes, Exod. hom. 7,5 (SC 321).
19 Hieronymus, ad. Iovin. 2,15 (PL 23, 306).
20 Origenes, or. 27,2 (GCS 3).
21 Origenes, Exod. hom. 7,5 (SC 321).
22 Origenes, Exod. hom. 7,5 (SC 321).
23 Origenes, Exod. hom. 7,8 (SC 321).
24 Origenes, Exod. hom. 7,8 (SC 321).
25 Vgl. Origenes, Exod. hom. 7,8 (SC 321).
26 Origenes, Exod. hom. 7,8 (SC 321).
27 Origenes, Exod. hom. 7,8 (SC 321).
28 Vgl. Augustinus, in psalm. 130,9 (CCL 40).
29 Vgl. Augustinus, Jo. Tract. 24,5; 25,13 (CCL 36); vgl. ebf. Origenes, Exod. hom. 7,8 (SC 321).
30 Caesarius von Arles, serm. 300,2 (PL 39, 2324).
31 Tertullian, resurr. carn. 37 (CCL 2).
32 Origenes, Exod. hom. 7,5 (SC 321).



Abstract

«What is it?» The biblical Manna in the Spiritual Exegesis of the Early Church Fathers. This essay presents some thoughts of the Fathers of the Church concerning the biblical motif of the Manna as it appears in the stories told in the book Exodus (Ex 16) and in Jesus’ speech about himself as the bread of life ( John 6). The fathers understand the Manna as a symbol for Jesus Christ and for the whole Holy Scripture (OT and NT). The patristic interpretations elaborate the relevance of the OT Manna theme for Christian faith and life.

Keywords: patristics – Origenes – Augustinus – Hieronymus – biblical theology – typology

Zurück zur Startseite
Jahresverzeichnis 2017

Hier erhalten Sie das Jahresverzeichnis 2017

Sie haben die Wahl ...
weitere Infos zu unseren Abonnements

Komfortabler Online-Bereich mit Archiv-, Download- und Suchfunktion sowie komplettem Autorenregister.

Online-Ausgabe einsehen

Online-Ausgabe bestellen
Unsere Autoren
Hier erhalten Sie einen Überblick unserer Autoren.
Newsletter
Unser Newsletter informiert Sie über die Inhalte der neuesten Ausgabe.
Die internationalen Ausgaben von Communio
Internationale Ausgaben von Communio
Internationale Ausgaben von Communio finden Sie hier.
Verein der Freunde und Förderer Communio e.V.
Allgemeines zu unserem Verein
Sie wollen unserem Verein beitreten?
Vereinssatzung

Unsere neue Dienstleistung für Verlage, die Ihr Abogeschäft in gute Hände geben wollen.


aboservice

mehr
Informationen


Communio
Telefon: +49 (0) 711 44 06-140 · Fax: +49 (0) 711 44 06-138
Senefelderstraße 12 · D-73760 Ostfildern
Kontakt | Sitemap | AGB | Widerruf | Datenschutz | Impressum